Donnerstag, 26. November 2020

HAMZI geht durch die Stadt

Im Auftrag des WDR meldet sich der Reporter Hamzi stets mit dem Satz:

"Ham‘ Sie ´ne Frage?

Thomas Bernhardt, ein ehemaliger Vorsitzender der Geschichtswerkstatt, kennt sich damit aus und stellte auch selbst die Fragen. Die schönste war: "Wo liegt die Düsseldorfer Tuchtinsel?"
Dabei lernten wir, dass alle „Werth“-Namen Inseln waren, wie Kaiserswerth, Volmerswerth, Lausward. Aber sonst hatten wir es nicht sonderlich mit Inseln. Deshalb kam die "Tuchtinsel" so überraschend.

Warum heißt ein Haus in der Altstadt „König von Ungarn“?

Kollege Hamzi wurde gefragt nach dem Haus Bolkerstr.15. In großen Lettern steht dort "König von Ungarn". Wohnte hier einst ein König? Vielleicht regierte er uns sogar eine Weile?

Edmund Spohr, der Altmeister der Düsseldorfer Geschichte, wusste mehr und präsentierte eine wunderschöne Profikarte, die er im Jahr 2013 erstellt hatte. Sie basierte auf einem Vortrag von Dieter Jaeger über die "Hausnamen der Altstadt", den er 2009 bei den „Jonges“ gehalten hat. Zurück ging das Ganze auf Heinrich Ferber vom Düsseldorfer Geschichtsverein, der 1889 durch die alte Stadt gewandert war.

Tatsächlich hatten hier Könige und andere Hoheiten gewohnt, z.B. der "König von Schweden", meist im "Hof von Holland" in der "Altestadt". Der König von Ungarn allerdings nicht. Spohr führte alte Münzen an, auf deren Rückseite der König abgebildet war und mit denen das Haus vielleicht bezahlt worden sei.

Andere Erklärungen: 1525 wurde Ferdinand von Österreich zum König von Ungarn ernannt. In Wien heißt später eins der ersten Kaffeehäuser "König von Ungarn". Auch unser Bolker Haus Nr.15 war eins der ersten Kaffeehäuser Düsseldorfs, das den Wiener Namen übernahm. Jan Wellem war mit Österreich verbunden. Er baut 1703 sein "Schloss Bensberg". Der Name steht unweit vom "König von Ungarn" auf der Nr.5.

In der Bolker Straße gibt es noch einige andere Häuser mit altem Hausnamen z.B. Nr.51 "Zum Rothen Kreuz". Heinrich Heines Vater inseriert um 1800 sein Tuchlager mit der Bemerkung "Neben dem Rothen Kreuz".

Bis zur Numerierung 1858 hatten alle Häuser Namen, meist von den Wappen, die sich die Häuser gegeben hatten (daher die vielen Tiernamen). Aber auch von geschichtlichen Ereignissen, die den Düsseldorfern wichtig waren.

"Prinz von Oranien" (Burgplatz 12) war Wilhelm gewidmet, der Befreier der Niederlande. "Schenkenschanz" (Andreasstr.8) war die berühmte Schanze bei Kleve im 80jährigen Krieg der Holländer gegen Spanien. Der "Schnaphahn" (Ratinger-26) war eigentlich ein Condottiere, ein schlimmer Landsknecht. Sein Name führte dann aber zu "Falke, Eule" und anderen Tieren „Füchschen, Bär, Einhorn“ quasi eine Tierecke in der Ratinger.

Eine andere Masche: Man kopierte den Nachbarn. Der "Schwarze Ochs" gebiert gleich den Roten, den Bunten, den Weißen; eine Ochsenecke in der Neubrückstraße.
Freude kommt auf bei Namen wie "Baum der Diana" (Ratinger-22) neben dem Einhorn. Soler hatte 1787 die Oper "Baum der Diana" komponiert, ein Riesenerfolg am Wiener Burgtheater. Die keusche Diana mit ihren keuschen Nymphen wird von Amor verführt, das macht immer Spaß.

Manchmal täuschen wir uns: die "drei Schabellen" (Ratinger 25) sind nicht drei fromme Betstühle, sondern drei alte Jungfern. Die Infantin Isabella von Spanien, Tochter von Philipp II, hatte 1601 geschworen, sich nicht mehr zu waschen, auch nicht das Hemd zu wechseln, ehe die Eroberung von Ostende geschehen war. Die dauerte allerdings drei Jahre, und so wurde aus Isabella eine etwas müffige Schabelle. Wie sagte noch Hamzi?

"Ham Sie ´ne Frage?" Nur Mut! Man kann sich auch an die Geschichtswerkstatt wenden.



Autor: Dieter Jaeger  /  Redaktion: Bruno Reble  /  © Geschichtswerkstatt Düsseldorf 2020

Mittwoch, 28. Oktober 2020

Harte Zeiten für „Gaukler, Lotterbuben und Rauchtrinker“ - die Obrigkeit greift durch

Gleich zu Beginn eine Anmerkung gegen alle Missverständnisse: Der Verfasser mag sie nicht, diese uneinsichtigen Ignoranten, die sich - in Zeiten wie diesen - um keine Regeln scheren und mit ihrem Leichtsinn die Krise verschärfen. Diese Abneigung gilt auch für die Fraktion der Raucher.

Es gibt gleichwohl einige Kuriositäten bei den Corona-Vorschriften, wo man meint, Prinz Karneval oder der Hoppeditz hätten den Text verfasst.

So liest man in der Rheinischen Post vom 19.10.2020, dass laut Presseamt „strenggenommen die Maske auch beim Radfahren getragen werden muss … beim Essen zum Abbeißen die Maske kurzzeitig heruntergezogen und beim Kauen wieder aufgezogen werden muss". Und wenig ersprießlich für die Raucher heißt es dann: "Die Maske darf beim Rauchen nicht abgesetzt werden".

Da denken wir zurück an alte Zeiten

Jan Wellem hielt Leute, "die spielen, saufen, tabaccieren … für Plackscheißer und Packesel". Für andere waren Leute, die rauchten "Indianer", "Kannibalen" oder "Rauchtrinker". Die Feuerwehr rückte an, weil man glaubte, dass sie innerlich verbrannten. 1815 verurteilte man jemand, der in der Straße ohne Pfeifendeckel geraucht hatte, zu hoher Geldstrafe.

Doch die „gute alte Zeit“ war nicht gut. Nehmen wir als Beispiel die Jugend, die Wirte, die Polizisten und die Priester.

Die Jugend

Sie geriet ins Visier der Obrigkeit, weil sie Kutschpferde derart traktierte, dass Kutschen zu Fall kamen. Die Übertäter wurden arrestiert, vor dem Rathaus mit Prügel bestraft, bei Wasser und Brot gesetzt und (interessant) "nicht weniger die Eltern derselben, das erste Mal mit Geld und Gefängnis, das zweite Mal ebenermaßen mit Prügel belegt".(2)

Ein Vorbild sollten sein die Schüler des Monheim‘schen Gymnasiums, die nicht nur dem "Vortrag der Lehrer mit gespanntem Ohr folgen sollten", sondern auch "keine musikalischen Instrumente berühren durften, keiner Jagd, Vogelfang, Fischerei nachgehen und (um Gottes Willen) nicht im Fluss oder Weiher baden durften … sie sollten Gärten, Äcker, Wiesen nicht betreten, Mauern und Türme nicht besteigen, keinem Spiel frönen, nicht herumschweifen, sondern zu Hause bleiben". Um 5 Uhr wurde aufgestanden, "das Haar sollen sie morgens außerhalb des Schlafzimmers kämmen, Hände, Augen, Zähne mit kaltem Wasser vom Schmutz waschen“ und sie sollen „nicht unziemlich laufen, sondern ehrbar einherschreiten".(1)

Die Wirte

Auch sie hatten es schwer beim Kontrollieren der Lustbarkeiten: Tanzmusik ja, "aber bei der Polizei Tanzmusikscheine lösen … alle Besucher aufschreiben … Tumulte auflösen … keine gesunden Bettler reinlassen, auch keine Landsknechte, Müßiggänger, Düppenträger, Krämer, Schornsteinfeger, Gaukler, Lotterbuben, Possenmacher … am Ende der Predigt in der Nähe der Kirche kein Gelage zulassen".(1)

Die Polizei

Sie allein war zu schwach. Der erste der Sergeanten war ein "gemächlicher träger Mann", der zweite "eben nicht gewandt und rege", der dritte "alt und verschlissen", der vierte "weil er weder lesen noch schreiben konnte, ein unbrauchbares Subjekt".(3)
Ein besonderes Problem für die Polizei war die Straßenreinigung: "Ferkelställe und heimliche Gemächer sollen versteckt sein, damit der Nachbar nit verstänke". Es galt "kein Nachtgeschirr auf die Gassen auszuschütten, wodurch der Kot dann leicht durch passierende Gefährt oder sonstiger Umstände auseinander getreten wird und damit die Gasse in größte Unsauberung versetzt wird".(2)

Die Priester und das "schändliche Laster des Konkubinats"

Jedoch beim Laster wird nicht an die Priester gedacht, sondern nur an die verdächtigen Konkubinen, "die an den Leibern angehalten … an den Pranger zu stellen sind … eine Stunde dort stehen sollen, anderen zur Abscheu … auf 3 Meilen vom Priesterort verwiesen".(1)

Am schlimmsten geahndet wurde die Liebe

Am 27 Oktober 1714 liest man: "Am verwichenen Freitag wurden allhier Mann und Frau, jener weil er zwei Weiber, diese aber zwei Männer, zugleich gehabt, ausgegeißelt, gebrandmarkt und des Landes verwiesen."(1)

Aber immerhin hatte man ein Einsehen mit Hunden, denn 1782 erging ein

Verbot des "Totschlagens von Hunden an Hundstagen"

Damit sind wir wieder beim Hoppeditz und bei der Rheinischen Post.
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Autor: Dieter Jaeger  Redaktion: Bruno Reble  © Geschichtswerkstatt Düsseldorf 2020
Quellen:
(1) Pädagogisches Institut der Stadt Düsseldorf, 9 Bände
(2) Polizeiordnung Jan Wellem
(3) Lau/Most - Stadtgeschichte

Mittwoch, 26. August 2020

Wer wird Oberbürgermeister?

 Napoleon schaffte 1806 den "Brezelmagistrat" ab, denn der Magnus Magister, der Große Meister, war in den 500 Jahren seiner Existenz zum Brezelmeister geworden. Sein "Magistrat" bestand aus Schöffen und Räten, auch "Gesellen" genannt. Das Schönste nach wenigen Sitzungen war immer das "Gelage" in einem Wirtshaus.
Graf Adolf von Berg würdigt ihn in seiner Erhebungsurkunde1288 mit keinem Wort. Er hat auch kein eigenes Haus,  300 Jahre lang. Die Sitzungen fanden in der Lambertuskirche statt, dann im Zollhaus (jetzt: Josefkapelle), dann im "Schwarzen Horn" in der Ratinger Straße, dann in einem Behelfshaus am Markt, dass endlich 1573 zu unserem jetzigen Rathaus wird.
Immer wieder wurde der Bürgermeister mit einem vom Fürsten ernannten "Stadtdirektor" gemaßregelt. Der Fürst mischt sich dauernd ein. Er ernennt die Schöffen, sein Schultheiß und darüber sein Amtmann kontrollieren den Meister. Auch bei den Räten mischt er mit. Jan Wellem schlägt als" geeignetes Subjekt" für den Bürgermeister seinen "Leib-Balbier" vor, seinen Frisör also. Die Barbershops von heute haben eine vornehmere Geschichte.
Die "Gesellen" des Bürgermeisters waren zum Schluss zur Vetternwirtschaft verkommen, immer wieder dieselben Familienclans

Apotheker, Wirte und Weinhändler

Auch die Bezahlung des Bürgermeisters war nicht verlockend. Zu Ostern gab es das "Osterei" (10 Taler), das Gehalt war das Doppelte eines Stadtrats. Immerhin halfen die vielen Nebeneinkünfte, wie Hebegelder, Diäten und Prüfungsgelder.
In der Franzosenzeit (ab 1806) heißt der Bürgermeister "Maire" und erhält einen Gehilfen: den Beigeordneten. Ansonsten, so die Franzosen, müsse der Magistrat "im steten Zustand der Minderjährigkeit" gehalten werden.

Die Preußen, an sich ordentlich, übernehmen 1815 die französische Ordnung bis 1845. Sie suchen lange ein "qualifiziertes Subjekt“ zu dem gerade gegenwärtig höchst lästigen Geschäft eines Bürgermeisters von Düsseldorf.
Es fehle an Männern, denn "sie sind dazu weder geeignet noch geneigt".
Hätte man sich denken können. Da half auch nicht der neue Titel "Ober-Bürgermeister". Gruner, der preußische Verwaltungs-Chef, fügte noch hinzu, dass alle Obs nur provisorisch zu sehen seien, sie verwalten das Amt nur kommissarisch.

Als die Preußen schließlich den Kandidaten im Beigeordneten Heinrich Schnabel fanden, gab es bald darauf 1818 eine fürchterliche Schlammschlacht zwischen Protestanten und Katholiken. Die "Kirche sei verloren" sagten die einen, die Messe sei eine "grässliche Abgötterei", antworteten die anderen.
Die Wahl war einmalig, weil man dem Volk zuhören wollte, also viele Wähler zugelassen waren. "Mögen die Bürger sich zufrieden dieser Wahl erinnern", hieß es. Nichts da, diese Art zu wählen wurde sofort wieder abgeschafft.
Die in der "Minderjährigkeit gehaltenen" und "provisorischen" Obs mochten das Amt nicht sonderlich. In schneller Folge, manchmal nur wenige Monate, wechselten 11 Ober-Bürgermeister: Schnabel, Degreck, Schramm, Josten, Molitor, Custodis, Klüber, Schöller, Fuchsius, Dietze, Villers.
Die Rheinische Gemeindeordnung und die Preußische Städteordnung (1845 bis 1856) brachten die Wende: hin zu mehr kommunaler Selbständigkeit, weg von staatlicher Bevormundung.
Allerdings herrschte bis 1919 das Dreiklassenwahlrecht. Nur die "Meistbeerbten" (die Grenze lag bei 300 Talern) durften wählen, das waren 4% der Bevölkerung . Diese 4% teilten sich nochmals in drei Klassen auf, wobei die erste Klasse so viel Macht besaß, wie die beiden anderen zusammen.

Eine neue Zeit: der Ober-Bürgermeister

Die großen vier (Hammers, Becker, Lindemann, Marx), dann mit Krieg, Weimar und Nazizeit (Oehler, Köttgen, Lehr, Wagenführ, Liederley, Otto, Haidn) schließlich unsere Zeit (Füllenbach, Kolb, Arnold, Gockeln, Glock, Becker, Vomfelde, Müller, Bungert, Kürten, Smeets „die einzige Frau“, Erwin, Elbers, Geisel).

Im Tumult der merkwürdigen Wahl von 1818 entstand eine Skala von Qualitäten, die ein Bewerber vorzuweisen habe (lt. Aufzeichnung von Appellations-Gerichtsrat Lenzen)
1. gesetztes Alter
2. wissenschaftliche Bildung
3. Kenntnisse in Recht und Ökonomie
4. Familienvater
5. hier begütert
6. 10 Jahre hier ansässig
7. in öffentlicher Verwaltung tätig
8. guter Haushalter im eigenen Haus
9. redlich, klug, mutig, bescheiden, sanftmütig, wohltätig
10. beliebt bei Bürgern und Liebe zu Bürgern
11. religiös, doch duldsam

Nun dann, wir werden sehen!
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Autor: Dieter Jaeger  Redaktion: Bruno Reble  © Geschichtswerkstatt Düsseldorf 2020

Mittwoch, 29. Juli 2020

KIKADU macht zu und ROBERTS auch: Ein Paukenschlag!

Eine Epoche geht zu Ende. Die Alten danken ab. „Kikaku“ prägte das Japanviertel, „Roberts“ war der Höhepunkt im Hafen.
Die Japaner kamen 1950 mit „Mitsubishi“. Der "Schreibtisch des Ruhrgebiets" zog sie an, in der Mitte Europas. Alles begann mit Säbelgerassel im "Daitokai" auf der Hunsrückenstraße. Wir saßen am Boden, einge¬quetscht, Stäbchen in der Hand. Über uns gefährliche Messerspiele der japanischen Köche.
Als Stadtplaner Tamms 1960 die winzige Immermannstraße zu einer vierspurigen Baumallee machte, vereinnahmten die Japaner diese Straße am Hauptbahnhof, so wie sie später Straßen in der Nähe des Flughafens suchten. Ihr Hotel Nikko mit "Benkai" war das Hauptquartier. Berühmt wurde es, als der Bösewicht Schimanski im Film "die Katze" hier vom Dach stürzt. In der kleinen parallelen Klosterstraße saßen ihre Restaurants.

Und immer war KIKADU der älteste und beste

Wo die Eleven der Urschulen Humboldt und Scholl schwitzten und der Gashersteller Sinzig Teere und Öle verbrannte, stank es so sehr, dass die Lehrer um 8 Uhr früh die Straßenmitte bevorzugten, um nicht auch noch den Gestank der Bettenlüftung einatmen zu müssen. Aber genau hier sitzt 100 Jahre später Kikaku und seine Nachbarn: „Naniwa, Yabase, Hyuga!. Es wird ihn gekränkt haben, als der Nachbar „Nagaya“ 2011 den Stern bekam und damit Deutschlands einziger sterngekrönter Japaner wurde. "Yoshi" daneben auf der Kreuzstraße, ebenfalls von Nagaya, bekam den zweiten. Die Klosterstraße wurde neben Kikaku mit den Falkenhorsts und Nenio zu einem kleinen Wunderland der Gourmets.
Langsam gewöhnten wir uns, neben Sushi und Tempura an neue wundersame Namen: „Nigiri, Dashi, Sashimi“. Wir übten so lange, bis sie uns wie „latte machiato“ über die Zunge gingen.

Fressen oder gefressen werden

Es war ein langer Weg von den Fresswellen nach dem Krieg bis heute. Im"Fischl" an der Blumenstraße wurden wir zum ersten Mal satt. „Nasigoreng“ hieß das erste fremde Wort beim Chinesen in der Tonhallen- oder Grabenstraße. Die Italiener entdeckten wir bei „Sansone“ auf der Schlossstraße. Jedes neue Ferienland brachte eine neue Welle mit: die Jugos, die Griechen, die Türken, die Spanier (als sie die Tapas einsetzten). Bis Japan kamen wir nicht.

Adieu Roberts!

Man muss das wie Robäär aussprechen, dann ist es richtig traurig und französisch. Robäär war für uns der Höhepunkt schlechthin. Er pfiff auf die Sterne des Reifenhändlers, so wie wir es auch taten. Er war der einzige richtige Franzose: urgemütlich eng, Spiegel an der Wand, Papier-Tischdecken mit der Rechnung drauf. Die Küche, auf kleinen Schreibmaschine Seiten präsentiert, war genial.
Der Gastronom Hülsmann nahm das plumpe Hafenviertel, wie seinerzeit die Japaner das hässliche Bahnhofsviertel, als es noch keinen Medienhype gab.
Die Brückenstraße führte seit 1870 zur Brücke, sonst gab es da nichts, außer einen kleinen Weg am Ufer: die Ufer- später Stromstraße. Dort war seit 1890 die fauchende Eisenbahn am Verbrecherhaus "Schneidmühl" vorbeigefahren.
Wir wohnten in den 70igern in der Stromstr mit weitem Vorgarten, aber in Wirklichkeit war der Vorgarten nur der Hinterhof der alten Brückenstraße, nur dort gab es Häuser.
Nebenan servierte 1978 die busige Nana in der "Nana" den besten Kaffee. Sie hatte als erste die Palme im Zimmer. Man musste sich entscheiden: Palme hieß bester französischer Kaffee, aber kein Kuchen. Zum Kuchen musste man zu den Pelztanten auf der Kö, dafür gab es dort nur elenden deutschen säuerlichen Kaffee im Kännchen.

1997 kommen die Medien…

… und alles wurde hip oder shabby chic. Die Düsseldorfer lieben so etwas: Direkt neben dem Sozialbau und der abgewrackten Tankstelle (in der Lippestraße) das Highlight „Ogehry“, die ungesunden fetten Pommes im "Curry", gerne mit Gold umrahmt, und besonders toll: mitten in der Mülldeponie das schwarz angestrichene "Minol" mit den schwarzen Manga Mädchen.
Jetzt war es vorbei mit dem Zirkus "Pomp and Ducks" in der Speditionsstraße, mit den Jazztumulten sonntags bei Maaßen; vorbei mit dem alten Zollhaus und seinen Ausstellungen, vorbei auch die Show der "Sieben Sinne" im Ruinenbau der Spinnerei Bockmöhl, wo wir zum Schluss den Berührsinn erforschten: „blindfolded“ die Arme in einen tiefen Schlauch: waren es feuchte Frösche oder zarte Brustspitzen?
Hülsmann liebte das alles, die alte und die neue Hafenzeit. Ich liebte ein paar Häuser weiter die "Hafenbar" mit der Roten Laterne und dachte an die Kinderzeit zurück, als ich Seemann werden wollte. Ich sang all die Schnulzen der 50iger vom alten Seemann, der nachts nicht schlafen kann bis "nimm mich mit Kapitän auf die Reise". Ich war Seemann, ich war Kapitän, vor mir zwar nur ein erbärmlicher, nach Öl stinkender Hafen, aber für mich war dieser kleine Hafen das große Meer.

Autor: Dieter Jaeger  Redaktion: Bruno Reble  © Geschichtswerkstatt Düsseldorf 2020

Samstag, 27. Juni 2020

Kein Ort für alte Männer


Eigentlich wollte ich nur einen Kaffee trinken. Ich fuhr mit dem Auto in die Stadt und mir kam der Western der Brüder Coen in den Sinn: 4 Oscars, ein radikaler Film über die Machtlosigkeit des Guten. Am Ende sind alle tot und der überlebende alte zerknitterte Sheriff Tommy Lee Jones seufzt: "Kein Platz zum Leben hier"

No country for old men

Daran musste ich denken, als ich nach dreimonatiger Pause meine alten Lieblinge um das Carschhaus wieder­sehen wollte.
Im Grunde wollte ich nur einen Kaffee trinken. Hinein in das Parkhaus Grabenstraße kam ich sofort, die Preise waren auch sofort klar! Hinaus wurde schwierig. Man wäre vielleicht besser im Auto sitzen geblieben.
Am Aufzug war eine Tafel: "Wegen Hochwasser geschlossen" Ich stutzte: Hochwasser in der Grabenstraße, 1890 vielleicht, aber heute? Nun ja, Corona.
Ich zog mich am Geländer der Treppe zum Eingang hoch. Noch eine Tafel: "Benutzen Sie bitte Eingang Flingerstraße", ein bisschen weit weg, dachte ich, nun ja, Corona.
Mein Ziel: der Innenhof des Wilhelm-Marx-Hauses, das Stadtbrückchen, wo sich mehrere Cafés angesiedelt haben. Ich zog mich 2 Treppen hoch zur Straße. Eine Ampel taucht auf: "Stadtbrücke", also quasi das große Stadtbrückchen. Nun ja, Corona macht vieles mächtiger.

Gefangen in einem Irrgarten

Ein Schild: „Flingerstraße“; runter in den Abgrund am Gummigeländer mit Handschuhen und tatsächlich ein Eingang: Verwirrend viel Haushaltsgeräte und Postkarten, ein Labyrinth. Ich verirre mich. Heute ist vieles anders als früher. Zurück? Nein, ich sehe die rettende Champagnerbar; jetzt links.
Der fröhliche Fischmann: "Kennen Sie Louis Armstrong?"(Louis sang im Hintergrund) - "Nun ja, eigentlich schon!" - "Was soll’s sein? Viel Senfsauce zum Fisch und eine Suppe?" -"Nein, eher Sauce!" Ich kämpfe mit Messer und Gabel gegen die Sauce und bin ganz allein, ein Einzelkämpfer. "Ich bring einen Löffel!" Aber es war schon zu spät. Corona halt.
Am Ziel: die italienische Café Bar in Plexiglas. Die bekümmerte Frau: "Corona?" „Nein“, schrei ich „nein, nein, nein!“
Dann sagt sie ein Wort, süß wie Sahne, beseligend und schön: "Ti-ra-mi-su".
Eigentlich wollte ich nur einen Kaffee trinken.

Autor: Dieter Jaeger  /  Redaktion: Bruno Reble  /  © Geschichtswerkstatt Düsseldorf 2020

Anmerkung aus der Redaktion: Neben „
No country for old men“ werden Erinnerungen wach an den Film „Taxi Driver“ aus dem Jahr 1976. Auch hier geht es um die Verirrungen der Großstadt. In der letzten Einstellung vor dem Abspann blickt der Taxi-Fahrer irritiert in den Rückspiegel. Warum wundert er sich? Vielleicht, weil er einen fast 90jährigen erblickt, der partout mit dem eigenen Auto nach New York einfahren will, statt dafür ein Taxi zu nehmen?

Montag, 25. Mai 2020

Paulinchen‘s Tanz in den Mai

Paulinchen war allein im Haus
Seit Wochen durfte sie nicht raus
Als sie nun durch das Zimmer sprang
Ganz ohne Mut und Sing und Sang
Da sah sie plötzlich vor sich stehn
'nen Zauberstab, nett anzusehen
Ei sprach sie, ei wie fein
Damit lad’ ich mir Freunde ein
Wir freuen uns und haben Spaß
Und sitzen schön im grünen Gras.

Und Mienz und Maunz die Katzen
Erheben ihre Tatzen
Sie drohen mit den Pfoten
Corona hat’s verboten!!
Miau! Mio! Miau sie schrein
Bald werdet alle krank ihr sein!

Paulinchen hört die Katzen nicht
Sie freut nur auf Gesellschaft sich
Der Zauberstab lockt sie so sehr
Sie springt im Zimmer hin und her
Und ruft: „Herbei ihr lieben Freunde mein
Kommt her und lasst uns fröhlich sein
Wir wollen eine Party machen
Und lustig sein und nur noch lachen“

Und Mienz und Maunz die Katzen
Erheben ihre Tatzen
Sie drohen mit den Pfoten
Corona hat’s verboten!!
Miau! Mio! Miau sie schrein
Bald werdet alle krank ihr sein!

Die Freund’ sind’s leid - so ganz allein
Sie kommen schnell  -  jeweils zu zwein
Vergessen sind Angst und Bedenken
Sie kommen sogar mit Geschenken.

Und Mienz und Maunz die Katzen
Erheben ihre Tatzen
Sie drohen mit den Pfoten
Corona hat’s verboten!!
Miau! Mio! Miau sie schrein
Bald werdet alle krank ihr sein!

Das stört die ganze Clique nicht
Und alle amüsieren sich
Sie trinken Bier und Schnaps und Wein
Und schwingen auch das Tanzebein

Doch morgens dann, ihr glaubt es kaum
War alles leider nur ein Traum.


© by Anne W. aus  :D
aus der strubbeligen Fan-Gemeinde der Geschichtswerkstatt

Das Original stammt aus dem Jahr 1844 und kann hier nachgelesen werden:
de.wikisource.org/wiki/Der_Struwwelpeter/Die_gar_traurige_Geschichte_mit_dem_Feuerzeug

Montag, 27. April 2020

"Lebende Bilder" oder „au naturel“… frei nach Schadow


In diesen trüben Zeiten gibt es auch Erhellendes: "Lieblingsgemälde nachgestellt" so heißt es in der Rheinischen Post vom 21.04.20…
https://rp-online.de/kultur/museums-challenge-zu-nachgestellter-kunst_aid-50128181

Diese "Lebenden Bilder" haben in Düsseldorf eine lange Tradition. Erfunden wurden sie wohl in Frankreich gegen Ende des 18ten Jahrhunderts.

Die Düsseldorfer Malerschule pflegte das Spiel mit lebenden Personen besonders intensiv. Berühmt wurden die "tableaux vivants" 1877 bei den Theater-Aufführungen im Malkasten-Park. Hoher Besuch hatte sich angekündigt, der Kaiser himself. Jahre später kamen auch erotische Spielereien hinzu.

Nackte Frauen nur in gebannter Bewegung

Schon lange war man gewohnt, auf Gemälden nackte Körper zu sehen. Jetzt waren diese Körper echte Menschen. In den prüden Zeiten unserer Großeltern war das schon allerhand. Nackte Frauen durften allerdings nur in Denkmal Pose auftreten. Bewegungen waren nicht erlaubt.

In den Anfangsjahren der Düsseldorfer Akademie unter Schadow lebte hier im Zusammensein zwischen Malern, Literaten und Musikern ein lustiges Völkchen von später sehr berühmten Leuten. Rellstab, ein bekannter Journalist jener Zeit, nannte Düsseldorf in Anspielung auf die Kunst, ein "zweites Rom".

Kunst ist immer Chef-Sache

Immermann war Chef des Theaters, Mendelsohn Chef der Musik, Schadow Chef der Kunst. Die Akademie, die wohl berühmteste Düsseldorfer Institution des 19ten Jahrhunderts, tagte bis zur Errichtung der neuen Akademie 1875 im Alten Schloss. Vom Schloss über die Akademie bis zum Mal-kasten zog ein Heer von Künstlern ihren Weg über Ratinger - Jägerhofstraße- Malkasten. Berühmte Treffpunkte waren: Hansens Penn und Villa Nuova (oft auch ihre Wohnungen). Wilhelm Busch war nur ein kurzzeitiger Gast, andere blieben länger.

Feucht und moderig

Dabei hatte Anselm Feuerbach zunehmend Probleme mit Schadow und Düsseldorf, Zitat: "Mit fröstelndem Unbehagen betrat ich die hässlichen Räume der Akademie. Außer dem gewöhnlichen Geruch, der allen öffentlichen Anstalten eigen ist, war hier noch etwas Besonderes, Feuchtes, Modriges." Es war „der water closet“ (WC), hier im Schloss als einem der ersten Häuser in Düsseldorf installiert.

Auch ich (D.J.) habe heute "ein fröstelndes Unbehagen", wenn ich das Pissoir am Burgplatz betrete. Ausgerechnet im renommiertesten Gebäude der Stadt, dem Schloss mit der einst weltberühmten Gemäldesammlung, befindet sich eine öffentliche Bedürfnisanstalt.

Als 1833 zum Empfang des Kronprinzen, dem späteren „Pferdeapfelkönig“ Friedrich Wilhelm IV, im Theater am Marktplatz das Stück "Dürer" gegeben wurde, gab es bei der Vorbereitung große Aufregung. Immermann hatte das Stück geschrieben und spielte selbst die Hauptrolle. Schadow war für die Ausstattung zuständig, unter anderem auch für die" tableaux vivants".

Geiz ist geil

Schadow, eher geizig als sparsam, hatte eine geniale Idee. Immermann berichtet: "Er ließ in den "Lebenden Bildern" für die Personen, die „en profil“ standen, nur halbe Gewänder und Mäntel machen. Dadurch waren sie auf der Bühne für die gestrengen Besucher sittsam bekleidet, aber auf der dem Publikum abgekehrten Seite standen sie " au naturel".

Autor: Dieter Jaeger  /  Redaktion: Bruno Reble  /  © Geschichtswerkstatt Düsseldorf 2020