Samstag, 27. Juni 2020

Kein Ort für alte Männer


Eigentlich wollte ich nur einen Kaffee trinken. Ich fuhr mit dem Auto in die Stadt und mir kam der Western der Brüder Coen in den Sinn: 4 Oscars, ein radikaler Film über die Machtlosigkeit des Guten. Am Ende sind alle tot und der überlebende alte zerknitterte Sheriff Tommy Lee Jones seufzt: "Kein Platz zum Leben hier"

No country for old men

Daran musste ich denken, als ich nach dreimonatiger Pause meine alten Lieblinge um das Carschhaus wieder­sehen wollte.
Im Grunde wollte ich nur einen Kaffee trinken. Hinein in das Parkhaus Grabenstraße kam ich sofort, die Preise waren auch sofort klar! Hinaus wurde schwierig. Man wäre vielleicht besser im Auto sitzen geblieben.
Am Aufzug war eine Tafel: "Wegen Hochwasser geschlossen" Ich stutzte: Hochwasser in der Grabenstraße, 1890 vielleicht, aber heute? Nun ja, Corona.
Ich zog mich am Geländer der Treppe zum Eingang hoch. Noch eine Tafel: "Benutzen Sie bitte Eingang Flingerstraße", ein bisschen weit weg, dachte ich, nun ja, Corona.
Mein Ziel: der Innenhof des Wilhelm-Marx-Hauses, das Stadtbrückchen, wo sich mehrere Cafés angesiedelt haben. Ich zog mich 2 Treppen hoch zur Straße. Eine Ampel taucht auf: "Stadtbrücke", also quasi das große Stadtbrückchen. Nun ja, Corona macht vieles mächtiger.

Gefangen in einem Irrgarten

Ein Schild: „Flingerstraße“; runter in den Abgrund am Gummigeländer mit Handschuhen und tatsächlich ein Eingang: Verwirrend viel Haushaltsgeräte und Postkarten, ein Labyrinth. Ich verirre mich. Heute ist vieles anders als früher. Zurück? Nein, ich sehe die rettende Champagnerbar; jetzt links.
Der fröhliche Fischmann: "Kennen Sie Louis Armstrong?"(Louis sang im Hintergrund) - "Nun ja, eigentlich schon!" - "Was soll’s sein? Viel Senfsauce zum Fisch und eine Suppe?" -"Nein, eher Sauce!" Ich kämpfe mit Messer und Gabel gegen die Sauce und bin ganz allein, ein Einzelkämpfer. "Ich bring einen Löffel!" Aber es war schon zu spät. Corona halt.
Am Ziel: die italienische Café Bar in Plexiglas. Die bekümmerte Frau: "Corona?" „Nein“, schrei ich „nein, nein, nein!“
Dann sagt sie ein Wort, süß wie Sahne, beseligend und schön: "Ti-ra-mi-su".
Eigentlich wollte ich nur einen Kaffee trinken.

Autor: Dieter Jaeger  /  Redaktion: Bruno Reble  /  © Geschichtswerkstatt Düsseldorf 2020

Anmerkung aus der Redaktion: Neben „
No country for old men“ werden Erinnerungen wach an den Film „Taxi Driver“ aus dem Jahr 1976. Auch hier geht es um die Verirrungen der Großstadt. In der letzten Einstellung vor dem Abspann blickt der Taxi-Fahrer irritiert in den Rückspiegel. Warum wundert er sich? Vielleicht, weil er einen fast 90jährigen erblickt, der partout mit dem eigenen Auto nach New York einfahren will, statt dafür ein Taxi zu nehmen?

Keine Kommentare:

Kommentar posten