Dienstag, 4. Januar 2022

Arkadien in Düsseldorf

 Gibt es das? Ja, so meinen 6 Künstlerinnen und 4 Künstler und bereichern unseren „locus amoenus“, unseren "lieblichen Ort" Nummer eins, mit der Ausstellung "ARCADIA". Eine Göttin, schaumgeboren wie die berühmte Venus bei Botticelli (oder unsere hier am Teich), wird nackt getragen in einer Badewanne, statt einer Muschel. Dann taucht sie in die Düssel, um Bilder vom "Kussmund" zu fangen, die im Wasser vergehen, wie der Schaum. Nackte Frauenleiber bilden eine Blume oder ein Tiefsee-Ungeheuer, Venusmuscheln auf dem Torso der einstigen Venusfigur sind kleine Wasserfälle, der erotisch vorbelastete Haselnussbaum hält die Nymphe gefangen, fehlt nur noch der Schäfer.

Denn zu Arkadien gehört immer ein Bach, ein Garten, eine Wiese, ein Baum… und ein Schäfer. Auch die Erotik mit dem "Schäferstündchen" gehört immer dazu. Arkadien war das ferne Hirtenland inmitten des Peloponnes, eine Art Paradies. Dieses Wort für Garten haben die Perser geprägt.

Wo findet man das Paradies?

Beginnen wir die Suche in unserem schönsten, dem Malkastenpark.

Wenn man um 1700 von Norden auf der damals einzigen Duisburg-Kölner Straße nach Düsseldorf reiste, sah man über der Furt in Pempelfort das gewaltige, fast 100m lange, nach Norden verzierte Gebäude des Marstalls von Jan Wellem. Der Fürst bewahrte hier sein Jagdzeug.

Etwas weiter wohnte sein Jagdaufseher. Später heißt dessen Haus Schloss Jägerhof. Der Haupthof Pempelhof trug früher den Namen Tempelhof. Nach der Vernichtung des Templerordens 1312 wurde er umbenannt (vermutlich von Hermann Lohausen). Der Marstall wies den Weg zum völlig versteckten, 3km entfernten, Düsseldorf.

Auch die Düssel, die hier widersinniger weise rheinaufwärts floss, wurde durch den Berg "Flinger Geisten" zurechtgewiesen und strebte nun westwärts dem Rhein zu.

Durch diesen merkwürdigen Düssellauf gab es später gleich hinter der Stadtmauer im Osten ideale Gartenanlagen. Das höhere Bürgertum nutzte sie als Sommerresidenzen, als "Lustörter". Aber auch die Vorindustrie nutzte hier das Düsselwasser und die Nähe zur Stadt. So saßen anfangs Industrie und Luststätten noch einträchtig beisammen.

Drei wichtige Namen der industriellen Frühgeschichte Düsseldorfs sind mit dem Gelände am Flinger Geistenberg verbunden: Kirschbaum, Jacobi, Brügelmann.

  1. 1710 kommt der Solinger Protestant Heinrich Kirschbaum in die Residenz Jan Wellems. 1740 gründet er in Pempelfort am Flinger Berg eine Tuchfabrik mit Garten und Orangerie. Der Abenteurer, Bankier, Kaufmann, Bergwerg-Besitzer und "erste Großindustrielle" heiratet die Stieftochter des protestantischen Hoflieferanten Kommerzienrat Georg Christian Fahlmer. 1753 installiert er die allererste Dampfmaschine von Jan Wasseige im Bleiwerk Lintorf. Doch von allem macht er allzuviel. Es folgt Bankrott und herber Sturz vom Rittersitz "Düsselstein" an der Wallstraße ins Gefängnis am "Berger Tor". Er verschwindet spurlos.
  2. Der Göttinger Pfarrerssohn Johann Konrad Jacobi heiratet ebenfalls in die Fahlmer Familie, aber diesmal die Erbin Marie Fahlmer und übernimmt 1765 sehr schnell die Kirschbaum Anfänge in Pempelfort mit einer Zuckerraffinerie. Die Anlage, wie wir sie heute noch in Grundzügen haben, ist sein Werk.
  3. Johann Gottfried Brügelmann, ebenfalls Protestant, gründet bei Ratingen die "erste Fabrik auf dem Kontinent" und nennt sie CROMFORT. 1790 kauft er das Jacobi Anwesen und startet hier eine Türkisch-Rot Färberei.

Von den dreien hat Jacobi dieses Terrain am meisten geprägt. Sein Sohn Friedrich Heinrich, der Philosoph, machte Pempelfort ab 1779 zu einem "kleinen Weimar". Europäische Geistesgrößen waren hier zu Gast (Humboldt, Herder, Diderot, d‘Alembert, Forster, Iffland). Goethe trug in einem goldenen Schmuckdöschen Jacobis Zucker bei sich.

In den Wirren der Franzosenzeit kommen neue Besitzer in den Jacobi Garten. Am Düsselweg (heute Dumontstraße) sitzen der Bleiweißhersteller Deus (ein Pionier mit der ersten Düsseldorfer Dampfmaschine 1836), weiterhin eine Textilfabrik auf der "Düsselburg" und der Direktor der Gaswerke Julius Brewer.

Als dieser 1855 mit Mutungen den gesamten Jacobibesitz angreift, zieht OB Hammers die Notbremse. Dank einer großen Bilderlotterie (Rettet den Jacobigarten) kaufen die Maler Haus und Garten für ihren 1848 gegründeten Verein "Malkasten" und für die Erhaltung der Jacobi Geschichte.

Die Maler, berühmt für ihre Feste und Ausflüge, setzen diese Tradition im Malkasten fort. Am bekanntesten wird das Kaiserfest 1877. Wilhelm I und Gemahlin Auguste bestaunen das Geschehen am Venusteich: Nymphen, Najaden, Nixen und genau wie heute: Arkadien.

Die Venus unter Beschuss

Hanns Heinz Ewers hat es mit der Venus: "Mit Armbrust, Blasrohr, Schleuder schossen wir auf der Liebe Göttin und mit besonderer Begeisterung auf ihr artiges Hinterteil" (1925)
und Johann Georg Jacobi besingt die Düssel:

Bei der stillen Mondeshelle
treiben wir mit frohem Sinn
auf dem Bächlein ohne Welle
hin und her  und her  und hin.

Treues Lieben und Gefallen
sei mit reiner Lust gepaart,
und, wie dieses Schiffleins Wallen,
ruhig einst  die letzte Fahrt.
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Autor: Dieter Jaeger | Redaktion: Bruno Reble | © www.geschichtswerkstatt-duesseldorf.de

Montag, 22. November 2021

Türme im Regierungsviertel: die HAROLD-BUCHT

"Rocks, Woods, and Streams, and Vales, and Heathy Plains"
Diese Verse begeisterten sogar Goethe. Oberst Edmund Baron von Harold hatte die sagenhaften "Gesänge Ossians" übersetzt, Gedichte eines irischen Barden aus alter Zeit. Als er 1806 in Düsseldorf starb, gab es die Haroldstraße noch nicht. Seine Häuser lagen in der Benratherstraße. Er hat sie also nicht gegründet, genauso wie die Gesänge, eher fake! Egal, die Haroldstraße ist geschichtlich eine der interessantesten Straßen.

1.Haroldstraße

Sie entstand 1831 unter der Regie des Gartenbauarchitekten Maximilian Weyhe zunächst zwischen Schwanenspiegel und Berger Allee mit späteren Erweiterungen,
Details s. de.wikipedia.org/wiki/Haroldstraße

1976 wird der jüngste Teil abgerissen. Die "Haroldbucht" entsteht. Und in dieser Bucht (Haroldstr.5) werden zwei Türme gebaut: das neue Finanzministerium und die neue NRWBANK. Das "Politische Viertel" von Düsseldorf nimmt Formen an.

2. Hauptstadt

Düsseldorf wird 1946 eher zufällig zur Hauptstadt des neuen Landes NRW. Man war nicht vorbereitet, hatte keine Gebäude dafür. Dann erinnert man sich an die Residenzstadt seit dem 14. Jht, an Jan Wellems Neustadt, an die Hauptstadt des "Grand Duche de Berg", an die Landstände, mit denen sich die Herrscher vor allem seit Wilhelm dem Reichen im 16.Jht herumschlagen mussten, an die Provinzialstände, die aus den Landständen erwachsen, an das Landeshaus als Erweiterung der Stände und Sitz des Landeshauptmannes, an den Regierungsbezirk Düsseldorf und sein Regierungspräsidium, an das Ständehaus, das ja ein Vorgänger des Landtags ist.

Schon einmal hatten die Düsseldorfer sich erinnert und beschwert, als die Preußen sie wegen ihrer Franzosen-Hörigkeit bestraften, als sie ihnen 1815 alles wegnahmen: keine höheren Justizbehörden mehr, vor allem keine Hauptstadt mehr. Es gab die "Provinz Niederrhein" mit Koblenz, die Provinz Cleve/Berg mit Köln, 1821 entstand daraus die "Rheinprovinz" mit Koblenz.

Düsseldorf war nur noch ein Regierungsbezirk. Der Regierungspräsident residiert in der "Residenz" Mühlenstr, arbeitet im Stadthaus (Jesuitenkloster) gegenüber. Es gab noch ein Salz-Amt, die Münze und das Landratsamt (Landkreis Düsseldorf), aber das waren Peanuts.

3. Die Provinzialstände

Man war froh, als Preußen1824 Düsseldorf zum Ort der Provinzialstände der Rheinprovinz bestimmte. Aus diesen Ständen wird später die NRW-Hauptstadt wachsen. Die Stände (Ritter, Städter, Grundbesitzer) tagten in der Kanzlei am Markt, ab 1843 in der Residenz des Regierungspräsidenten in der Mühlenstraße, ab 1851 im Schloss.

Die Zahl der Gutsbesitzer fiel später, die der OBs und Industriellen (Kommerzienräte) stieg, Lehrer und Arbeiter waren nicht vertreten. Nach dem Brand 1872 tagte man 10 Jahre lang in der Aula der Realschule Klosterstraße (Wiege der Humboldt- und Scholl-Gymnasien) bis zum Beginn 1881 im neuen Haus am Lohpohl.

Die vielen sozialen und medizinischen Belange des Hauses schufen die "Provinzialanstalten", deren Verwaltung der "Landeshauptmann" in einem eigenen Haus betrieb: dem "Landeshaus".

4. Das Ständehaus

Das prächtige Ständehaus von 1881 wirkt wie ein italienischer Palast und zeigt, wie sehr es den Düsseldorfern am Herzen lag. Der Architekt Julius Raschdorff (Berliner Dom, Wallraf Richartz Museum Köln, Burg Cochem) hatte auch 1881 am Wettbewerb mitgewirkt für die "Kunsthalle", Düsseldorfs erstes Kunstgebäude. Raschdorff setzt das Ständehaus in den südlichen Teil der Parkanlage an der Krautstraße, die Weyhe 1819 geschaffen hatte aus dem Cameral-Weiher (auch Schwanenspiegel genannt) und dem Cameral-Steinacker.

Weyhe benutzte die Mauer der Contergarde Paul (südlichster Festungsteil) als Landbrücke, um den Weiher in zwei Teile: Kaiserteich und Schwanenspiegel zu zwingen. Daher auch die schräge Turmstraße von der Kö bis zum Weiher. Die Düssel, vom Mühlenweiher "Lohpohl" kommend, mündete an dieser Landbrücke in den Weiher und floss dann an der Wasserstraße entlang um die beiden Teile herum. Krautstraße (heute Reichsstr), Lohstr (heute Kronprinzenstr) und Burgstr (heute Florastr) verweisen auf die Krautmühle und die Wasserburg: zwei Häuser und der Mühlenweiher an der Düssel. Weyhe trennt erneut die Wassermassen durch die Haroldstraße in Schwanenspiegel und Speeschen Graben. Das Tor dazwischen nennt er „Karltor“. 1843 wird das "Wasserloch" an der Südstraße zum "Schwanenmarkt" zugeschüttet.

5. Das Ständehaus wird zum Landtag

Als die Briten 1946 Düsseldorf zur Hauptstadt von NRW machten, war das den Düsseldorfern zunächst egal. Sie hatten andere Sorgen. Der Landtag tagte im Opernhaus, dann im Theatersaal der Henkelwerke, 1949 schließlich im Ständehaus.

Klagen über die Enge und das Alter des Hauses: 1960 will man für einen Umbau in die Kunstakademie Stockum ziehen, die es ja nach Nutzung 1937 durch die Nazis immer noch gab. Die Engländer würden das Haus räumen, in dem ein Warenhaus für englische Soldaten saß.

1978 endlich der Befreiungsschlag: Edmund Spohr, Architekt und Ikone der Geschichtsschreibung Düsseldorfs, schlägt einen Neubau vor: im Hafenbecken des Berger Hafens. Die Abgeordneten verlangen den Abbruch der Hochstraße und den Rheinufertunnel.

6. Das Regierungsviertel

Das politische Viertel Düsseldorfs formiert sich. Es ist das Gebiet, das Jan Wellem 1700 "Neustadt" nannte. Er wollte mit dem "Fürstenwall" eine Südgrenze, die den Rheinbogen abschloss: "Düsselstadt sei der Name" (nach Rapparini, Opernkomponist am Düsseldorfer Hof).

300 Jahre später kommt die "Neustadt" zu neuen Ehren. Die damalige Hauptachse: die Neusser Straße ist heute eine Art Museum. Nur das Geldernhaus Nr.27 und der Palast des Barons Fried Nr.25 zeugen noch aus dieser Zeit. Gegenüber wollte Jan Wellem sein neues großartiges Schloss bauen. Die Stelle ist immer freigehalten worden, die Husarenkaserne kommt 1822 dahin, dann1929 und 1939 das Polizeipräsidium und die Oberfinanzdirektion.

Das Regierungsviertel verschiebt sich zum Rhein und zur Haroldstraße. Harald Deilmann setzt mit dem Rheinturm („Fernsehturm“) ein Ausrufezeichen auf das Regierungsviertel.

Mit der Kniebrücke (1960) wurde der Durchgangsverkehr im Regierungsviertel gestoppt. Die neuesten Pläne (2021) wollen das Auto aus der westlichen Haroldstraße ganz vertreiben.

7. Neuere Geschichte

Huschberger hatte die geniale Idee, die Endläufe der beiden Düsselmündungen zum Rhein hin zu einem Ring zu verbinden. Wir nennen das heute "Blaugrüner Ring". Mit der Nord-Düssel gelang ihm das halbwegs, mit der Süd-Düssel nicht. Das wird jetzt nachgeholt. Es lag an der größeren Wassermenge der südlichen Düssel, die durch Rheinhochwasser noch gefährlicher wurde.

Jan Wellems Neustadt ging bis zum Fürstenwall, unbewacht, ohne Stadtmauer. Erst 1730 umwallt man die zwei einzigen Häuser außerhalb der Stadtmauer: Kaserne und Hospital. 1785 wird daraus die Karlstadt. Schon 1822 wagen sich dann die Soldaten mit ihrer Kavalleriekaserne in das versumpfte Gebiet, eine Vorhut saß seit 1730 im Geldernhaus an der Neusserstraße 25. Der Soldatenfriedhof lag nordöstlich der Kaserne.

An der Wasserstraße: Durch ein kleines Tor, das "Carlstädter Tor" (Bilker-/Südstr) kamen die Soldaten vor dem Mauerfall 1801 in die Hauptkaserne; aber nur, nachdem sie über die "Kasernenbrücke" (heute Siegfried-Klein-Straße) geklettert waren. Überall Wassermassen. Erst Weyhe wird 1835 das Wasser in die drei Teiche zwingen.

Die Eisenbahn konnte 1838 nur hier im unbesiedelten Sumpf mit ihrem Bahnhof so nah an die Stadt kommen. Sie errichtet den ersten Bahndamm entlang der Haroldstraße und fährt bis 1890 über die Hammer Brücke nach Neuss. Die Post folgt zum Bahnhof und langsam wird das Viertel hoffähig. Die Nazis machen die Haroldstraße zu ihrer Hauptstraße, von hier aus starten die Lastwagen mit johlenden SA Leuten zu ihren Straßenschlachten.

Eine alte Geschichte aus dem letzten Krieg

Meine alte Freundin Ernie erzählte mir eine Geschichte, die im Frühjahr 1945 passierte am Ort des heutigen Parlaments, im Berger Hafen.

Sie ist nun schon lange tot. Ich gehe manchmal in den Innenhof der Neusserstraße 27. Nebenan wohnte Joseph Jacob van Geldern (Juspa genannt), Bankier und Heinrich Heines Ur-Urgroßvater. Ich berühre die immer noch vorhandene Benzinpumpe. Damals konnte man hier zur Moselstraße durchfahren, die Reisdorfs hatten eine Tankstelle.

"Auf einmal hieß es, im Hafen gäbe es was zu essen. Wir sind mit der Badewanne rüber, um 3 Uhr nachts, unter Lebensgefahr, auf das Schiff und ganz schnell zurück in unseren Keller. Da haben wir uns ein bisschen Freud gemacht".

Autor: Dieter Jaeger | Redaktion: Bruno Reble | © www.geschichtswerkstatt-duesseldorf.de

Donnerstag, 28. Oktober 2021

CONFETTI adieu!

 Mit dem Kult-Lokal CONFETTI fing alles an, der Hype, die Verrücktheiten, Schicki micki, Oberkassel.

Wir wollten unsere Besucher beeindrucken. Altstadt war out, erst "Confetti", dann "Nussbaum", dann vielleicht das Kino im Keller: die riesigen Filmrollen hinter uns gewechselt, das Glas Wein in der Hand, die enge Wendeltreppe hinunter, und dann weiter mit Robert Mitchum "Out of the past".

Confetti war der Haupt Ort und der Anfang war immer hier gewesen

Die allererste Fähre nach Neuss, die einzige Straße, das Fort Düsselburg, die Gierponte, die Schiffsbrücke, Goethe, Queen Victoria, Robert Schumann, die Eisenbahn, der Rummelplatz, das Verbrechen, die Kirmes, die Jugendherberge, Vossen links und das Heiligenhäuschen, der erste Düsseldorfer Tennisplatz.

Zuviel, ja eigentlich zu viel, nehmen wir etwas davon, der Reihe nach.

Die "Lollo", meine Jugend Lust, hab ich noch gar nicht erwähnt. Ich sagte zum Besitzer: "Schreib doch Namen an die Stühle, wie in Paris:"Train bleu" oder "Hier saß Lollobridgida".

Alle waren sie hier, als gäbe es einen Magnet. Aber es gibt keinen Magnet, es ist eine Hausecke, mehr nicht, wie ein blödes Autobahnkreuz.

Genau hier, wo ich jetzt "AOP CARLO" esse, 100 m weiter zum Rhein hin, war der Anfang der "Düsseldorfer Straße": der einzige bedeutende Weg weit und breit seit Römerzeiten.

8. März 1263:die erste Fähre Düsseldorf- Neuss, von der Grafschaft Berg gestiftet, wahrscheinlich nur ein kleines Boot, ein Nachen, der hier landet.

Wir waren noch nicht einmal eine Stadt. Das Ufer gehörte zu Köln. Die protestieren sofort: "Also Geld für die Überfahrt gebe es von dieser Seite nicht, höchstens einen Kuchen, wenn man zur Fassnacht rüber wollte, wir haben einen eigenen Nachen."

Die "Angere Sitt":fremdes Land, Feindesland, das geht so bis 1909.

Jan Wellem pfeift auf Köln und Feindesland, 1690 baut er genau hier auf der Kirmeswiese (bis ca. Salierstr) sein "Fort Düsselburg", weil ihm die Franzosen zu nahe auf den Leib rücken.

Das war natürlich eher ein trojanisches Pferd, von dem aus gefahrlos auf Düsseldorf geschossen werden konnte, z.B. 1758 oder 1795, also weg damit.

Nachhaltiger war Jan Wellems "Fliegende Brücke" von 1699, wieder genau hier. Die sogenannte "Gierponte" gierte (d.h. sie" halbkreiste"), sie "flog" von Ufer zu Ufer, getrieben durch den Strom, festverankert in der Mitte des Rheins (ca. Höhe Mannesmannhaus).

Die sechsspännige Fahrpost der Maurenbrechers vom Düsseldorfer Brücken Ufer an der Zollstr war schon fast zu viel für das kleine Fahrzeug. Die Strecke: Düsseldorf- Aachen(3 mal die Woche), am "Vossen links" eine Weggebühr, am Abend war man am Ziel.

1795 wurde genau hier zusätzlich eine Franzosenponte gebaut (Vorgänger der Kniebrücke), die bis zur Haroldstraße ging (die Gierponte war ihnen zu langsam).

Und 1815, als es den Kosacken zu langsam ging bei der Verfolgung des geschlagenen Kaisers, wurde bei Golzheim eine Brücke gebaut aus Fuder- und Braufässern Düsseldorfer Weinhändler. Die Kosacken hatten die Beresina überquert, da war dies hier ein Kinderspiel.

1699-1739 die große Zeit der "Gierponte"

Ober- und Niederkassel lagen hinter dem Deich an der Oberkasseler- und Niederkasseler Straße, 400 m von hier entfernt, eine Wiese bis zum Rhein. Zwei berühmte Höfe hinter dem Deich: "Vossen links" und "Fausten rechts". 1768 hatte der fünfzigjährige lebenslustige Johann Vossen die Erbin des Schürmannshofs geheiratet: die 16 jährige Marie. Eine große Kinderschar war die Folge (mein Großvater Jaeger hat das übrigens 1890 genauso gemacht).

Vossen links war der Urtyp der vielen Gastwirtschaften an dieser Ecke. Das Wegegeld sorgte für eine der ersten Chausseen im Düsseldorfer Raum. Die Berühmtheiten, die hier abstiegen, sind Legion, nur 2 davon: 1774 Johann Wolfgang von Goethe und am 1. Nov 1811:Marie Luise, Kaiserin von Frankreich. Ihr Vater war der letzte Herrscher des "Heiligen römischen Reiches Deutscher Nation".

Die Liste der Berühmtheiten, die hier auf dem Rhein vorbeifuhren, ist noch länger: Römische Kaiser zB Drusus oder 1730 der Gefangene seines wütenden Vaters: Friedrich II. später der "Alte Fritz" genannt.

Die Eisenbahn verändert vieles

1838 geht es am GAP los. 1839 baut man eine "Schiffsbrücke" (zusammengebundene Pontons) an Stelle der Gierponte. Man ging dann vom Bahnhof Graf Adolf bis Zollstraße zu Fuß, dann mit Maurenbrecher über die Brücke in die weite Welt. Ein paar Jahre später verlängert die Bergisch Märkische Bahn über Harold- bis Schulstraße.

Als die "Aachener Bahn" 1853 linksrheinisch die Eisenbahn bis Drakeplatz) verlängert (noch heute ein runder Anger auf der Oberkasseler Straße) und ein Jahr später bis "Rheinstation", geht der große Rummel los mit fünf großen und vielen kleinen Gaststätten neben dem Bahnhof. Robert Schumann hat sie nicht mehr erlebt. Er stürzte 1853 von der Brücke in den Tod.

Verglichen mit "Vossen links" waren das allerdings nur bessere Pommes Buden. Die Gesetze nahm man nicht so genau. Man konnte hier einen draufmachen, denn die Heerdt Polizei war weit weg.

1870 kam mit der Hammbrücke der erste Todesstoß: Man fuhr vom GAP über Haroldstraße, später Bilk, direkt nach Neuss und weiter nach Paris oder London. Die alte Strecke „Rhein Station Neuss“ war zu umständlich, eigentlich nur noch, wenn man zum Rummel nach Heerdt wollte.

Der "Schwarze Carl" war der Anfang

Er hatte aus dem französischen Zollhaus am Ufer eine Wirtschaft gemacht. Seinen Anbau nannte er "Walhalla". Dann folgte 1839 die Schiffsbrücke "Vater Rhein", daneben "Richarts" und "Wilhelmshöhe" und noch viele andere. Es gab Circus mit Elefanten, Theater mit Millowitsch und Ballonfliegen auf der Wiese von Gasthof Ecken (heute Wildenbruchstr). 1892 stieg „Miss Polly“ auf und landete in einem Baum bei Mettmann.

Berüchtigt war das verbotene "Tanzen nach Klavier". Wenn die Polizei kam, machte man auf "Konzert". Ferdinand Lassalle galt bei der Obrigkeit als Aufrührer und war nicht gern gesehene. Nur in Oberkassel konnte er mühelos auftreten.

Das Ende kam mit der Oberkasseler Brücke

Nun war Schluss mit der großen Lust am Rhein. Der neue zum Rhein vorgezogene Deich war notwendig, um die Breite von 250m zu erreichen, die eine feste Brücke erlaubten. Von Düsseldorf aus kam man mit fast 40 m entgegen.

Wegen der Einengung wurde die Oberkasseler Wiese mit allen Wundern der Rheinstation 3m abgegraben. Aus ! Die "Wacht am Rhein", eine der letzten, wurde 1898 abgerissen, als Trost baute man hinter dem neuen Wall die "Rheinlust", und daraus wurde die Jugendherberge. Der neue Bahnhof kam an den Belsenplatz. Er wurde zum Güterbahnhof für die vielen Industrien der Hansaallee.

in den 80 90iger Jahren zur Hoch Zeit von Oberkassel übertrieb man. Wenn man dahin ging, war es, wie mit dem Sonntagsbraten bei uns zu Haus, im so genannten Esszimmer, das neben dem gewöhnlichen Wohnzimmer nur zu besonderen Anlässen geöffnet war. Wir zogen uns extra an, wenn wir nach Oberkassel gingen, wir setzten eine lässige Miene auf und sagten „tutto a posto Signore, come va?“ Wir konnten „conchiglioni“ von „farfellini“ unterscheiden.

Confetti war der Höhepunkt

In einer ähnlichen Confetti Kneipe ging ich1990 aufs Klo, beschwingt mit Mozartmusik, parfümiert mit Rocco Barocco, rollende frische Klobrillen vor mir. Es war ein Boudoir aus edlem Holz. Eingeseift suchte ich das Wasser, aber ich fand es nicht. Ich wusch mich mit feinstem Papier.

Oh Oberkassel, sang ich mit Mozart, ok Oberkassel, ich liebe Dich.

Autor: Dieter Jäger | Redaktion: Bruno Reble | © www.geschichtswerkstatt-duesseldorf.de

Sonntag, 26. September 2021

Der Behrensbau

Das "Haus der Geschichte" ist nun selber GESCHICHTE

Drei Jahre lang stand es leer. Das alte Mannesmann-Gebäude aus dem Jahre 1912, nach dem Architekten Behrens benannt. Jetzt bekommt es die Würdigung, die es verdient, dieses in Düsseldorf denkmalgeschützte Haus Nr.1 am Mannesmannufer Nr.2.

2015 sitzt Nasser neben mir am Rand des Spee‘schen Grabens und weint. Er hat Mutter und Schwester in Afghanistan verloren. Der Behrensbau, 2014 von Vodafone an das Land verkauft, ist 2015 Zentralstelle für Flüchtlingshilfe.

Peter Behrens (1868 - 1940)

hatte ursprünglich von Architektur keine Ahnung. Deshalb wurde er in Düsseldorf als "Lattenpitter" gehänselt, als er 1904 in der Gartenausstellung neuartige Zäune und Bänke mit Katzenköpfen vorstellte. Die "Katzenbank" steht heute hinter dem Schauspielhaus.

Als er 1911 für die weltweit berühmtesten Röhrenbauer das Mannesmannhaus vollendete, lachte keiner mehr. Behrens war um diese Zeit sehr berühmt. In seinem Babelsberger Büro für die AEG Berlin arbeiteten 1908 Mies van der Rohe, Walter Gropius, Le Corbusier. Er war 1902 Direktor der Kunstgewerbeschule am Burgplatz geworden, hatte 1907 van der Velde im Folkwang Museum aus dem Felde geschlagen, den "Deutschen Werkbund" mitbegründet, 1908 den Schriftzug "Dem Deutschen Volke" am Berliner Reichstag entworfen.

1921 wird er Direktor der Kunstakademie Düsseldorf, wo er einst 1888 studiert hatte, bevor er dann in Darmstadt 1899 zum ersten Mal mit Architektur in Berührung kommt. 1991 ehrt ihn das Düsseldorfer Architektenpaar Parade an ihrem WDR Haus mit dem typischen abgeschrägten Sockel.

Mit Mannesmann fängt alles an

Als Behrens mit seinem Mannesmannhaus 1904 anfängt, hatte eine epochale Veränderung des Rheinufers stattgefunden. Die Preußen schützen das Rheinufer in einem großartigen Plan (1872), der bis 1902 ausgeführt wird: die beiden gefährlichen Bögen (Heerdt und Neustadt) werden durch Buhnen (Heerdt) und das "Parallelwerk" (Neustadt) entschärft.

Letzteres war eine Art Binnenbuhne in der Mitte des Rheins von Brücken- bis Haroldstraße, die den Stromstrich vom Ufer fernhielt. Zusätzlich wird das Düsseldorfer Rheinufer 37m weit Richtung Oberkassel verschoben und die Oberkasseler Wiese im Gegenzug 3m abgegraben, damit die Wassermasse gleich blieb.

Der "Berger Weg" war die Verbindung von Zitadelle zur Neusserstraße. Aus einer kleinen Parkanlage wurde so 1904 eine breite baumbestandene Allee, die "Dammstraße". Auf dem alten Damm zum Rhein, wo ab 1840 die Bergisch Märkische Eisenbahn fuhr, wurde das "Berger Ufer", später Mannesmann Ufer.

Aber das war nicht so einfach

Der "Berger Damm" ging kerzengerade von der Bäckerstraße zur Deichstraße quer durch die heutigen Häuser Mannesmann und Landeshaus.

Das Problem waren die verschiedenen Laufrichtungen der Stadtviertel. Jan Wellem hatte seine Neustadt etwas versetzt in der Richtung Zitadelle angelegt. Die Karlstadt und die später daran anschließende Friedrichstadt liefen aber ganz anders. Die Lösung waren mehrere Dreiecke, die zu Parkanlagen wurden.

Nummer eins: der Horionplatz: ein unschönes Gebilde, auch Beuys Eiche hilft da nicht. Der Block "Am Karltor" war das erste richtungsweisende Gebäude (rechtwinklig zu den Kasernen), deswegen fängt hier die Haroldstraße an.
Nummer zwei: der Statzplatz am Fürstenwall-Knick: nicht richtig ein Platz.
Nummer drei: das Friedensplätzchen, zweifellos heute der gelungenste Ort.

Nach dem „Fall der Mauer“ 1801 war der chaotische wasserreiche Süden so mit Mühe zur Haroldstraße geworden (ca.1830), auf der nur das "Karltor" früh besiedelt wurde.

Karltor nannte Weyhe das alte "Karlstädter Tor = Soldatentor". Hier hatte er die beiden Düsselarme an seiner "Wasserstraße" entlang nach Auffüllung von Kaiserteich (durch Süd-Düssel) und Schwanenspiegel (durch Nord-Düssel) in einem Tunnel, dann entlang der "Düsselstraße" (später Poststr.) zum Speeschen Graben gelenkt. Anfangs hießen alle Wassermassen "Schwanenspiegel". Ein Teil wird dann durch Zuschütten der Schwanenmarkt.

Das "Haus der Geschichte" erzählt die Geschichte von NRW

"Operation Marriage" nannten die Engländer das 1946, aber es gab viele Verlobungen.
Im "Reich der Mitte" unter Wilhelm dem Reichen 1540 waren große Teile des Rheinlands und Westfalens vereint. Kirchenpolitisch gehörten sie zusammen. Im 19. Jht gab es den "Kunstverein für die Rheinlande und Westfalen“, die beiden Messen 1852 und 1880 "Gewerbeausstellung Rheinland Westfalen". Es gab den "Rheinisch Westfälischen Anzeiger" und die "Rheinisch Westfälische Gefängnisgesellschaft.

"Wir sind die Eingeborenen von Trizonesien", hieß es 1946 in einem Karnevalslied. Die Engländer wollten (wie die Franzosen und die Amerikaner) eine Teilung der Macht am Rhein: das Bindestrich- Land. Für dieses NRW feiern wir eigentlich drei Geburtstage.

•    21. Juni 1946: Entscheidung in London: die Oberbefehlshaber der Zone: Montgomery, Sholto Douglas, Brian Robertson hatten es ausgedacht, Außenminister Bevin brachte Düsseldorf ins Spiel (und nicht Köln).
•    17. Juli 1946: Douglas gibt die Gründung bekannt
•    23. August 1946: Die Verordnung tritt in Kraft.

Die erste Landesregierung wird gebildet

Rolf Amelunxen, der Oberpräsident von Westfalen wird erster Regierungschef. Ihm wird der Satz zu¬geschrieben: "Wenn man den Rheinländer etwas fragt, ist die Antwort schon da, bevor die Frage ganz heraus ist, während der Westfale lieber morgen als heute antwortet."

Amelunxen grüßte die Menschen mit "Glück auf" und richtete einen besonderen Gruß an seine schwergeprüfte Geburtsstadt Köln mit "Kölle Alaaf".

Autor: Dieter Jäger | Redaktion: Bruno Reble | © 2021 www.geschichtswerkstatt-duesseldorf.de
Weitere Infos: de.wikipedia.org/wiki/Haus_der_Geschichte_Nordrhein-Westfale

Mittwoch, 18. August 2021

Der BACH als Gefahr

Wenn die DÜSSEL ihr Bett verlässt

Die Flutkatastrophen vom Juli 2021 haben uns alle aufgeschreckt. Dabei hat Vater Rhein hat das Hochwasser relativ unspektakulär weggesteckt. Es gab keine künstliche Überflutung des DRAAPS wie 1984: damals mussten die Keller geräumt werden, der Hammer Deich wurde durch Gegendruck entlastet.

Gefahr droht dagegen von den Nebenflüssen des Rheins: je kleiner, umso bedrohlicher, weil man sich vor ihnen nicht fürchtet. Bei uns war neben Itter, Schwarzbach, Anger vor allem die wasserreiche Düssel gefährlich und zwar in den feuchten Bruchgebieten am Rand des Grafenberger Waldes, also von Gerresheim bis Mörsenbroich. Zwei Kanäle, der Brückerbach im Süden und der Kittelbach im Norden helfen der Düssel, zu viel Regenwasser von der Stadt fernzuhalten. Im Oberlauf der Düssel bis zum Neandertal können die ca. 20 Zulaufbäche das Wasser in breiten Wiesen verteilt werden. Im Mittellauf hilft das Versickern im Kalkboden. Erkrath (hinter dem Kalk) war im Juli 2021 trotzdem verheerend heimgesucht. Neun Häuser sind nicht mehr zu halten.

Beim Austritt der Düssel ins weite Rheintal helfen mitgeführte Tone und Lehme, ihr Bett auszukitten, so dass sie schnell über das Sumpfgebiet am Gebirgsrand hinwegkommt ("Torfbruch"). Aber gerade dieses schnelle kanalisierte Fließen wurde ihr 2021 zum Verhängnis. Es gab nirgendwo ein Ausweichen, eine Straße, eine Gasleitung, nur eine Siedlung und die traf es dann.

Seit 1880 ist sehr viel gemacht worden. Kanalisation ersetzt die Müllabfuhr im offenen Fluss, aber man machte auch Fehler. Die Düssel kam fast komplett unter die Erde. Das wird heute rückgängig gemacht.

Legenden um das Neandertal

Joachim Neander (1650-1680) sang in der Bolkerstraße nicht nur "Lobet den Herren, den mächtigen  König der Ehren", sondern auch "Gott, wir rühmen Dich, Berge, Fels und Klippen..."

Er hat sie nicht entdeckt, die "Klippen" ("Hundsklipp" = elende Klippe, schlechtes Land, ein anderes Wort  für "Gesteins"), sie waren immer da, aber die frommen Namen einzelner Felsen, wie "Predigtstuhl, Kirche, Kanzel" erinnern an seine Wanderungen mit den pietistischen Freunden. Das "Gesteins" heißt fortan "Neandertal". Dem Liederdichter ist es nicht gut bekommen: er wurde von den "Reformierten" entlassen und auch in seiner Heimat Bremen nur als "Hilfsprediger" angestellt.

Wie kamen die Maler der Kunstakademie ins Neandertal?

150 Jahre später wandern die Maler gerne ins "Gesteins". Eine Touristenattraktion, aber weltberühmt war es noch nicht. Das geschieht erst 1856 mit dem Fund der Knochen im Kalksteinbruch (Schädel, Becken, Oberschenkel) und dem Befund durch den Wuppertaler Gymnasiallehrer Fuhlrott.

Von den Malern stammen die Namen Teufelskammer, Wolfsschlucht, Löwengrotte. Wie kamen sie dahin?

Die Straße Erkrath- Mettmann gab es nicht. Die erste Eisenbahn von 1838 hatte nur den Bahnhof HOCHDAHL (weit weg). Die zweite Bahn (RHEINISCHE 1879) von Gerresheim nach Mettmann bringt dann einen Bahnhof NEANDERTAL, aber der ist auch weit weg auf der Höhe.

Nein, man fuhr mit dem Pferdewagen 3 Std über die "Chaussee" (gemeint ist die "Bergische Landstraße", die ja auch "Chaussee de Berlin" genannt wurde (Ende 18.Jht gebaut, wegen Lärm 1km am Gerresheim Stift der jungen Damen vorbei) über Ludenberg, Hubbelrath bis kurz vor Mettmann, wo man einen Feldweg über Haus Laubach bis zum "Eidamshaus" nahm. Von dort übernahm der Wirt die Führung etwa einen knappen Kilometer bis zur Schlucht. Erzählt wird uns das in einem Bericht vom Maler Schirmer 1865.

Was war das GESTEINS?

Eine 500 m lange Karstlandschaft, die wegen der sich einschneidenden Düssel zu einem Wunderland bizarrer Felsen und Schluchten geworden war. Die Düssel hatte zu Beginn des Quartärs (vor 1 Million Jahren) ihre Mäanderbögen in einer flachen Hochebene geschaffen (die Rumpfscholle des Schiefergebirges). Als vor800 000 Jahren das Schiefergebirge noch einmal heftig gehoben wurde, hält der Bach mit und behält die extremen Kurven bei. Der Boden ist aber diesmal aus Kalkgestein und schafft so die außergewöhnlichen Landschaften.

Der Kalkstein war vor 380 Millionen Jahren in einem Flachmeer entstanden. Düsseldorf befand sich am Südufer des "OldRedKontinents" (Vorläufer von Euroamerika)in Nähe des Äquators. Der langsam abfallende Ozean ließ vor dem Ufer ein Saumriff entstehen, das durch Hebung und Anwachsen zum Barriere Riff wird, zu einer Grenze also, die zwischen Riff und Kontinent eine Lagune abgrenzt, wie heute das "Great Barrier Reef" vor Australien. Korallen benötigen Wärme und Licht (wir liegen am Äquator), die abgestorbenen Lebewesen ergeben nach millionenlanger Ablagerung und Pressung das Kalkgestein.

Warum erhält sich ein 380 Mill Jahre altes Gestein, wenn schon die Spuren der 15 000 Jahre alten Eiszeit verschwunden sind? Sobald Land über dem Meeresspiegel liegt, wird es abgetragen, d h. die km-dicken Schichten, die über dem Kalk lagen, also die Schichten von Karbon, Perm, Trias, Jura, Kreide und Tertiär sind abgetragen worden.

Warum hat man ab 1850 diese einmalige Wunderlandschaft zerstört?

CaCO³ - Calziumkarbonat ist eine Mischung aus Calcium, Kohlenstoff und Sauerstoff. Es ist wasserdurchlässig und wassergefährdet. Die Flüsse fließen unterirdisch, denn im Mittellauf der Düssel (= Karstgelände) gibt es keine Nebenflüsse.

Seit Urzeiten verwenden die Bauern das Gestein oder den in Kalköfen gewonnenen Branntkalk zu Dünger und Mörtel, später Eisenverhüttung und Glasherstellung. 1858 entsteht südlich in der Nähe auf der Eisenbahn-Trasse der Düsseldorf-Elberfelder Eisenbahn die Hochdahler Eisenhütte mit Raseneisenerz und Kalk.

1863 baut Heyhe neben der Dammer Mühle, in der eine Drahtfabrik arbeitete, seine Glashütte.

Er hatte hier alles, außer den Glasbläsern, den "Pustern". Die holt er sich aus dem Osten, aus Westpreußen. Sie sprechen das "Hötter Platt". (Das ist auch meine Heimatsprache – DJ Jg.1935)

Warum haben sich die Knochenfunde erhalten?

Als der Neandertaler vor 80 000 Jahren an der Düssel lebte, befanden sich die schützenden Höhlen am Talboden. Seitdem hat sich die Düssel 20m tiefer eingegraben. Die Höhlen liegen jetzt in der Mitte der steilen Felswand, unerreichbar für Tier und Mensch. Die Touristen entdeckten sie durch Löcher von oben.

Warum waren die Mühlen im Oberlauf meist in geistlicher Hand?

Man unterscheidet Wind- Wasser, Ross, Handmühlen oder Getreide, Kraut-(Schießpulver), Farbholzmühlen, technisch je nach Wasserzuleitung: ober- mittel- unterschlächtige Mühlen.

Oberschlächtige Mühlen besitzen ein Gleitschütz, durch das das Wasser von oben auf die Zellen (Behälter) gestürzt wird, das Wassergewicht beschleunigte das Rad. Weil Schütz, Dämme, Wehre, Mühlteiche kostspielig waren, gehören sie weltlichen oder geistlichen Grundherren, hier besonders Klöster, Stifte.

Wem gehört der Neandertaler?

Wenn wir Adenauer folgen möchten, so ist er "ne kölsche Jong, der sich nach Düsseldorf verirrte und dort erschlagen wurde".

Nein, er ist Erkrather Bürger und Erkrath "fährt allein". Mit diesem Slogan fuhren die Autos durch die Stadt, um gegen die Pläne der Eingemeindung von 1975 zu protestieren.

Folgen wir ein wenig der politischen Grenzgeschichte.

  1. die Grafschaft BERG (ab 1380 Herzogtum) von Duisburg bis Siegburg, rechts am Rhein (heute zum großen Teil das "Bergische Land") war die erste politische Einheit. Die Wupper war der Hauptfluss der Grafschaft.
    Düsseldorf wird die Hauptstadt, vier Städte: Wipperfürth, Lennep, Ratingen, Düsseldorf. Acht Ämter mit einem Landständetag, wo die Ritter das Sagen hatten.
  2. Großherzogtum Berg 1806 (halbfranzösisch)
    Düsseldorf ist die Hauptstadt mit vier Departements, immer nach Flüssen benannt (Rhein, Ruhr, Ems, Sieg). Das Arrondissement Düsseldorf bestand aus 6 Kantonen (Düsseldorf, Ratingen, Velbert, Mettmann, Richrath, Opladen)
  3. 1815 fallen die Rheinlande an Preußen
    1821 entsteht die Rheinprovinz mit Sitz in Koblenz
    Es gibt Regierungsbezirke, Land- und Stadtkreise, darunter den Landkreis Düsseldorf und den Landkreis Mettmann
    1824 kommen die Provinzialstände nach Düsseldorf
    starke Achse ins Tal der Wupper; die Bergische Landstraße meistbefahren von ganz Preußen
    1838: Düsseldorf-Elberfelder Eisenbahn
    1877: der Sitz vom Landkreis Mettmann geht nach Vohwinkel, denn das starke Wuppertal frisst das Umland auf mit Eingemeindung 1909
    1929 entsteht der Landkreis Düsseldorf- Mettmann, aber der Sitz ist in Düsseldorf.
    Die Kreissparkasse zieht auch dorthin und sitzt dort heute noch. Seit 1903 gab es auf der neuen Kasernenstraße das Kreishaus oder Landratshaus.

"Der Mett-Mann ist in einer Zwangsehe mit der Düssel- Frau"

so sah es Mettmann. Und durch die Ausbombung des Kreishauses bekommt 1942 wieder Mettmann den Sitz. 1975 ist dann Schluss, es gibt keinen Landkreis mehr und der Kreis Mettmann löscht den Namen Düsseldorf.

Neue Begriffe entstehen: 1958 "Zweckverband Neandertal" (aus Automüll entsteht ein modernes Museum); heute KAG (kommunale Arbeitsgemeinschaft Bergisch Land). Es ist fast wieder wie am Anfang "Grafschaft Berg".

Die Stadt Erkrath gibt es erst seit 1966. Zu wem gehört also der Neandertaler? Offiziell zu Erkrath, aber im "Verband Neandertal" geht der Vorsitz fast immer an einen Düsseldorfer.

Düsseldorf ist somit "Bürgermeister von Neandertal"


Autor: Dieter Jaeger  |  Redaktion: Bruno Reble  |  © Geschichtswerkstatt Düsseldorf 2021

Donnerstag, 1. Juli 2021

Kunst und Kultur in FLINGERN SÜD

Das Aschenputtel steigt aus der Asche

Flingern, ein Stiefkind der Industriezeit mausert sich, schon seit dem Ende der 70iger Jahre, aber heute in rasantem Tempo.

Nach K20 und K21 jetzt K22 ?

Auf der ORONTO Brache stand jahrelang die triste Brand Ruine des gelben Teppichmanns FRICK. 2010 dann das Einkaufszentrum B8 mit Größen wie SATURN. Das alles störte die Fangemeinde Kiefernstraße nicht sonderlich, auch wenn man vom Parkplatz in die Hinterhöfe einsehen konnte. Als Pläne vom Entwickler CUBE REAL auftauchten, neben SATURN mehrere Hotels zu bauen, stiegen die alten Rebellen wieder auf die Barrikaden. Sie gründeten einen Verein und starteten einen neuen Plan im Dreieck Werdener- / Erkrather- / Kiefernstraße.

Hier soll ein Kulturforum entstehen, eine grüne Mitte, umgeben von bezahlbaren Häusern, eine Stätte der Begegnung: Kiefernstraße 22, aber auch die gewollte Beziehung zu den Kunstsammlungen K20 (Grabbeplatz 20stes Jht.) und K21 (Ständehaus – 21stes Jht.)

Mit dem Namen Beuys als Gallionsfigur und den Grünen geht es jetzt 2020/21 wieder los. Die Erwartungen sind hoch. Der Name verpflichtet. Und ganz in der Nähe gibt es das ZAKK (gegründet 1977 auf der Fichtenstr.40), die Diskothek STAHLWERK auf der Ronsdorfer- und das Tanzhaus NRW an der Erkrather Str.

Die Ursprünge

Den Ortsteil Flingern Süd gab es früher nicht. Erst die Industrie hat ihn hervorgebracht. Auf der Kiefernstraße gibt es keine Kiefern, auf der Fichtenstraße keine Fichten, auf der Birkenstraße keine Birken. Böse Zungen sagen: große Namen (wie Goethe, Schiller, Herder) machen sich gut im gut bürgerlichen Zooviertel, Bäume und Blumen hier im Arbeiterviertel. Die verstehen eh nicht viel von Kultur. Aber das ändert sich nun. Oder man sagt: die Bäume erinnern an den großen Bilker Busch, der gerade hier, am weitesten westlich, bis zur Icklack reichte.

Steht man heute auf dem Berg Albert- /- Fichtenstraße (eigentlich kein Berg, sondern die Eisenbahnbrücke von 1863), sieht man gleich den Unterschied.
Nach dem quirligen Oberbilk, das in den letzten 30 Jahren sogar Hochhäuser hervorgebracht hat, jetzt vor uns Flingern Süd: ein zurückgebliebenes Land mit großen Leerflächen. Das uralte Flingern beginnt erst hinter dem Baumarkt und hinter dem Bahntunnel.
Auch die Werdener- Kettwiger-Straße gab es früher nicht, keine Albert- und keine Fichtenstraße. Der Berg (die Bahnbrücke) von 1863 war älter als alle Straßen. Was gab es denn um 1840?

Am Anfang war die Eisenbahn

Drei Private Eisenbahnlinien konkurrieren ab 1838 im Raum Düsseldorf.
•    Die erste beginnt im Dezember 1838 als „Bergisch-Märkische“ mit dem Linienverkehr vom Bahnhof am heutigen Graf-Adolf-Platz nach Gerresheim und später bis nach Elberfeld.
•    Die zweite kommt 1845 als „Cölln –Mindener“ hinzu. Ihr Bahnhof in Düsseldorf wird direkt vis-à-vis zur Konkurrenz auf der heutigen Luisenstr erbaut.
•    Die dritte "Rheinische Bahn", uralt aus dem Kölner Raum, kriegt 1874 Gelüste, auch in Düsseldorf mit-zuspielen. Ihre Strecke mit dem Bahnhof Rethelstraße wird die Grenze zwischen Flingern und Flingern Süd.

Die Verbindungslinien bilden den Kern des Düsseldorfer Gleisdreiecks in Oberbilk. Im Konkurrenzkampf der drei Privatbahnen ging es heiß her, bevor 1885 die Preußische Staatsbahn dem Spuk ein Ende bereitete. Der Hauptbahnhof von 1890 wird auf einen riesigen Damm gesetzt. Das Wort "Bahnsteig" erfährt hier erneut seine Urbedeutung. Von der Eingangshalle steigt man 10m hoch auf die Bahnsteige. Der Begriff "Perron" war aber schon älter und kommt vom italienischen petrone (Stein). Mit diesem stieg man auf das Pferd, mit dem Perron auf die hohen Waggons.

Durch den Bahndamm gehen dann im Tunnel alle Straßen. Die Kölner Straße ist die letzte Tunnelstraße, dann gibt es nördlich nur noch Brücken. Interessant ist, wie die Stadt die Kreuzungen von Straße und Bahn gelöst hat. Die Grundregel lautet: 1.Der Jüngere respektiert den Älteren 2.Im Süden Tunnel, im Norden Brücken

Neue Industrie - Neues Glück

Die Industrie hatte das Gleisdreieck von 1845 genutzt. Schon in wenigen Jahren war es besetzt. Die Industrie musste in die Nachbargebiete. Als erster wohl 1861 Paul Inden, den Ernst Poensgen als Fittinghersteller für Armaturen aus der Eifel mitgebracht hatte.

Zur zweiten Industrie Generation ab 1870iger Jahre gehören Julius Schäfer Maschinenbau, Hein Lehmann Trägerfabrik, Habersang Werkzeugmaschinen nördlich der Ronsdorfer und südlich der Ronsdorfer die Eisen-Draht-Fabrik Peter Klöckner, der aus Koblenz über die Duisburger Eisenhütte nach Düsseldorf kam. Er baute, wie seinerzeit Poensgen, für seine Arbeiter 1912 die Arbeiterhäuser Ruhrtalstr, die schon 1902 Kiefernstraße heißt. Parallel zu Klöckner arbeitete noch die Marmor-Fabrik als Belgische Aktiengesellschaft (société belge anonyme).

Die riesigen Flächen von Flingern Süd werden bald ganzflächig industriell genutzt, wobei die Vereinigten Stahlwerke der Piedboeuf-Poensgen-Thyssen an der Erkrather Straße den größten Komplex besetzen. Die Ruhrtalbahn von 1866 hatte das Gaswerk hervorgebracht und damit die Städtischen Elektrizitäts-Werke, also die Stadtwerke. Von ihnen beliefert gibt es ab 1920 das Hallenbad Kettwiger Straße. Weiter nördlich, ebenfalls an der Ruhrtalbahn, entstand der Komplex Schlüterstraße (heute "Grafental").

Zwischen Hellweg und Höherweg entstehen auf den Flächen, die keiner haben wollte die Sinti/Roma Siedlungen, die Schreber-Gärten, die Sportvereine, darunter unsere geliebte "Fortuna". Die Fortunen waren sich immer ihrer Herkunft aus dem Sumpf des Flinger Broichs bewusst. Mit Lust kämpften sie anfangs mit ihrer "Fußlömmelei" gegen die feinen "Lackschuhpinkel" vom Norden, vom DSC am Zoo.

Wir erfreuen uns heute an den Brachflächen von kleineren Betrieben, wie "Thompsons Seifenpulver" (1897 an der Erkrather-), wo wir in den "Schwanenhöfen" neben gewaltigen Öfen oder bei "Hase und Igel" lecker essen können. Oder an der Ruhrtalstr, die es immer noch gibt, mit der "Bronx Bar" oder den "Clube Portugues" an der Kiefernstr, der hoffentlich nicht abgerissen wird.
"Fortuna" nannten die Flingeraner ihren Verein. So hieß eine Brotfabrik. Kein besonderer Name für eine Göttin.

Fortuna in Flingern. Auch ich fand mein Glück in Flingern.

Wir heirateten am Höherweg. Nicht an der Glitzermeile mit den polierten Blechkisten. Nein, etwas weiter, hinter der Ronsdorfer Str. Eine wilde Gegend. Rechts ein Künstlerhaus, links die Schrebergärten. Meine Frau, eine Australierin, wohnte dort, die ganze Verwandtschaft am Höherweg. Proteste von der Familie: Da wohnen „Zigeuner". Meine Frau liebte das. Bei ihr zu Hause in Canberra gab es Gärten über Gärten. Das hier war ein bisschen Australia. Sie liebte die Freiheit.

Ja, das war es: die Freiheit.



Autor: Dieter Jaeger  |  Redaktion: Bruno Reble  |  © Geschichtswerkstatt Düsseldorf 2021

Weitere Infos: Eine gute Zusammenfassung von Dieter Jaeger zur Entwicklung der Düsseldorfer Industrie findet sich im Archiv der Geschichtswerkstadt…
http://geschichtswerkstatt-duesseldorf.de/archiv/D_Industriegeschichte.pdf
Details zum Düsseldorfer Gleisdreieck bei
http://geschichtswerkstatt-duesseldorf.de/archiv/DasDdorferGleisdreieck.pdf

Die jüngere Kultur ist anschaulich beschrieben bei Hanenberg- Kranz "Kiez, Kunst und Kultur“ in Flingern, Kostprobe bei Stadtwerke D; Journal 2/2015 kostenloser Download als PDF:
https://silo.tips/download/kiez-kunst-und-kultur-flin-gern-fr-kunden-der-stadtwerke-dsseldorf-rheinufer-sta
 

Montag, 31. Mai 2021

"Übrigens gefall ich mir prächtig hier"

Felix Mendelssohn über seine Zeit in Düsseldorf

Sein Denkmal stürzte zweimal: von den Nazis wurde es aus anti-semitischen Gründen demontiert und 1940 für Kriegszwecke eingeschmolzen. Dann 2012 eine Rekonstruktion, die aus statischen Gründen wieder abgebaut werden musste, wegen der ungesicherten Aufstellung im Sumpfboden des ehemaligen Mühlenteichs LANDSCRON. Heute wird es zum dritten Mal (gesicherter) aufgestellt.

Da schaut er nun auf die Mühlenstraße, die Urstraße Düsseldorfer Musik… de.wikipedia.org/wiki/Datei:D%C3%BCsseldorf,_Felix_Mendelssohn_Bartholdy_Denkmal_(2012)_(1).jpg

Jan Wellem nutzte das alte Komödienhaus aus Zeiten von Wilhelm dem Reichen. Dieser ließ 1585 für die Hochzeit  von Jacobe von Baden ein weiteres Theater im Freien in Pempelfort bauen, das war die gedachte Verlängerung der Mühlenstraße.

Schon die Griechen kannten Drama, Lyrik und Epik

Beim Drama unterschieden sie zwischen Tragödie für den Adel und Komödie für das Volk. Tanz, Musik und Gesang gab es bei beiden, eine Art Umzug mit Gesang. Die Komödie mit „happy end“ war populärer. Das Wort steht schließlich für Theater schlechthin. Das erste Theater in der Mühlenstraße hieß "Komödienhaus", ebenso das zweite am Markt. Theaterhäuser sind oft Komödienhäuser wie die „Comedia dell‘ arte“, die italienische Berufsschauspielkunst in Venedig und Neapel oder dieComédie Française“ in Paris, das berühmteste Theater überhaupt.

Komödie kommt von "Komos" = Singende Prozession für Dionysos, den Gott der Liebe, das lieben die Leute. Theater vor und auf der Bühne, vor der Bühne oft lustiger als das jeweilige Stück. Die Moucheurs traten in Aktion. Dies war ein alter Theaterberuf (vor Erfindung des Gaslichts); ihre Aufgabe, die Kerzen zu schnäuzen und Faxen zu machten. Die Rampensäue versuchten, dagegen zu halten. Das Licht kam von unten an die Rampe und verzerrte ihre Gesichter zu Fratzen. Das Parkett der Zuschauer musste eingezäunt werden (wie ein parc), sonst wären die Unterschiede verwischt worden.

Theater war Volksbelustigung

Erst die Oper macht es wieder salonfähig. "opera in musica" nannten die Italiener ihre "Musikwerke". Italien kehrt zu den Griechen zurück. Theater, Musik, Tanz, Tragödie und Komödie vereint, wie bei Shakespeare.

"Hofoper" nannte der Kurfürst Jan Wellem jetzt sein Haus, das alte Komödienhaus in der Mühlenstraße. Damit wird es von der Volksbelustigung abgegrenzt. Händel kauft hier seine Kastraten. „Lully“ wird für Deutschland uraufgeführt. Philipp Wilhelm, der Vater von Jan Wellem hatte für Theaterfeste den Hofgarten dazu genommen und zehn Pferde zwei Jahre lang trainiert, "damit sie artig tanzten".

Immermann nimmt das verlachte Haus am Markt und macht daraus seine "Musterbühne", der Oper ebenbürtig. Die Oper brauchte er nicht mehr, auch Felix Mendelssohn mag sie nicht. Allerdings verdankt er ihr seinen Weltruhm mit der "Ouvertüre zum Mitternachtstraum", ein Jugendstreich geschrieben als Siebzehnjähriger. Im Komödienhaus am Markt spielen beide natürlich auch 'Opern`.

Wenn die Ratinger die Straße der Kunst ist, so ist die Mühlenstraße die der Musik. 150 Jahre lang wurde hier musiziert: von 1559 bis 1720. Die Musiker Jan Wellems bilden den Grundstock der berühmten Mannheimer Schule. Das Haus (heute Säulen-Eingang zum alten Amtsgericht) wird später die Residenz.

Wegen der Düssel nennt man den Weg auch Straße des Pferde-Marstalls und des Tummelhauses (Reitschule), Militär also und Regierung, eine Sackgasse, geschützt durch eine Bastion. Der vorletzte Kurfürst Carl Theodor macht dann aus der Straße, gestützt durch die Jesuiten, eine Universitätsstraße (Theologie, Juristische Akademie, Collegium Chirurgicum).

Sie diente immer höheren Zwecken, daher kann hier keine Kneipenszene entstehen. Der Altstadtherbst 2004 ließ noch einmal im großartigen Foyer des Gerichts die alte Herrlichkeit erstehen. Im Keller, wenn man Glück hat, steht noch das Tor zur Residenz.

Felix sieht von seinem Denkmal auf eine große Tradition

Im September 1833 nimmt Schadow ihn in seine Wohnung "Goldener Helm", Flingerstr.1, nur ein Katzensprung bis zum Theater. Dort stand Jan Wellem hoch zu Ross und ein hässliches Gebäude, das man 1749 zu hohem Besuch aus dem großen Gießereihaus des Grupello gebaut hatte. Überall Jubelsprüche:

"Steh auf, steh auf, betrübtes Herz / das Seufzen und der lange Schmerz /
hat ein beglücktes End genommen / der Theodor ist angekommen"

Aber er ging gleich wieder, der Carl Theodor. Auch das Theater ging dahin. Überschwemmungen hatten es mürbe gemacht, "ein nichtswürdiges Lokal, man wusste nicht, was man unter den Füßen hatte, alter Boden oder reiner Müll, einmal bricht ein dicker Mann mit seinem Bein durch den Boden der Loge, eine Dame darunter fällt in Ohnmacht vor Schreck über den dunklen Körper, der so plötzlich über ihrem Kopf hängt..." (Immermann)

Immermann und Mendelssohn, zwei Genies, das geht nicht gut. Der 24 jährige Felix war schon ein Weltstar, der 37 jährige "Intendant" fing gerade erst an. Für die Oper brauchten sie einander.

Düsseldorf um 1830

selten sah man in einer unbedeutenden Provinzstadt so viele Stars aus Malerei, Musik und Dichtung. Personen in hohen Stellungen unterstützten das Ganze, bildeten den "Düsseldorfer Musikverein".

"Neulich kam ich nach Hause, auf dem Schreibtisch zwei Stühle, der Ofenschirm lag unter dem Klavier, im Bett lagen ein paar Stiefel, Kamm und Bürste: Bendemann und Jordan hatten mir das als Visitenkarte hinterlassen, so sieht es im Düsseldorfer Musikwesen aus"
Häuser und Zimmer lagen ebenfalls dicht nebeneinander: "meine Nachbarin, die ihr Klavier an die Wand neben der meinigen gestellt hat (…) immer dieselben Fehler macht, auch wenn ihr Lehrer die richtige Note 17mal nacheinander anschlägt"

Quelle: musikverein-duesseldorf.de/felix-mendelssohn-bartholdy-43/

Lustiges Treiben am Rhein

Mendelssohn war kein Freund von Traurigkeit und empfand seinen Aufenthalt in Düsseldorf als ungemein angenehm.
"Hier geht es jetzt lustig her, und neben jedem Mummelack am Himmel hängt eine Geige, d.h. er hängt ganz voll".
"Die Königin von Bayern habe ich gesehen, aber nicht in Galla, sondern ich saß im Kahn, und wollte nebst zwei anderen eben in den Rhein springen, da kam sie auf ihrem Dampfboot an; - da wir nun alle keine Schwimmhosen hatten (…) so sprangen wir à tempo ins Wasser (…) und besahen von da alle Zeremonien…"
"Aber heut ist Kirmeß, das heißt, ganz Düsseldorf trinkt Wein, nicht als ob‘s das nicht jeden anderen Tag auch thäte, aber es geht spazieren dabei (…) es wird getanzt (in der gräßlichen Hitze) und gejubelt und sich betrunken, und wilde Tiere gezeigt (..) und Waffeln auf offener Straße gebacken. Als neugieriger Zuschauer muss ich noch spät abends hin, jetzt aber erst mich etwas in den Rhein stürzen mit vielen Malern…"

Quelle: Felix Mendelssohn Bartholdy, Briefe aus den Jahren 1833 bis 1847, bei books.google.de

Die riesigen Chöre und Orchester (oft mehrere hundert Teilnehmer) bestanden hauptsächlich aus Laien. Militärmusiker wurden hinzugezogen. Disziplin war neu.

"Herr George stört durch auffälliges Niesen in der gestrigen Vorstellung". Herr George wehrt sich.
"Ich erlaube mir zu fragen, wem es nicht widerfahren ist, durch Schnupfen zu niesen, ob das deshalb strafbar ist?"
"Beim <Glücklich allein ist die Seele, die liebt> hab ich eine Partitur entzweigeschlagen, vor Ärger über die dummen Musici, sie prügeln sich gern im Orchester" musikverein-duesseldorf.de/felix-mendelssohn-bartholdy-33/  Schumann wird später an dieser Disziplinlosigkeit zerbrechen.

Zwei Bäcker kämpften in der ersten Zeit der Preußenherrschaft um die Backhoheit in Düsseldorf, der eine erträumt aus seinem Garten die spätere "Tonhalle", der andere (viel später) aus seinem Park das "Schauspielhaus". Der Flinger Steinweg (heute Schadowstraße, damals „janz weit draußen“) war der bevorzugte Bereich der Düsseldorfer Gartenwirtschaften.

Die Niederrheinischen Musikfeste entstehen

Das erste Fest dieser Art unter Burgmüller fand 1818 noch im Schloss statt, später dann in Beckers Garten, eine Art Bretterbude mit Zeltdach am Flinger Steinweg. 1851 singt hier Jenny Lind, die "schwedische Nachtigall". Es war August und heiß, nur mit Mühe überredet sie die Freundin Clara Schumann. Dann wurde gezaubert. Um ihr Podest, unter Blumen versteckt, ein Haufen Eisblöcke, über ihr im Zelt ein Loch mit Windfang, so dass noch der kleinste Hauch ihr Haupt umspielte.

Die großen Pfingsttage der "Niederrheinischen Musikfeste" finden hier statt, eine Idee des Organisten Schornstein aus Elberfeld, im Wechsel mit Köln, Elberfeld, später auch Aachen. 1833 dirigiert Mendelssohn so bravourös, dass er sofort als Musikdirektor engagiert wird. 1835 verlässt er vorzeitig Düsseldorf, um Chef des weltberühmten Leipziger Gewandhausorchesters zu werden. Die Musikfeste dirigiert er weiter, auch in Düsseldorf.

1863 kauft die Stadt die Bruchbude und macht daraus die spätere "Tonhalle" mit Kaiser- und Rittersaal.

Die "Musikfeste" machen Düsseldorf zum kleinen Leipzig. Bis 1957 wirken hier berühmte Leute: Schumann als Chef, Lortzing singt mit, der Komponist von Zar und Zimmermann. Mendelssohn hat Händel und Bach und eigentlich auch Shakespeare neu entdeckt. Er gründet 1842 das allererste Konservatorium. Er war der "Mozart des 19. Jahrhunderts". (Schumann)

Mendelssohn wie auch Heine wurden jüdisch geboren und später protestantisch getauft. Das war ihr "billet d´entrée" in die Gesellschaft, so hat es Heine formuliert. Der christlich preußische Name Bartholdy wurde einfach angehängt.

Dem „tumben Germanen“ Richard Wagner gefällt das nicht. Er schreibt 1850 ein erbärmliches Pamphlet: "Das Judentum und die Musik" und prägt damit bestimmte intellektuelle Kreise (bis heute).

Ich mag Wagner nicht, ich mag Mendelssohn!

Autor: Dieter Jaeger  |  Redaktion: Bruno Reble  |  © Geschichtswerkstatt Düsseldorf 2021
Weitere Infos bei de.wikipedia.org/wiki/Felix_Mendelssohn_Bartholdy