Sonntag, 26. Januar 2020

McDonalds und die Sünde in der Graf Adolf Straße

Ein alter Witz feiert fröhliche Urstände: „Hey, wo geht’s denn hier nach Mäkkes?“ fragt ein Türke einen Passanten und dieser verbessert oberlehrerhaft. Es heißt „… zu Mäkkes!“ „Wie? Mäkkes zu?“

Und in der Tat. Zum Jahresbeginn 2020 macht er zu: Düsseldorfs ältester McDonalds an der Graf-Adolf-56/ Ecke Oststraße. Keine Dankesworte an die Stammkundschaft, keine Abschiedsparty mit Ronald McDonalds, nur ein schnöder Zettel an der Eingangstür „Wir schließen“.

Über die Gründe kann man nur mutmaßen: Das Haus steht leer und ist verwahrlost, im Keller hat sich Ungeziefer eingenistet und die Kontrolleure vom Amt für Verbraucherschutz waren zuletzt Stammgäste.

Eine Epoche geht zu Ende

Gemeint ist die Epoche der Kinematographie. Denn McDonalds war der Treffpunkt der Kinofreunde inmitten von 16 Filmtheatern. Bei der Eröffnung 1973 ist zwar der Höhepunkt schon überschritten, aber die meisten Kinos waren noch da.

Dann kam die Tele-Vision. Schon der erste Fernseher (1953 in einem Radiogeschäft gegenüber) war der Totengräber. Dieter Jaeger erinnert sich: „Auch ich stand im Pulk vor dem Laden. Zu Hause gab es nur Radio. Meine "Tagesschau" war "Fox Tönende Wochenschau" und meine ersten "Laufenden Bilder" liefen im Kino.

Auferstanden aus Ruinen

In den Nachkriegs-Trümmern entstand das Kino quasi neu - 50 Jahre nach seiner Erfindung. Hier an den alten Orten mit den schmalen Grundstücken entstand eine neue Achse. Sie führte entlang der Schienen vom alten Bahnhof an der Kö/Bahnstraße zum neuen Hauptbahnhof. Ab 1891 wurden die alten Gleise Zug um Zug still gelegt und zur Straße ausgebaut.

An der Ecke Kö, wo die Graf-Adolf-Straße beginnt, war das "Cafe Corso", weiter Graf Adolf-20 seit 1913 das „Residenz-Theater“ (Wilhelm Kreis baut 1925 die berühmte Eingangshalle); Ecke Oststraße das Cafe "Palais", aus dem 1928 der EuropaPALAST entsteht. Weiter ging es nicht, weil bis zur Charlottenstraße die Industrie saß.
1898 eröffnet an der Graf Adolf-40/44 ein „Arabisches Cafe“ mit Kinematoskop für »lebende Photographien«, später Panoptikum mit „Folterkammer“ und 10 Min Filmen („Kurzes Glück - lange Reue“)
Andere Straßenseite: Graf-Adolf-69: Film-Casino „Starlight“ seit 1907, heute: Pornokino Müller Sex
Graf-Adolf-38: „Asta Nielsen“ seit 1911
Nach dem Krieg: Graf-Adolf-83 „Die Kamera“ seit 1950, „Ali“ im Hauptbahnhof seit 1954, Graf-Adolf-92 „City“ seit 1957, Graf-Adolf-47 „Savoy“ seit 1958, Berliner Allee 46 „Berolina“ seit 1957, ferner Apollo, Lupe, Linse, Rex, Universum, Neues Europa (Intim, Palette) und wie sie alle hießen.
Quelle: www.allekinos.com/DUESSELDORF.htm

Kommen wir jetzt zu den Inhalten: Für uns "Halbstarke" der 50iger war Sex das wichtigste Thema. Sex stand gleichbedeutend für Sünde. Man hätte jemand ausrauben oder umbringen können, das war keine richtige Sünde. Die wahre Sünde war nur der Sex, manifestiert durch den legendären Film von 1951: Hildegard Knef „Die Sünderin". Das Stichwort "Sittenfilm" elektrisierte uns.

Lange vor (BB) Brigitte Bardot und (CC) Claudia Cardinale hießen unsere Göttinnen der 50iger Jahre Martine Carol und Francoise Arnoul. Die Filme der Französinnen waren eine Stufe höher als die halbnackte Jane (Maureen O‘Sullivan), die mit Tarzan (alias Weltmeister Johnny Weissmüller) ins Wasser sprang. Auch hatten die französischen Filme nichts zu tun mit den späteren plumpen Sexklamotten der 80iger, als der Film ums Überleben kämpfte. Es gab Schachtelkinos, Programmkinos, Raucher-, Restaurants-, Bar-, Intim Kinos, Drive Ins bis zum Schluss alles im Porno versank. All dies spielte rund um die Graf-Adolf-Straße.

McDonalds war der Mittelpunkt

Das Haus hatte der Gastro-Dynastie Tigges gehört, die drei berühmte Orte besaß: 1907 "Tigges am Bilker Bahnhof", 1936 "Tigges am Brückchen" (heute: Dresdener Bank an der Benrather Brücke) und 1938 "Tigges am Türmchen", Graf-Adolf-Straße.

Heinrich Spoerl hat der Familie ein Denkmal gesetzt. In seinem 1936 erschienenen Roman „Der Maulkorb" beginnt er: "Kleine Städte sind wie kleine Kinder, sie werden zeitig zu Bett geschickt. Der Uerige, wo Fuhrleute und Regierungsräte im Stehen ihr Obergäriges trinken, hatte schon zu gemacht. Auch die Canon entließ ihre letzten Gäste. Am Marktplatz stand noch ein Lichtspalt. Er kam aus der Weinstube TIGGES am TREPPCHEN, wo man wie gewöhnlich Überstunden machte... Polizei-Sergeant Drahtschnauz machte seine Runde."

Der Dukatenscheißer lässt grüßen

McDonalds und das ganze Eckhaus stehen jetzt leer. Auf dem Turm in der goldenen Wetterfahne ist noch das „T“ erhalten (wie Tigges) und schöne Bauplastiken von Handwerksberufen, darunter "Der Dukatenscheißer". Diese Plastik hat wahrscheinlich den berühmten "Dukatenscheißer" von der Wibbelgasse inspiriert.

Und jetzt Abriss, weil ein Neubau mehr Profit bringt als eine Renovierung? Man sollte den Dukaten scheißenden Investoren einen Strich durch die Rechnung machen. Statt Ärztehaus oder Bürozentrale für einen Großkonzern, könnte man auch ein Museum daraus machen, ein Museum der Geschichte der Kinematographie in Düsseldorf.
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Autor: Dieter Jaeger  /  Redaktion: Bruno Reble  /  © Geschichtswerkstatt Düsseldorf 2020

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