Sonntag, 28. August 2022

Spekulation im Glasmacherviertel und kein Ende?

 Das Erbe der größten Flaschenfabrik der Welt

Ein einsamer Glasturm, zwei Bauruinen, Wasserlachen, Wüste. So stellt sich heute das Gelände dar: ein Symbol verkorkster Bodenpolitik und gieriger Wohnungsspekulation. Das ist jetzt über 10 Jahre her.

2005 schloss die Gerresheimer Glashütte. Ein Karussell verschiedener Investoren folgte: Patrizia, Brack, Adler, LEG. Die Devise hieß:

„Kaufen, verkaufen, gewinnen“

Enorme Summen liefen über den Tisch: 30 Millionen, 120 Millionen, 375 Millionen. Der Wohnungsbau trat in den Hintergrund. Mittlerweile gibt es Krieg zwischen den Baulöwen: Perring contra Adler. Der letzte Coup brachte einen Verkaufserlös von 195 Millionen und schaukelte den Wert der Immobilie auf 375 Millionen. Die Grunderwerbssteuer von 20 Millionen für das Land wurde perfide umgangen. "Share Deal" heißt das Konstrukt. Dabei wird das Grundstück selbst nicht verkauft, sondern nur die Firma, der das Grundstück gehört.

Der Multi Adler rudert jetzt zurück und bringt die Adler Tochter LEG ins Spiel. Das Grundstück soll zweigeteilt werden, mit dem ersten Teil, dem "Heyhe-Quartier", soll es losgehen.

Bleibt es bei "preisgedämpften" Wohnungen? 1700 insgesamt? Was ist mit Kitas? Werden die versprochenen Grünflächen umgesetzt? Behält man die drei Industriedenkmäler: Turm, Zentrale, Maschinenhaus?

Die Stadt wurde betrogen, sie sollte eingreifen!

Werfen wir einen Blick in die Geschichte: Napoleon förderte 1795 das Konservieren von Lebensmitteln durch Einkochen. Johann Carl Weck, ein Unternehmer aus Süddeutschland, kaufte 1895 das Patent zum Einmachen mit dem Gummiring und entwickelte das nach ihm benannte Weck Glas.

Aber produziert wurden die Weckgläser meistens in Gerresheim mit dem Gerrix-Logo: ein G mit einer Krone. Als Ferdinand Heyhe 1864 als 25jähriger das Gelände bereiste, sah er nur das Düsselflüsschen, das hier den Berg herunter plätscherte, den Pillebach mit einem Fußweg, der zu einer kleinen Stadt hinaufführte, einen Steinbruch mit feinem Sand, aber vor allem sah er die Eisenbahn, die hier seit 1845 den Berg raufkraxelte und in die Welt fuhr. Das war es!

Mit 12 Glasmachern gründete er direkt neben dem wackeligen Bahnhof an der Westseite des Fußweges eine Glashütte. Er hatte sich von seinem Vater, dem Glasmacher Caspar Hermann Heyhe aus Bremen, sein Erbteil von 30 000 Taler auszahlen lassen.

Die uralte Kunst, Glas herzustellen und Hohlformen zu blasen, beherrschten besonders Handwerker in den Waldgebieten Ostdeutschlands und des Baltikums. Wie die Nomaden zogen sie umher, nicht ihrer Herde folgend, sondern dem neuen Wald, wenn der alte wegen des großen Bedarfs an Feuerung abgebrannt war.

Es war schwierig, diese Wanderer an einem Ort festzuhalten. Einmal da, blieben sie unter sich. Ihr "Hötter Platt" stammte aus dem Osten und hatte nichts mit rheinischen Dialekten zu tun. Heyhe gab ihnen direkt neben der Fabrik Wohnung, Garten, Stall, Räucherkammer und Backhaus. Die alte Methode des Schmelzens in "Hafenöfen" zwang zu Fabriknähe bei durchgehender Arbeitszeit von Tag und Nacht. Ein "Wecker" ging von Haus zu Haus, um den eingeteilten Bläser und nicht die ganze Straße zu wecken. Dunkelkammern ohne Fenster dienten zum Schlafen. Diese "Altstadt" wurde 1979 für einen Parkplatz abgerissen, die gegenüberliegende "Neustadt" von 1879 blieb erhalten. Die Siedlungen lagen im Sumpf der Düssel, im Torfbruch Bereich. Wegen des hohen Grundwasserstands mussten alle Eingänge hoch gelegt werden.

1881 entwickelte Siemens die "Wannenschmelze". Damit war das Ausgangsmaterial, die honigfarbene Schmelze, immer verfügbar. Heyhe teilte jetzt in drei Schichten ein: 4-12, 12-20, 20-4 Uhr und erfand als erster in Deutschland den 8 Stundentag. Die Hauptmahlzeiten (12 und 20 Uhr) konnten so im Kreis der Familie stattfinden.

Die Hütte nahm einen rasanten Aufstieg. 1902 pusteten (zusammen mit anderen Heyhe Werken) 5000 "Püster" 150 Millionen Flaschen.

Die größte Flaschenfabrik der Welt

1888 wurde eine sensationelle Innovation vorgestellt: statt Laternen eine riesige Bogenlampe: der "Lange Hermann".

1890 entstand die Siedlung "Nachtigall", auf der anderen Seite der Bahn die „Alte Insel", der „Höherhof" und 1900 die "Meistersiedlung“.

Die größte Herausforderung brachte 1901 die von Michael Josef Owens erfundene voll automatische Flaschenblasmaschine. Der Sohn Hermann Heyhe handelte sofort, kaufte das Patent, gründete eine AG. So konnte er das Unternehmen stufenmäßig auf Automatik umstellen und die drohende Arbeitslosigkeit abwenden.

Zwischen den Kriegen: die Hochsaison mit den "Gerrix-Gläsern", aber zwei Kriege. Die Umstellungen von Kohle auf Öl und Gas und die Plastikflaschen blieb nicht ohne Folgen. Gastarbeiter ließen in den 60 bis 70igern "Little Italy" entstehen. Die Firma ist ab 1985 abwechselnd in verschiedenen Händen, darunter die West LB; dann wieder zurück zu Owens / Illinois; 2005 ist endgültig Schluss.

Ob Heyhe ein „Wohltäter“ war, kann mit heutigen Maßstäben nicht gemessen, sondern muss aus der damaligen Zeit verstanden werden. Denn Heyhe war ein Patriarch. Sein Wille war Befehl. Wer nicht gehorchte, musste gehen.

Er hat viel für die evangelische Gemeinde im katholischen Gerresheim getan. Die Bläser aus dem Osten waren oft Protestanten. Er fördert Schule und Kirche. Das Ferdinandheim für Alte wird von Ehefrau Pauline gegründet. Heyhe stiftet den "Volkspark" mit Heyhebad und Musikpavillon. Ein zweiter Bahnhof, der Rheinische, wird gekauft und bildet später für die Italiener ein Kino.

In der Nazizeit wird das rote kommunistische Gerresheim brutal verfolgt. Der Bunker mit der Endzeit 1945 ist heute ein Wohnhaus - mit Sonnendach und energie-autark für 7 Etagen.

Triumphiert der Spekulationsteufel in Gerresheim?

Noch besteht Hoffnung, denn schon einmal war der Teufel im frommen Gerresheim besiegt worden.

Er schließt mit Gerricus, dem Gründer des Stifts und der Stadt eine Wette ab: Wer am weitesten vom Kirchendach springt, ist der Sieger. Ihm soll die Kirche gehören.

Der pechgetränkte Pferdefuß bleibt hängen und der „Schwarze“ platscht nur 10 Meter weit zu Boden.
Gerricus aber springt bis zum "Pütt" am Waldesrand. Der ist noch immer da.

Der Teufel hat verloren. Ob die Geschichte auch heute so ausgeht?

Das wünschen wir uns alle. Aber allein durch Wunschdenken ist noch nie etwas Brauchbares heraus gekommen und vor allem nicht für die „Kleinen Leute“.


Autor: Dieter Jaeger  Redaktion: Bruno Reble  © Geschichtswerkstatt Düsseldorf 2022

Mittwoch, 27. Juli 2022

Das Totschlagen von Hunden an Hundstagen ist verboten

Also sprach der Kurfürst den 20.9.1782: „Liebe Getreue, (so fing er immer an) …dieses Verbot ist von Zeit zu Zeit zu erneuern. Dem Wasenmeister (=Abdecker) ist zu bescheiden, dass Unvermögende keine Hunde halten sollen"

Die gute alte Zeit war nicht gut

Nehmen wir das 15.Jht. (1497)
„Liebe Getreue (…) „sind Strafen darauf zu setzen gegen das gottlose Fluchen auf der Straße oder im Wirtshaus. Jedermann, auch wenn er Knecht oder Diener sei. soll mit 5 Mark verfallen sein, welcher solches anzeigt, soll 6 Albus erhalten"

Und das 16.Jht:
„Liebe Getreue (…) nachdem wir in Erfahrung kamen, dass viele unehrbare Handlungen und Unrat in Wirtshäusern zugetragen sind, befehlen wir ernstlich, alle, die Wirtschaft halten, bei unserem Befehlshaber um Erlaubnis bitten sollen, verdächtigen Personen soll es nicht zugelassen werden.
An den Landstraßen, da keine Dörfer in der Nähe sind, mag es zugelassen werden, aber alle Heckwirtshäuser oder die, die in den Büschen sitzen, soll es ganz abgestellt werden"

Liebe Getreue (1554),
"Nachdem wir täglich bemerkt, dass allerhand gesunde Manns- und Frauenpersonen des Bettelns an den Türen entlang laufen, so soll Amtmann und Schultheiß sich über sesshafte Bettler erkundigen, die fremden aber abschaffen"
"Die Wirte sollen keinem gesunden Bettler, Müßiggänger, Landsknecht, Kesselflicker, Glas-Pott Düppenträger, Krämern, Schornsteinfegern, Gauklern, Lotterbuben, Possenmacher und Abenteurer Essen oder Trinken geben"
„Am Ende der Predigt werden keine Gelage abgehalten, an Sonntagen soll nichts verkauft werden"

Liebe Getreue (1634)
"Wir vernehmen mit Missfallen, dass in unseren Landen etliche Geistliche im schändlichen Laster des Konkubinats beharren bleiben, es ergeht der ernstliche Befehl, verdächtige Personen mit den Leibern anzuhalten, an den Pranger zu stellen, eine Stunde oder andere zur Abscheu stehen, und demnächst aus unserem Amt, da sie bei den Geistlichen gewohnt haben, auszuweisen. Fleißig acht geben, dass sie heimlich nit wieder einschleichen. Auch andere Pastores, welche verdächtig sind, sollen gehalten werden, namhaft gemacht zu werden"

Liebe Getreue,
"bei 5 Goldgulden Straf ist ernstlich verboten, Seiff -Luder- Nachtgeschirr, und dergleichen Unsauberkeiten, wodurch Vorübergehender an seiner Kleidung oftmals beschädigt, aus dem Fenster, sei es bei tag oder bei nacht, auf die Gasse auszuschütten. Und damit es nicht allemahl auf die ohnvermögenden Dienstboten geschoben werde, soll die Herrschaft, bei welcher der Schaden geschehen, allenfalls dafür mit Straf angesehen werden, dass sie solch liederliches Gesindel in Dienst genommen"

1714, 3.November (Zeitungs-Notiz)
„am vergangenen Freitag wurden allhier Mann und Frau, jener, weil er 2 Weiber, diese aber 2 Männer zugleich gehabt, ausgegeißelt, gebrandmarkt und des Landes verwiesen“

Liebe Getreue (1775)
"Zur Vermeidung der zur Üppigkeit gestiegenen Kleiderpracht, wodurch Zerrüttung, Untergang manch häuslicher Wirtschaft geschieht, ist verboten bei 500 Reichtaler Strafe, Livreen oder Civilkleider, die mit Gold oder Silber gestrickt sind, zu tragen. Männern wird gestattet, silberne Knöpfe auf den Röcken zu tragen"

Liebe Getreue (1784)
"...missfällig zu vernehmen, dass der Pöbel und die ungezähmte Jugend der erneuerten Fahrordnung ausschalten sich erlauben, durch Werfen der Hüte vor und unter die Pferde solche scheu machen, wieder andere von hinten aufsitzen und zwischen die Pferde Hüte werfen. Wir befehlen ernstlich, solche Jugend auf der Stelle arrestieren zu lassen und dieselben vor dem Rathaus mit angemessener Prügel zu bestrafen, dann noch einige Tage bei Wasser und Brot zu setzen. Nicht weniger die Eltern bessere Obsorg einzubinden, beim ersten mal mit Geld oder Gefängnis, zum andern mal ebenfalls mit Prügel zu bestrafen"

Liebe Getreue,
"Wir lassen es gnädigst bewenden, ermahnen aber alle unsere Untertanen, die den Trunk nicht vertragen können, zu Querelen geneigt sind , dass sie sich dieses Lasters enthalten, das Leib und Seele verscherzet, das in verbotene Händel gerät, daraus Totschläge Verwundung erfolgen. Wir ermahnen keine Mitigation. Wenn jemand zufällig in Trunkenheit gerät, sonst aber still ehrbar ist, auch keine Feinde hat, so soll der Delinquent nicht von aller Straf befreit, aber Gnade und Mitigation verstattet bekommen"

Liebe Getreue,
"bei Beerdigungen pflegen die Katholiken die Leichen auf den Leichenwagen zu setzen, die Geistlichen müssen aber zu Fuß gehen. Bei Regenwetter und auch sonst überlassen die Geistlichen es dem Leichenführer, diese aber ohne Religionsgebrauch und Sittlichkeit tun es nun übereilt ohn sittliches Gefühl und mit Besäufnis.
Beim Nähen des Totenhemdes betrinken sich oft die Frauen und liegen im Delirium oft neben den Leichen, können auch nicht mehr aus eigener Kraft nach hause gehen"
"Tanzmusik in öffentlichen Lokalen ist erlaubt, aber der Wirt muss bei Strafe Tanzmusikscheine bei der Polizei einlösen"

Die Schule des Lebens

Die Schule war natürlich etwas Besonderes. Das Monheim Gymnasium am Stiftsplatz (1545) war fast schon eine halbe Universität. Sogar Kölner kamen nach Düsseldorf. Hier galt äußerste Disziplin.
"Sie sollen mit gespanntem Ohr dem Vortrag des Lehrers lauschen"
"in der Schule sollen sie außer der Pause nicht sitzen, wenn sie von außen kommen, sollen sie über drei Tage nicht in einer Schenke hängen bleiben, sondern eine Wohnung suchen. Wenn sie vom Wächter um 5 geweckt sind, sollen sie ohne Verzug aufstehen, das Haar außerhalb des Schlafzimmers kämmen, Hände, Augen Zähne vom Schmutz waschen, nicht wüst schreien, keinen Schaden an Fenstern Hausdächern machen, Stadtmauern, Türme, öffentliche Bauten sollen sie nicht betreten, Jagd Fischfang Vogelfang Baden im Fluss ist nicht gestattet. Gärten, Äcker, Wiesen dürfen nicht betreten werden. Sie sollen die Schule in bescheidener Haltung betreten, nicht laufen, sondern ehrbar einherschreiten"

Wir zitieren all dies, nicht um uns lustig zu machen. Vielleicht hätten wir damals genauso gehandelt. Im Grunde hat sich nicht viel verändert: Betrug, Schwäche, Alkohol, Eitelkeit, die Jugend, die Priester.

Immer, wenn ich am ehrwürdigen Stiftsplatz dies zitiere, muss ich lachen, insbesondere bei der Passage "mit gespanntem Ohr dem Vortrag lauschen".

Einiges hat sich doch verändert. Hier im Monheim Gymnasium 1545 wurden etwa hundert oder mehr in einem Raum unterrichtet, in meinem Gymnasium 2000 so zwischen 20 bis 25.

Turbulent war immer die erste Stunde der Sextaner: "Herr Jaeger, Herr Jaeger!" 10 Schüler stürmen auf mich ein, 10 haben ein Problem. Nur dieses zählt, Chaos! Ich sehe ein Bild von Pestalozzi vor mir: umringt von einer Kinderschar, der sanfte Herrscher.

Ich selbst: ein von jungen Wilden beherrschter Assessor (in Australien machten sie daraus einen "assistant" einen "Hilfslehrer") Hilfe, ich brauche Hilfe! Und doch ist es einer der schönsten Berufe.

Wie wurde in Australien die Schlange getötet? Ich springe auf den Tisch und springe herunter. "So hab ich die Schlange getötet." Stille! Wie gut, dass Australien so weit weg ist; kein Faktenscheck. Stille!

Und dann ? Die Schüler verfolgen mit gespanntem Ohr den Vortrag des Lehrers.

Autor: Dieter Jaeger  Redaktion: Bruno Reble  © Geschichtswerkstatt Düsseldorf 2022

Freitag, 20. Mai 2022

Geschütze, Panzer, Waffen – Rheinmetall !

Die Tauben sind zu Falken geworden. In einem Monat, wie schnell.

Ein in Düsseldorf ungern genannter Name war Rheinmetall. Am ehemaligen Hauptgebäude Ulmenstraße wurde der Name übertüncht: ein glitzernder Stahl- und Glasmix aus Büros, Hotels, Restaurants, inmitten der "Unternehmerstadt".

Noch am 11. Februar 2022 wird das Sponsering von Rheinmetall für den Handball Verein „Bergischer HC“ von den Grünen abgelehnt. Ein paar Tage später kommt der Krieg in der Ukraine. SPD Scholz reagiert noch zögerlich, aber die Grünen rufen energisch zu den Waffen. Eine „Zeitenwende“ kündigt sich an. Der Aktienkurs von Rheinmetall geht durch die Decke.

Kommt jetzt eine Wiedergeburt?

Der Firmengründer Heinrich Ehrhardt war zunächst Fabrikant von Eisenrohren. Düsseldorf war damals die Röhrenmetropole Europas. Alle bauten Röhren: Piedboeuf, Bahlke, Tellering und Hahn bauten schmiedeeiserne Röhren, Poensgen baute Bleiröhren, Haniel und Lueg bauten guss-eiserne Röhren, aber Ehrhardt war anders.

Er konzentriert sich auf nahtlose Röhren in Anlehnung an die Mannesmann Sensation, Röhren ohne Naht herzustellen. 1889 bringt er ein patentiertes Pressverfahren heraus. 128 Patente, hat man später gezählt. Er war ein genialer Erfinder, der in der Bastelstube des Thüringer Waldes ein Ding nach dem anderen hervor zauberte: Kaltsägen, Panzerplatten, Drehbänke, Pressen, Fahrräder, Elektrofahrzeuge, Gewehre, Zünder. LKWs und Autos (Wartburg).

Anders als die genialen Mannesmann Brüder, die vorzugsweise erfinden konnten, muss Ehrhardt auch das Kaufmännische gelernt haben, denn sein Unternehmen Rheinmetall besteht noch heute 2022.
Das Schrägwalzverfahren von Mannesmann war durch Beobachtungen bei der Feilenherstellung in der väterlichen Remscheider Fabrik entstanden: schräge Walzen zermürbten das Innere eines Blocks. Die spätere Ergänzung des Pilgerschritts (drei vor, zwei zurück) erlaubte lange Röhren. Der Name kam durch das Vor und Rückwärtsfahren der Stücke. Es erinnerte an die Prozessionen in Echternach zum heiligen Wilbrord, zuständig für Veitstänze, also Wahnsinn oder an den Hexensprung in der Villinger Fasnet.

Ehrhardts Pressverfahren bohrte und presste einen Dorn in das glühende Eisen. Das war einfacher. Dadurch wurde Ehrhardt zum "Kanonenkönig". Man arbeitete in Derendorf "Bei der Patrone", weil Ehrhardt sich 1901 auch eine Gewehrfabrik eingegliedert hatte, wo das Zündnadelgewehr hergestellt wurde (1840 von Dreyse erfunden) Hinzu kommt 1895 der Unternehmer Konrad Haußner, der für Krupp das Rohrrücklaufgeschütz erfunden hatte.

Heinrich Ehrhardt, Vollwaise aus Zella (1840-1928), aus einer Büchsenmacherfamilie stammend, bringt es zum freiberuflichen Ingenieur, der 1873 mit 33 Jahren in die Röhrenstadt Düsseldorf zieht. Ein Auftrag des Kriegsministeriums, Mantelgeschosse herzustellen, wird vom Hörder Hüttenverein an Ehrhardt weiter gegeben, der hierfür eine neue Firma gründet.

1889 Gründung von Rheinmetall

Mit 300 Arbeitern und 1100 Arbeiterinnen erledigt er den Auftrag in angemieteten Räumen zwischen der Reichsgasse und Talstraße. Gleichzeitig kauft er der Witwe Scheuten einen Acker in Derendorf ab, der dann die Hauptproduktionsstätte werden soll.

1891 gründet er in Rath ein Hammerwerk und 1899 in Reisholz ein Press- und Walzwerk. Vor seinem Konkurrenten Mannesmann hat er die Nase im Wind, denn er kennt sich besser aus in Düsseldorf. 1889 erwirbt er ein Filetstück an der Eisenbahn und 1899 das beste Stück zwischen zwei Bahnen: die IDR Reisholz.

Derendorf Ulmenstraße war billiges Land im Umkreis des tabuisierten Galgengebiets am Spichernplatz. Der "Weg zur Richtstätte" an der Collenbachstraße trifft in einer Gabelung den anderen Feldweg Ulmenstraße (s. Wolfgang Funken 2022, buchtipp-duesseldorfs-galgenplaetze)

Hier stand der Galgen

Auf dieses Tabuland wurde 1893 die Arrestanstalt Ulmer Höh und 1896 der Schlachthof gelegt. Das Militär bekam Scheibenbahnen und später Kasernen (Tannenstraße). Ehrhardt war 1889 der erste Unternehmer in dieser berüchtigten Zone.

Rheinmetall besaß jetzt ein riesiges Gebiet zwischen Eisenbahn, Ulmenstr, Großmarkt und Arrest, einschließlich nördliche Seite der Erhardtstraße, wo der israelitische Friedhof respektiert wurde.
Die Ruhrtalbahn (1866) und die Rheinische Eisenbahn (1874) hatten mit ihren Bahnhöfen den Ort Oberrath wichtig gemacht. Ehrhardt ist hier seit 1891. Die IDR liegt zwischen Cölln-Mindener und Rheinischer Bahn, plus Rheinschiffahrt, plus wichtige Kölner Straße. Besser geht es nicht.

1896 kommt das erste Schnellfeuergeschütz auf den Weltmarkt, hergestellt von Rheinmetall; auch Franzosen und Engländer kaufen dort ein. Das Deutsche Kaiserreich hielt zunächst zu Krupp. Doch bereits 1914 ist Rheinmetall der größte Rüstungshersteller in Deutschland.

Im Krieg schießt Rheinmetall auf Rheinmetall

Die Zahl der Beschäftigten steigt schließlich auf 48 000, weit mehr als alle anderen Düsseldorfer Unternehmen zusammen, die im Schnitt nur ca. 1500 Beschäftigte aufweisen. Auch Mannesmann kommt nur auf 3300.

Der Arzt Paul Boskamp, der eigentlich Leben retten sollte, besingt 1916 das schändliche Geschehen mit den Worten: "Das Werk der Wunder mich umfasste, ich hört ein tausend tönig Lied.
Ich war in Düsseldorf zu Gaste, beim großen deutschen Waffenschmied."

In der NS-Zeit wächst das Unternehmen mit Borsig Lokomotiven zur "Rheinmetall – Borsig AG“, schließlich im Krieg ganz auf Rüstung ausgerichtet mit den "Reichswerken Herrmann Göring" bis auf 80.000 Beschäftigte. Ein Großteil, fast die Hälfte, waren "Zwangsarbeiter", die unter erbärmlichen Bedingungen in Lagern an der Ratherstraße interniert waren.

Nach dem Krieg wurde die Waffenproduktion zunächst gestoppt, also Autobau, aber bald wieder Rüstung und "Wehrtechnik".
- 1956 erstes Produkt: das MG 42
- 1990 größtes Testzentrum Europas in der Außenstelle Unterlüß (Lüneburger Heide)
- Rheinmetall ist heute ein Technologiekonzern mit 25 000 Mitarbeitern an 132 Standorten.

Jede Zeit ist nur aus der eigenen Zeit zu verstehen, sagt man.
Deutschland als traditionelles „Kriegsland“ hat sich nach der letzten Katastrophe geschworen:

„Nie wieder Krieg!“

Jetzt tut man sich schwer mit der "Zeitenwende".

2004 spielten wir Theater im Knast auf der Ulmer Höh. Auf dem Spielplan stand „Die Karawane" unter der Leitung von Rudi Rölleke. Schlimme Erinnerungen wurden wach: Welches Leid hatte dieses Haus gesehen. Es war ja die Nachfolgestätte der Düsseldorfer Richtplätze (Kreuzberg, Golzheim, Flingern, Derendorf, Altstadt) 1936 wurde hier zuletzt hingerichtet.

Aber bei aller Beklemmung gab es auch ein befreiendes Lachen. Ein Mitspieler hatte pathetisch mit ausgebreiteten Armen den Jandl-Text gesprochen:

"Die Sonne scheint"

Prompt kam vom Zuschauerraum die Frage: "Wo denn, es regnet doch?"


Autor: Dieter Jaeger  /  Redaktion: Bruno Reble  /  © Geschichtswerkstatt Düsseldorf 2022

Anmerkung aus der Redaktion: "Im Krieg schießt Rheinmetall auf Rheinmetall". Das heißt konkret,
mit Waffen von Rheinmetall zerschießen sich die Soldaten auf beiden Seiten der Front die Knochen, während gleichzeitig in der Konzernzentrale die Gewinne explodieren und die Sektkorken knallen.

Dienstag, 22. Februar 2022

Himmelgeist: Deichen oder Weichen?

 Deichbau in Düsseldorf

Die Bienen wären gerettet, aber es geht um mehr: die Himmelgeister und Itterer fürchten die Bau-Gelüste in ihrem Naturschutzgebiet : keine Bebauung auf der Jücht !!

Das Deichland in Himmelgeist und Itter ist unser größtes Naturgebiet am Rhein. Nirgendwo sonst kann man Kilometer lange Deichtouren machen.

Der Deich allerdings ist hier alt und marode (zum Teil nach 1945 mit Kriegsschutt gebaut). Die Stadt will ihn einfach ausbessern. Die Einwohner wollen einen neuen Deich, weiter im Hinterland. Dafür haben sie eine Petition eingereicht.

Die Luftlinie Hellerhof- Wittlaer ist nur 22km lang. Das Rheinufer dagegen zieht sich über 40 km dahin, vom Km-Stein 721 Urdenbach bis 759 Wittlaer. Gezählt wird ab Konstanz Rheinbrücke.

Was ist das für ein Fluss, unser Rhein ?

6 Milliarden Jahre, so alt ist unser Planet. Davon lassen sich geologische Spuren ca. 500 Millionen Jahre zurück verfolgen.

Von diesen 500 Mill sind für uns die letzten 65 interessant: die Geologen nennen sie Tertiär, also die dritte Zeit. Interessant, weil hier nach der großen Dinosaurier-Katastrophe die Säugetiere ihre höchste Zeit haben. Die Alpen entstehen als letzte große Gebirgsbildung und die Niederrheinische Bucht als Senke, die der Urrhein nutzt und nie mehr verlässt.
Geologische Details s. https://de.wikipedia.org/wiki/Rhein#Geographie

Das Quartär (die vierte Zeit) vor ca. 2,5 Mio. Jahren wird schließlich den Menschen hervorbringen. Das meiste davon ist Eiszeit (Pleistozän), der Rest seit 12000 Jahren (Holozän) ist das Jetzt.

Flüsse muss man, wie Küsten, eindeichen. Deiche in Düsseldorf können wir bis ins Mittelalter verfolgen (Kaiserswerth oder Hamm). Spannend sind immer die ältesten Verläufe und was aus ihnen geworden ist. Zunächst denkt jeder an den eigenen Schutz, und so werden zB.im 18.Jht. Deiche in Heerdt zerstört, weil sie die volle Wasserkraft auf Düsseldorf lenkten. Die völlige Eindeichung gelingt erst zu Anfang des 20. Jhts.

Einige gut bekannte Deich Beispiele

a. Hammer Flügeldeich

Er bildete vom Hammer Deichtor am Ende der Fährstraße gesehen zwei Flügel nach Nord und nach Süd.

Der Nordflügel ist der noch heute bestehende Weg "Am Sandacker", der in Richtung Lausward zunächst nur Haus Hamm schützte, dann aber die gesamte Lausinsel umgibt und 1895 mit dem schon1866 gebauten "Parallelwerk" verbunden wird. Dieser Nordflügel mit dem Parallelwerk wird dann die Rheingrenze des Hafens werden.

Der Südflügel zielt von der Fährstraße durch einen heute noch vorhandenen Weg zur Straße "Auf der Böck" und verbindet sich am Aderhof (heute Tunnel Brücken Auffahrt) mit dem Aderdamm, der bis ins 14. Jht. zurückgeht. Der heutige Aderdamm schützte die Urhöfe von Hamm (Holter, Borres: existiert noch) und verband sich, ergänzt durch das natürliche Zwischenstück: "Schwarze Berge" mit dem Stoffeler Damm. Dieser zerstörte das Dorf Stoffeln. Er geht als Hauptstraße heute durch die Städtischen Krankenanstalten und endete damals an der Scheidlingsmühle.

Durch Rückstau werden auch die Bachläufe (Brückerbach) in diesem Tiefgebiet zur Gefahr. Auch sie werden eingedeicht. Wersten West bietet so den Anblick einer Nordseesiedlung.

b. Heerdter Deichschau

Der Heerdter Deichbruch ließ die Hälfte unserer linksrheinischen "Halbinsel" versanden. Ober- und Niederkassel entstanden mit ihrem Deich, respektvoll 600 m vom Rhein entfernt. Ein genialer Trick ließ 1896 das heutige Ober- und Niederkassel entstehen. Der Deich wurde bis zum Fluss vorgezogen. Siedelland wurde gewonnen. Das Gleithangufer von Oberkassel wurde abgegraben und mit dem Material wurde die 30 m Verschiebung der Düsseldorfer Rheinuferstraße gebaut. Der Rhein konnte sich in einem sehr viel tieferen Bett austoben.

"Vossen links und rechts" waren damals die rettenden Lokale hinter dem Deich. Die Eisenbahn, die bis zum Ufer vorgedrungen war, stand oft im Hochwasser: ein abenteuerlicher Bereich mit entsprechenden Kneipen, der zur Attraktion junger bierseliger Leute wurde (fast ohne Aufsicht), denn die Polizei von Heerdt lag weit weg.

c. die Altstadt

Sie brauchte keinen Deich. Unsere Vorfahren wählten einen hohen Sporn der älteren Niederterrasse, der bis zum Fluss reichte. Auf Bildern sieht man Düsseldorf wie eine Festung hoch oben über dem Rhein. Die "Altestadt- Ratingerstraße" ist mit 40m über Normal die höchste Straße der Stadt in alter Zeit. Noch heute gehen wir auf der Neubrückstraße den Berg hinauf.

d. Himmelgeister Rheinbogen

Eine kleine Wanderung: Wir folgen "Am Broichgraben" dem verschwundenen Itterlauf, vorbei an der uralten Hubertuskirche = Ursprung des Ortes Itter,in die Ackerflächen hinein bis zum "Kölner Weg". Links an der verlorenen Itter liegt "Schloss Meierhof" gebaut auf den Resten des 1836 abgebrannten Hofes Mickeln (seit1210 beurkundet). Herzog Arenberg hatte Mickeln ein Jahr zuvor gekauft und nach dem Brand an anderer Stelle 1839 als neues "Schloss Mickeln" bauen lassen. Für dieses neue Schloss Mickeln entwirft Weyhe den Park Mickeln mit den berühmten Libanonzedern. Wir gehen den Kölner Weg, immer rechts vom maroden Deich begleitet, 2 Km bis zum Rhein, dann rechts am Fluss entlang bis Himmelgeist zurück.

An der Mündung vom alten Itterbach steht St. Nikolaus, eine unserer ältesten Kirchen (904 urkundlich erwähnt).

Nikolaus von Myra (geboren um 350 n.Chr. im türkischen Antalia) ist der Schokoladen Nikolaus unserer Kinder und der Patron der Seefahrer. Die Hanse bringt ihn entlang der Küste nach Osten (Nicolai Berlin, überall Nicolai-Kirchen). Auch der Autor wurde in Ostpreußen mit dem Weichselwasser einer Nikolai Kirche getauft.

Bei einem starken Hochwasser in den 90iger Jahren sahen wir von Uedesheim über den Rhein hinüber nach Himmelgeist. "Ja, das ist es", dachten wir. So muss Düsseldorf 1288 ausgesehen haben: ein Kirchturm, einige Häuser. "Der Rhein war jetzt ein riesiges Meer. Die Deiche hatten nicht gehalten, nur der Kirchturm ragte hervor: Nikolaus, Schutzherr der Seefahrer, auch hier am Rhein.

Die Mäander verlagerten sich früher jedes Jahr um 5 m nordwärts. Bei Hochwasser-Katastrophen wurden Dörfer, wie Niel oder Steinen, einfach fortgerissen.

Das gräuliche Eishochwasser im Februar 1784

Vom stärksten Hochwasser am Rhein seit Menschengedenken gibt es Berichte, die der fleißige Appellationsrat Th.Lenzen um 1800 gesammelt hat.

"Gegen 5 Uhr morgens weckte uns das Lärmen der Nachbarn ... in einer Stunde war das Wasser so hoch, dass wir uns nur über ein eilends gefertigtes Gestell im zweiten Stock in einem uns zugeführten Nachen retten konnten. Der Rhein hatte die Dämme bei Himmelgeist überstiegen … der Strom fiel wütend auf die Zitadelle und die neue Halle bei unserm Haus (Ecke Schulstraße). Mit Not erreichten wir die Ecke der Bergerstraße".

Nach einer Not Nacht im fremden Haus suchen sie die zerstörte Halle auf.

"Kaum erreichten wir den vor der Franziskanerkirche herlaufenden Strom, als wir von demselben in den offenen Rhein zugetrieben wurden ... an einem über dem Düsselbach gebauten Hause lief die Spitze unseres Kahns ins Seitenfenster des ersten Stockes ein ... Guter Gott, welchen Jammer sahen wir jetzt: ein in der Eismasse verwickeltes Schiff, an dessen Bord die Schiffer knieend um Hilfe schrien, hier eine Hütte, dort ein Stall, Leichen, totes Vieh, Hausgeräte, Stroh, Früchte, Holz..."

Der nasse Tod

In Theodor Storms "Schimmelreiter" reitet der Deichgraf Hauke Haien in den Tod. Der Ton mutet uns heute pathetisch an. Er zeigt die Ohnmacht des Menschen, die Gleichgültigkeit der Natur. Wir haben es erlebt, noch vor kurzer Zeit.

"Aber Sturm und Meer waren nicht barmherzig, ihr Toben verwehte seine Worte, nur seinen Mantel hatte der Sturm erfasst, es hätte ihn bald vom Pferd gerissen. Das Fuhrwerk flog ohne Aufenthalt der Stürzenden Flut entgegen. Da sah er, dass das Weib, wie gegen ihn hinauf, die Arme streckte. Hatte sie ihn erkannt? Hatte die Sehnsucht, die Todesangst um ihn sie aus dem sicheren Haus getrieben und jetzt rief sie ein letztes Wort ihm zu?

"Elke", schrie Hauke in den Sturm hinaus. Da sank aufs neu ein großes Stück des Deiches vor ihm in die Tiefe. Noch einmal sah er den Kopf des Pferdes, die Räder des Gefährts aus dem wüsten Greuel emportauchen.

"Das Ende", sprach er leise vor sich hin. Dann ritt er an den Abgrund. Er richtete sich hoch auf und stieß dem Schimmel die Sporen in die Weichen. "Vorwärts", rief er noch einmal, wie er es so oft zum festen Ritt gerufen hatte.

"Herr Gott, nimm mich, verschon die anderen!"


Autor: Dieter Jaeger | Redaktion: Bruno Reble | © 2022 www.geschichtswerkstatt-duesseldorf.de

Freitag, 28. Januar 2022

Hafen Rundgang 2022 mit Dieter Jaeger

Zuletzt hatte ich die Tour 2013 gemacht. Jetzt nach fast Jahren wollte ich sehen, wer geblieben ist nach Corona. Dabei muss die Zahl der Köche ein wenig reduziert werden. "Ich liebe Euch und Eure Kunst, aber es gibt zurzeit sehr, sehr viele von Euch, und sie sind überall.“ Die Köche sind die Meister unserer Zeit, sie erklären uns die Welt. Ihnen nahe kommen nur noch die "VIP Experten" und die "Influencer".

Verschwunden aus der Gastronomie sind: Portone,China Royal,Savini, Trockendock,Porters,Strom, Amanti, Amano, Minol, Shabby Chic, Gehrys, Il Molo, Patrick,Room, Bug,Pebbles, Kantinery, Havanna, Harpune, MK3,3001,Mojito, Tucan, Hafenbar, Breuers, Op de Eck.

Erster Eindruck: der Hafen ist ärmer, reduzierter geworden. Der Zauber des Anfangs ist dahin. Es gibt drei Hotspots: Gehry, Eigelstein, Kino. Wobei das Kino nicht fürs Essen taugt.
Vor allem (auch geschichtlich) zwei interessante Ecken: Gehry und Eigelstein.

A. Gehry

Der Zollhof stand hier, damals 1896 ein Hauptgrund, den Hafen zu bauen. Der alte Zollhof im Sicherheitshafen und die Distanz zum Urhafen Schulstraße, dazu die allgemeine Enge, die Unsicherheit am offenen Fluss, all dies forderte einen Neuanfang.

Der Zollhof war lange Zeit das einzige Gebäude im Hafen. In der Ruine Zollhof / Stromstr feierten wir 1985 Modeschauen und Popkonzerte. Die Brückenstraße hieß "Dorfstraße" und wies auf das Dorf Hamm hin, 1871 dann "Brückenstraße", weil sie zur Eisenbahnbrücke führte. Die Eisenbahn fuhr ziemlich gerade vom Bergisch-Märkischen Bahnhof GAP zur Brücke, direkt am Ufer vorbei. Aus den Gleisen wird 1896 die enge Zollhofstraße, die Eisenbahn fuhr jetzt über Bilk zur Brücke.

Der Rhein war hier sehr breit. Um die Wasserkraft der Prallhangkurve zu brechen, hatte man hier schon 1864  ("Rheinregulierung") zwei lange Buhnen angelegt, die zu einer Art Mauer im Fluss führten: dem "Parallelwerk". Dieses Parallelwerk wird man 1896 mit dem Hammer "Flügeldeich" verbinden, genau sind es zwei Flügel vom Deichtor Fährstraße aus gesehen. Es wird dann die Rheingrenze des Hafens von 1896.

Der Zollhof stand am Eingang des Hafens. Den Eingang hatte man hier gewählt, weil ein alter Eingang bestand: der Rheinarm der Carl Theodor Insel. Etwas weiter südlich stand am Rheinarm die wichtige Treidelstation "Schneidtmühl".

Die Brückenstraße ist heute eine Sackgasse. Ihre Hinterhöfe wurden die aufgeputzten Vorgärten der Stromstraße. Perverser weise hat man die Brückenhäuser zu Stromhäusern gemacht, die alten Eingänge Brückenstraße wurden zugemauert. Noch heute gibt es drei Häuser ohne Eingangstür.

Die Lippestraße hatte ein Eisenbahngleis zur Kammgarn-Spinnerei Bockmöhl. In den Ruinen der Fabrik erfreute uns 1985 der "Circus der Sieben Sinne": Nase, Mund, Ohr und noch andere Sinne wurden traktiert. Am schönsten der Tastsinn: unsere Arme und Hände in dunkle Höhlen und wir wussten nicht, was wir berührten: kalte Frösche oder zarte Frauenbrüste.

Das "China Royal" in der Brückenstraße heißt jetzt "Kirti´s", ein hoch gelobter Inder. Von den vielen Namen am Ende der Brückenstraße: Frickhöfer, Savini, Sampi, Miles smiles, Strom hat nur SATTGRÜN überlebt. Im Komplex, Gehry gegenüber "Curry": Robert Hüllsmanns Schnapsidee, nur Pommes, allerdings mit 20 "dressings", anzubieten. "Chidonkey": ein mexikanischer Imbiss. "Zollhof": der geschichtsträchtige Name steht auch für das beste Essen an dieser Ecke. Sagenhafter Kaffee nach wie vor und der wunderschöne Wintergarten.

Im Gehry links, ein Ziegelbau, der den alten Zollhof nachahmt: immer noch die "Meerbar", im weißen Gehry rechts, der eine Verbeugung vor Pfaus Schauspielhaus macht: jetzt "La Rocca".
Die Architekten simulierten Schiffe mit ihren Bauten: Parade´s "WDR Haus" (schon 1991), mit dem Bug gegen den Strom, wie es sich gehört, Dörings" Kaicenter" mit dem Heck gegen den Strom, dafür sieht der gläserne Bug prächtig aus. Im grünen Haus zwischen Kai- und Zollhofstraße residierte "Patrick", der Heilige von der grünen Insel, damals die Krone der Fischgastronomie. Heute: wieder Fisch, statt französisch, jetzt italienisch: "Da Cla", "Bei Clara".

Beim Straßenknick der Hammerstr fängt die Hammer Gemarkung an, der Name, der Düsseldorf berühmt machte: "Robert" (ausgesprochen <robäär>). Der Nachfolger Klaus Meister nennt das jetzt "Hafenmeisterei". Den maschinengedruckten kleinen Speisezettel suchen wir vergebens. Aber die meisten alten Köstlichkeiten sind erhalten.

B. Eigelstein

Nicht, weil hier die Leute das falsche Bier trinken (man hat mich hier wegen der Bemerkung fast verprügelt), sondern, weil hier die Verbrecherbude "Schneidmühl" stand. Sie war groß und ging, langgestreckt mit ihren Gärten von der Neckarstraße über den Eigelstein bis zur Spitze der Speditionsstraße. Die Carl Theodor Insel hatte hier die entscheidende Treidelstation hervorgebracht.

Im Norden Düsseldorfs ging man von rechts nach links, etwa bei der "Annebel" (Golzheim), im Süden ging man von links nach rechts bei der Schneidtmühl. Immer von Gleithang zu Gleithang, denn nur hier, bei geringer Strömung, war Treideln möglich. Die Station wird zur Sägemühle, gehört bald den Jesuiten und geht mit ihnen Ende 18.Jht. zugrunde.

Rechts sehen wir die Titanic, wie sie untergeht, ein Bau des Claude Vasconi (Grand Bateau), der schon die Hallen von Paris mit seinem "Forum des Halles" zugrunde gerichtet hatte. Wir kommen vom Erftplatz mit dem neuen Op de Eck "Hans im Glück". In der Ferne noch "La Donna Canone": ein Urtier.  Neben dem Eigelstein, in der verlorenen Kranstr: "Mongo", "auf Steinen gebraten", die Glashalle ist die Fortsetzung der Pink Petzinka nach ihrem Coup "Stadttor" 1998. "Böser Chinese", wo "Bug" war.  "Riva", vorher "Gatz" und "Room".

Der Ueckerplatz kann tolle Geschichten von einem Kunstwerk erzählen, am besten die mit den lockeren Kieselsteinen. Führte leider zu kaputten Schuhen bei der Damenwelt. Wurde daher von der Stadtverwaltung platt asphaltiert und musste aber nach heftigen Protesten des Künstlers wieder in den Urzustand zurück versetzt werden.

Die Schneidtmühl markiert die Stelle, wo 2005 die "Living Bridge" Zoll- und Handelshafen trennte. Man träumte von einem "Ponte Vecchio Florenz", einer lebenden, mit Häusern besetzten, Brücke. Ein Haus steht da: "Lido" für Verliebte. Am Rand: "Berens am Kai" hatte in der "Annebell"(an der Bell) einen Stern erkocht. Jetzt will er was anderes machen. Der windige Ingenhofen macht dauernd was anderes. Er will die Brücke bis zur Weizenmühle verlängern: "Pier One".

Die Speditionsstraße hat endlich ihre zwei "Königskinder". 1993 hatte Holger Rübsamen einen Wettbewerb gewonnen. Er betonte mit einer Häuserwand auf der Westseite der Halbinsel: bis hierher und nicht weiter. Petzinka plante Einzelbauten mit begehrlichem Blick zur Kesselstraße: es wird weitergehen. Wegen der Emissionsgesetze war hier Wohnen verboten. Das Hotel Marriott mit Restaurant "Julian" hatte sich eingeschlichen.

Hyatt kam viel später und nahm sich das Filet Stück: die Inselspitze. Das hatte auch der Kunstmakler Helge Achenbach gesehen und 2003 hier "Monkey Island" gegründet. "Doxx" im silbernen Alien Look erinnert ein bisschen wehmütig an silberne einmalige Zeiten. Im "Vieuw" <vijö> in der 16. Etage hat man die schönste Sicht über den Hafen.

Der Haupteingang zum Hafen hat Kino, Türme und Architektur, ist aber etwas monoton, essen kann man hier kaum. Hier lag das Hafenamt und die Siemens Zentrale (1896 erster deutscher elektrisch bedienter Hafen) Die Fachwerk-Fassade ist noch da.
Der Riesenplatz ist nun mit den fließenden Glashäusern (Float) von Renzo Piano zugebaut.

Wo wollen wir enden?

Im italienischen "Bocconcino" lässt sich schön träumen von den Jazzfesten hier zwischen den Aquarien im damaligen Maassen Haus.Im UCI "Bogarts" vielleicht? Ich wollte immer Humphry Bogart sein, kaufte mir einen Trenchcoat, steckte mir Zigaretten schief in den Mund, setzte den Hut auf und wartete auf Ingrid Bergmann "Schau mir in die Augen Kleines".

Oder lieber ganz weit weg, am Golfplatz: "Ratatouille" am Ende der Welt. Das habe ich, der Nicht Koch, mal gekocht, mit einer Französisch Klasse im Helene Lange Gymnasium. Weil es so unglaublich französisch klingt.

Und den weißen Bällen schauen wir zu, wie sie in den blauen Himmel fliegen.


Autor: Dieter Jaeger | Redaktion: Bruno Reble | © 2022 www.geschichtswerkstatt-duesseldorf.de


Dienstag, 4. Januar 2022

Arkadien in Düsseldorf

 Gibt es das? Ja, so meinen 6 Künstlerinnen und 4 Künstler und bereichern unseren „locus amoenus“, unseren "lieblichen Ort" Nummer eins, mit der Ausstellung "ARCADIA". Eine Göttin, schaumgeboren wie die berühmte Venus bei Botticelli (oder unsere hier am Teich), wird nackt getragen in einer Badewanne, statt einer Muschel. Dann taucht sie in die Düssel, um Bilder vom "Kussmund" zu fangen, die im Wasser vergehen, wie der Schaum. Nackte Frauenleiber bilden eine Blume oder ein Tiefsee-Ungeheuer, Venusmuscheln auf dem Torso der einstigen Venusfigur sind kleine Wasserfälle, der erotisch vorbelastete Haselnussbaum hält die Nymphe gefangen, fehlt nur noch der Schäfer.

Denn zu Arkadien gehört immer ein Bach, ein Garten, eine Wiese, ein Baum… und ein Schäfer. Auch die Erotik mit dem "Schäferstündchen" gehört immer dazu. Arkadien war das ferne Hirtenland inmitten des Peloponnes, eine Art Paradies. Dieses Wort für Garten haben die Perser geprägt.

Wo findet man das Paradies?

Beginnen wir die Suche in unserem schönsten, dem Malkastenpark.

Wenn man um 1700 von Norden auf der damals einzigen Duisburg-Kölner Straße nach Düsseldorf reiste, sah man über der Furt in Pempelfort das gewaltige, fast 100m lange, nach Norden verzierte Gebäude des Marstalls von Jan Wellem. Der Fürst bewahrte hier sein Jagdzeug.

Etwas weiter wohnte sein Jagdaufseher. Später heißt dessen Haus Schloss Jägerhof. Der Haupthof Pempelhof trug früher den Namen Tempelhof. Nach der Vernichtung des Templerordens 1312 wurde er umbenannt (vermutlich von Hermann Lohausen). Der Marstall wies den Weg zum völlig versteckten, 3km entfernten, Düsseldorf.

Auch die Düssel, die hier widersinniger weise rheinaufwärts floss, wurde durch den Berg "Flinger Geisten" zurechtgewiesen und strebte nun westwärts dem Rhein zu.

Durch diesen merkwürdigen Düssellauf gab es später gleich hinter der Stadtmauer im Osten ideale Gartenanlagen. Das höhere Bürgertum nutzte sie als Sommerresidenzen, als "Lustörter". Aber auch die Vorindustrie nutzte hier das Düsselwasser und die Nähe zur Stadt. So saßen anfangs Industrie und Luststätten noch einträchtig beisammen.

Drei wichtige Namen der industriellen Frühgeschichte Düsseldorfs sind mit dem Gelände am Flinger Geistenberg verbunden: Kirschbaum, Jacobi, Brügelmann.

  1. 1710 kommt der Solinger Protestant Heinrich Kirschbaum in die Residenz Jan Wellems. 1740 gründet er in Pempelfort am Flinger Berg eine Tuchfabrik mit Garten und Orangerie. Der Abenteurer, Bankier, Kaufmann, Bergwerg-Besitzer und "erste Großindustrielle" heiratet die Stieftochter des protestantischen Hoflieferanten Kommerzienrat Georg Christian Fahlmer. 1753 installiert er die allererste Dampfmaschine von Jan Wasseige im Bleiwerk Lintorf. Doch von allem macht er allzuviel. Es folgt Bankrott und herber Sturz vom Rittersitz "Düsselstein" an der Wallstraße ins Gefängnis am "Berger Tor". Er verschwindet spurlos.
  2. Der Göttinger Pfarrerssohn Johann Konrad Jacobi heiratet ebenfalls in die Fahlmer Familie, aber diesmal die Erbin Marie Fahlmer und übernimmt 1765 sehr schnell die Kirschbaum Anfänge in Pempelfort mit einer Zuckerraffinerie. Die Anlage, wie wir sie heute noch in Grundzügen haben, ist sein Werk.
  3. Johann Gottfried Brügelmann, ebenfalls Protestant, gründet bei Ratingen die "erste Fabrik auf dem Kontinent" und nennt sie CROMFORT. 1790 kauft er das Jacobi Anwesen und startet hier eine Türkisch-Rot Färberei.

Von den dreien hat Jacobi dieses Terrain am meisten geprägt. Sein Sohn Friedrich Heinrich, der Philosoph, machte Pempelfort ab 1779 zu einem "kleinen Weimar". Europäische Geistesgrößen waren hier zu Gast (Humboldt, Herder, Diderot, d‘Alembert, Forster, Iffland). Goethe trug in einem goldenen Schmuckdöschen Jacobis Zucker bei sich.

In den Wirren der Franzosenzeit kommen neue Besitzer in den Jacobi Garten. Am Düsselweg (heute Dumontstraße) sitzen der Bleiweißhersteller Deus (ein Pionier mit der ersten Düsseldorfer Dampfmaschine 1836), weiterhin eine Textilfabrik auf der "Düsselburg" und der Direktor der Gaswerke Julius Brewer.

Als dieser 1855 mit Mutungen den gesamten Jacobibesitz angreift, zieht OB Hammers die Notbremse. Dank einer großen Bilderlotterie (Rettet den Jacobigarten) kaufen die Maler Haus und Garten für ihren 1848 gegründeten Verein "Malkasten" und für die Erhaltung der Jacobi Geschichte.

Die Maler, berühmt für ihre Feste und Ausflüge, setzen diese Tradition im Malkasten fort. Am bekanntesten wird das Kaiserfest 1877. Wilhelm I und Gemahlin Auguste bestaunen das Geschehen am Venusteich: Nymphen, Najaden, Nixen und genau wie heute: Arkadien.

Die Venus unter Beschuss

Hanns Heinz Ewers hat es mit der Venus: "Mit Armbrust, Blasrohr, Schleuder schossen wir auf der Liebe Göttin und mit besonderer Begeisterung auf ihr artiges Hinterteil" (1925)
und Johann Georg Jacobi besingt die Düssel:

Bei der stillen Mondeshelle
treiben wir mit frohem Sinn
auf dem Bächlein ohne Welle
hin und her  und her  und hin.

Treues Lieben und Gefallen
sei mit reiner Lust gepaart,
und, wie dieses Schiffleins Wallen,
ruhig einst  die letzte Fahrt.
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Autor: Dieter Jaeger | Redaktion: Bruno Reble | © www.geschichtswerkstatt-duesseldorf.de

Montag, 22. November 2021

Türme im Regierungsviertel: die HAROLD-BUCHT

"Rocks, Woods, and Streams, and Vales, and Heathy Plains"
Diese Verse begeisterten sogar Goethe. Oberst Edmund Baron von Harold hatte die sagenhaften "Gesänge Ossians" übersetzt, Gedichte eines irischen Barden aus alter Zeit. Als er 1806 in Düsseldorf starb, gab es die Haroldstraße noch nicht. Seine Häuser lagen in der Benratherstraße. Er hat sie also nicht gegründet, genauso wie die Gesänge, eher fake! Egal, die Haroldstraße ist geschichtlich eine der interessantesten Straßen.

1.Haroldstraße

Sie entstand 1831 unter der Regie des Gartenbauarchitekten Maximilian Weyhe zunächst zwischen Schwanenspiegel und Berger Allee mit späteren Erweiterungen,
Details s. de.wikipedia.org/wiki/Haroldstraße

1976 wird der jüngste Teil abgerissen. Die "Haroldbucht" entsteht. Und in dieser Bucht (Haroldstr.5) werden zwei Türme gebaut: das neue Finanzministerium und die neue NRWBANK. Das "Politische Viertel" von Düsseldorf nimmt Formen an.

2. Hauptstadt

Düsseldorf wird 1946 eher zufällig zur Hauptstadt des neuen Landes NRW. Man war nicht vorbereitet, hatte keine Gebäude dafür. Dann erinnert man sich an die Residenzstadt seit dem 14. Jht, an Jan Wellems Neustadt, an die Hauptstadt des "Grand Duche de Berg", an die Landstände, mit denen sich die Herrscher vor allem seit Wilhelm dem Reichen im 16.Jht herumschlagen mussten, an die Provinzialstände, die aus den Landständen erwachsen, an das Landeshaus als Erweiterung der Stände und Sitz des Landeshauptmannes, an den Regierungsbezirk Düsseldorf und sein Regierungspräsidium, an das Ständehaus, das ja ein Vorgänger des Landtags ist.

Schon einmal hatten die Düsseldorfer sich erinnert und beschwert, als die Preußen sie wegen ihrer Franzosen-Hörigkeit bestraften, als sie ihnen 1815 alles wegnahmen: keine höheren Justizbehörden mehr, vor allem keine Hauptstadt mehr. Es gab die "Provinz Niederrhein" mit Koblenz, die Provinz Cleve/Berg mit Köln, 1821 entstand daraus die "Rheinprovinz" mit Koblenz.

Düsseldorf war nur noch ein Regierungsbezirk. Der Regierungspräsident residiert in der "Residenz" Mühlenstr, arbeitet im Stadthaus (Jesuitenkloster) gegenüber. Es gab noch ein Salz-Amt, die Münze und das Landratsamt (Landkreis Düsseldorf), aber das waren Peanuts.

3. Die Provinzialstände

Man war froh, als Preußen1824 Düsseldorf zum Ort der Provinzialstände der Rheinprovinz bestimmte. Aus diesen Ständen wird später die NRW-Hauptstadt wachsen. Die Stände (Ritter, Städter, Grundbesitzer) tagten in der Kanzlei am Markt, ab 1843 in der Residenz des Regierungspräsidenten in der Mühlenstraße, ab 1851 im Schloss.

Die Zahl der Gutsbesitzer fiel später, die der OBs und Industriellen (Kommerzienräte) stieg, Lehrer und Arbeiter waren nicht vertreten. Nach dem Brand 1872 tagte man 10 Jahre lang in der Aula der Realschule Klosterstraße (Wiege der Humboldt- und Scholl-Gymnasien) bis zum Beginn 1881 im neuen Haus am Lohpohl.

Die vielen sozialen und medizinischen Belange des Hauses schufen die "Provinzialanstalten", deren Verwaltung der "Landeshauptmann" in einem eigenen Haus betrieb: dem "Landeshaus".

4. Das Ständehaus

Das prächtige Ständehaus von 1881 wirkt wie ein italienischer Palast und zeigt, wie sehr es den Düsseldorfern am Herzen lag. Der Architekt Julius Raschdorff (Berliner Dom, Wallraf Richartz Museum Köln, Burg Cochem) hatte auch 1881 am Wettbewerb mitgewirkt für die "Kunsthalle", Düsseldorfs erstes Kunstgebäude. Raschdorff setzt das Ständehaus in den südlichen Teil der Parkanlage an der Krautstraße, die Weyhe 1819 geschaffen hatte aus dem Cameral-Weiher (auch Schwanenspiegel genannt) und dem Cameral-Steinacker.

Weyhe benutzte die Mauer der Contergarde Paul (südlichster Festungsteil) als Landbrücke, um den Weiher in zwei Teile: Kaiserteich und Schwanenspiegel zu zwingen. Daher auch die schräge Turmstraße von der Kö bis zum Weiher. Die Düssel, vom Mühlenweiher "Lohpohl" kommend, mündete an dieser Landbrücke in den Weiher und floss dann an der Wasserstraße entlang um die beiden Teile herum. Krautstraße (heute Reichsstr), Lohstr (heute Kronprinzenstr) und Burgstr (heute Florastr) verweisen auf die Krautmühle und die Wasserburg: zwei Häuser und der Mühlenweiher an der Düssel. Weyhe trennt erneut die Wassermassen durch die Haroldstraße in Schwanenspiegel und Speeschen Graben. Das Tor dazwischen nennt er „Karltor“. 1843 wird das "Wasserloch" an der Südstraße zum "Schwanenmarkt" zugeschüttet.

5. Das Ständehaus wird zum Landtag

Als die Briten 1946 Düsseldorf zur Hauptstadt von NRW machten, war das den Düsseldorfern zunächst egal. Sie hatten andere Sorgen. Der Landtag tagte im Opernhaus, dann im Theatersaal der Henkelwerke, 1949 schließlich im Ständehaus.

Klagen über die Enge und das Alter des Hauses: 1960 will man für einen Umbau in die Kunstakademie Stockum ziehen, die es ja nach Nutzung 1937 durch die Nazis immer noch gab. Die Engländer würden das Haus räumen, in dem ein Warenhaus für englische Soldaten saß.

1978 endlich der Befreiungsschlag: Edmund Spohr, Architekt und Ikone der Geschichtsschreibung Düsseldorfs, schlägt einen Neubau vor: im Hafenbecken des Berger Hafens. Die Abgeordneten verlangen den Abbruch der Hochstraße und den Rheinufertunnel.

6. Das Regierungsviertel

Das politische Viertel Düsseldorfs formiert sich. Es ist das Gebiet, das Jan Wellem 1700 "Neustadt" nannte. Er wollte mit dem "Fürstenwall" eine Südgrenze, die den Rheinbogen abschloss: "Düsselstadt sei der Name" (nach Rapparini, Opernkomponist am Düsseldorfer Hof).

300 Jahre später kommt die "Neustadt" zu neuen Ehren. Die damalige Hauptachse: die Neusser Straße ist heute eine Art Museum. Nur das Geldernhaus Nr.27 und der Palast des Barons Fried Nr.25 zeugen noch aus dieser Zeit. Gegenüber wollte Jan Wellem sein neues großartiges Schloss bauen. Die Stelle ist immer freigehalten worden, die Husarenkaserne kommt 1822 dahin, dann1929 und 1939 das Polizeipräsidium und die Oberfinanzdirektion.

Das Regierungsviertel verschiebt sich zum Rhein und zur Haroldstraße. Harald Deilmann setzt mit dem Rheinturm („Fernsehturm“) ein Ausrufezeichen auf das Regierungsviertel.

Mit der Kniebrücke (1960) wurde der Durchgangsverkehr im Regierungsviertel gestoppt. Die neuesten Pläne (2021) wollen das Auto aus der westlichen Haroldstraße ganz vertreiben.

7. Neuere Geschichte

Huschberger hatte die geniale Idee, die Endläufe der beiden Düsselmündungen zum Rhein hin zu einem Ring zu verbinden. Wir nennen das heute "Blaugrüner Ring". Mit der Nord-Düssel gelang ihm das halbwegs, mit der Süd-Düssel nicht. Das wird jetzt nachgeholt. Es lag an der größeren Wassermenge der südlichen Düssel, die durch Rheinhochwasser noch gefährlicher wurde.

Jan Wellems Neustadt ging bis zum Fürstenwall, unbewacht, ohne Stadtmauer. Erst 1730 umwallt man die zwei einzigen Häuser außerhalb der Stadtmauer: Kaserne und Hospital. 1785 wird daraus die Karlstadt. Schon 1822 wagen sich dann die Soldaten mit ihrer Kavalleriekaserne in das versumpfte Gebiet, eine Vorhut saß seit 1730 im Geldernhaus an der Neusserstraße 25. Der Soldatenfriedhof lag nordöstlich der Kaserne.

An der Wasserstraße: Durch ein kleines Tor, das "Carlstädter Tor" (Bilker-/Südstr) kamen die Soldaten vor dem Mauerfall 1801 in die Hauptkaserne; aber nur, nachdem sie über die "Kasernenbrücke" (heute Siegfried-Klein-Straße) geklettert waren. Überall Wassermassen. Erst Weyhe wird 1835 das Wasser in die drei Teiche zwingen.

Die Eisenbahn konnte 1838 nur hier im unbesiedelten Sumpf mit ihrem Bahnhof so nah an die Stadt kommen. Sie errichtet den ersten Bahndamm entlang der Haroldstraße und fährt bis 1890 über die Hammer Brücke nach Neuss. Die Post folgt zum Bahnhof und langsam wird das Viertel hoffähig. Die Nazis machen die Haroldstraße zu ihrer Hauptstraße, von hier aus starten die Lastwagen mit johlenden SA Leuten zu ihren Straßenschlachten.

Eine alte Geschichte aus dem letzten Krieg

Meine alte Freundin Ernie erzählte mir eine Geschichte, die im Frühjahr 1945 passierte am Ort des heutigen Parlaments, im Berger Hafen.

Sie ist nun schon lange tot. Ich gehe manchmal in den Innenhof der Neusserstraße 27. Nebenan wohnte Joseph Jacob van Geldern (Juspa genannt), Bankier und Heinrich Heines Ur-Urgroßvater. Ich berühre die immer noch vorhandene Benzinpumpe. Damals konnte man hier zur Moselstraße durchfahren, die Reisdorfs hatten eine Tankstelle.

"Auf einmal hieß es, im Hafen gäbe es was zu essen. Wir sind mit der Badewanne rüber, um 3 Uhr nachts, unter Lebensgefahr, auf das Schiff und ganz schnell zurück in unseren Keller. Da haben wir uns ein bisschen Freud gemacht".

Autor: Dieter Jaeger | Redaktion: Bruno Reble | © www.geschichtswerkstatt-duesseldorf.de