Montag, 31. Mai 2021

"Übrigens gefall ich mir prächtig hier"

Felix Mendelssohn über seine Zeit in Düsseldorf

Sein Denkmal stürzte zweimal: von den Nazis wurde es aus anti-semitischen Gründen demontiert und 1940 für Kriegszwecke eingeschmolzen. Dann 2012 eine Rekonstruktion, die aus statischen Gründen wieder abgebaut werden musste, wegen der ungesicherten Aufstellung im Sumpfboden des ehemaligen Mühlenteichs LANDSCRON. Heute wird es zum dritten Mal (gesicherter) aufgestellt.

Da schaut er nun auf die Mühlenstraße, die Urstraße Düsseldorfer Musik… de.wikipedia.org/wiki/Datei:D%C3%BCsseldorf,_Felix_Mendelssohn_Bartholdy_Denkmal_(2012)_(1).jpg

Jan Wellem nutzte das alte Komödienhaus aus Zeiten von Wilhelm dem Reichen. Dieser ließ 1585 für die Hochzeit  von Jacobe von Baden ein weiteres Theater im Freien in Pempelfort bauen, das war die gedachte Verlängerung der Mühlenstraße.

Schon die Griechen kannten Drama, Lyrik und Epik

Beim Drama unterschieden sie zwischen Tragödie für den Adel und Komödie für das Volk. Tanz, Musik und Gesang gab es bei beiden, eine Art Umzug mit Gesang. Die Komödie mit „happy end“ war populärer. Das Wort steht schließlich für Theater schlechthin. Das erste Theater in der Mühlenstraße hieß "Komödienhaus", ebenso das zweite am Markt. Theaterhäuser sind oft Komödienhäuser wie die „Comedia dell‘ arte“, die italienische Berufsschauspielkunst in Venedig und Neapel oder dieComédie Française“ in Paris, das berühmteste Theater überhaupt.

Komödie kommt von "Komos" = Singende Prozession für Dionysos, den Gott der Liebe, das lieben die Leute. Theater vor und auf der Bühne, vor der Bühne oft lustiger als das jeweilige Stück. Die Moucheurs traten in Aktion. Dies war ein alter Theaterberuf (vor Erfindung des Gaslichts); ihre Aufgabe, die Kerzen zu schnäuzen und Faxen zu machten. Die Rampensäue versuchten, dagegen zu halten. Das Licht kam von unten an die Rampe und verzerrte ihre Gesichter zu Fratzen. Das Parkett der Zuschauer musste eingezäunt werden (wie ein parc), sonst wären die Unterschiede verwischt worden.

Theater war Volksbelustigung

Erst die Oper macht es wieder salonfähig. "opera in musica" nannten die Italiener ihre "Musikwerke". Italien kehrt zu den Griechen zurück. Theater, Musik, Tanz, Tragödie und Komödie vereint, wie bei Shakespeare.

"Hofoper" nannte der Kurfürst Jan Wellem jetzt sein Haus, das alte Komödienhaus in der Mühlenstraße. Damit wird es von der Volksbelustigung abgegrenzt. Händel kauft hier seine Kastraten. „Lully“ wird für Deutschland uraufgeführt. Philipp Wilhelm, der Vater von Jan Wellem hatte für Theaterfeste den Hofgarten dazu genommen und zehn Pferde zwei Jahre lang trainiert, "damit sie artig tanzten".

Immermann nimmt das verlachte Haus am Markt und macht daraus seine "Musterbühne", der Oper ebenbürtig. Die Oper brauchte er nicht mehr, auch Felix Mendelssohn mag sie nicht. Allerdings verdankt er ihr seinen Weltruhm mit der "Ouvertüre zum Mitternachtstraum", ein Jugendstreich geschrieben als Siebzehnjähriger. Im Komödienhaus am Markt spielen beide natürlich auch 'Opern`.

Wenn die Ratinger die Straße der Kunst ist, so ist die Mühlenstraße die der Musik. 150 Jahre lang wurde hier musiziert: von 1559 bis 1720. Die Musiker Jan Wellems bilden den Grundstock der berühmten Mannheimer Schule. Das Haus (heute Säulen-Eingang zum alten Amtsgericht) wird später die Residenz.

Wegen der Düssel nennt man den Weg auch Straße des Pferde-Marstalls und des Tummelhauses (Reitschule), Militär also und Regierung, eine Sackgasse, geschützt durch eine Bastion. Der vorletzte Kurfürst Carl Theodor macht dann aus der Straße, gestützt durch die Jesuiten, eine Universitätsstraße (Theologie, Juristische Akademie, Collegium Chirurgicum).

Sie diente immer höheren Zwecken, daher kann hier keine Kneipenszene entstehen. Der Altstadtherbst 2004 ließ noch einmal im großartigen Foyer des Gerichts die alte Herrlichkeit erstehen. Im Keller, wenn man Glück hat, steht noch das Tor zur Residenz.

Felix sieht von seinem Denkmal auf eine große Tradition

Im September 1833 nimmt Schadow ihn in seine Wohnung "Goldener Helm", Flingerstr.1, nur ein Katzensprung bis zum Theater. Dort stand Jan Wellem hoch zu Ross und ein hässliches Gebäude, das man 1749 zu hohem Besuch aus dem großen Gießereihaus des Grupello gebaut hatte. Überall Jubelsprüche:

"Steh auf, steh auf, betrübtes Herz / das Seufzen und der lange Schmerz /
hat ein beglücktes End genommen / der Theodor ist angekommen"

Aber er ging gleich wieder, der Carl Theodor. Auch das Theater ging dahin. Überschwemmungen hatten es mürbe gemacht, "ein nichtswürdiges Lokal, man wusste nicht, was man unter den Füßen hatte, alter Boden oder reiner Müll, einmal bricht ein dicker Mann mit seinem Bein durch den Boden der Loge, eine Dame darunter fällt in Ohnmacht vor Schreck über den dunklen Körper, der so plötzlich über ihrem Kopf hängt..." (Immermann)

Immermann und Mendelssohn, zwei Genies, das geht nicht gut. Der 24 jährige Felix war schon ein Weltstar, der 37 jährige "Intendant" fing gerade erst an. Für die Oper brauchten sie einander.

Düsseldorf um 1830

selten sah man in einer unbedeutenden Provinzstadt so viele Stars aus Malerei, Musik und Dichtung. Personen in hohen Stellungen unterstützten das Ganze, bildeten den "Düsseldorfer Musikverein".

"Neulich kam ich nach Hause, auf dem Schreibtisch zwei Stühle, der Ofenschirm lag unter dem Klavier, im Bett lagen ein paar Stiefel, Kamm und Bürste: Bendemann und Jordan hatten mir das als Visitenkarte hinterlassen, so sieht es im Düsseldorfer Musikwesen aus"
Häuser und Zimmer lagen ebenfalls dicht nebeneinander: "meine Nachbarin, die ihr Klavier an die Wand neben der meinigen gestellt hat (…) immer dieselben Fehler macht, auch wenn ihr Lehrer die richtige Note 17mal nacheinander anschlägt"

Quelle: musikverein-duesseldorf.de/felix-mendelssohn-bartholdy-43/

Lustiges Treiben am Rhein

Mendelssohn war kein Freund von Traurigkeit und empfand seinen Aufenthalt in Düsseldorf als ungemein angenehm.
"Hier geht es jetzt lustig her, und neben jedem Mummelack am Himmel hängt eine Geige, d.h. er hängt ganz voll".
"Die Königin von Bayern habe ich gesehen, aber nicht in Galla, sondern ich saß im Kahn, und wollte nebst zwei anderen eben in den Rhein springen, da kam sie auf ihrem Dampfboot an; - da wir nun alle keine Schwimmhosen hatten (…) so sprangen wir à tempo ins Wasser (…) und besahen von da alle Zeremonien…"
"Aber heut ist Kirmeß, das heißt, ganz Düsseldorf trinkt Wein, nicht als ob‘s das nicht jeden anderen Tag auch thäte, aber es geht spazieren dabei (…) es wird getanzt (in der gräßlichen Hitze) und gejubelt und sich betrunken, und wilde Tiere gezeigt (..) und Waffeln auf offener Straße gebacken. Als neugieriger Zuschauer muss ich noch spät abends hin, jetzt aber erst mich etwas in den Rhein stürzen mit vielen Malern…"

Quelle: Felix Mendelssohn Bartholdy, Briefe aus den Jahren 1833 bis 1847, bei books.google.de

Die riesigen Chöre und Orchester (oft mehrere hundert Teilnehmer) bestanden hauptsächlich aus Laien. Militärmusiker wurden hinzugezogen. Disziplin war neu.

"Herr George stört durch auffälliges Niesen in der gestrigen Vorstellung". Herr George wehrt sich.
"Ich erlaube mir zu fragen, wem es nicht widerfahren ist, durch Schnupfen zu niesen, ob das deshalb strafbar ist?"
"Beim <Glücklich allein ist die Seele, die liebt> hab ich eine Partitur entzweigeschlagen, vor Ärger über die dummen Musici, sie prügeln sich gern im Orchester" musikverein-duesseldorf.de/felix-mendelssohn-bartholdy-33/  Schumann wird später an dieser Disziplinlosigkeit zerbrechen.

Zwei Bäcker kämpften in der ersten Zeit der Preußenherrschaft um die Backhoheit in Düsseldorf, der eine erträumt aus seinem Garten die spätere "Tonhalle", der andere (viel später) aus seinem Park das "Schauspielhaus". Der Flinger Steinweg (heute Schadowstraße, damals „janz weit draußen“) war der bevorzugte Bereich der Düsseldorfer Gartenwirtschaften.

Die Niederrheinischen Musikfeste entstehen

Das erste Fest dieser Art unter Burgmüller fand 1818 noch im Schloss statt, später dann in Beckers Garten, eine Art Bretterbude mit Zeltdach am Flinger Steinweg. 1851 singt hier Jenny Lind, die "schwedische Nachtigall". Es war August und heiß, nur mit Mühe überredet sie die Freundin Clara Schumann. Dann wurde gezaubert. Um ihr Podest, unter Blumen versteckt, ein Haufen Eisblöcke, über ihr im Zelt ein Loch mit Windfang, so dass noch der kleinste Hauch ihr Haupt umspielte.

Die großen Pfingsttage der "Niederrheinischen Musikfeste" finden hier statt, eine Idee des Organisten Schornstein aus Elberfeld, im Wechsel mit Köln, Elberfeld, später auch Aachen. 1833 dirigiert Mendelssohn so bravourös, dass er sofort als Musikdirektor engagiert wird. 1835 verlässt er vorzeitig Düsseldorf, um Chef des weltberühmten Leipziger Gewandhausorchesters zu werden. Die Musikfeste dirigiert er weiter, auch in Düsseldorf.

1863 kauft die Stadt die Bruchbude und macht daraus die spätere "Tonhalle" mit Kaiser- und Rittersaal.

Die "Musikfeste" machen Düsseldorf zum kleinen Leipzig. Bis 1957 wirken hier berühmte Leute: Schumann als Chef, Lortzing singt mit, der Komponist von Zar und Zimmermann. Mendelssohn hat Händel und Bach und eigentlich auch Shakespeare neu entdeckt. Er gründet 1842 das allererste Konservatorium. Er war der "Mozart des 19. Jahrhunderts". (Schumann)

Mendelssohn wie auch Heine wurden jüdisch geboren und später protestantisch getauft. Das war ihr "billet d´entrée" in die Gesellschaft, so hat es Heine formuliert. Der christlich preußische Name Bartholdy wurde einfach angehängt.

Dem „tumben Germanen“ Richard Wagner gefällt das nicht. Er schreibt 1850 ein erbärmliches Pamphlet: "Das Judentum und die Musik" und prägt damit bestimmte intellektuelle Kreise (bis heute).

Ich mag Wagner nicht, ich mag Mendelssohn!

Autor: Dieter Jaeger  |  Redaktion: Bruno Reble  |  © Geschichtswerkstatt Düsseldorf 2021
Weitere Infos bei de.wikipedia.org/wiki/Felix_Mendelssohn_Bartholdy

Samstag, 1. Mai 2021

Joseph Beuys – ein „enfant terrible“ der Kunstakademie Düsseldorf

Wie braun war Beuys? fragte dieser Tage die ZEIT. Rot war er sicher nicht, auch nicht richtig grün, vielleicht schwarz? Oder ein Phantasievogel wie Karl May im "Wilden Kurdistan" mit der Kriegslegende von Krim-Tataren, die ihn nach einem Absturz angeblich mit wärmendem Filz geheilt haben sollen? 

Eher war Beuys ein Wirrkopf, jedenfalls nach Meinung von Nobelpreisträger Günter Grass, Studienkollege an der Kunstakademie nach dem Krieg: „Lief auf Jesuslatschen und war anthroposophisch angehaucht (…) ein umgänglicher Typ. Aber wenn er anfing über Philosophie zu reden – ein Stuss!“

Auf jeden Fall war Beuys ein Natur-Schwärmer, der Bäume umarmte, damals schon. Seine Werke sind Legion, seine Hasser oder Bewunderer ebenfalls. Er passt in keinen Katalog und reiht sich ein in die Reihe der "schrecklichen Kinder".

Die Welt liebte ihn, gabt ihm ihre besten Museen, in Canberra z.B. ein ganzes Haus. In Düsseldorf erinnern an ihn eher skurrile kleine Objekte: das Ofenrohr, der Eichenbaum, die Fettecke, das blaue Fenster(seien Sie nett zu der Dame in der Andreasstraße, dann macht sie das Licht an). "Dritter Saal rechts, Kopf nach rechts und wieder raus", der Cerberus gibt nur ungern den Schlüssel. Beuys war zur Touristenattraktion geworden. Der Kutschenfranz erzählte gern Geschichten über die Kneipen, in denen er verkehrte: "Bobbys Schnapsbude" z.B. oder den "Ohme Jupp".

Wir sind in der Kunstakademie angelangt, jenem stolzen Renaissancebau der falschen Renaissance auf dem Eiskellerberg, in dem es kein Eis mehr gibt, auf dem Hafenufer ohne Hafen, im prächtigen Haus ohne Haupteingang. Es ist ein Gebäude der "alten Männer", eine "Kunstrumpelkammer" der "Wolfsschluchtromantik", eine "Versorgungsanstalt für Professoren". Man malte neckische Genrebilder und Tiere: Kunstakademie ohne Kunst. Gewerbe kommt auf. Das Kaiserreich verlangte Schlachtenbilder. "Abschaffen!" hieß es 1919 nach sinnlosem Gemetzel und verlorenen Schlachten.

„50 Pfennig Eintritt“ stand im Baedeker als Abgesang, um die Reste der Sammlung von 1805 zu sehen. Die "Reste", das war allerdings Gewaltiges. Es waren die Reste der nach München 1805 abtransportierten Gemäldegalerie Jan Wellems.

Kunst kommt aus Düsseldorf

hieß es schon 1709. Die Sammlung von Kurfürst Jan Wellem war eines der ersten Museen Europas überhaupt. Hinter den hohen Fenstern des Ostflügels der Galerie, dem letzten noch heute existierenden Rest, sind sie alle gewesen, die berühmtesten Geister im 18.Jht: Goethe brauchte nur über die Straße zu gehen, wenn er im "Prinz von Oranien" vom Frühstückstisch aufstand. Wir Nachgeborenen landen bei diesem Unternehmen allerdings im "Pissoir", vielleicht um dort über die Vergänglichkeit der Kunst zu reflektieren.

Der erste kritische Katalog eines Museums stammt von Pigage: 500 Gemälde, darunter Raffael, Michelangelo, da Vinci, Dyck, Brueghel und vor allem 40mal Rubens, dessen Bilder ihm sein Großvater Wolfgang Wilhelm, der mit dem Meister befreundet war, vererbt hatte.

Akademien waren "in". Alle eiferten der Pariser "Ecole des Beaux Arts" nach und natürlich der ersten Akademie überhaupt: der Medici Akademie in Florenz 1563. Krahe hatte dies verstanden. Goltstein, feindlich gesinnt, wirft ihn aus dem Grupellohaus (1766-69). Krahe bekommt für seine 15 Schüler ein Zimmer im Marstall von Waffenschmied Bongard auf der Mühlenstraße, dann ein Gebäude Ecke Hafen / Akademiestr, dann ein elendes Zimmer im Franziskanerkloster, zuletzt das Schloss (1819-1875), also endlich dort, wo der Ruhm angefangen hatte. Erst 1830 heißt es wieder: "Kunst kommt aus Düsseldorf"

"Wir waren Weltklasse"

heißt es in der Ausstellung "Düsseldorfer Malerschule" von 2011 und das waren sie auch. 4000 Maler und Malerinnen in vier Generationen aus aller Welt. Und in alle Welt ging auch ihre Kunst. "Washington überquert den Delaware" hängt im Kapitol, ein Heiligtum. Die Statisten stammen aus der „Retematäng“.

Die Hippies aus Rom, die ersten "schrecklichen Kinder" Cornelius und Schadow, langhaarig wie Jesus, "Nazarener" oder "Insassen Jerusalems", aber keusch waren sie nicht: "Nie sah ich einen göttlicheren Oberleib“ (ein Zeitgenosse über die italienische Ehefrau von Cornelius). Düsseldorf war die "Aula Italiens", der romantische Vorhof zum Paradies.

Die Rivalen Dresden, München, später Berlin (alles Residenzen) werden überflügelt, vor allem auch, weil sich Genies aus Literatur und Musik anschlossen (Grabbe, Mendelssohn Bartholdy) Party am laufenden Band. "Wenn ich davonschleichen wollte, fasste mich Gräfin Haak und ließ mich nicht mehr los" (Uechtritz).

Schadow wurden im "Goldenen Helm" Ständchen gebracht, Wilhelm Busch und Anselm Feuerbach vielleicht dabei. Thoma, Böcklin, Friedrich, Modersohn waren alle Düsseldorf Schüler. Dem Wunderkind Mintrop, der die meisten Heiligenbilder malte, gab man später die unheiligste Straße. Das andere Wunderkind Rethel, der den Tod malte, bekam später die Straße des bezahlten Lebens, den Puff.
Revolution - 1848 / 49 ! 

Vorbei mit der Kirchen- und Bibelgeschichte, vorbei auch mit Germanien. Die Maler sind vorne dabei: Hübner, auch Lessing, Hasenclever, Heine, Schroedter, Leutze. Von den 66 Offizieren der "Bürgerwehr" waren 11 Maler. Einer von ihnen, der Polnische Adlige Ludwig von Milewski wird bei Barrikadenkämpfen auf der Hunsrückstraße von Preußischem Militär erschossen.
Aus "Hansens Penn" Ratingerstr.3 wird der "Malkasten", eine Art "Apo" der außerakademischen Malerei. Die letzte Phase der Malerschule, die Landschaftsmalerei (Schirmer, Achenbach) wird zunehmend kritisch, sozial, engagiert.

Der rebellierende Malkasten wird schnell satt, aus den harmlosen Sommer- und Winterfesten wird 1877 das preußische "Kaiserfest". Auf dem Höhepunkt des Ruhms 1875, als die Akademie gebaut wurde, war eigentlich schon alles vorbei. "Akademisch" war jetzt ein Schimpfwort: erstarrt, verzopft, verregelt.
In den letzten Jahren der "Schule" bis 1819 entstehen aber auch die Brotgeber, die Vereine (1829 als Pionier der "Kunstverein"), die Ausstellungen, die Museen. Die später verachteten Direktoren der Akademie (Janssen, Gebhardt, Roeber) waren die Organisatoren. (1874 Kunsthalle, 1913 Kunstpalast, 1928 Kunstmuseum). Sie haben auch unsere Kirchen geschmückt und große Denkmäler gebaut.
Die verschlafene Akademie wacht auf. In Dresden hatte man schon 1905 "Die Brücke", in München 1908 den "Blauen Reiter", in Köln 1912 den"Sonderbund". Aber dann eine Explosion der vergessenen Generation.

1919 Junges Rheinland

und wieder wird Düsseldorf die Nummer eins mit dem Ruf "Kunst kommt aus Düsseldorf".
Angefangen hatte es mit einer Bäckersfrau und Kaffee und Kuchen in der Ratingerstr.45, wo einst Immermann in Liebeslust mit der so viel jüngeren Marianne starb. Ihr Name: „Mutter Ey“, wie sie in Künstlerkreisen genannt wird. Sie schart Genies um sich: 1910 zuerst Pankok und Wollheim. Johanna Ey ließ anschreiben und nahm Gemälde an. Im Krieg verkaufte sie ihre Sammlung für 500 Mark und zog 1916 um die Ecke zum Hindenburgwall 11 in ein Zimmer für 35 Mark Miete im Monat. Zunächst ein Bilderladen der üblichen Art. 1919 räumte sie ihr Schaufenster und war von nun an "Neue Kunst, Frau Ey". Besucher: Ringelnatz, van der Velde, Brigitte Helm, Lilian Harvey. Sie wurde der Mittelpunkt der "schrecklichen Kinder" Adler, Kaufmann, Lauterbach, Eulenberg, Clarenbach, Uzarski, Pudlich, Schwesig, die Weltstars Otto Dix und Max Ernst.

"Am nächsten Tag Johlen, Schreien, als ob jemand ermordet worden war"(Ey). Rechte Kreise protestieren unter dem Vorwand des "gesunden Volksempfindens". 1933 wird man Rübsams "Infanterie 39" zerstören. "Entartete Kunst", die Nazis ermorden später Monjau und Ludwigs.

Nach dem Krieg geht es hier weiter. Wilhelm startet1957 die "Gallerie 22" in der Kaiserstr 22 im 3. Stock eines Kaufhauses. Mit dem genialen Hoehme (Gruppe 53) entdeckt die "übersprungene Generation", "Informel" und "Tachismus". Schon 1948 hatte Doede England, Niederlande, Frankreich näher gebracht, 1950 lädt er Henry Moore ein, 1953 kommt Amerika mit Pollock.

1957 das entscheidende Jahr

Alfred Schmela wird Nachfolger der "Mutter Ey". Gut, dass sie zusammen sind in der winzigen Straße. die ihren Namen trägt. In einem gesichtslosen Viertel laden Piene und Mack zu ihren "Abendveranstaltungen" ein. Uecker stößt dazu.

ZERO war geboren. Uriger wird es 1967 im alten Malerviertel, im "Cream Cheese". Hinter der Theke Moora, so schön, wie das "Ey" immer sein wollte .Man brauchte nicht in die Portobello Road nach London zu fahren, nicht zu den Existenzialisten am Boulevard Saint Germain in Paris oder ins Studio 54 nach Manhattan. Sie waren alle hier: in der Neubrückstr.12.

Tinguely aus der Schweiz, Fontana aus Italien, Yves Klein aus Frankreich und der berühmteste: Andy Warhol.  "Cream cheese", hatte Zappa gerufen und die blauen Laserstrahlen riefen weiße Fusel auf unseren Anzügen hervor und falsche Zähne. Das Lokal war so berühmt. dass es Stück für Stück ins Kunstmuseum wanderte, eine "Kneipe ohne Bier".

Beuys ist nicht vom Himmel gefallen." Fluxus" war schon da. Die Zero Künstler schwärmten von der Bewegung, von den Griechen: "Alles fließt". Auch der Schabernack: 1963 bildete Gerhard Richter mit Freund Lueg "Lebendige Skulpturen" im Möbelhaus "Berges" in der Flingerstraße.

"Fluxus" ein medizinischer Ausdruck für "Dünnschiss"

Es fließt schnell durch die Kunstwelt: "a pain in the ass" von dem Litauer Maciunas in Manhattan gegründet, "Dada" ein Schock, dann im Februar 1963 ein 2 Tage "Festum" in der Aula der Akademie. Beuys als Organisator. Wilhelm hält die Rede, Musiker Nam June Paik, Wolf Vostell, Spörri, Schmela (fehlte nur Ono und Lennon). Hier entsteht der Hase, weil Beuys keinen Hirsch auftreiben konnte, statt Hut eine richtige Melone, und jetzt unappetitlich: die Unterhosen der Alison Knowles im Publikum, der Pinkelwettbewerb. Nun ja, als später Beuys die Geige Paiks zertrümmerte, fand dieser das nicht mehr so lustig.

Beuys fiel in die 68er, eine verrückte Zeit, der Sex explodierte in alle Richtungen, die Popmusik auch, Kamele fand man im Lift der Akademie. 1972 wurde Beuys als Professor fristlos entlassen. Dies geschah nach einer Serie von Konfrontationen und Provokationen auf Anordnung des damaligen NRW-Wissenschaftsminister Johannes Rau". 1973 wurde er in einer spektakulären Aktion heimgeholt" (genau 200 Jahre nach Entstehung der Akademie1773) und zwar im Einbaum von seinem Meisterschüler Anatol über den Rhein. Auf dem Bild steht er vorne, wie einst George Washington am Delaware, der Kämpfer für Unabhängigkeit und Freiheit.

Josef Beuys und was nun?

fragte 1980 Helga Meister in ihrer exzellenten Übersicht "Kunst in Düsseldorf". Keine Bange.
Wieder hat Düsseldorf die wohl beste, zumindest berühmteste Akademie: eine Phalanx weltberühmter Namen (einige heute schon tot): Gerhard Richter, June Paik, Siegmar Polke, Klaus Rinke,Tony Cragg, Markus Lüpertz, Jörg Immendorf, Katherina Fritsch, Katherina Sieverding...

Die Einheimischen sind in dieser Erkenntnis ziemlich ungerührt. Die Rheinische Post in ihrer 75 Jahre- Ausgabe vom 19. April 2021 erwähnt die Kunst mit keiner Zeile.
Lore Lorentz (sinngemäß wiedergegeben) "Das Schöne am Düsseldorfer ist, dass er gar nicht weiß, wie berühmt seine Stadt ist (…) und wenn er es wüsste, würde es ihn nicht sonderlich berühren."

Heinrich Heine als großes Vorbild hielt es ähnlich. Er kam immer vom Feierlichen schnell zurück auf die Erde. Nach seinem stolzen Satz "ich bin des freien Rheins noch weit freierer Sohn" folgt ein heiterer Schluss:

"Ich bin geboren am Ufer jenes Stroms, auf dessen Hängen die Torheit wächst."


Autor: Dieter Jaeger  /  Redaktion: Bruno Reble  /  © 2021 Geschichtswerkstatt Düsseldorf

Freitag, 26. März 2021

Hurra, ich werde geimpft!

Mein Termin 12. März 2021 im Rheinstadion

Das Taxi ist schon da. Schnell noch einen Schluck für die Reise. „Ohrstöpsel nicht vergessen!" ruft meine Frau. „Wieso“, frage ich, „seit wann braucht man zum Impfen ein Hörgerät?". Egal, die zwei Brillen sind schon an. "Die Maske!" Die Stimme meiner Frau wird härter.

Der Taxifahrer war enttäuscht. Er war eine Viertelstunde zu früh gekommen, um alles vorzubereiten. Nun kommt da einer nur mit Stock. All die Mühe umsonst.
Egal! Das Großraumtaxi hat Platz für 2 Rollstühle. Für Beifahrer gibt es kleine Stühle an der Wand. Ich bin Beifahrer, Jahrgang 1935, ein Halbinvalide, ein Fast-Rolli. "Ich befestige Sie“, ruft der Fahrer und legt den Spezial-Gurt an. Meine Frau steigt dazu. "Ich habe gelüftet. Sie sind glasisoliert, brauchen keine Maske, nicht erschrecken! Ich starte das Mikrofon."
"Vorsicht, Stöpsel verloren, da liegen 2000 Euro am Boden", sage ich. Maske angelegt, die Ohren knacken, zwei Brillen, das führt zum Konflikt, die Maske gibt den Rest.
Das Großraum-Auto hat viel gekostet, es ist ein neuer Taxiverleih. Er hat gut zu tun, im Gegensatz zum normalen Taxiverkehr.

Kunst oder Gestank?

Wir fahren von Hamm eine gerade Strecke, immer den Rhein hinunter, Richtung Rotterdam, also Rotterdamer Straße, was sonst. Als man sie 1915 so nannte, hatte die Stadt gerade die verschuldeten 6 Stockumer Höfe gekauft. Karl Wach baute die "Neue Kunstakademie" neben die alte Treidelstation Schnellenburg. Alle Wege führten im schrägen Winkel zum Nordfriedhof.
Ins Grenzgelände (Stockum, Wersten) kamen vor 1909 zunächst zwei unliebsame Einrichtungen: die Städtische Reinigungsanlage (zwei Schiffe mit den Namen „Parfüm 1“ und „Parfüm 2“) und am Ende des Stockumer Kirchwegs: die "Cadaver-Vernichtungs-Anstalt" an der Piwipp, am Grenzgraben Vogelsanger Weg.

1925 (die Franzosen waren gerade weg) planten Ärzte die GESOLEI (Gesundheit Soziales Leibesübung) und Hindenburg weihte "Am Staad" das Rheinstadion ein. Man feierte 1000 Jahre " Heiliges Römisches Reich Deutscher Nation". Das gefiel den völkischen Reaktionären.

Die Kunstakademie an der Schnellenburg neben dem Gestank, das ging nicht gut. Den Nazis machte das nichts aus. Die Messe "Schaffendes Volk" wird ihr Prestige-Objekt 1937 mit Fahnenallee zum Hauptgebäude und Sichtachse zum pompösen Schlageter-Monument auf der Golzheimer Heide. Wir passieren das berüchtigte Kriegerdenkmal am Reeser Platz und die ehemalige Nazisiedlung „Schaffendes Volk“.

Nun aber kein Gestank mehr: das Wasserwerk AM STAAD entsteht

Wir biegen rechts ab zur Arena. Das Rheinstadion war früher unser Traum. Im Schwimmbad daneben lagen die schönsten Frauen Düsseldorfs auf den berühmten steinernen Terrassen.
1971 beginnt die Messe und Tamms baut das Stadion um. Fußball Weltmeisterschaft 1974 2:0 gegen Jugoslawien, 4:2 gegen Schweden, Europameisterschaft 1988 Deutschland Italien 1:1; neues Stadion 2004, aber Fortuna sitzt ganz tief im Keller und erreicht nur mit Ach und Krach die 2. Liga.

Düsseldorf besitzt mehrere Arenen, aber es fehlen die Artisten

2012 OB Erwin träumt von Olympia und scheitert. Dafür kann OB Geisel die Tour de France nach Düsseldorf holen: am 1.7.2017 blickt die Sportwelt auf die Messe, den Rhein und die schönen Gebäude der Innenstadt.
Erst heißt es LTU-ARENA, weil der Sponsor aus Düsseldorf kommt, dann ESPRIT, weil das Hippiepärchen Susie und Douglas Tompkins 1968 in San Franzisco selbst genähte Blusen verkauft und ihre deutsche Tochterfirma ESPRIT in Düsseldorf gründet. Der Reigen geht weiter: 2018 MERKUR-SPIEL-ARENA, Heimstatt des bekanntesten Düsseldorfer Fußballvereins, benannt nach der Glücksgöttin Fortuna, genau der richtige Name für ein Impfzentrum.

Wir sind da: das Spiel kann beginnen

Beim Aussteigen klemmt die Tür. "Moment, ich zünde noch einmal"; im Cockpit 20 Knöpfe; "Moment, falscher Knopf". Erst mit der Fensterscheibe funktioniert es, der uralte Trick: von außen die Innentür öffnen.
8 Uhr 40 "Ich binde Sie los. Warten Sie genau hier."
Ich sitze in der Schminkkabine von Madonna, vielleicht wäre auch Lena möglich, der große Paul oder die Rolling Stones? 30 Schalter und Impfkabinen

Über 7 Unterschriften musst du gehen

Insgesamt (einschl. Impfpass) sind 7 Unterschriften notwendig, auch Stempel muss sein.
Am schönsten: der alte Mann, der mich impfte, war älter als ich; sagte kein Wort, war aber blitzschnell. Ich wusste am Ende gar nicht, ob ich geimpft worden war, weil ich wieder die Stöpsel verloren hatte. Hinter der Kabine ein Stuhl. Meine Frau- in der Aufregung eine Zigarette- war irgendwie rausgekommen und hämmerte jetzt an der Glastür hinter mir. Security Leute liefen herbei, in lila und rot waren freundlich und nett, doch die Tür ließ sich nicht öffnen.

Wir gingen schließlich beide nach Hause. Unterwegs eine Wartehalle mit 15 Menschen, aufgereiht im 3m Abstand. Schweigend, die Augen auf den Rhein gerichtet.
Wie die Trappistenmönche vom linksrheinischen Mönchenwerth, dachte ich, die genau an dieser Stelle rübergingen in ein neues Leben. Der Kurfürst Jan Wellem half ihnen, denn er hatte hier eine neue Fähre gebaut.
"Keine Angst", rief der Taxifahrer", die Tür ist ok!" Nein, ich hatte keine Angst. Eine wilde Freude stieg in mir auf.

"Hurra, ich bin geimpft!"

Autor: Dieter Jaeger  /  Redaktion: Bruno Reble  /  © 2021 Geschichtswerkstatt Düsseldorf

Freitag, 19. Februar 2021

Vor Hutnadeln wird gewarnt!

 Vor 145 Jahren: Erste Straßenbahn in Düsseldorf

An einem Sonntag 6. Februar 1876 startete die erste Pferdebahn am Burgplatz. Es gab fünf Wagen und zwei Linien: Nr 1 über Markt-, Flinger-, Mittel-, Kasernenstraße zum damaligen Bahnhof am Graf Adolf Platz. Nr 2 über Markt-, Flingerstraße, Flinger Tor,-Elberfelder-, Schadowstraße zur Tonhalle.

Das Schloss war 1872 bis auf den Turm abgebrannt. Der Schlossturm war nun die einzige Schleife der Bahn, sonst wurden die Pferde am Ende einfach umgespannt. Der Conducteur musste allerdings die Sitzpolster wieder nach hinten bringen, denn hinten war die erste Klasse und nur dort gab es Kissen. Es gab insgesamt 12 Sitzplätze und 18 Stehplätze. Eine Teilstrecke (bis 1200 Meter) kostete zehn Pfennige in der 2. Klasse, in der 1. Klasse fünf Pfennige mehr. Für jede weitere Teilstrecke erhöhte sich der Fahrpreis um fünf Pfennige.

Leisten konnten sich das nur die besseren Kreise, denn die Zeiten waren hart. Ein Tagelöhner verdiente für 12 Stunden Knochenarbeit ca. eine Mark, ein einfacher Lehrer oder Polizeidiener kam auf ein Jahres!einkommen von knapp über 1000 Mark. Ein Ei kostete 5 Pfg, der Liter Milch 20 Pfg, ein Kilo Fleisch 2 Mark.

Es gab nur eine Schiene

Die entgegen kommende Bahn musste in der Linienmitte (Karlsplatz und Flinger Tor) auf einem 2ten Gleis ausweichen. Am Berg (Mittelstraße) wurde ein 2tes Pferd eingespannt.Haltestellen gab es nicht, ein Wink genügte. Das Trittbrett lief um den Wagen herum. Vorne und hinten befand sich ein offener Perron mit Schiebetür zum Inneren. Die Plattform war mit einer Kette gesichert.
An der Außenseite der Wagen hingen bald erste Reklameschilder (meist „Maggi Suppe“). Innen wurde gewarnt vor spitzen Hutnadeln der Damen.

Feste Haltestellen erst seit 1892

Die Sommerwagen waren seitlich offen, die Holzbänke quer, nicht längs und für das schlechte Wetter hatte man eingerollte Segeltuchbahnen, die seitlich herunter gelassen werden konnten.
Weil die Flingerstraße wegen der neuen Festungstechnik seit 1675 zugebaut war, musste man die Mittelstraße oder das Neue Flinger Tor nehmen (heute: Bolker Stern).Das Neue Flinger Tor war ein schmaler Gang (am heutigen McDonald), der 1785 zur etwas breiteren Communikationsstraße erweitert wurde und der erst 1935 zum heutigen Bolker Stern wird. Die Pferde- und Straßenbahnen benutzten also bis 1935 diese Engstelle.

Die Bolkerstraße wurde nie als Bahnstraße genutzt. Immer war es die Flingerstraße, d.h. die uralte Verbindung über die Schadowstr nach Flingern.
Schon die beiden ersten Bahnen von 1876 hatten Farbunterschiede (Nr 1: grün, Nr 2: weiß). Ab 1914 werden für Zielschilder und Signallampen verschiedene Farben eingesetzt: die 18 Urbahnen mit 18 verschiedenen Farben entstehen (die gelbe Sieben, die blaue Eins)

Der Belgier Leopold Boyaert bekam 1876 die Konzession über 25 Jahre eine Pferdebahn zu betreiben. Es war kein reines Zuckerschlecken. Er musste der Stadt einen Kontostand von 100 000 Mark nachweisen, eine Kaution von 120 000 Mark bereitstellen und eine jährliche Konzessionsabgabe an die Stadt zahlen. Die Stadt behielt sich einige Rechte vor, z.B. das vorzeitige Kündigungsrecht und früh morgens die Gleise kostenlos für Müll- und Leichentransporte nutzen zu können. Kostenlos mussten auch städtische Arbeiter und Polizeibeamte im Dienst befördert werden. Am Mittwochnachmittag sollte die Bahn zum Zoo fahren, die Beamten hatten frei. Sonntags bei schönem Wetter war dann die Familie dran.

Natürlich fehlte es nicht an Spott über die „Pädsbahn“

"In Düsseldorf is`it jemütlich, mer han `ne Pferdebahn.
Dat ene Päd dat treckt nit, dat andre, dat is lahm.
Der Kutscher is besoffen, die Deichsel, die is krumm,
und alle paar Minuten da kippt die Kiste um."


Autor: Dieter Jaeger  / Redaktion: Bruno Reble  / © 2021 Geschichtswerkstatt Düsseldorf

Freitag, 29. Januar 2021

Das große Kneipensterben: Altstadt adé?

Ein alter Hase (Jahrgang 1935) erinnert sich: Das Tor zur Altstadt war für uns „Jonges“ die Berger Allee. In den siebziger Jahren starteten wir von dort unsere Touren durch die Gemeinde: von Samstagabend bis in die frühen Morgenstunden.
Die ZICKE an der Ecke Bäckerstraße ließen wir meist links liegen. Hochgestochen, "intellel", wie wir sagten. Und für Kaffee, feine Speisen und leckere Croissants (sogar besser als in Paris) hatten wir an Samstagabenden nicht viel übrig. Da wussten wir was Besseres.

Die ZICKE war einmalig

Erst später entdeckten wir den Charme dieses Bistros. Der erste Besitzer, der die sagenhafte lila Farbe anbrachte, muss ein Franzose gewesen sein oder ein frankophiler Mensch. Und er liebte das Kino und die Kunst. Bei jeder Restaurierung schrien die Fans: “Lasst die Tapete stehen!“ Fast alle meine Lieblingsfilme der Nachkriegszeit hingen da, die großen Kunstausstellungen Düsseldorfs und die Chansons von Jaques Brel und George Brassens.
Der Marmortisch in der Ecke im Hauptraum war mein Lieblingsort. Auf dem Gang zum Klo gab es Geheim-informationen meiner Freundin. Sie verblassten dort ganz langsam, so wie die Liebe verging.

Abgesang auf große Namen

Nur ein winziges Rechteck machte das aus, was man gerne als „Mythos Altstadt“ bezeichnet. Das waren Bolker-, Kurze- und Hunsrückstraße. Und genau hier ist heute die Corona-Tristesse am größten.

Die Bolkerstraße

Wegen des fehlenden Tores war die Bolker- nie eine Durchgangsstraße gewesen. Doch besonders hier entwickelte sich das bunte Leben der Stadt (nicht in der Flingerstraße).
Werfen wir einen Blick zurück in die Glanzzeiten des Amüsemangs: rechts am Eingang der vornehme Edelfisch GOSCH, der hier am schmutzigen Hauptstrom der Fußgänger mitmischen wollte. Der umtriebige Frank Engels besaß auch die KASEMATTEN und die uralte Rockkultkneipe WEISSER BÄR, die danach ENGEL hieß.
Wir bevorzugten den HÜHNERHUGO, mittlerweile gebrandmarkt als leerstehender, gegen Ratten versiegelter "Schandfleck". Die meisten von uns haben hier ihre ersten Pommes gegessen, am Brünnchen wurden die fettigen Finger gewaschen.
Mattes Schumacher war der erste mit einem „Lecker Dröpke“, so wie wir es heute kennen. Im SONNENAUFGANG auf der Citadellstr 12 braute er 1838 sein Starkbier, und zwar „stiekum“ (also heimlich) auf Latten im Keller versteckt. „Latze Stiekum“ sagen wir immer noch.
MAREDO schwamm auf der Steakwelle und geht jetzt unter. Gegenüber auf 2 Etagen der schicke SPITZ: Kaffee auf die Schnelle, später BALTHAZAR.

Geburtsstätte von Heinrich Heine

Eine Pommesbude statt des Herrn von SCHNABELEWOPSKI. Daran hätte der junge Heine seine Freude gehabt. Von hier ging man auch in die lange MATA HARI PASSAGE und sah gefährliche Frauen, die den "grünverschleierten Engländerinnen" im „Buch Le Grand“ ähnlich sahen. Auch das Café "TOM TOM" mit dem fetten Boxerhund war in der Nähe. Der alte Besitzer mit dem schwarzen Lederschlapphut hatte ganz am Ende der Passage einen Heine-Brunnen gebaut. Als alles vorbei war, gingen wir von hier durch eine Tapetentür zum Ort, wo im Hinterhof die Wiege gestanden hatte.
Die Hausbrauerei ZUM SCHLÜSSEL, aus der Gatzweiler-Dynastie, darf ihr gutes Bier nur noch "Schlüssel" nennen und ist mit 85 % Fassbier-Ausstoß ganz besonders von der Krise gebeutelt.
Das riesige OBERBAYERN war berüchtigt für Junggesellen-Abschiede. Im Keller wurde man versöhnt. Hier spielte die schwarze Jazzseele im SOULCENTER. Und man konnte sogar tanzen.
Im Nachbarhaus Nr.35 hat man die Schrift entfernt. SCHWARZER ANKER war vielleicht das wichtigste Haus der Straße. Hier entstand der "Schneider Wibbel".
DER BRANDENBURGER als Hausname für die AUBERGE weist darauf hin, wie tolerant es hier zuging. Die Straße hatte im katholischen Düsseldorf viele protestantische und jüdische Kaufleute.
Die Nordseite der Straße bis zur Mertensgasse ist im Nachkriegs-Trümmermeer einige Meter breiter geworden. Neben dem jetzt offenen Eingang zur Neanderkirche entwickelten sich nur weniger bekannte Lokale (z.B. SAUSOLITO). Früher stand hier der große ZWEIBRÜCKER HOF.
Die DATSCHA allerdings war so verrückt, wie der Besitzer, der Altstadtkönig Mattner. Wir tranken hier in weißen Kutschen aus Zarenkronen. Für Autofreaks hatte er das TÖFF TÖFF. Später tanzten die Teenies im PAM PAM.
Die Bolkerstraße entwickelt nun dichtgedrängt ihren ganzen Charme. Mattner hatte hier sein Flagschiff LORD NELSON auf 3 Etagen mit CAPTAIN’S DINNER und BORDFRISÖR. Aber der eigentliche König der Altstadt war der SPIEGEL.
Mit MADRID begann die spanische Welt des Senor Lopez, dem bald die ganze Schneider-Wibbel-Gasse gehörte: AMIGO, FLAMENCO, PICASSO, SANTIAGO. "Ay, ay, canta y no llorez" sang ich immer, wenn ich dort mit einer Gruppe ankam, dann gab es Rotwein „für umme“. Die Tapas allerdings sind in der COPA Bergerstraße erfunden worden.
MOORAS LOVERS CLUB" saß in der Ecke zur Flingerstraße, zwei Treppen hoch. Auch mit der Liebe hatte es viel zu tun. Die Wibbelgasse war die Glasgallerie des Kaufmanns Hartoch, den man in seiner Bettenabteilung mit einer hübschen Verkäuferin erwischt hatte "Komm, lassens kieke, wat dä Hartoch hätt: 10 fule Eier und ne Weit em Bett".
Das Kino hat die GOLDENE WELT verdrängt: ein Durchgang zum Marktplatz mit mehreren verspielten Kneipen. Die rote Bretterbude links hat den sagenhaften Namen PFERDESTALL, einer der Ursprünge vom WIRTSCHAFTSWUNDER.
BOLKER NEUN war der Gegenentwurf zum Spiegel: ein bisschen wie die harmlosen Beatles (aber mit dicken Schlitten) gegen die ruppigen Stones.

Die Kurze – Straße der „Armen“

Über die Mertensgasse und den Jazztempel PÖTZKE kam man zur Kurze Straße, wieder so eine abgeschlossene Passage: eine Straße der Armen, auch "Dreckkötter" genannt. Daraus wird dann "Kurze". Die Häuser waren hier mittelalterlich eng. Sie hatten den Krieg überlebt. Nur hier gab es so viele alte Gemäuer. Die Südseite wurde allerdings verbreitert.
MITZI und MÄNNEKEN PISS, am Eingang die Jugend und die Touris. Vorher hatte man sich mit Muscheln im uralten REUSCH gestärkt. Auf der Nordseite kam nun eine einmalige Phalanx berühmter Namen: GOLDEN DOOR, SMUGGLER, RIVERSIDE, SCHAUKELSTÜHLCHEN, ENGELCHEN, vielleicht am schönsten das HÄNGETISCHCHEN: Die Tische hingen von der Decke. Mary Quant hatte den Mini erfunden: die Damen auf hohen Hockern zupften vergebens am kurzen Tuch.
Die Südseite, weil neu, hatte nicht den großen Reiz: immerhin gab es Mattners ALT DÜSSELDORF" und schillernd, teuer: BATEAU IVRE.
In den 90igern war die Straße etwas vergessen. Razzien gegen eine Mini-Mafia in der alten SCHERE ( Kurze 4). Dann aber erstehen sie neu: die drei Hotspots der Teens und Twens: BABY LOVE, QSTALL und etwas weiter ANACONDA.
Die Historiker sehen im Ostteil der Straße den Ursprung der Kaffehauskultur, z.B. TANTE LAURA, wo das „Tantengedöns“ anfängt.
Hier in der frommen Andreasstraße entstand um 2010 eine unfromme Posse. Der Kultort CZIKOS war pleite, und ausgerechnet hier neben der Kirche wollte ein Ami mit COYOTE UGLY kurzbekleidete Puppen auf Tischen tanzen lassen. Aufschrei des sittsamen Engelbert Oxenfort von der TANTE ANNA: der Coyote war schon aufgemalt, aber er heulte nicht eine einzige Nacht.

Im wilden HUNSRÜCK

Um die Ecke wäre es für den Coyoten ein Leichtes gewesen. Die wenigen Querverbindungen (Mertens / Kapuziner / Hunsrück) hatten es schwer: sie wurden nicht für voll genommen, man gab sie den "Ausländern": Mertens für Bilk mit ihrem Heiligen Martin, Hunsrück für Derendorf und allerlei Fremdes, sogar das Kölsche Hänneschen-Theater mit Willy Millowitsch.
Der Hunsrück fängt an mit der Kirche und hört auf mit der unchristlichen Marianne Plum: Sie sang "Der Papst ist tot", aber das war dann doch zu viel. Hier verbrachte die Edel-Prostituierte "Nitribitt" ihre Jugend und Peter Cornelius, eigentlich keuscher Nazarener, liebte seine Italienerin (Zitat eines Zeitgenossen: "Nie sah ich einen göttlicheren Oberleib").
Eine Vielzahl von Kneipen, aber sie sind nicht so berühmt geworden wie ZINTERKLAUS und BARCELONA für das "reifere" Publikum. Alle geschlagen werden sie in dieser unwirtlichen Straße, wo das "KOM(M)ÖDCHEN" entsteht von FATTY‘S ATELIER" im MÜHLENSTEIN. Und der Nachfolger "IRISH PUB" war der Starter für die Düsseldorfer Liebe zu Irland: SUTTON, O´REILLY‘S, MULLIGAN, McLAUGHLINS, auch JULIO auf der Mühlenstraße zählt dazu.
Natürlich ist die "Altstadt" viel mehr als Kneipen und Kommerz, aber dieses war ihr Kern, der sie berühmt gemacht hat, Deutschland weit und international.
Autor: Dieter Jaeger – Redaktion: Bruno Reble – © Geschichtswerkstadt Düsseldorf 2021

Donnerstag, 26. November 2020

HAMZI geht durch die Stadt

Im Auftrag des WDR meldet sich der Reporter Hamzi stets mit dem Satz:

"Ham‘ Sie ´ne Frage?

Thomas Bernhardt, ein ehemaliger Vorsitzender der Geschichtswerkstatt, kennt sich damit aus und stellte auch selbst die Fragen. Die schönste war: "Wo liegt die Düsseldorfer Tuchtinsel?"
Dabei lernten wir, dass alle „Werth“-Namen Inseln waren, wie Kaiserswerth, Volmerswerth, Lausward. Aber sonst hatten wir es nicht sonderlich mit Inseln. Deshalb kam die "Tuchtinsel" so überraschend.

Warum heißt ein Haus in der Altstadt „König von Ungarn“?

Kollege Hamzi wurde gefragt nach dem Haus Bolkerstr.15. In großen Lettern steht dort "König von Ungarn". Wohnte hier einst ein König? Vielleicht regierte er uns sogar eine Weile?

Edmund Spohr, der Altmeister der Düsseldorfer Geschichte, wusste mehr und präsentierte eine wunderschöne Profikarte, die er im Jahr 2013 erstellt hatte. Sie basierte auf einem Vortrag von Dieter Jaeger über die "Hausnamen der Altstadt", den er 2009 bei den „Jonges“ gehalten hat. Zurück ging das Ganze auf Heinrich Ferber vom Düsseldorfer Geschichtsverein, der 1889 durch die alte Stadt gewandert war.

Tatsächlich hatten hier Könige und andere Hoheiten gewohnt, z.B. der "König von Schweden", meist im "Hof von Holland" in der "Altestadt". Der König von Ungarn allerdings nicht. Spohr führte alte Münzen an, auf deren Rückseite der König abgebildet war und mit denen das Haus vielleicht bezahlt worden sei.

Andere Erklärungen: 1525 wurde Ferdinand von Österreich zum König von Ungarn ernannt. In Wien heißt später eins der ersten Kaffeehäuser "König von Ungarn". Auch unser Bolker Haus Nr.15 war eins der ersten Kaffeehäuser Düsseldorfs, das den Wiener Namen übernahm. Jan Wellem war mit Österreich verbunden. Er baut 1703 sein "Schloss Bensberg". Der Name steht unweit vom "König von Ungarn" auf der Nr.5.

In der Bolker Straße gibt es noch einige andere Häuser mit altem Hausnamen z.B. Nr.51 "Zum Rothen Kreuz". Heinrich Heines Vater inseriert um 1800 sein Tuchlager mit der Bemerkung "Neben dem Rothen Kreuz".

Bis zur Numerierung 1858 hatten alle Häuser Namen, meist von den Wappen, die sich die Häuser gegeben hatten (daher die vielen Tiernamen). Aber auch von geschichtlichen Ereignissen, die den Düsseldorfern wichtig waren.

"Prinz von Oranien" (Burgplatz 12) war Wilhelm gewidmet, der Befreier der Niederlande. "Schenkenschanz" (Andreasstr.8) war die berühmte Schanze bei Kleve im 80jährigen Krieg der Holländer gegen Spanien. Der "Schnaphahn" (Ratinger-26) war eigentlich ein Condottiere, ein schlimmer Landsknecht. Sein Name führte dann aber zu "Falke, Eule" und anderen Tieren „Füchschen, Bär, Einhorn“ quasi eine Tierecke in der Ratinger.

Eine andere Masche: Man kopierte den Nachbarn. Der "Schwarze Ochs" gebiert gleich den Roten, den Bunten, den Weißen; eine Ochsenecke in der Neubrückstraße.
Freude kommt auf bei Namen wie "Baum der Diana" (Ratinger-22) neben dem Einhorn. Soler hatte 1787 die Oper "Baum der Diana" komponiert, ein Riesenerfolg am Wiener Burgtheater. Die keusche Diana mit ihren keuschen Nymphen wird von Amor verführt, das macht immer Spaß.

Manchmal täuschen wir uns: die "drei Schabellen" (Ratinger 25) sind nicht drei fromme Betstühle, sondern drei alte Jungfern. Die Infantin Isabella von Spanien, Tochter von Philipp II, hatte 1601 geschworen, sich nicht mehr zu waschen, auch nicht das Hemd zu wechseln, ehe die Eroberung von Ostende geschehen war. Die dauerte allerdings drei Jahre, und so wurde aus Isabella eine etwas müffige Schabelle. Wie sagte noch Hamzi?

"Ham Sie ´ne Frage?" Nur Mut! Man kann sich auch an die Geschichtswerkstatt wenden.



Autor: Dieter Jaeger  /  Redaktion: Bruno Reble  /  © Geschichtswerkstatt Düsseldorf 2020

Mittwoch, 28. Oktober 2020

Harte Zeiten für „Gaukler, Lotterbuben und Rauchtrinker“ - die Obrigkeit greift durch

Gleich zu Beginn eine Anmerkung gegen alle Missverständnisse: Der Verfasser mag sie nicht, diese uneinsichtigen Ignoranten, die sich - in Zeiten wie diesen - um keine Regeln scheren und mit ihrem Leichtsinn die Krise verschärfen. Diese Abneigung gilt auch für die Fraktion der Raucher.

Es gibt gleichwohl einige Kuriositäten bei den Corona-Vorschriften, wo man meint, Prinz Karneval oder der Hoppeditz hätten den Text verfasst.

So liest man in der Rheinischen Post vom 19.10.2020, dass laut Presseamt „strenggenommen die Maske auch beim Radfahren getragen werden muss … beim Essen zum Abbeißen die Maske kurzzeitig heruntergezogen und beim Kauen wieder aufgezogen werden muss". Und wenig ersprießlich für die Raucher heißt es dann: "Die Maske darf beim Rauchen nicht abgesetzt werden".

Da denken wir zurück an alte Zeiten

Jan Wellem hielt Leute, "die spielen, saufen, tabaccieren … für Plackscheißer und Packesel". Für andere waren Leute, die rauchten "Indianer", "Kannibalen" oder "Rauchtrinker". Die Feuerwehr rückte an, weil man glaubte, dass sie innerlich verbrannten. 1815 verurteilte man jemand, der in der Straße ohne Pfeifendeckel geraucht hatte, zu hoher Geldstrafe.

Doch die „gute alte Zeit“ war nicht gut. Nehmen wir als Beispiel die Jugend, die Wirte, die Polizisten und die Priester.

Die Jugend

Sie geriet ins Visier der Obrigkeit, weil sie Kutschpferde derart traktierte, dass Kutschen zu Fall kamen. Die Übertäter wurden arrestiert, vor dem Rathaus mit Prügel bestraft, bei Wasser und Brot gesetzt und (interessant) "nicht weniger die Eltern derselben, das erste Mal mit Geld und Gefängnis, das zweite Mal ebenermaßen mit Prügel belegt".(2)

Ein Vorbild sollten sein die Schüler des Monheim‘schen Gymnasiums, die nicht nur dem "Vortrag der Lehrer mit gespanntem Ohr folgen sollten", sondern auch "keine musikalischen Instrumente berühren durften, keiner Jagd, Vogelfang, Fischerei nachgehen und (um Gottes Willen) nicht im Fluss oder Weiher baden durften … sie sollten Gärten, Äcker, Wiesen nicht betreten, Mauern und Türme nicht besteigen, keinem Spiel frönen, nicht herumschweifen, sondern zu Hause bleiben". Um 5 Uhr wurde aufgestanden, "das Haar sollen sie morgens außerhalb des Schlafzimmers kämmen, Hände, Augen, Zähne mit kaltem Wasser vom Schmutz waschen“ und sie sollen „nicht unziemlich laufen, sondern ehrbar einherschreiten".(1)

Die Wirte

Auch sie hatten es schwer beim Kontrollieren der Lustbarkeiten: Tanzmusik ja, "aber bei der Polizei Tanzmusikscheine lösen … alle Besucher aufschreiben … Tumulte auflösen … keine gesunden Bettler reinlassen, auch keine Landsknechte, Müßiggänger, Düppenträger, Krämer, Schornsteinfeger, Gaukler, Lotterbuben, Possenmacher … am Ende der Predigt in der Nähe der Kirche kein Gelage zulassen".(1)

Die Polizei

Sie allein war zu schwach. Der erste der Sergeanten war ein "gemächlicher träger Mann", der zweite "eben nicht gewandt und rege", der dritte "alt und verschlissen", der vierte "weil er weder lesen noch schreiben konnte, ein unbrauchbares Subjekt".(3)
Ein besonderes Problem für die Polizei war die Straßenreinigung: "Ferkelställe und heimliche Gemächer sollen versteckt sein, damit der Nachbar nit verstänke". Es galt "kein Nachtgeschirr auf die Gassen auszuschütten, wodurch der Kot dann leicht durch passierende Gefährt oder sonstiger Umstände auseinander getreten wird und damit die Gasse in größte Unsauberung versetzt wird".(2)

Die Priester und das "schändliche Laster des Konkubinats"

Jedoch beim Laster wird nicht an die Priester gedacht, sondern nur an die verdächtigen Konkubinen, "die an den Leibern angehalten … an den Pranger zu stellen sind … eine Stunde dort stehen sollen, anderen zur Abscheu … auf 3 Meilen vom Priesterort verwiesen".(1)

Am schlimmsten geahndet wurde die Liebe

Am 27 Oktober 1714 liest man: "Am verwichenen Freitag wurden allhier Mann und Frau, jener weil er zwei Weiber, diese aber zwei Männer, zugleich gehabt, ausgegeißelt, gebrandmarkt und des Landes verwiesen."(1)

Aber immerhin hatte man ein Einsehen mit Hunden, denn 1782 erging ein

Verbot des "Totschlagens von Hunden an Hundstagen"

Damit sind wir wieder beim Hoppeditz und bei der Rheinischen Post.
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Autor: Dieter Jaeger  Redaktion: Bruno Reble  © Geschichtswerkstatt Düsseldorf 2020
Quellen:
(1) Pädagogisches Institut der Stadt Düsseldorf, 9 Bände
(2) Polizeiordnung Jan Wellem
(3) Lau/Most - Stadtgeschichte