Mittwoch, 29. Juli 2020

KIKADU macht zu und ROBERTS auch: Ein Paukenschlag!

Eine Epoche geht zu Ende. Die Alten danken ab. „Kikaku“ prägte das Japanviertel, „Roberts“ war der Höhepunkt im Hafen.
Die Japaner kamen 1950 mit „Mitsubishi“. Der "Schreibtisch des Ruhrgebiets" zog sie an, in der Mitte Europas. Alles begann mit Säbelgerassel im "Daitokai" auf der Hunsrückenstraße. Wir saßen am Boden, einge¬quetscht, Stäbchen in der Hand. Über uns gefährliche Messerspiele der japanischen Köche.
Als Stadtplaner Tamms 1960 die winzige Immermannstraße zu einer vierspurigen Baumallee machte, vereinnahmten die Japaner diese Straße am Hauptbahnhof, so wie sie später Straßen in der Nähe des Flughafens suchten. Ihr Hotel Nikko mit "Benkai" war das Hauptquartier. Berühmt wurde es, als der Bösewicht Schimanski im Film "die Katze" hier vom Dach stürzt. In der kleinen parallelen Klosterstraße saßen ihre Restaurants.

Und immer war KIKADU der älteste und beste

Wo die Eleven der Urschulen Humboldt und Scholl schwitzten und der Gashersteller Sinzig Teere und Öle verbrannte, stank es so sehr, dass die Lehrer um 8 Uhr früh die Straßenmitte bevorzugten, um nicht auch noch den Gestank der Bettenlüftung einatmen zu müssen. Aber genau hier sitzt 100 Jahre später Kikaku und seine Nachbarn: „Naniwa, Yabase, Hyuga!. Es wird ihn gekränkt haben, als der Nachbar „Nagaya“ 2011 den Stern bekam und damit Deutschlands einziger sterngekrönter Japaner wurde. "Yoshi" daneben auf der Kreuzstraße, ebenfalls von Nagaya, bekam den zweiten. Die Klosterstraße wurde neben Kikaku mit den Falkenhorsts und Nenio zu einem kleinen Wunderland der Gourmets.
Langsam gewöhnten wir uns, neben Sushi und Tempura an neue wundersame Namen: „Nigiri, Dashi, Sashimi“. Wir übten so lange, bis sie uns wie „latte machiato“ über die Zunge gingen.

Fressen oder gefressen werden

Es war ein langer Weg von den Fresswellen nach dem Krieg bis heute. Im"Fischl" an der Blumenstraße wurden wir zum ersten Mal satt. „Nasigoreng“ hieß das erste fremde Wort beim Chinesen in der Tonhallen- oder Grabenstraße. Die Italiener entdeckten wir bei „Sansone“ auf der Schlossstraße. Jedes neue Ferienland brachte eine neue Welle mit: die Jugos, die Griechen, die Türken, die Spanier (als sie die Tapas einsetzten). Bis Japan kamen wir nicht.

Adieu Roberts!

Man muss das wie Robäär aussprechen, dann ist es richtig traurig und französisch. Robäär war für uns der Höhepunkt schlechthin. Er pfiff auf die Sterne des Reifenhändlers, so wie wir es auch taten. Er war der einzige richtige Franzose: urgemütlich eng, Spiegel an der Wand, Papier-Tischdecken mit der Rechnung drauf. Die Küche, auf kleinen Schreibmaschine Seiten präsentiert, war genial.
Der Gastronom Hülsmann nahm das plumpe Hafenviertel, wie seinerzeit die Japaner das hässliche Bahnhofsviertel, als es noch keinen Medienhype gab.
Die Brückenstraße führte seit 1870 zur Brücke, sonst gab es da nichts, außer einen kleinen Weg am Ufer: die Ufer- später Stromstraße. Dort war seit 1890 die fauchende Eisenbahn am Verbrecherhaus "Schneidmühl" vorbeigefahren.
Wir wohnten in den 70igern in der Stromstr mit weitem Vorgarten, aber in Wirklichkeit war der Vorgarten nur der Hinterhof der alten Brückenstraße, nur dort gab es Häuser.
Nebenan servierte 1978 die busige Nana in der "Nana" den besten Kaffee. Sie hatte als erste die Palme im Zimmer. Man musste sich entscheiden: Palme hieß bester französischer Kaffee, aber kein Kuchen. Zum Kuchen musste man zu den Pelztanten auf der Kö, dafür gab es dort nur elenden deutschen säuerlichen Kaffee im Kännchen.

1997 kommen die Medien…

… und alles wurde hip oder shabby chic. Die Düsseldorfer lieben so etwas: Direkt neben dem Sozialbau und der abgewrackten Tankstelle (in der Lippestraße) das Highlight „Ogehry“, die ungesunden fetten Pommes im "Curry", gerne mit Gold umrahmt, und besonders toll: mitten in der Mülldeponie das schwarz angestrichene "Minol" mit den schwarzen Manga Mädchen.
Jetzt war es vorbei mit dem Zirkus "Pomp and Ducks" in der Speditionsstraße, mit den Jazztumulten sonntags bei Maaßen; vorbei mit dem alten Zollhaus und seinen Ausstellungen, vorbei auch die Show der "Sieben Sinne" im Ruinenbau der Spinnerei Bockmöhl, wo wir zum Schluss den Berührsinn erforschten: „blindfolded“ die Arme in einen tiefen Schlauch: waren es feuchte Frösche oder zarte Brustspitzen?
Hülsmann liebte das alles, die alte und die neue Hafenzeit. Ich liebte ein paar Häuser weiter die "Hafenbar" mit der Roten Laterne und dachte an die Kinderzeit zurück, als ich Seemann werden wollte. Ich sang all die Schnulzen der 50iger vom alten Seemann, der nachts nicht schlafen kann bis "nimm mich mit Kapitän auf die Reise". Ich war Seemann, ich war Kapitän, vor mir zwar nur ein erbärmlicher, nach Öl stinkender Hafen, aber für mich war dieser kleine Hafen das große Meer.

Autor: Dieter Jaeger  Redaktion: Bruno Reble  © Geschichtswerkstatt Düsseldorf 2020

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