Donnerstag, 20. Februar 2020

Medienhafen - PIER ONE

Über sieben Brücken musst Du gehen!

Es könnten auch mehr als sieben sein, zählt man die vielen Überführungen hinzu von Haus zu Haus und von Becken zu Becken. Der Düsseldorfer Medienhafen wird mehr und mehr zum Brücken Event.

Eine Pier ist dabei eine Plattform, die normalerweise als Anlegestelle für Wasserfahrzeuge dient. Und PIER ONE, das jüngste Baby vom windigen Christoph Ingenhoven, ist ein geplanter Pfahlbau im Hafenbecken am Ende der Kesselstraße. Die Verbindung zur gegenüber liegenden Weizenmühlen- und Speditionsstraße soll über neue Brücken erfolgen.

Mit zwei Mühlen fing alles an

Die ursprüngliche Brückenfamilie begann an der alten Schneidmühl (Hammer Straße / Erftplatz) und endete an der Weizenmühle von Plange, ein Markenzeichen des Hafens seit der Entstehung ab 1896. Hafen¬direktor Zimmermann favorisierte damals liquides, leicht umschlagbares Gut und das Getreide gehörte dazu.

Beide Mühlen waren einst die bekanntesten auf der Lausward. Das Sägewerk Schneidmühl aus dem 18.Jahrhundert markierte als Treidelstation das Übersetzen von links nach rechts, weil es linksrheinisch Richtung Neuss zu viele Inseln gab und weil links der unbefahrbare Prallhang begann. Die Schneidmühl gehörte den Jesuiten, was nicht viel half, denn sie wurde mehr und mehr zur Räuberhöhle. Heute sitzt hier die Räuberhöhle EIGELSTEIN, wo das falsche Bier getrunken wird.

Vom Erftplatz via Zollhof zum Ueckerplatz, Strecke im neuen Fenster s. goo.gl/maps/T8V3YoXcQtHysWy46

Rechts schaut man auf das GRAND BATEAU, das große Boot, wie es à la Titanic im Meer versinkt. Links zelebrierten Petzinka & Pink, bevor sie berühmt wurden, in großer Glashalle mongolische Bruzzeleien. Auf dem Ueckerplatz findet man Sitzbänke und Kieselbelag, was an das Kiesbett des nahen Rheins erinnern sollte. Doch damit versaute der Künstler Guenther Uecker den „High Heels Damen“ ihre Schuhe. Daraufhin ließ das Ordnungsamt den Platz kurzerhand asphaltieren, was zu geharnischten Protesten und Drohungen des Künstlers führte.

Das Ende der Posse

Die Stadt Düsseldorf knickte ein und ließ den asphaltierten Platz für teures Geld wieder verkieseln.
Das erste Haus im Medienhafen (von den Architekten Beucker / Maschlanka) bekam mit dem GATZ auch die erste Bar und das vornehme Restaurant RIVA. Später im ROOM bei Filmbällen (mit Gudrun Landgrebe) versuchte auch der Verfasser, als Klein-Dieter hinein zu gelangen. "Sorry, house music", schnarrte es am Eingang. Antwort: "Ich spiele Blockflöte!" Amüsant, aber nix zu machen.

Kaistr.16: Der teure BERENS AM KAI ärgerte sich über den abfälligen Namen "Kunstsilo". Sah allerdings genauso aus. Da half auch nicht der berühmte Architekt David Chipperfield mit seinem Bürohaus aus Waschbeton und Immendorffs Bronze-Skulptur „Hans Albers mit der Zieh-Harmonika“.
Bei der ersten Brücke, der LIVING BRIDGE dachte man wohl auch an den PONTE VECCHIO in Florenz oder PONT NEUF von Paris. Ja, darunter machen wir es nicht und ein Haus mit dem schönen Namen LIDO:

Für Verliebte nachts ein Paradies

Die Brücke führte 2003 zur Sensation MONKEY ISLAND: 4 Euro Eintritt, der Cafe 3,50. Aber dafür gab es hübsche Mütter mit Babys und Sandburgen, Sylter Strandkörbe, ein Affendenkmal und Bob Marley sang seine Lieder. MONKEY ISLAND musste später dem HYATT Hotel weichen, lebte lange weiter am Graf Adolf Platz.

Ein ziemlich unbekannter Architekt Holger Rübsamen bekam 1990 den 1. Preis, weil er die Speditionsstraße nach Westen abschloss: bis hierhin und nicht weiter. Den Vogel abgeschossen hat allerdings das Architekturbüro Petzinka Pink und Partner. Petzinka plante zwei Wohntürme mit dem schönen Namen "Königskinder" und begehrlichen Durchblicken nach Westen zur Kessel -und Weizenmühlenstraße. Die königliche Namensgebung war gestützt von zwei Skulpturen des Künstler Markus Lüpertz, die auf dem Dach der Hochhäuser stehen sollen. Ihr Schicksal ist noch offen. Vielleicht droht den "Königskindern" des Hafens das gleiche Schicksal wie den Protagonisten der Volksballade: „sie konnten beisammen nicht kommen, das Wasser war viel zu tief“ und letztendlich scheiterten sie mit ihrem Versuch, die Hindernisse zu überbrücken.

Weiter, immer weiter

PIER ONE verbindet Speditions-, Kessel- und Weizenmühlenstraße. Weil die Kesselstraße zu kurz ist, muss ein Pfahlbau her und für die Schiffe wird es eine Drehbrücke geben.

Ich setze mich noch einmal am Erftplatz auf die Terrasse von HANS IM GLÜCK. Als er noch OP DE ECK hieß, hatte der Besitzer Schiffsdeckstühle aufgestellt. Es war 1980 und es gab noch keinen Medienhafen. Hier konnte man im Liegen wunderbaren Café genießen, in der Nase den Öl Geruch des schmutzigen Industriehafens spüren und im Hintergrund, ganz weit im Westen, die Sonne, wie sie unterging:

Das Leben ist schön!

--------------------------------------------------------------------------------------------------------------
Autor: Dieter Jaeger  /  Redaktion: Bruno Reble  /  © Geschichtswerkstatt Düsseldorf 2020

Sonntag, 26. Januar 2020

McDonalds und die Sünde in der Graf Adolf Straße

Ein alter Witz feiert fröhliche Urstände: „Hey, wo geht’s denn hier nach Mäkkes?“ fragt ein Türke einen Passanten und dieser verbessert oberlehrerhaft. Es heißt „… zu Mäkkes!“ „Wie? Mäkkes zu?“

Und in der Tat. Zum Jahresbeginn 2020 macht er zu: Düsseldorfs ältester McDonalds an der Graf-Adolf-56/ Ecke Oststraße. Keine Dankesworte an die Stammkundschaft, keine Abschiedsparty mit Ronald McDonalds, nur ein schnöder Zettel an der Eingangstür „Wir schließen“.

Über die Gründe kann man nur mutmaßen: Das Haus steht leer und ist verwahrlost, im Keller hat sich Ungeziefer eingenistet und die Kontrolleure vom Amt für Verbraucherschutz waren zuletzt Stammgäste.

Eine Epoche geht zu Ende

Gemeint ist die Epoche der Kinematographie. Denn McDonalds war der Treffpunkt der Kinofreunde inmitten von 16 Filmtheatern. Bei der Eröffnung 1973 ist zwar der Höhepunkt schon überschritten, aber die meisten Kinos waren noch da.

Dann kam die Tele-Vision. Schon der erste Fernseher (1953 in einem Radiogeschäft gegenüber) war der Totengräber. Dieter Jaeger erinnert sich: „Auch ich stand im Pulk vor dem Laden. Zu Hause gab es nur Radio. Meine "Tagesschau" war "Fox Tönende Wochenschau" und meine ersten "Laufenden Bilder" liefen im Kino.

Auferstanden aus Ruinen

In den Nachkriegs-Trümmern entstand das Kino quasi neu - 50 Jahre nach seiner Erfindung. Hier an den alten Orten mit den schmalen Grundstücken entstand eine neue Achse. Sie führte entlang der Schienen vom alten Bahnhof an der Kö/Bahnstraße zum neuen Hauptbahnhof. Ab 1891 wurden die alten Gleise Zug um Zug still gelegt und zur Straße ausgebaut.

An der Ecke Kö, wo die Graf-Adolf-Straße beginnt, war das "Cafe Corso", weiter Graf Adolf-20 seit 1913 das „Residenz-Theater“ (Wilhelm Kreis baut 1925 die berühmte Eingangshalle); Ecke Oststraße das Cafe "Palais", aus dem 1928 der EuropaPALAST entsteht. Weiter ging es nicht, weil bis zur Charlottenstraße die Industrie saß.
1898 eröffnet an der Graf Adolf-40/44 ein „Arabisches Cafe“ mit Kinematoskop für »lebende Photographien«, später Panoptikum mit „Folterkammer“ und 10 Min Filmen („Kurzes Glück - lange Reue“)
Andere Straßenseite: Graf-Adolf-69: Film-Casino „Starlight“ seit 1907, heute: Pornokino Müller Sex
Graf-Adolf-38: „Asta Nielsen“ seit 1911
Nach dem Krieg: Graf-Adolf-83 „Die Kamera“ seit 1950, „Ali“ im Hauptbahnhof seit 1954, Graf-Adolf-92 „City“ seit 1957, Graf-Adolf-47 „Savoy“ seit 1958, Berliner Allee 46 „Berolina“ seit 1957, ferner Apollo, Lupe, Linse, Rex, Universum, Neues Europa (Intim, Palette) und wie sie alle hießen.
Quelle: www.allekinos.com/DUESSELDORF.htm

Kommen wir jetzt zu den Inhalten: Für uns "Halbstarke" der 50iger war Sex das wichtigste Thema. Sex stand gleichbedeutend für Sünde. Man hätte jemand ausrauben oder umbringen können, das war keine richtige Sünde. Die wahre Sünde war nur der Sex, manifestiert durch den legendären Film von 1951: Hildegard Knef „Die Sünderin". Das Stichwort "Sittenfilm" elektrisierte uns.

Lange vor (BB) Brigitte Bardot und (CC) Claudia Cardinale hießen unsere Göttinnen der 50iger Jahre Martine Carol und Francoise Arnoul. Die Filme der Französinnen waren eine Stufe höher als die halbnackte Jane (Maureen O‘Sullivan), die mit Tarzan (alias Weltmeister Johnny Weissmüller) ins Wasser sprang. Auch hatten die französischen Filme nichts zu tun mit den späteren plumpen Sexklamotten der 80iger, als der Film ums Überleben kämpfte. Es gab Schachtelkinos, Programmkinos, Raucher-, Restaurants-, Bar-, Intim Kinos, Drive Ins bis zum Schluss alles im Porno versank. All dies spielte rund um die Graf-Adolf-Straße.

McDonalds war der Mittelpunkt

Das Haus hatte der Gastro-Dynastie Tigges gehört, die drei berühmte Orte besaß: 1907 "Tigges am Bilker Bahnhof", 1936 "Tigges am Brückchen" (heute: Dresdener Bank an der Benrather Brücke) und 1938 "Tigges am Türmchen", Graf-Adolf-Straße.

Heinrich Spoerl hat der Familie ein Denkmal gesetzt. In seinem 1936 erschienenen Roman „Der Maulkorb" beginnt er: "Kleine Städte sind wie kleine Kinder, sie werden zeitig zu Bett geschickt. Der Uerige, wo Fuhrleute und Regierungsräte im Stehen ihr Obergäriges trinken, hatte schon zu gemacht. Auch die Canon entließ ihre letzten Gäste. Am Marktplatz stand noch ein Lichtspalt. Er kam aus der Weinstube TIGGES am TREPPCHEN, wo man wie gewöhnlich Überstunden machte... Polizei-Sergeant Drahtschnauz machte seine Runde."

Der Dukatenscheißer lässt grüßen

McDonalds und das ganze Eckhaus stehen jetzt leer. Auf dem Turm in der goldenen Wetterfahne ist noch das „T“ erhalten (wie Tigges) und schöne Bauplastiken von Handwerksberufen, darunter "Der Dukatenscheißer". Diese Plastik hat wahrscheinlich den berühmten "Dukatenscheißer" von der Wibbelgasse inspiriert.

Und jetzt Abriss, weil ein Neubau mehr Profit bringt als eine Renovierung? Man sollte den Dukaten scheißenden Investoren einen Strich durch die Rechnung machen. Statt Ärztehaus oder Bürozentrale für einen Großkonzern, könnte man auch ein Museum daraus machen, ein Museum der Geschichte der Kinematographie in Düsseldorf.
---------------------------------------------------------------------------------------------------------
Autor: Dieter Jaeger  /  Redaktion: Bruno Reble  /  © Geschichtswerkstatt Düsseldorf 2020