Donnerstag, 14. März 2019

Oper - wohin?

"Oper, du bist mein Augenstern, Oper, hab' dich zum Protzen gern!"
Sind das die neuen Töne auf den Bühnen dieser Stadt?

Viel Getöse hat es bereits gegeben und großartige Pläne: Kleckern oder Klotzen, aufwändige Sanierung oder pompöser Neubau? Und falls Neubau, wo soll er stehen: an alter Stelle oder spektakulär im Medienhafen?

OB Thomas Geisel mahnt: "Maß und Mitte"

Und genau in der Mitte steht sie seit Menschengedenken, die Oper im Hofgarten, Düsseldorfs edelste Mitte. Das war schon immer so.

Die erste Oper (oder ein Vorläufer davon) stand im Hofgarten zwischen Pempelfort und Düsseldorf. Auf einer beweglichen Simultanbühne (Berg, Wiese, Haus) sangen zwei Jünglinge "Amphion und Orpheus". 1585 war das… auf der Hochzeit von Herzog Johann Wilhelm, dem Schwachsinnigen mit der Prinzessin Jacobe von Baden, der Frömmelnden mit dem unseligen Schicksal.

Die zweite Oper lag ebenfalls an der Düssel, im Hofgarten zwischen Ratinger-und Mühlenstraße. Händel besuchte sie. Lully, der große französische Opernkomponist bekam hier seine deutschen Uraufführungen. Es war die Hof-Oper von Kurfürst Jan Wellem. Schon sein Vater Philipp Wilhelm hatte im Hofgarten großartige Opern gefeiert. Zur Geburt seiner Kinder hatte man 10 Pferde zwei Jahre lang trainiert, damit sie "artig tanzten".

Auch die dritte Oper lag wiederum im Hofgarten: 1875 auf den Grundmauern der geschleiften Festung im "Botanischen Garten" an der heutigen Heinrich-Heine-Allee.
Jetzt ist der Altbau in die Jahre gekommen, das Dach marode, die Mauern feucht. Ein Neubau soll den großen Wurf bringen und die Kassen klingeln lassen.

Doch wohin mit dem künftigen Kultur-Palast?

Liebe Düsseldorfer, lassen wir die Oper an ihrem Standort an der vornehmsten Allee, die den Namen des Vornehmsten trägt. Sie ist Bestandteil des Hofgartens. Sie prägt und verändert ihn.
Lassen wir die Oper in der Mitte der Stadt, nicht im Wust zwischen der aufgemotzten Weizenmühle von PLANGE und dem Schnäppchenjäger TRIVAGO, auch nicht zwischen dem imposanten Fernsehturm und der durchgeknallten Affeninsel „Monkey‘s Island“.

Am Anfang war alles Oper

ein Zusammenspiel von Singen, Sprechen und Tanzen. Die italienische Renaissance hat daran wieder angeknüpft. Aus ihrer Oper entwickeln sich die einzelnen Sprech-, Sing- und Tanztheater der Gegenwart. Das Opernhaus entwickelte sich zum Kulturtempel der europäischen Metropolen.

„Mein schönster Beruf war Statist, aber nicht irgendwo, sondern an der Oper in Düsseldorf. Wann immer der Gefangenenchor in Beethovens FIDELIO in die Knie sank, tippte mir mein erfahrener Kollege in die Kniekehlen. Ich ging zu Boden und küsste die Bretter, die die Welt bedeuten, denn ich küsste die Bretter der Oper zu Düsseldorf“, erinnert sich Dieter Jaeger.

Und auch Goethe schwärmt voller Enthusiasmus:„In dieser Oper werde ich auch für Rührung sorgen (…) wonach das gemeine Publikum so sehr sich sehnt (…) Jeder Laffe und jede Läffin sind einmal zärtlich gewesen und an diesen Saiten ist gut klimpern. Um höhere Leidenschaften und Geist, Laune und Geschmack mit zu empfinden, muss man ihrer auch fähig sein, sie zu besitzen.“ (Brief an P.C.Kayser 1785)


Autor: Dieter Jaeger  |  Redaktion: Bruno Reble  |  © www.geschichtswerkstatt-duesseldorf.de

Mittwoch, 3. Oktober 2018

Der Corneliusplatz - die alte Mitte


oder wie aus einem hässlichen Aschenputtel eine strahlende Prinzessin wird

Der Künstler Peter Cornelius, ein „Hippie“, der in Rom in einer WG lebte, langhaarig und bleich wie Jesus, bekommt in Düsseldorf ein großes Denkmal. Während der „Halbjude“ Schadow nur mit einer Büste bedacht wird, der „Volljude“ Bendemann nur mit einer winzigen Straße.
Wenn der Martin-Luther-Platz die "Neue Mitte" ist, dann ist der Corneliusplatz die "Alte Mitte". Auf allen Postkarten sieht man ihn, er ist der "Potsdamer Platz" von Düsseldorf, ein Gewusel an der Kreuzung Kö-Schadowstr, das Gebäude „Nummer 1“: der Kaufhof, die beiden bekanntesten Brunnen, in der Mitte grün-frisch gestrichen: die "schlanke Mathilde", die alte Uhr von 1902. Aber der Corneliusplatz ist ziemlich jung. Der Schadowplatz ist älter und am Anfang war er nur ein Canal.

Nach dem Mauerfall

Huschberger baute die Kö zwar 7 Jahre vor der Heineallee, aber die Kö stand lange im Schatten des Boulevard Napoleon, “JWD“ (Janz Weit Draußen) vor der neuen Zollmauer. Keiner wollte dort wohnen. Die neue Zollmauer war der Canal, das Wasser, das die Leute nach dem Fall der Mauer 1801 zwar schützte, aber auch trennte vor denen da draußen, den Fremden.
Huschberger wollte den Canal eigentlich um die ganze Stadt ziehen, mit der krummen Landskrone (krummer Köbogen) ging es nach Norden weiter. Der Bogen war notwendig, weil der Mühlenweiher ein Teil des alten Hofgartens geworden war, also „Heiliges Land“.
Vagedes baut 1811 sein Ratinger Tor ursprünglich auf einer Brücke über den Canal, der in den neuen Hafen münden sollte. Aber im Süden wurde es schwierig mit der Kanalisierung um Düsseldorf herum. Die vornehmen Häuser entstehen alle auf der Heinrich-Heine-Allee: Hotel Breidenbach, das Theater, die Oper, das Gymnasium, die Kunsthalle. Später kann nur die Heine-Allee die Denkmalstraße werden.

Die Kö war Hinterhof

gerade gut genug, als Bahnhofstraße zu dienen, als die Eisenbahn 1838 am Ende der Kö beginnt. An der Canalstraße (so hieß die Kö zu Beginn) betrieb Franz Schimmelbusch eine Eisengießerei (ungefähr an der Rückseite vom Breidenbacher Hof).
Es ist verständlich, dass man keinen Zugang zur Kö von der Heineallee wollte, auch keinen Zugang von der Schadowstraße (sie endete am Kälbermarkt). Der Canal ging brückenlos durch, von der Elberfelder- bis zur Benrather Straße. Häuserblöcke versperrten die uralte Verbindung Flingerstr - Flinger Steinweg (Schadow), allerdings auch zwischen Flingerstr und Heineallee. Man hatte die uralten Wege längst vergessen.
So blieb nur der Kälbermarkt, ein Viehmarkt draußen vor der Stadtmauer, als einzige Verbindung.
Und etwas weiter südlich gab es seit 1766 den Friedhof. Also sollte man dort wohnen? Am Viehmarkt, am übel riechenden Canal, hinter zwei wackligen Holzbrücken an der Eisengießerei?

Ein Lustgarten für den Polizei-Chef

Der im Verruf stehende Polizei-Direktor Heinrich Schnabel, eröffnete 1806 auf dem verlassenen Friedhof seinen "Lustgarten" (Eingang: heutige Steinstraße) Aber das war erst der Anfang.
Das Bild wandelte sich ganz allmählich. Der Jägerhof war seit 1820 mit Prinz Friedrich von Preußen wieder bewohnt, eine Art neuer Jan Wellem. Der preußische König Friedrich Wilhelm III besucht ihn. Die Umgebung wird veredelt. 1838 baut Schnitzler das Friedrichsbad in der Goltsteinstraße, eine erste Sauna, die Loge sitzt in der Wiese hinter dem Kälbermarkt.
Die Elberfelder- wird zur feinen Gallerie- und Gastrostraße, die Hofgartenstr zur vornehmsten Straße überhaupt. Der Flinger Steinweg wird 1851, noch zu Lebzeiten des Malers, Schadowstraße genannt.
1864 stellen die Düsseldorfer auf dem Kälbermarkt ein Schadowdenkmal auf. Der Markt heißt jetzt Schadowplatz. Dann besinnt man sich auf den Vorgänger, den Düsseldorfer Cornelius und gibt ihm ein noch größeres Denkmal. Das ist die Wende. Der Canal wird zugeschüttet.

Der Corneliusplatz entsteht

Noch einmal den Blick zurück: Wenn man vor 1800 die Stadt verlassen wollte, ging man zum neuen Flinger Tor (heute: McDonald Bolker Stern), das seit 1645 das alte Flinger Tor (Ende Flingerstr) ersetzt hatte. Über eine Brücke kam man in das Flinger Ravelin [ravəˈlɛ̃ː] Dieses vorgelagerte Bauwerk, mitten im Wasser zum Schutz des Tores, ist das größte Bollwerk überhaupt.
Über eine Brücke (Wassergraben 30m, 7m tief) ging es zur Flinger Contergarde; von hier (ungefähr Kaufhof Haupteingang, Corneliusplatz) auf verschlungenen Wegen ins Freie. Dieser letzte Ausgang befand sich ungefähr am Ort der Uhr (etwas östlich davon). 
Von dort konnte man den alten Flinger Steinweg durch den heute noch existierenden Wurmfortsatz, der späteren Blumenstraße, betreten. Die kleine Blumengasse war das Ziel aller Feld- und Gartenwege, die später unsere City ausmachen. Nur hier ging es hinein in die Stadt, wenn man von Osten kam, die anderen Eingänge (Ratingerstraße und Bergerallee) lagen weit weg. Goethe, Heines Eltern, der Weltreisende Georg Forster, zusammen mit Alexander von Humboldt, sie alle mögen diesen Weg gegangen sein. Wer von Osten kam, musste durch dieses Tor.
Wenn 1806 (5 Jahre nach dem Mauerfall) Joachim Murat, Chef von Düsseldorf in der Franzosenzeit, in 20 Minuten nach Schloss Benrath ritt, dann ging das vom Benrather Tor (auf dem Canal) im Galopp durch wildes siedlungsfreies Land bis zum Lokal Schnapp an der Kölner Straße in Oberbilk. Und dann war er schon fast da.
Huschberger machte aus den Trümmern des Flinger Ravelins die Elberfelder Straße, die geradewegs vom Flinger Tor kam und zum schon früher existierenden Kälbermarkt führte, eine nördlich Abzweigung. Der alte Umgehungsweg der Festung, wird zur Hofgarten- Kaiserstraße. Auf die Elberfelder-, genau auf die Spitze des zerstörten Ravelins, setzte Vagedes den Napoleon Triumphbogen 1811. Später wird genau hier der Triumphbogen für Kaiser Wilhelm II gesetzt. Erst 1811, nach dem Besuch Napoleons, baut Vagedes die Heineallee und das berühmte Ratinger Tor.

Warum fing Huschberger mit der Kö an und nicht mit der Heine-Allee?

Kaspar Anton Huschberger, der erfahrene Baumeister, der schon beim Bau der Karlstadt mitgeholfen hatte, musste 1801 nach der Demolierung der Stadtmauer durch die Franzosen zunächst die Wasserversorgung klären. Er schuf einen Canal, der ungefähr an der Stelle des Umgehungsweges der Festung vom neuen Hafen (Roeberstr / 1811 fertiggestellt) über Kaiser- /Hofgartenstr / Kö / Haroldstr bis zum Rhein führen sollte (an Stelle des heutigen Apollo). Dieser Canal war die neue Stadtmauer mit Zollgrenze und Wachhäusern auf den beiden Canalbrücken (Elberfelder- und Benrather Straße).
Huschberger gab damit der Stadt Düsseldorf eine neue Bedeutung: Sie war nun von der Düssel eingekreist, eine wirkliche "Düsselstadt". 
Es gab noch einen zweiten Grund: die Kurtine, also der Stadtwall, die eigentliche Mauer zwischen den Bastionen (heute Heineallee) war stehen geblieben. Die Düsseldorfer wollten eine Promenade hoch oben errichten. Außerdem wollte man bei Hochwasser auf diesen hohen Wall flüchten. Huschberger bewies, dass das natürliche Niveau auf der Heineallee um einiges höher lag als der Wasserstand der schlimmsten Rheinkatastrophe. Er wollte auch das Runtergucken ins Elend der Neustraße vermeiden.
Der dritte Grund: Herr Beuth, Hofkammerrat, saß mittlerweile auf der "Beuthschen Bastion", mitten auf der neuen Breitestraße, die seinetwegen nicht weiter nach Norden gezogen werden konnte. Das Wilhelm-Marx-Haus, eine Art neuer Sperrblock a la Beuth, erinnert uns daran: die Heine-Allee endet hier.

Wo es 1879 angefangen hat

Mit dem Cornelius-Denkmal geht alles los. Man setzte es zwischen Hofgarten- und Elberfelder Straße. Es stand später mitten vor Steigenbergers Parkhotel (1902). Die Nazis schoben es 1937 in den Wald, um Platz für ihre Aufmärsche zu bekommen. Heute kann man es wieder von allen Seiten bewundern.
Der Düsseldorfer Peter Cornelius, in der Kurze Straße geboren, ist einer der berühmtesten Maler seiner Zeit und leitet von 1822-26 als erster Direktor die neu erstandene Kunstakademie. Er war ein frommer Lukasjünger. Daher ist bei seinem Denkmal die Figur der Religion verhüllt, mit Bibel und Kreuz, aber gleich daneben ein schönes Nackedei, das die Poesie darstellt. 
Der Verschönerungsverein machte aus dem zugeschütteten Canal unseren Corneliusplatz. Jetzt werden alle alten Zugänge wieder geöffnet: Bazarstr (heute Körner-) zur Heineallee, Schadowstraße zum alten Flinger Steinweg.
Leo Mösch schuf 1882 den Schalenbrunnen auf dem noch leeren Corneliusplatz. 1902 zur Eröffnung der großen Ausstellung schuf Fritz Coubillier den Tritonen-Brunnen. Triton, Sohn des Meeresgottes Poseidon, tötet hier einen gigantischen Fisch. Die lustigen Putten mildern das grausame Geschehen.
1909 schuf Joseph Maria Olbrich den Kaufhof, der mit seiner Jugendstil-Fassade zum Denkmalschutz-Objekt Nr.1 avancierte.
Peter Cornelius, ein Jünger des frommen Lukasbundes, ein "Nazarener" mit langen Jesushaaren, weilte, wie auch Schadow, im heiligen Rom. Aber - und das macht ihn sympathisch - er war dem Irdischen nicht abhold. Von seiner Ehefrau, einer feurigen Italienerin, sagte ein Zeitgenosse:

"Nie sah ich einen schöneren Oberleib."


Autor: Dieter Jäger  |  Redaktion: Bruno Reble  |  © www.geschichtswerkstatt-duesseldorf.de




Samstag, 22. September 2018

Falsches Haus, falscher Name, alles falsch, armer Emil!

Es war eine Einweihung, wie sie von den Düsseldorfer Jonges schon unzählige Male vorgenommen wurde. Am ehemaligen Amtsgericht an der Mühlenstraße wurde am 5.9.18 ein roter Vorhang beiseite gerollt. Dabei unterlief ihnen ein historischer Fehler:


Sportpionier Emil Hartwich am falschen Ort geehrt


Zwar war der Geehrte ab 1879 Amtsrichter in Düsseldorf. Aber das damalige Amtsgericht stand nicht an der Mühlenstraße. Und der EXPRESS nennt ihn Ferdinand und fragt amüsiert:


Kennt einer Hartwich?


Natürlich kennen wir Emil Hartwich. Ohne ihn gäbe es die "Effie Briest" nicht.

Wolfgang Rolshoven, ein Banker und Chef der "Jonges", hätte es besser wissen müssen. Aber schon Heinrich Heine wusste: "Geld ist rund und rollt weg, Bildung bleibt". Neben ihm stand Thomas Geisel, der Sozialdemokrat. Er ehrte einen strammen preußischen Beamten, der die Sozialdemokraten nicht ehrte. Man hätte besser die "Uel" nehmen sollen, die Leopoldstraße 21, das Justizministerium, Martin Luther Platz, Schloss Benrath.

Emil Hartwich gründete 1882 in der Tonhalle den "Zentralverein für Körperpflege in Volk und Schule in Düsseldorf". Damit wird er der „Turnvater Jahn“ für Düsseldorf, Begründer des späteren Eisstadions,  Begründer der Schwimmhalle Grünstr, Mitbegründer des Ruderclubs Germania in Hamm, Begründer des späteren "Wanderclubs". Bereits 1881 hatte er eine kleine Schrift veröffentlicht:


"Woran wir leiden"


Sie wirkte wie ein Paukenschlag. Nach seiner Meinung litt die Bevölkerung am ungesunden Leben und der Sport sei das Heilmittel. Hier eine kleine Aufzählung der Krankheiten, an denen "wir leiden" und der Einrichtungen, sie zu heilen: "Findelhäuser, Säuferasyle, Arbeitshäuser, Besserungsanstalten, Rettungshäuser, Siechenhäuser, Gefängnisse, Zuchthäuser..." Es fallen aber auch Wörter wie "Leistungsfähige und Entartete", entartet, ein unseliges Wort, das eine verhängnisvolle Laufbahn entfaltet.

Hartwich traf sich mit Armand de Ardennes und anderen Sportfreunden im "Tartarusclub" in der UEL Ratinger Str. oder im Malkasten. In seiner Wohnung Leopoldstr.21 „malte“ er Elisabeth, die Ehefrau des Rittmeisters von Ardenne. Er arbeitete als königlicher Amtsrichter im Justizgebäude am Königsplatz (heute: Martin-Luther-Platz).

Tod in Berlin


In der Berliner Hasenheide trifft ihn die tödliche Kugel des gehörnten Rittmeisters. Theodor Fontane macht aus der Ehegeschichte seine "Effie Briest".

"Effie, klang es leise an ihr Ohr, und sie spürte, dass seine Stimme zitterte. Dann nahm er ihre Hand und bedeckte sie mit heißen Küssen. Ihr war, als wandle sie eine Ohnmacht an."
Und am Ende des Buches: "Ein paar Sekunden noch, und sie flog durch die Luft. Und bloß mit einer Hand sich haltend, riss sie mit der anderen ein kleines Seidentuch von Brust und Hals und schwenkte es wie in Glück und Übermut. Dann ließ sie die Schaukel wieder langsam gehen und sprang hinab. Sie nahm Niemeyers Arm. "Effie, Du bist doch noch immer, wie Du früher warst?" "Nein, ich wollte es wäre so, aber es liegt so weit zurück und ich hab es nur noch einmal versuchen wollen. Ach, wie schön das war und wie mir die Luft wohltat, mir war als flöge ich in den Himmel hinein. Ob ich wohl hineinkomme? Sagen Sie mir‘s Freund, Sie müssen es wissen. Bitte, bitte." Niemeyer nahm ihren Kopf in seine Hände und küsste sie auf die Stirn. "Ja, Effie, du wirst".

Autor: Dieter Jäger  |  Redaktion: Bruno Reble  |  © www.geschichtswerkstatt-duesseldorf.de

Sonntag, 24. Juni 2018

Pier one

Wir liegen zwar nicht am Meer, aber wir stechen in See und lustwandeln demnächst auf einem langen Seesteg mit allerlei Unterhaltung im Hafen von der Kaistraße bis zur Weizenmühle. Ingenhofens neuer Streich: nach Köbogen I und II nun Pier one, bestimmt folgt noch ein zweiter.

Der neue Hafen war schon immer gut für Attraktionen

1998 entstand Düsseldorfs erstes schiefes Haus, ein Jahr danach der Aufzug in die 16.Etage im Stadttor, 2001 ein ominöses Cafè "Minol" auf einer Müllkippe, gleichzeitig "Curry" mit einer Erfolgsgeschichte, die mit elenden „Pommes“ arbeitete. 2002 konnte man mit dem "Grand Bateau" des Stararchitekten Vasconi die Titanic untergehen sehen. Auf dem Ückerplatz versanken Damen mit „high heels“ im Teer, am Roggendorf-Haus kletterten "Flossis" die Wände hoch, auf dem Dach des Joe Coenen Turms lief man nackt auf Tartanbahnen, im "Wolkenbügel" tanzten 3000 junge Menschen, im "Havanna" rauchte man kubanische Zigarren.
Dann das Jahr 2003: Mamas mit Babys bauten Sandburgen auf Jamaika, Bob Marley sang, Affen bewachten eine Insel.

Auch der alte Hafen war gut

Bevor alles zu Ende ging 1985, bevor die rote Laterne an der Stromstraße erlosch, wurde noch einmal auf die Pauke gehauen.
Im Chaos der Speditionsstraße tagte der Zirkus "Pomp and Ducks", auf der Brückenstraße lud in den Ruinen der Kammgarnspinnerei Bockmöhl der" Zirkus der sieben Sinne" zu sinnlichem Genuss:
Unsere Ohren beschallten Posaunen und Schalmeien, unser Gaumen wurde mit Austern umspült, unsere Augen sahen die schönsten Damen, unsere Nasen betäubten exotische Düfte, aber das Aufregendste waren unsere Hände: wir tasteten in Schlünde und wir wussten nicht, waren es Wasserratten oder weibliche Brustspitzen, die wir berührten.

Aber es gab auch besinnliche Abschiede

An der Stromstraße hatte der Besitzer im "Op de Eck" Schiffsdeckstühle aufgestellt. Ich lag dort, einen guten Cafe neben mir, die Zeitung in der Hand und vor mir der alte Hafen: ölverschmiert. Am Horizont die große rote Sonne, wie sie unterging.


Autor: Dieter Jäger  |  Redaktion: Bruno Reble  |  © www.geschichtswerkstatt-duesseldorf.de


Montag, 30. April 2018

Oh Fortuna

O Fortuna velut luna statu variabilis (wie der Mond dort oben, so veränderlich bist Du)

Vielleicht war es auch der falsche Name? Denn nicht die Glücksgöttin Fortuna stand Pate bei der Namensgebung, sondern ein Pferdefuhrwerk fiel den Gründern ins Auge. Und dort prangte in dicken Lettern die Aufschrift „Brotfabrik Fortuna“. Ein Broterwerb also, keine Göttin und die Botschaft kam aus Flingern. Flingern ist Düsseldorfs Aschenputtel, der Hinterhof des Glücks.

Glück und Glas - wie leicht bricht das?

Sechs Mal Abstieg, sechs Mal Aufstieg, 1933 Deutscher Meister, 1979 und 1980 Deutscher Pokalsieger, 1979 Vize-Meister im Europa-Pokal, aber auch immer wieder Abstieg bis zu den Amateuren.
Aber nun ist alles Schlimme vergessen, jetzt singen wir wieder, jetzt tanzen wir auf den Straßen, jetzt feiern wir drei Wochen lang. So schön kann Fußball sein: Samstag 29.April 2018 in der 90. Minute:

"Tor, Tor, Tor!"

Schon einmal und gewaltiger erscholl dieser Ruf, fast am selben Tag, dem 30. April 1954. Im Tor stand die Fortuna "Toni, Du bist ein Fußballgott!". Toni Turek verkörperte damals den Neuanfang der jungen Republik. Aus den Kellerkindern wurden die Erwachsenen des Wirtschaftswunders, gerade auch in Düsseldorf. Beim VW Käfer löste ein mordsschickes Oval am Heck das Brezelfenster ab.

Die Fortuna waren nicht mehr die Arbeiter Jonges aus dem Flinger Broich, die mit Stolz gegen die feinen "Lackschuhpinkel" vom Zoo gekämpft hatten. "Turnverein Flingern" hießen sie ganz am Anfang, denn Fußball war als "Englische Krankheit, als "Fußlümmelei" verpönt. Doch der Amtsrichter Emil Hartwich forderte: "Werft den Fußball auf den Turnplatz!"

Und dann kamen sie, die "Fußlümmel" vom Flinger Sumpf: die Paul Janes, Matthes Mauritz, Erich Juskowiak, "Knöd" Jakob Bender, Stanislaus Kobierski, Jupp Derwall, die Allofs Brüder, Gerd Zewe… Und die Fans sangen: "Wenn der Janes und der Knöd, hütt noch Fußball spele döt".
Ja, sie sind wieder da, der Janes und der Knöd und sie spielen wieder…

Oh Fortuna!

Autor: Dieter Jäger | Redaktion: Bruno Reble | © www.geschichtswerkstatt-duesseldorf.de

Mittwoch, 14. Februar 2018

Viel Gedöns um nackten Sex in Düsseldorf

Zwei alt-ehrwürdige Einrichtungen sind in Verruf geraten: der Henkelsaal und die Bezirksregierung. Worum geht‘s? 

Der Henkelsaal sah „Sex auf der Bühne“

Die „Närrischen Schmetterlinge" haben‘s wieder getan. Im berühmten Henkelsaal gab es Striptease auf hohen Tischen und nackten „Lap dance“ zwischen den Beinen eines erschrockenen jungen Mannes… kreischende Herrensitzung. 
"Ein bisschen Spaß muss sein", so der Chef. Dabei sah der erste Henkelsaal in Holthausen noch klassisches Theater und bis 1949 die ersten Sitzungen des neuen Landtages. 

Die Bezirksregierung erbte einen Puff

Ein anderes nobles Gebäude, das "Barockschloss" an der Cäcilienallee, seit 1909 Sitz des größten ehemals preußischen Regierungsbezirkes, erbte dieser Tage einen Puff. Die Mysterien der Erbschaftsgesetze wollen es, dass die Bezirksregierungen im Falle der Erbschaftsverweigerung solche Erbschaften annehmen müssen. 
Kurioser Besitz kommt da zusammen: eine Farm auf den Bahamas oder die Rechte am Karnevalslied "Wenn das Wasser im Rhein goldner Wein wär". 
Ist es aber nicht! Der Puff wurde verkauft, Vanessa von den Schmetterlingen ist nur eine Tänzerin und so bleiben die Regierungsleute ehrbare Bürger und der Henkelsaal das Haus der ehrbaren "Jonges"; Klatschmarsch und ein dreifaches Düsseldorf Helau!

Autor: Dieter Jäger | Redaktion: Bruno Reble | © www.geschichtswerkstatt-duesseldorf.de

Montag, 20. November 2017

Das Bahnhofsviertel wacht auf


Unser OB Thomas Geisel zeigte auf der Immobilienmesse Expo Real zwar das Viertel GRAND CENTRAL, aber er zeigte nicht den Worringer Platz, der gleich daneben liegt. Hätte auch alles kaputt gemacht. Er stapfte munter durch den Hauptbahnhof, Groschek war dabei, aber er ging nicht über den Mintropplatz; hätte wiederum alles kaputt gemacht.


Der Bahnhof ist ein schwieriges Viertel

Neulich war ich griechisch essen, mit Freunden am Bahnhof. Hätte nie geglaubt, dass man da gut essen kann. Kann man aber: griechisch und japanisch sowieso und chinesisch und indisch, amerikanisch, italienisch, türkisch.

Meine Freunde schwärmen vom Theater, nicht im Schauspielhaus, nicht im FFT (Forum Freies Theater) oder im Juta Seta, nein sie schwärmen vom Hauptbahnhof und vom Theater-Café im gläsernen Gang über der Worringer Straße. Sie reden vom Stadtarchiv, von der neuen VHS Bibliothek.


Träum ich?

Meine letzte Erinnerung war ein Film im schrecklichen MAXI Kino neben dem schrecklichen "Buttershaker", im Auto eine Stunde gefangen, ein Ungetüm von einem Parkhaus, wo auf einmal das Gitter hochging, 11 Uhr nachts. War ich ein Krimineller, ein Drogendealer?

Weitere Erinnerungen: eine Polin, die nach Hause wollte auf einem zugigen Bahnsteig mit riesigen Bussen überall, Abschied - Tränen - Taschentücher. Ich wagte nicht, weiter zu gehen auf eine grüne Insel, wo man todesmutig in die Unterwelt stieg, ein Tunnelsystem, das man schließen musste: Lebensgefahr.


Hier begann eine neue Epoche

Genau hier im Baumarkt begann das Musicalzeitalter. Operette war lange aus, Oper war zu schwierig; also ging man ins CAPITOL "Let the sunshine in": zum Schluss tanzten die schönen Frauen nackt auf der Bühne. Wahnsinn. Und in London fragten wir uns: "Durfte man da rein mit Mädchenklassen?“

Noch weiter zurück: mein täglicher Gang von der Helmholzstraße, Harkortstraße zum Bahnhof, zur Uni Köln. Wir wohnten "vor dem Bahndamm". Unser Balkon zeigte auf die Etablissements der Poensgenstraße. Ich überquerte den Mintropplatz "Goldene Hölle". Aber es war keine Hölle, was ich sah. Ich zweifelte an den Worten des Predigers in der "Freien Gemeinde" Bendemannstraße. Die Hölle schien mir das Paradies. Ich ging zum CVJM Graf Adolf Straße, weil es dort nicht nur christliche junge Männer gab, sondern auch die schönsten Mädchen. Und in der "Freien Gemeinde" gab es sie auch. Ich ging von einem Paradies zum anderen.

Das Bahnhofviertel wacht auf in diesen Tagen

"Let the sunshine in !"


Autor: Dieter Jäger | Redaktion: Bruno Reble | © www.geschichtswerkstatt-duesseldorf.de