Mittwoch, 26. August 2020

Wer wird Oberbürgermeister?

 Napoleon schaffte 1806 den "Brezelmagistrat" ab, denn der Magnus Magister, der Große Meister, war in den 500 Jahren seiner Existenz zum Brezelmeister geworden. Sein "Magistrat" bestand aus Schöffen und Räten, auch "Gesellen" genannt. Das Schönste nach wenigen Sitzungen war immer das "Gelage" in einem Wirtshaus.
Graf Adolf von Berg würdigt ihn in seiner Erhebungsurkunde1288 mit keinem Wort. Er hat auch kein eigenes Haus,  300 Jahre lang. Die Sitzungen fanden in der Lambertuskirche statt, dann im Zollhaus (jetzt: Josefkapelle), dann im "Schwarzen Horn" in der Ratinger Straße, dann in einem Behelfshaus am Markt, dass endlich 1573 zu unserem jetzigen Rathaus wird.
Immer wieder wurde der Bürgermeister mit einem vom Fürsten ernannten "Stadtdirektor" gemaßregelt. Der Fürst mischt sich dauernd ein. Er ernennt die Schöffen, sein Schultheiß und darüber sein Amtmann kontrollieren den Meister. Auch bei den Räten mischt er mit. Jan Wellem schlägt als" geeignetes Subjekt" für den Bürgermeister seinen "Leib-Balbier" vor, seinen Frisör also. Die Barbershops von heute haben eine vornehmere Geschichte.
Die "Gesellen" des Bürgermeisters waren zum Schluss zur Vetternwirtschaft verkommen, immer wieder dieselben Familienclans

Apotheker, Wirte und Weinhändler

Auch die Bezahlung des Bürgermeisters war nicht verlockend. Zu Ostern gab es das "Osterei" (10 Taler), das Gehalt war das Doppelte eines Stadtrats. Immerhin halfen die vielen Nebeneinkünfte, wie Hebegelder, Diäten und Prüfungsgelder.
In der Franzosenzeit (ab 1806) heißt der Bürgermeister "Maire" und erhält einen Gehilfen: den Beigeordneten. Ansonsten, so die Franzosen, müsse der Magistrat "im steten Zustand der Minderjährigkeit" gehalten werden.

Die Preußen, an sich ordentlich, übernehmen 1815 die französische Ordnung bis 1845. Sie suchen lange ein "qualifiziertes Subjekt“ zu dem gerade gegenwärtig höchst lästigen Geschäft eines Bürgermeisters von Düsseldorf.
Es fehle an Männern, denn "sie sind dazu weder geeignet noch geneigt".
Hätte man sich denken können. Da half auch nicht der neue Titel "Ober-Bürgermeister". Gruner, der preußische Verwaltungs-Chef, fügte noch hinzu, dass alle Obs nur provisorisch zu sehen seien, sie verwalten das Amt nur kommissarisch.

Als die Preußen schließlich den Kandidaten im Beigeordneten Heinrich Schnabel fanden, gab es bald darauf 1818 eine fürchterliche Schlammschlacht zwischen Protestanten und Katholiken. Die "Kirche sei verloren" sagten die einen, die Messe sei eine "grässliche Abgötterei", antworteten die anderen.
Die Wahl war einmalig, weil man dem Volk zuhören wollte, also viele Wähler zugelassen waren. "Mögen die Bürger sich zufrieden dieser Wahl erinnern", hieß es. Nichts da, diese Art zu wählen wurde sofort wieder abgeschafft.
Die in der "Minderjährigkeit gehaltenen" und "provisorischen" Obs mochten das Amt nicht sonderlich. In schneller Folge, manchmal nur wenige Monate, wechselten 11 Ober-Bürgermeister: Schnabel, Degreck, Schramm, Josten, Molitor, Custodis, Klüber, Schöller, Fuchsius, Dietze, Villers.
Die Rheinische Gemeindeordnung und die Preußische Städteordnung (1845 bis 1856) brachten die Wende: hin zu mehr kommunaler Selbständigkeit, weg von staatlicher Bevormundung.
Allerdings herrschte bis 1919 das Dreiklassenwahlrecht. Nur die "Meistbeerbten" (die Grenze lag bei 300 Talern) durften wählen, das waren 4% der Bevölkerung . Diese 4% teilten sich nochmals in drei Klassen auf, wobei die erste Klasse so viel Macht besaß, wie die beiden anderen zusammen.

Eine neue Zeit: der Ober-Bürgermeister

Die großen vier (Hammers, Becker, Lindemann, Marx), dann mit Krieg, Weimar und Nazizeit (Oehler, Köttgen, Lehr, Wagenführ, Liederley, Otto, Haidn) schließlich unsere Zeit (Füllenbach, Kolb, Arnold, Gockeln, Glock, Becker, Vomfelde, Müller, Bungert, Kürten, Smeets „die einzige Frau“, Erwin, Elbers, Geisel).

Im Tumult der merkwürdigen Wahl von 1818 entstand eine Skala von Qualitäten, die ein Bewerber vorzuweisen habe (lt. Aufzeichnung von Appellations-Gerichtsrat Lenzen)
1. gesetztes Alter
2. wissenschaftliche Bildung
3. Kenntnisse in Recht und Ökonomie
4. Familienvater
5. hier begütert
6. 10 Jahre hier ansässig
7. in öffentlicher Verwaltung tätig
8. guter Haushalter im eigenen Haus
9. redlich, klug, mutig, bescheiden, sanftmütig, wohltätig
10. beliebt bei Bürgern und Liebe zu Bürgern
11. religiös, doch duldsam

Nun dann, wir werden sehen!
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Autor: Dieter Jaeger  Redaktion: Bruno Reble  © Geschichtswerkstatt Düsseldorf 2020

Mittwoch, 29. Juli 2020

KIKADU macht zu und ROBERTS auch: Ein Paukenschlag!

Eine Epoche geht zu Ende. Die Alten danken ab. „Kikaku“ prägte das Japanviertel, „Roberts“ war der Höhepunkt im Hafen.
Die Japaner kamen 1950 mit „Mitsubishi“. Der "Schreibtisch des Ruhrgebiets" zog sie an, in der Mitte Europas. Alles begann mit Säbelgerassel im "Daitokai" auf der Hunsrückenstraße. Wir saßen am Boden, einge¬quetscht, Stäbchen in der Hand. Über uns gefährliche Messerspiele der japanischen Köche.
Als Stadtplaner Tamms 1960 die winzige Immermannstraße zu einer vierspurigen Baumallee machte, vereinnahmten die Japaner diese Straße am Hauptbahnhof, so wie sie später Straßen in der Nähe des Flughafens suchten. Ihr Hotel Nikko mit "Benkai" war das Hauptquartier. Berühmt wurde es, als der Bösewicht Schimanski im Film "die Katze" hier vom Dach stürzt. In der kleinen parallelen Klosterstraße saßen ihre Restaurants.

Und immer war KIKADU der älteste und beste

Wo die Eleven der Urschulen Humboldt und Scholl schwitzten und der Gashersteller Sinzig Teere und Öle verbrannte, stank es so sehr, dass die Lehrer um 8 Uhr früh die Straßenmitte bevorzugten, um nicht auch noch den Gestank der Bettenlüftung einatmen zu müssen. Aber genau hier sitzt 100 Jahre später Kikaku und seine Nachbarn: „Naniwa, Yabase, Hyuga!. Es wird ihn gekränkt haben, als der Nachbar „Nagaya“ 2011 den Stern bekam und damit Deutschlands einziger sterngekrönter Japaner wurde. "Yoshi" daneben auf der Kreuzstraße, ebenfalls von Nagaya, bekam den zweiten. Die Klosterstraße wurde neben Kikaku mit den Falkenhorsts und Nenio zu einem kleinen Wunderland der Gourmets.
Langsam gewöhnten wir uns, neben Sushi und Tempura an neue wundersame Namen: „Nigiri, Dashi, Sashimi“. Wir übten so lange, bis sie uns wie „latte machiato“ über die Zunge gingen.

Fressen oder gefressen werden

Es war ein langer Weg von den Fresswellen nach dem Krieg bis heute. Im"Fischl" an der Blumenstraße wurden wir zum ersten Mal satt. „Nasigoreng“ hieß das erste fremde Wort beim Chinesen in der Tonhallen- oder Grabenstraße. Die Italiener entdeckten wir bei „Sansone“ auf der Schlossstraße. Jedes neue Ferienland brachte eine neue Welle mit: die Jugos, die Griechen, die Türken, die Spanier (als sie die Tapas einsetzten). Bis Japan kamen wir nicht.

Adieu Roberts!

Man muss das wie Robäär aussprechen, dann ist es richtig traurig und französisch. Robäär war für uns der Höhepunkt schlechthin. Er pfiff auf die Sterne des Reifenhändlers, so wie wir es auch taten. Er war der einzige richtige Franzose: urgemütlich eng, Spiegel an der Wand, Papier-Tischdecken mit der Rechnung drauf. Die Küche, auf kleinen Schreibmaschine Seiten präsentiert, war genial.
Der Gastronom Hülsmann nahm das plumpe Hafenviertel, wie seinerzeit die Japaner das hässliche Bahnhofsviertel, als es noch keinen Medienhype gab.
Die Brückenstraße führte seit 1870 zur Brücke, sonst gab es da nichts, außer einen kleinen Weg am Ufer: die Ufer- später Stromstraße. Dort war seit 1890 die fauchende Eisenbahn am Verbrecherhaus "Schneidmühl" vorbeigefahren.
Wir wohnten in den 70igern in der Stromstr mit weitem Vorgarten, aber in Wirklichkeit war der Vorgarten nur der Hinterhof der alten Brückenstraße, nur dort gab es Häuser.
Nebenan servierte 1978 die busige Nana in der "Nana" den besten Kaffee. Sie hatte als erste die Palme im Zimmer. Man musste sich entscheiden: Palme hieß bester französischer Kaffee, aber kein Kuchen. Zum Kuchen musste man zu den Pelztanten auf der Kö, dafür gab es dort nur elenden deutschen säuerlichen Kaffee im Kännchen.

1997 kommen die Medien…

… und alles wurde hip oder shabby chic. Die Düsseldorfer lieben so etwas: Direkt neben dem Sozialbau und der abgewrackten Tankstelle (in der Lippestraße) das Highlight „Ogehry“, die ungesunden fetten Pommes im "Curry", gerne mit Gold umrahmt, und besonders toll: mitten in der Mülldeponie das schwarz angestrichene "Minol" mit den schwarzen Manga Mädchen.
Jetzt war es vorbei mit dem Zirkus "Pomp and Ducks" in der Speditionsstraße, mit den Jazztumulten sonntags bei Maaßen; vorbei mit dem alten Zollhaus und seinen Ausstellungen, vorbei auch die Show der "Sieben Sinne" im Ruinenbau der Spinnerei Bockmöhl, wo wir zum Schluss den Berührsinn erforschten: „blindfolded“ die Arme in einen tiefen Schlauch: waren es feuchte Frösche oder zarte Brustspitzen?
Hülsmann liebte das alles, die alte und die neue Hafenzeit. Ich liebte ein paar Häuser weiter die "Hafenbar" mit der Roten Laterne und dachte an die Kinderzeit zurück, als ich Seemann werden wollte. Ich sang all die Schnulzen der 50iger vom alten Seemann, der nachts nicht schlafen kann bis "nimm mich mit Kapitän auf die Reise". Ich war Seemann, ich war Kapitän, vor mir zwar nur ein erbärmlicher, nach Öl stinkender Hafen, aber für mich war dieser kleine Hafen das große Meer.

Autor: Dieter Jaeger  Redaktion: Bruno Reble  © Geschichtswerkstatt Düsseldorf 2020

Samstag, 27. Juni 2020

Kein Ort für alte Männer


Eigentlich wollte ich nur einen Kaffee trinken. Ich fuhr mit dem Auto in die Stadt und mir kam der Western der Brüder Coen in den Sinn: 4 Oscars, ein radikaler Film über die Machtlosigkeit des Guten. Am Ende sind alle tot und der überlebende alte zerknitterte Sheriff Tommy Lee Jones seufzt: "Kein Platz zum Leben hier"

No country for old men

Daran musste ich denken, als ich nach dreimonatiger Pause meine alten Lieblinge um das Carschhaus wieder­sehen wollte.
Im Grunde wollte ich nur einen Kaffee trinken. Hinein in das Parkhaus Grabenstraße kam ich sofort, die Preise waren auch sofort klar! Hinaus wurde schwierig. Man wäre vielleicht besser im Auto sitzen geblieben.
Am Aufzug war eine Tafel: "Wegen Hochwasser geschlossen" Ich stutzte: Hochwasser in der Grabenstraße, 1890 vielleicht, aber heute? Nun ja, Corona.
Ich zog mich am Geländer der Treppe zum Eingang hoch. Noch eine Tafel: "Benutzen Sie bitte Eingang Flingerstraße", ein bisschen weit weg, dachte ich, nun ja, Corona.
Mein Ziel: der Innenhof des Wilhelm-Marx-Hauses, das Stadtbrückchen, wo sich mehrere Cafés angesiedelt haben. Ich zog mich 2 Treppen hoch zur Straße. Eine Ampel taucht auf: "Stadtbrücke", also quasi das große Stadtbrückchen. Nun ja, Corona macht vieles mächtiger.

Gefangen in einem Irrgarten

Ein Schild: „Flingerstraße“; runter in den Abgrund am Gummigeländer mit Handschuhen und tatsächlich ein Eingang: Verwirrend viel Haushaltsgeräte und Postkarten, ein Labyrinth. Ich verirre mich. Heute ist vieles anders als früher. Zurück? Nein, ich sehe die rettende Champagnerbar; jetzt links.
Der fröhliche Fischmann: "Kennen Sie Louis Armstrong?"(Louis sang im Hintergrund) - "Nun ja, eigentlich schon!" - "Was soll’s sein? Viel Senfsauce zum Fisch und eine Suppe?" -"Nein, eher Sauce!" Ich kämpfe mit Messer und Gabel gegen die Sauce und bin ganz allein, ein Einzelkämpfer. "Ich bring einen Löffel!" Aber es war schon zu spät. Corona halt.
Am Ziel: die italienische Café Bar in Plexiglas. Die bekümmerte Frau: "Corona?" „Nein“, schrei ich „nein, nein, nein!“
Dann sagt sie ein Wort, süß wie Sahne, beseligend und schön: "Ti-ra-mi-su".
Eigentlich wollte ich nur einen Kaffee trinken.

Autor: Dieter Jaeger  /  Redaktion: Bruno Reble  /  © Geschichtswerkstatt Düsseldorf 2020

Anmerkung aus der Redaktion: Neben „
No country for old men“ werden Erinnerungen wach an den Film „Taxi Driver“ aus dem Jahr 1976. Auch hier geht es um die Verirrungen der Großstadt. In der letzten Einstellung vor dem Abspann blickt der Taxi-Fahrer irritiert in den Rückspiegel. Warum wundert er sich? Vielleicht, weil er einen fast 90jährigen erblickt, der partout mit dem eigenen Auto nach New York einfahren will, statt dafür ein Taxi zu nehmen?

Montag, 25. Mai 2020

Paulinchen‘s Tanz in den Mai

Paulinchen war allein im Haus
Seit Wochen durfte sie nicht raus
Als sie nun durch das Zimmer sprang
Ganz ohne Mut und Sing und Sang
Da sah sie plötzlich vor sich stehn
'nen Zauberstab, nett anzusehen
Ei sprach sie, ei wie fein
Damit lad’ ich mir Freunde ein
Wir freuen uns und haben Spaß
Und sitzen schön im grünen Gras.

Und Mienz und Maunz die Katzen
Erheben ihre Tatzen
Sie drohen mit den Pfoten
Corona hat’s verboten!!
Miau! Mio! Miau sie schrein
Bald werdet alle krank ihr sein!

Paulinchen hört die Katzen nicht
Sie freut nur auf Gesellschaft sich
Der Zauberstab lockt sie so sehr
Sie springt im Zimmer hin und her
Und ruft: „Herbei ihr lieben Freunde mein
Kommt her und lasst uns fröhlich sein
Wir wollen eine Party machen
Und lustig sein und nur noch lachen“

Und Mienz und Maunz die Katzen
Erheben ihre Tatzen
Sie drohen mit den Pfoten
Corona hat’s verboten!!
Miau! Mio! Miau sie schrein
Bald werdet alle krank ihr sein!

Die Freund’ sind’s leid - so ganz allein
Sie kommen schnell  -  jeweils zu zwein
Vergessen sind Angst und Bedenken
Sie kommen sogar mit Geschenken.

Und Mienz und Maunz die Katzen
Erheben ihre Tatzen
Sie drohen mit den Pfoten
Corona hat’s verboten!!
Miau! Mio! Miau sie schrein
Bald werdet alle krank ihr sein!

Das stört die ganze Clique nicht
Und alle amüsieren sich
Sie trinken Bier und Schnaps und Wein
Und schwingen auch das Tanzebein

Doch morgens dann, ihr glaubt es kaum
War alles leider nur ein Traum.


© by Anne W. aus  :D
aus der strubbeligen Fan-Gemeinde der Geschichtswerkstatt

Das Original stammt aus dem Jahr 1844 und kann hier nachgelesen werden:
de.wikisource.org/wiki/Der_Struwwelpeter/Die_gar_traurige_Geschichte_mit_dem_Feuerzeug

Montag, 27. April 2020

"Lebende Bilder" oder „au naturel“… frei nach Schadow


In diesen trüben Zeiten gibt es auch Erhellendes: "Lieblingsgemälde nachgestellt" so heißt es in der Rheinischen Post vom 21.04.20…
https://rp-online.de/kultur/museums-challenge-zu-nachgestellter-kunst_aid-50128181

Diese "Lebenden Bilder" haben in Düsseldorf eine lange Tradition. Erfunden wurden sie wohl in Frankreich gegen Ende des 18ten Jahrhunderts.

Die Düsseldorfer Malerschule pflegte das Spiel mit lebenden Personen besonders intensiv. Berühmt wurden die "tableaux vivants" 1877 bei den Theater-Aufführungen im Malkasten-Park. Hoher Besuch hatte sich angekündigt, der Kaiser himself. Jahre später kamen auch erotische Spielereien hinzu.

Nackte Frauen nur in gebannter Bewegung

Schon lange war man gewohnt, auf Gemälden nackte Körper zu sehen. Jetzt waren diese Körper echte Menschen. In den prüden Zeiten unserer Großeltern war das schon allerhand. Nackte Frauen durften allerdings nur in Denkmal Pose auftreten. Bewegungen waren nicht erlaubt.

In den Anfangsjahren der Düsseldorfer Akademie unter Schadow lebte hier im Zusammensein zwischen Malern, Literaten und Musikern ein lustiges Völkchen von später sehr berühmten Leuten. Rellstab, ein bekannter Journalist jener Zeit, nannte Düsseldorf in Anspielung auf die Kunst, ein "zweites Rom".

Kunst ist immer Chef-Sache

Immermann war Chef des Theaters, Mendelsohn Chef der Musik, Schadow Chef der Kunst. Die Akademie, die wohl berühmteste Düsseldorfer Institution des 19ten Jahrhunderts, tagte bis zur Errichtung der neuen Akademie 1875 im Alten Schloss. Vom Schloss über die Akademie bis zum Mal-kasten zog ein Heer von Künstlern ihren Weg über Ratinger - Jägerhofstraße- Malkasten. Berühmte Treffpunkte waren: Hansens Penn und Villa Nuova (oft auch ihre Wohnungen). Wilhelm Busch war nur ein kurzzeitiger Gast, andere blieben länger.

Feucht und moderig

Dabei hatte Anselm Feuerbach zunehmend Probleme mit Schadow und Düsseldorf, Zitat: "Mit fröstelndem Unbehagen betrat ich die hässlichen Räume der Akademie. Außer dem gewöhnlichen Geruch, der allen öffentlichen Anstalten eigen ist, war hier noch etwas Besonderes, Feuchtes, Modriges." Es war „der water closet“ (WC), hier im Schloss als einem der ersten Häuser in Düsseldorf installiert.

Auch ich (D.J.) habe heute "ein fröstelndes Unbehagen", wenn ich das Pissoir am Burgplatz betrete. Ausgerechnet im renommiertesten Gebäude der Stadt, dem Schloss mit der einst weltberühmten Gemäldesammlung, befindet sich eine öffentliche Bedürfnisanstalt.

Als 1833 zum Empfang des Kronprinzen, dem späteren „Pferdeapfelkönig“ Friedrich Wilhelm IV, im Theater am Marktplatz das Stück "Dürer" gegeben wurde, gab es bei der Vorbereitung große Aufregung. Immermann hatte das Stück geschrieben und spielte selbst die Hauptrolle. Schadow war für die Ausstattung zuständig, unter anderem auch für die" tableaux vivants".

Geiz ist geil

Schadow, eher geizig als sparsam, hatte eine geniale Idee. Immermann berichtet: "Er ließ in den "Lebenden Bildern" für die Personen, die „en profil“ standen, nur halbe Gewänder und Mäntel machen. Dadurch waren sie auf der Bühne für die gestrengen Besucher sittsam bekleidet, aber auf der dem Publikum abgekehrten Seite standen sie " au naturel".

Autor: Dieter Jaeger  /  Redaktion: Bruno Reble  /  © Geschichtswerkstatt Düsseldorf 2020

Sonntag, 29. März 2020

Als die „Pänz von der Klompe“ zur städtischen Turnhalle marschierten


Am 16.JAN 2020 feierte das Düsseldorfer Schauspielhaus mit einem pompösen Festakt sein 50-jähriges Jubiläum. Schon zuvor gut hundert Jahre lang (etwa ab 1840) galt das Viertel um das heutige Schauspielhaus als das vornehmste Viertel von ganz Düsseldorf.

In der Goltsteinstraße lebten damals über 25 Maler und Bildhauer der weltberühmten Düsseldorfer Malerschule; darunter solche Fürsten wie Achenbach, Vautier, Bendemann, Rocholl, Sohn, Arnz, Rethel und Wittig. Ferner wohnten hier OB Ludwig Hammers, Maximilian Weyhe, Ferdinand Heye, diverse hohe Militärs und jede Menge Unternehmer und Bankdirektoren.

In der Hofgartenstraße (am heutigen Köbogen-Tunnel) residierten im ersten Haus: Graf von der Groeben, Kommandeur der 14. Division unter Prinz Friedrich von Preußen; im letzten Haus: der Hofmarschall des Prinzen Graf Pritzelwitz, ferner das Palais von Bankier Trinkaus, die Villen der Unternehmer Franz Haniel und Heinrich Lueg. In der Bleichstraße schließlich logierten der Direktor der Kunstakademie Friedrich Wilhelm von Schadow, der Landschaftsmaler und Professor Andreas Achenbach, sowie der Komponist und Musikdirektor Felix Mendelssohn Bartholdy.

Parallel zur Hofgartenstraße lag die ehemalige Victoriastraße (vormals Logengasse). Sie war seit 1806 der Treffpunkt der Joachimsloge (benannt nach dem Schwager Napoleons Joachim Murat) und avancierte zu einem der ersten Häuser in diesem Viertel.

Die erste Sauna von Düsseldorf

1831 - mit großem TamTam der Düsseldorfer Kulturwelt - entstand das Friedrichsbad in der Goltsteinstraße 1 (da hieß sie noch gar nicht so und die Zählung war eine andere). Gebaut hatte das Bad der Bauunternehmer und Architekt Anton Schnitzler, ein Schüler von Vagedes. Er legte es neben die Hofgartenstr 1, wo das ebenfalls von ihm gebaute Haus des Grafen von der Groeben stand.

Von hier entstand nach Osten parallel zur kanalisierten Düssel eine neue Straße (nach Goltstein benannt), die zweigeteilt war. Der östliche Teil (ab Bleichstr) ging dicht bis an die Düssel, der westliche Teil ließ bis heute einen Gartenstreifen zwischen sich und der Düssel (heute hinter dem Schauspielhaus).
Die westliche Goltsteinstraße wurde 1970 zur August Thyssen-Straße, die im rechten Winkel nach Süden die alte Victoriastr ablöste. Sie wird sehr bald "Ingenhofental" heißen.
Das heutige Dreischeibenhaus ist das alte Friedrichsbad. Dahinter, östlich der alten Victoriastraße entstand 1960 das SCHAUSPIELHAUS auf den Trümmergrundstücken der Goltsteinstraße 2-10.

Frisch, fromm, fröhlich, frei

In diesem Viertel gab es auch Vergnügungen der nicht so hochgestellten Klasse, z.B. Konditoreien mit Tanz und es gab den allmählich heranwachsenden Sport, eine englische Geschichte, als Turnsport zunächst den höheren Klassen vorbehalten. Dann aber erkannte man im preußischen Düsseldorf den militärischen Nutzen und so wurde die Leibesertüchtigung für alle verordnet.

1820 hatte Berlin noch Gymnasiasten von Turnvater Jahn als Vorturner nach Düsseldorf geschickt. Ein öffentlicher Turnplatz lag im neuen Hofgarten an der Kaiserstraße.

Und der Haifisch hatte Zähne…

Die Grundstücke der Logengasse gehörten dem Immobilienhai Hüllstrung. Er besaß ganze Straßenzüge am Wehrhahn. Eine Gasse hieß zeitweilig sogar "Hüllstrunggasse". Gut, dass der aggressive Judenhasser wieder aus dem Straßenverzeichnis entfernt wurde. Es klingt wie eine Ironie der Geschichte: Er, Hüllstrung, der provokante Antisemit wurde auf seinem Terrain ersetzt durch zwei Literaten mit jüdischen Wurzeln: Ludwig Börne und Heinrich Heine.

Gezänk zwischen Bäckern

Die Hüllstrunggasse führte zum Friedrichsbad und zum Groebenpalast, aber sie führte auch zum Café des Konditors Hansen. Hansen besaß einen Garten am Ende der Hüllstrunggasse (Logenstraße) östlich des Friedrichbades. Sein Rivale, der Hofkonditor Becker besaß den größeren Garten am Flinger Steinweg (später: Tonhalle).
Hansen gehörte auch ein Café im benachbarten Hofgärtnerhaus. Becker, später Geisler, besaß sein Café auf dem berühmten Ananasberg im Hofgarten. Nur einige hundert Meter voneinander entfernt, bekriegten sich nun beide mit lauter Blasmusik. Gartenmeister Maximilian Weyhe, der eine Zeitlang im Hofgärtnerhaus wohnte, suchte entnervt das Weite.

Wie kommen nun die armen Pänz vom „Klompe-Gymnasium“ in dieses vornehme Viertel?

Um 1870 wurde die "Städtische Turnhalle" in den Hof zwischen Goltstein- und Schadowstraße gesetzt. Für die Volksschüler aus der Lambertusschule (scherzhaft „Klompe-Gymnasium“) war das ein langer Weg. Denn sie mussten von ihrer Schule auf der Lambertusgasse (später Lambertusstraße) bis zur Turnhalle laufen. Lederschuhe für arme Kinder gab es damals noch nicht. Und so knallten ihre Holzschuhe (Klompe) auf das Pflaster der Schadowstraße. Es war eine sonderliche Musik.

Vielleicht sangen sie auch eins ihrer Lieder. Das folgende Lied entstand vielleicht später.
Der Text ist auch eher etwas für ältere Jonges.

"Mir sin alles Düsseldorfer Jonge
wer wat will, der soll nur komme.
Knüppel in dä Täsch, Schabau in dä Fläsch,
und wenn wir keinen Knüppel hann,

dann haun mer  mit dä Fläsch."

Autor: Dieter Jaeger / Redaktion: Bruno Reble / © Geschichtswerkstatt Düsseldorf 2020 / Hyperlinks: wikipedia

Donnerstag, 20. Februar 2020

Medienhafen - PIER ONE

Über sieben Brücken musst Du gehen!

Es könnten auch mehr als sieben sein, zählt man die vielen Überführungen hinzu von Haus zu Haus und von Becken zu Becken. Der Düsseldorfer Medienhafen wird mehr und mehr zum Brücken Event.

Eine Pier ist dabei eine Plattform, die normalerweise als Anlegestelle für Wasserfahrzeuge dient. Und PIER ONE, das jüngste Baby vom windigen Christoph Ingenhoven, ist ein geplanter Pfahlbau im Hafenbecken am Ende der Kesselstraße. Die Verbindung zur gegenüber liegenden Weizenmühlen- und Speditionsstraße soll über neue Brücken erfolgen.

Mit zwei Mühlen fing alles an

Die ursprüngliche Brückenfamilie begann an der alten Schneidmühl (Hammer Straße / Erftplatz) und endete an der Weizenmühle von Plange, ein Markenzeichen des Hafens seit der Entstehung ab 1896. Hafen¬direktor Zimmermann favorisierte damals liquides, leicht umschlagbares Gut und das Getreide gehörte dazu.

Beide Mühlen waren einst die bekanntesten auf der Lausward. Das Sägewerk Schneidmühl aus dem 18.Jahrhundert markierte als Treidelstation das Übersetzen von links nach rechts, weil es linksrheinisch Richtung Neuss zu viele Inseln gab und weil links der unbefahrbare Prallhang begann. Die Schneidmühl gehörte den Jesuiten, was nicht viel half, denn sie wurde mehr und mehr zur Räuberhöhle. Heute sitzt hier die Räuberhöhle EIGELSTEIN, wo das falsche Bier getrunken wird.

Vom Erftplatz via Zollhof zum Ueckerplatz, Strecke im neuen Fenster s. goo.gl/maps/T8V3YoXcQtHysWy46

Rechts schaut man auf das GRAND BATEAU, das große Boot, wie es à la Titanic im Meer versinkt. Links zelebrierten Petzinka & Pink, bevor sie berühmt wurden, in großer Glashalle mongolische Bruzzeleien. Auf dem Ueckerplatz findet man Sitzbänke und Kieselbelag, was an das Kiesbett des nahen Rheins erinnern sollte. Doch damit versaute der Künstler Guenther Uecker den „High Heels Damen“ ihre Schuhe. Daraufhin ließ das Ordnungsamt den Platz kurzerhand asphaltieren, was zu geharnischten Protesten und Drohungen des Künstlers führte.

Das Ende der Posse

Die Stadt Düsseldorf knickte ein und ließ den asphaltierten Platz für teures Geld wieder verkieseln.
Das erste Haus im Medienhafen (von den Architekten Beucker / Maschlanka) bekam mit dem GATZ auch die erste Bar und das vornehme Restaurant RIVA. Später im ROOM bei Filmbällen (mit Gudrun Landgrebe) versuchte auch der Verfasser, als Klein-Dieter hinein zu gelangen. "Sorry, house music", schnarrte es am Eingang. Antwort: "Ich spiele Blockflöte!" Amüsant, aber nix zu machen.

Kaistr.16: Der teure BERENS AM KAI ärgerte sich über den abfälligen Namen "Kunstsilo". Sah allerdings genauso aus. Da half auch nicht der berühmte Architekt David Chipperfield mit seinem Bürohaus aus Waschbeton und Immendorffs Bronze-Skulptur „Hans Albers mit der Zieh-Harmonika“.
Bei der ersten Brücke, der LIVING BRIDGE dachte man wohl auch an den PONTE VECCHIO in Florenz oder PONT NEUF von Paris. Ja, darunter machen wir es nicht und ein Haus mit dem schönen Namen LIDO:

Für Verliebte nachts ein Paradies

Die Brücke führte 2003 zur Sensation MONKEY ISLAND: 4 Euro Eintritt, der Cafe 3,50. Aber dafür gab es hübsche Mütter mit Babys und Sandburgen, Sylter Strandkörbe, ein Affendenkmal und Bob Marley sang seine Lieder. MONKEY ISLAND musste später dem HYATT Hotel weichen, lebte lange weiter am Graf Adolf Platz.

Ein ziemlich unbekannter Architekt Holger Rübsamen bekam 1990 den 1. Preis, weil er die Speditionsstraße nach Westen abschloss: bis hierhin und nicht weiter. Den Vogel abgeschossen hat allerdings das Architekturbüro Petzinka Pink und Partner. Petzinka plante zwei Wohntürme mit dem schönen Namen "Königskinder" und begehrlichen Durchblicken nach Westen zur Kessel -und Weizenmühlenstraße. Die königliche Namensgebung war gestützt von zwei Skulpturen des Künstler Markus Lüpertz, die auf dem Dach der Hochhäuser stehen sollen. Ihr Schicksal ist noch offen. Vielleicht droht den "Königskindern" des Hafens das gleiche Schicksal wie den Protagonisten der Volksballade: „sie konnten beisammen nicht kommen, das Wasser war viel zu tief“ und letztendlich scheiterten sie mit ihrem Versuch, die Hindernisse zu überbrücken.

Weiter, immer weiter

PIER ONE verbindet Speditions-, Kessel- und Weizenmühlenstraße. Weil die Kesselstraße zu kurz ist, muss ein Pfahlbau her und für die Schiffe wird es eine Drehbrücke geben.

Ich setze mich noch einmal am Erftplatz auf die Terrasse von HANS IM GLÜCK. Als er noch OP DE ECK hieß, hatte der Besitzer Schiffsdeckstühle aufgestellt. Es war 1980 und es gab noch keinen Medienhafen. Hier konnte man im Liegen wunderbaren Café genießen, in der Nase den Öl Geruch des schmutzigen Industriehafens spüren und im Hintergrund, ganz weit im Westen, die Sonne, wie sie unterging:

Das Leben ist schön!

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Autor: Dieter Jaeger  /  Redaktion: Bruno Reble  /  © Geschichtswerkstatt Düsseldorf 2020