Freitag, 26. März 2021

Hurra, ich werde geimpft!

Mein Termin 12. März 2021 im Rheinstadion

Das Taxi ist schon da. Schnell noch einen Schluck für die Reise. „Ohrstöpsel nicht vergessen!" ruft meine Frau. „Wieso“, frage ich, „seit wann braucht man zum Impfen ein Hörgerät?". Egal, die zwei Brillen sind schon an. "Die Maske!" Die Stimme meiner Frau wird härter.

Der Taxifahrer war enttäuscht. Er war eine Viertelstunde zu früh gekommen, um alles vorzubereiten. Nun kommt da einer nur mit Stock. All die Mühe umsonst.
Egal! Das Großraumtaxi hat Platz für 2 Rollstühle. Für Beifahrer gibt es kleine Stühle an der Wand. Ich bin Beifahrer, Jahrgang 1935, ein Halbinvalide, ein Fast-Rolli. "Ich befestige Sie“, ruft der Fahrer und legt den Spezial-Gurt an. Meine Frau steigt dazu. "Ich habe gelüftet. Sie sind glasisoliert, brauchen keine Maske, nicht erschrecken! Ich starte das Mikrofon."
"Vorsicht, Stöpsel verloren, da liegen 2000 Euro am Boden", sage ich. Maske angelegt, die Ohren knacken, zwei Brillen, das führt zum Konflikt, die Maske gibt den Rest.
Das Großraum-Auto hat viel gekostet, es ist ein neuer Taxiverleih. Er hat gut zu tun, im Gegensatz zum normalen Taxiverkehr.

Kunst oder Gestank?

Wir fahren von Hamm eine gerade Strecke, immer den Rhein hinunter, Richtung Rotterdam, also Rotterdamer Straße, was sonst. Als man sie 1915 so nannte, hatte die Stadt gerade die verschuldeten 6 Stockumer Höfe gekauft. Karl Wach baute die "Neue Kunstakademie" neben die alte Treidelstation Schnellenburg. Alle Wege führten im schrägen Winkel zum Nordfriedhof.
Ins Grenzgelände (Stockum, Wersten) kamen vor 1909 zunächst zwei unliebsame Einrichtungen: die Städtische Reinigungsanlage (zwei Schiffe mit den Namen „Parfüm 1“ und „Parfüm 2“) und am Ende des Stockumer Kirchwegs: die "Cadaver-Vernichtungs-Anstalt" an der Piwipp, am Grenzgraben Vogelsanger Weg.

1925 (die Franzosen waren gerade weg) planten Ärzte die GESOLEI (Gesundheit Soziales Leibesübung) und Hindenburg weihte "Am Staad" das Rheinstadion ein. Man feierte 1000 Jahre " Heiliges Römisches Reich Deutscher Nation". Das gefiel den völkischen Reaktionären.

Die Kunstakademie an der Schnellenburg neben dem Gestank, das ging nicht gut. Den Nazis machte das nichts aus. Die Messe "Schaffendes Volk" wird ihr Prestige-Objekt 1937 mit Fahnenallee zum Hauptgebäude und Sichtachse zum pompösen Schlageter-Monument auf der Golzheimer Heide. Wir passieren das berüchtigte Kriegerdenkmal am Reeser Platz und die ehemalige Nazisiedlung „Schaffendes Volk“.

Nun aber kein Gestank mehr: das Wasserwerk AM STAAD entsteht

Wir biegen rechts ab zur Arena. Das Rheinstadion war früher unser Traum. Im Schwimmbad daneben lagen die schönsten Frauen Düsseldorfs auf den berühmten steinernen Terrassen.
1971 beginnt die Messe und Tamms baut das Stadion um. Fußball Weltmeisterschaft 1974 2:0 gegen Jugoslawien, 4:2 gegen Schweden, Europameisterschaft 1988 Deutschland Italien 1:1; neues Stadion 2004, aber Fortuna sitzt ganz tief im Keller und erreicht nur mit Ach und Krach die 2. Liga.

Düsseldorf besitzt mehrere Arenen, aber es fehlen die Artisten

2012 OB Erwin träumt von Olympia und scheitert. Dafür kann OB Geisel die Tour de France nach Düsseldorf holen: am 1.7.2017 blickt die Sportwelt auf die Messe, den Rhein und die schönen Gebäude der Innenstadt.
Erst heißt es LTU-ARENA, weil der Sponsor aus Düsseldorf kommt, dann ESPRIT, weil das Hippiepärchen Susie und Douglas Tompkins 1968 in San Franzisco selbst genähte Blusen verkauft und ihre deutsche Tochterfirma ESPRIT in Düsseldorf gründet. Der Reigen geht weiter: 2018 MERKUR-SPIEL-ARENA, Heimstatt des bekanntesten Düsseldorfer Fußballvereins, benannt nach der Glücksgöttin Fortuna, genau der richtige Name für ein Impfzentrum.

Wir sind da: das Spiel kann beginnen

Beim Aussteigen klemmt die Tür. "Moment, ich zünde noch einmal"; im Cockpit 20 Knöpfe; "Moment, falscher Knopf". Erst mit der Fensterscheibe funktioniert es, der uralte Trick: von außen die Innentür öffnen.
8 Uhr 40 "Ich binde Sie los. Warten Sie genau hier."
Ich sitze in der Schminkkabine von Madonna, vielleicht wäre auch Lena möglich, der große Paul oder die Rolling Stones? 30 Schalter und Impfkabinen

Über 7 Unterschriften musst du gehen

Insgesamt (einschl. Impfpass) sind 7 Unterschriften notwendig, auch Stempel muss sein.
Am schönsten: der alte Mann, der mich impfte, war älter als ich; sagte kein Wort, war aber blitzschnell. Ich wusste am Ende gar nicht, ob ich geimpft worden war, weil ich wieder die Stöpsel verloren hatte. Hinter der Kabine ein Stuhl. Meine Frau- in der Aufregung eine Zigarette- war irgendwie rausgekommen und hämmerte jetzt an der Glastür hinter mir. Security Leute liefen herbei, in lila und rot waren freundlich und nett, doch die Tür ließ sich nicht öffnen.

Wir gingen schließlich beide nach Hause. Unterwegs eine Wartehalle mit 15 Menschen, aufgereiht im 3m Abstand. Schweigend, die Augen auf den Rhein gerichtet.
Wie die Trappistenmönche vom linksrheinischen Mönchenwerth, dachte ich, die genau an dieser Stelle rübergingen in ein neues Leben. Der Kurfürst Jan Wellem half ihnen, denn er hatte hier eine neue Fähre gebaut.
"Keine Angst", rief der Taxifahrer", die Tür ist ok!" Nein, ich hatte keine Angst. Eine wilde Freude stieg in mir auf.

"Hurra, ich bin geimpft!"

Autor: Dieter Jaeger  /  Redaktion: Bruno Reble  /  © 2021 Geschichtswerkstatt Düsseldorf

Freitag, 19. Februar 2021

Vor Hutnadeln wird gewarnt!

 Vor 145 Jahren: Erste Straßenbahn in Düsseldorf

An einem Sonntag 6. Februar 1876 startete die erste Pferdebahn am Burgplatz. Es gab fünf Wagen und zwei Linien: Nr 1 über Markt-, Flinger-, Mittel-, Kasernenstraße zum damaligen Bahnhof am Graf Adolf Platz. Nr 2 über Markt-, Flingerstraße, Flinger Tor,-Elberfelder-, Schadowstraße zur Tonhalle.

Das Schloss war 1872 bis auf den Turm abgebrannt. Der Schlossturm war nun die einzige Schleife der Bahn, sonst wurden die Pferde am Ende einfach umgespannt. Der Conducteur musste allerdings die Sitzpolster wieder nach hinten bringen, denn hinten war die erste Klasse und nur dort gab es Kissen. Es gab insgesamt 12 Sitzplätze und 18 Stehplätze. Eine Teilstrecke (bis 1200 Meter) kostete zehn Pfennige in der 2. Klasse, in der 1. Klasse fünf Pfennige mehr. Für jede weitere Teilstrecke erhöhte sich der Fahrpreis um fünf Pfennige.

Leisten konnten sich das nur die besseren Kreise, denn die Zeiten waren hart. Ein Tagelöhner verdiente für 12 Stunden Knochenarbeit ca. eine Mark, ein einfacher Lehrer oder Polizeidiener kam auf ein Jahres!einkommen von knapp über 1000 Mark. Ein Ei kostete 5 Pfg, der Liter Milch 20 Pfg, ein Kilo Fleisch 2 Mark.

Es gab nur eine Schiene

Die entgegen kommende Bahn musste in der Linienmitte (Karlsplatz und Flinger Tor) auf einem 2ten Gleis ausweichen. Am Berg (Mittelstraße) wurde ein 2tes Pferd eingespannt.Haltestellen gab es nicht, ein Wink genügte. Das Trittbrett lief um den Wagen herum. Vorne und hinten befand sich ein offener Perron mit Schiebetür zum Inneren. Die Plattform war mit einer Kette gesichert.
An der Außenseite der Wagen hingen bald erste Reklameschilder (meist „Maggi Suppe“). Innen wurde gewarnt vor spitzen Hutnadeln der Damen.

Feste Haltestellen erst seit 1892

Die Sommerwagen waren seitlich offen, die Holzbänke quer, nicht längs und für das schlechte Wetter hatte man eingerollte Segeltuchbahnen, die seitlich herunter gelassen werden konnten.
Weil die Flingerstraße wegen der neuen Festungstechnik seit 1675 zugebaut war, musste man die Mittelstraße oder das Neue Flinger Tor nehmen (heute: Bolker Stern).Das Neue Flinger Tor war ein schmaler Gang (am heutigen McDonald), der 1785 zur etwas breiteren Communikationsstraße erweitert wurde und der erst 1935 zum heutigen Bolker Stern wird. Die Pferde- und Straßenbahnen benutzten also bis 1935 diese Engstelle.

Die Bolkerstraße wurde nie als Bahnstraße genutzt. Immer war es die Flingerstraße, d.h. die uralte Verbindung über die Schadowstr nach Flingern.
Schon die beiden ersten Bahnen von 1876 hatten Farbunterschiede (Nr 1: grün, Nr 2: weiß). Ab 1914 werden für Zielschilder und Signallampen verschiedene Farben eingesetzt: die 18 Urbahnen mit 18 verschiedenen Farben entstehen (die gelbe Sieben, die blaue Eins)

Der Belgier Leopold Boyaert bekam 1876 die Konzession über 25 Jahre eine Pferdebahn zu betreiben. Es war kein reines Zuckerschlecken. Er musste der Stadt einen Kontostand von 100 000 Mark nachweisen, eine Kaution von 120 000 Mark bereitstellen und eine jährliche Konzessionsabgabe an die Stadt zahlen. Die Stadt behielt sich einige Rechte vor, z.B. das vorzeitige Kündigungsrecht und früh morgens die Gleise kostenlos für Müll- und Leichentransporte nutzen zu können. Kostenlos mussten auch städtische Arbeiter und Polizeibeamte im Dienst befördert werden. Am Mittwochnachmittag sollte die Bahn zum Zoo fahren, die Beamten hatten frei. Sonntags bei schönem Wetter war dann die Familie dran.

Natürlich fehlte es nicht an Spott über die „Pädsbahn“

"In Düsseldorf is`it jemütlich, mer han `ne Pferdebahn.
Dat ene Päd dat treckt nit, dat andre, dat is lahm.
Der Kutscher is besoffen, die Deichsel, die is krumm,
und alle paar Minuten da kippt die Kiste um."


Autor: Dieter Jaeger  / Redaktion: Bruno Reble  / © 2021 Geschichtswerkstatt Düsseldorf

Freitag, 29. Januar 2021

Das große Kneipensterben: Altstadt adé?

Ein alter Hase (Jahrgang 1935) erinnert sich: Das Tor zur Altstadt war für uns „Jonges“ die Berger Allee. In den siebziger Jahren starteten wir von dort unsere Touren durch die Gemeinde: von Samstagabend bis in die frühen Morgenstunden.
Die ZICKE an der Ecke Bäckerstraße ließen wir meist links liegen. Hochgestochen, "intellel", wie wir sagten. Und für Kaffee, feine Speisen und leckere Croissants (sogar besser als in Paris) hatten wir an Samstagabenden nicht viel übrig. Da wussten wir was Besseres.

Die ZICKE war einmalig

Erst später entdeckten wir den Charme dieses Bistros. Der erste Besitzer, der die sagenhafte lila Farbe anbrachte, muss ein Franzose gewesen sein oder ein frankophiler Mensch. Und er liebte das Kino und die Kunst. Bei jeder Restaurierung schrien die Fans: “Lasst die Tapete stehen!“ Fast alle meine Lieblingsfilme der Nachkriegszeit hingen da, die großen Kunstausstellungen Düsseldorfs und die Chansons von Jaques Brel und George Brassens.
Der Marmortisch in der Ecke im Hauptraum war mein Lieblingsort. Auf dem Gang zum Klo gab es Geheim-informationen meiner Freundin. Sie verblassten dort ganz langsam, so wie die Liebe verging.

Abgesang auf große Namen

Nur ein winziges Rechteck machte das aus, was man gerne als „Mythos Altstadt“ bezeichnet. Das waren Bolker-, Kurze- und Hunsrückstraße. Und genau hier ist heute die Corona-Tristesse am größten.

Die Bolkerstraße

Wegen des fehlenden Tores war die Bolker- nie eine Durchgangsstraße gewesen. Doch besonders hier entwickelte sich das bunte Leben der Stadt (nicht in der Flingerstraße).
Werfen wir einen Blick zurück in die Glanzzeiten des Amüsemangs: rechts am Eingang der vornehme Edelfisch GOSCH, der hier am schmutzigen Hauptstrom der Fußgänger mitmischen wollte. Der umtriebige Frank Engels besaß auch die KASEMATTEN und die uralte Rockkultkneipe WEISSER BÄR, die danach ENGEL hieß.
Wir bevorzugten den HÜHNERHUGO, mittlerweile gebrandmarkt als leerstehender, gegen Ratten versiegelter "Schandfleck". Die meisten von uns haben hier ihre ersten Pommes gegessen, am Brünnchen wurden die fettigen Finger gewaschen.
Mattes Schumacher war der erste mit einem „Lecker Dröpke“, so wie wir es heute kennen. Im SONNENAUFGANG auf der Citadellstr 12 braute er 1838 sein Starkbier, und zwar „stiekum“ (also heimlich) auf Latten im Keller versteckt. „Latze Stiekum“ sagen wir immer noch.
MAREDO schwamm auf der Steakwelle und geht jetzt unter. Gegenüber auf 2 Etagen der schicke SPITZ: Kaffee auf die Schnelle, später BALTHAZAR.

Geburtsstätte von Heinrich Heine

Eine Pommesbude statt des Herrn von SCHNABELEWOPSKI. Daran hätte der junge Heine seine Freude gehabt. Von hier ging man auch in die lange MATA HARI PASSAGE und sah gefährliche Frauen, die den "grünverschleierten Engländerinnen" im „Buch Le Grand“ ähnlich sahen. Auch das Café "TOM TOM" mit dem fetten Boxerhund war in der Nähe. Der alte Besitzer mit dem schwarzen Lederschlapphut hatte ganz am Ende der Passage einen Heine-Brunnen gebaut. Als alles vorbei war, gingen wir von hier durch eine Tapetentür zum Ort, wo im Hinterhof die Wiege gestanden hatte.
Die Hausbrauerei ZUM SCHLÜSSEL, aus der Gatzweiler-Dynastie, darf ihr gutes Bier nur noch "Schlüssel" nennen und ist mit 85 % Fassbier-Ausstoß ganz besonders von der Krise gebeutelt.
Das riesige OBERBAYERN war berüchtigt für Junggesellen-Abschiede. Im Keller wurde man versöhnt. Hier spielte die schwarze Jazzseele im SOULCENTER. Und man konnte sogar tanzen.
Im Nachbarhaus Nr.35 hat man die Schrift entfernt. SCHWARZER ANKER war vielleicht das wichtigste Haus der Straße. Hier entstand der "Schneider Wibbel".
DER BRANDENBURGER als Hausname für die AUBERGE weist darauf hin, wie tolerant es hier zuging. Die Straße hatte im katholischen Düsseldorf viele protestantische und jüdische Kaufleute.
Die Nordseite der Straße bis zur Mertensgasse ist im Nachkriegs-Trümmermeer einige Meter breiter geworden. Neben dem jetzt offenen Eingang zur Neanderkirche entwickelten sich nur weniger bekannte Lokale (z.B. SAUSOLITO). Früher stand hier der große ZWEIBRÜCKER HOF.
Die DATSCHA allerdings war so verrückt, wie der Besitzer, der Altstadtkönig Mattner. Wir tranken hier in weißen Kutschen aus Zarenkronen. Für Autofreaks hatte er das TÖFF TÖFF. Später tanzten die Teenies im PAM PAM.
Die Bolkerstraße entwickelt nun dichtgedrängt ihren ganzen Charme. Mattner hatte hier sein Flagschiff LORD NELSON auf 3 Etagen mit CAPTAIN’S DINNER und BORDFRISÖR. Aber der eigentliche König der Altstadt war der SPIEGEL.
Mit MADRID begann die spanische Welt des Senor Lopez, dem bald die ganze Schneider-Wibbel-Gasse gehörte: AMIGO, FLAMENCO, PICASSO, SANTIAGO. "Ay, ay, canta y no llorez" sang ich immer, wenn ich dort mit einer Gruppe ankam, dann gab es Rotwein „für umme“. Die Tapas allerdings sind in der COPA Bergerstraße erfunden worden.
MOORAS LOVERS CLUB" saß in der Ecke zur Flingerstraße, zwei Treppen hoch. Auch mit der Liebe hatte es viel zu tun. Die Wibbelgasse war die Glasgallerie des Kaufmanns Hartoch, den man in seiner Bettenabteilung mit einer hübschen Verkäuferin erwischt hatte "Komm, lassens kieke, wat dä Hartoch hätt: 10 fule Eier und ne Weit em Bett".
Das Kino hat die GOLDENE WELT verdrängt: ein Durchgang zum Marktplatz mit mehreren verspielten Kneipen. Die rote Bretterbude links hat den sagenhaften Namen PFERDESTALL, einer der Ursprünge vom WIRTSCHAFTSWUNDER.
BOLKER NEUN war der Gegenentwurf zum Spiegel: ein bisschen wie die harmlosen Beatles (aber mit dicken Schlitten) gegen die ruppigen Stones.

Die Kurze – Straße der „Armen“

Über die Mertensgasse und den Jazztempel PÖTZKE kam man zur Kurze Straße, wieder so eine abgeschlossene Passage: eine Straße der Armen, auch "Dreckkötter" genannt. Daraus wird dann "Kurze". Die Häuser waren hier mittelalterlich eng. Sie hatten den Krieg überlebt. Nur hier gab es so viele alte Gemäuer. Die Südseite wurde allerdings verbreitert.
MITZI und MÄNNEKEN PISS, am Eingang die Jugend und die Touris. Vorher hatte man sich mit Muscheln im uralten REUSCH gestärkt. Auf der Nordseite kam nun eine einmalige Phalanx berühmter Namen: GOLDEN DOOR, SMUGGLER, RIVERSIDE, SCHAUKELSTÜHLCHEN, ENGELCHEN, vielleicht am schönsten das HÄNGETISCHCHEN: Die Tische hingen von der Decke. Mary Quant hatte den Mini erfunden: die Damen auf hohen Hockern zupften vergebens am kurzen Tuch.
Die Südseite, weil neu, hatte nicht den großen Reiz: immerhin gab es Mattners ALT DÜSSELDORF" und schillernd, teuer: BATEAU IVRE.
In den 90igern war die Straße etwas vergessen. Razzien gegen eine Mini-Mafia in der alten SCHERE ( Kurze 4). Dann aber erstehen sie neu: die drei Hotspots der Teens und Twens: BABY LOVE, QSTALL und etwas weiter ANACONDA.
Die Historiker sehen im Ostteil der Straße den Ursprung der Kaffehauskultur, z.B. TANTE LAURA, wo das „Tantengedöns“ anfängt.
Hier in der frommen Andreasstraße entstand um 2010 eine unfromme Posse. Der Kultort CZIKOS war pleite, und ausgerechnet hier neben der Kirche wollte ein Ami mit COYOTE UGLY kurzbekleidete Puppen auf Tischen tanzen lassen. Aufschrei des sittsamen Engelbert Oxenfort von der TANTE ANNA: der Coyote war schon aufgemalt, aber er heulte nicht eine einzige Nacht.

Im wilden HUNSRÜCK

Um die Ecke wäre es für den Coyoten ein Leichtes gewesen. Die wenigen Querverbindungen (Mertens / Kapuziner / Hunsrück) hatten es schwer: sie wurden nicht für voll genommen, man gab sie den "Ausländern": Mertens für Bilk mit ihrem Heiligen Martin, Hunsrück für Derendorf und allerlei Fremdes, sogar das Kölsche Hänneschen-Theater mit Willy Millowitsch.
Der Hunsrück fängt an mit der Kirche und hört auf mit der unchristlichen Marianne Plum: Sie sang "Der Papst ist tot", aber das war dann doch zu viel. Hier verbrachte die Edel-Prostituierte "Nitribitt" ihre Jugend und Peter Cornelius, eigentlich keuscher Nazarener, liebte seine Italienerin (Zitat eines Zeitgenossen: "Nie sah ich einen göttlicheren Oberleib").
Eine Vielzahl von Kneipen, aber sie sind nicht so berühmt geworden wie ZINTERKLAUS und BARCELONA für das "reifere" Publikum. Alle geschlagen werden sie in dieser unwirtlichen Straße, wo das "KOM(M)ÖDCHEN" entsteht von FATTY‘S ATELIER" im MÜHLENSTEIN. Und der Nachfolger "IRISH PUB" war der Starter für die Düsseldorfer Liebe zu Irland: SUTTON, O´REILLY‘S, MULLIGAN, McLAUGHLINS, auch JULIO auf der Mühlenstraße zählt dazu.
Natürlich ist die "Altstadt" viel mehr als Kneipen und Kommerz, aber dieses war ihr Kern, der sie berühmt gemacht hat, Deutschland weit und international.
Autor: Dieter Jaeger – Redaktion: Bruno Reble – © Geschichtswerkstadt Düsseldorf 2021

Donnerstag, 26. November 2020

HAMZI geht durch die Stadt

Im Auftrag des WDR meldet sich der Reporter Hamzi stets mit dem Satz:

"Ham‘ Sie ´ne Frage?

Thomas Bernhardt, ein ehemaliger Vorsitzender der Geschichtswerkstatt, kennt sich damit aus und stellte auch selbst die Fragen. Die schönste war: "Wo liegt die Düsseldorfer Tuchtinsel?"
Dabei lernten wir, dass alle „Werth“-Namen Inseln waren, wie Kaiserswerth, Volmerswerth, Lausward. Aber sonst hatten wir es nicht sonderlich mit Inseln. Deshalb kam die "Tuchtinsel" so überraschend.

Warum heißt ein Haus in der Altstadt „König von Ungarn“?

Kollege Hamzi wurde gefragt nach dem Haus Bolkerstr.15. In großen Lettern steht dort "König von Ungarn". Wohnte hier einst ein König? Vielleicht regierte er uns sogar eine Weile?

Edmund Spohr, der Altmeister der Düsseldorfer Geschichte, wusste mehr und präsentierte eine wunderschöne Profikarte, die er im Jahr 2013 erstellt hatte. Sie basierte auf einem Vortrag von Dieter Jaeger über die "Hausnamen der Altstadt", den er 2009 bei den „Jonges“ gehalten hat. Zurück ging das Ganze auf Heinrich Ferber vom Düsseldorfer Geschichtsverein, der 1889 durch die alte Stadt gewandert war.

Tatsächlich hatten hier Könige und andere Hoheiten gewohnt, z.B. der "König von Schweden", meist im "Hof von Holland" in der "Altestadt". Der König von Ungarn allerdings nicht. Spohr führte alte Münzen an, auf deren Rückseite der König abgebildet war und mit denen das Haus vielleicht bezahlt worden sei.

Andere Erklärungen: 1525 wurde Ferdinand von Österreich zum König von Ungarn ernannt. In Wien heißt später eins der ersten Kaffeehäuser "König von Ungarn". Auch unser Bolker Haus Nr.15 war eins der ersten Kaffeehäuser Düsseldorfs, das den Wiener Namen übernahm. Jan Wellem war mit Österreich verbunden. Er baut 1703 sein "Schloss Bensberg". Der Name steht unweit vom "König von Ungarn" auf der Nr.5.

In der Bolker Straße gibt es noch einige andere Häuser mit altem Hausnamen z.B. Nr.51 "Zum Rothen Kreuz". Heinrich Heines Vater inseriert um 1800 sein Tuchlager mit der Bemerkung "Neben dem Rothen Kreuz".

Bis zur Numerierung 1858 hatten alle Häuser Namen, meist von den Wappen, die sich die Häuser gegeben hatten (daher die vielen Tiernamen). Aber auch von geschichtlichen Ereignissen, die den Düsseldorfern wichtig waren.

"Prinz von Oranien" (Burgplatz 12) war Wilhelm gewidmet, der Befreier der Niederlande. "Schenkenschanz" (Andreasstr.8) war die berühmte Schanze bei Kleve im 80jährigen Krieg der Holländer gegen Spanien. Der "Schnaphahn" (Ratinger-26) war eigentlich ein Condottiere, ein schlimmer Landsknecht. Sein Name führte dann aber zu "Falke, Eule" und anderen Tieren „Füchschen, Bär, Einhorn“ quasi eine Tierecke in der Ratinger.

Eine andere Masche: Man kopierte den Nachbarn. Der "Schwarze Ochs" gebiert gleich den Roten, den Bunten, den Weißen; eine Ochsenecke in der Neubrückstraße.
Freude kommt auf bei Namen wie "Baum der Diana" (Ratinger-22) neben dem Einhorn. Soler hatte 1787 die Oper "Baum der Diana" komponiert, ein Riesenerfolg am Wiener Burgtheater. Die keusche Diana mit ihren keuschen Nymphen wird von Amor verführt, das macht immer Spaß.

Manchmal täuschen wir uns: die "drei Schabellen" (Ratinger 25) sind nicht drei fromme Betstühle, sondern drei alte Jungfern. Die Infantin Isabella von Spanien, Tochter von Philipp II, hatte 1601 geschworen, sich nicht mehr zu waschen, auch nicht das Hemd zu wechseln, ehe die Eroberung von Ostende geschehen war. Die dauerte allerdings drei Jahre, und so wurde aus Isabella eine etwas müffige Schabelle. Wie sagte noch Hamzi?

"Ham Sie ´ne Frage?" Nur Mut! Man kann sich auch an die Geschichtswerkstatt wenden.



Autor: Dieter Jaeger  /  Redaktion: Bruno Reble  /  © Geschichtswerkstatt Düsseldorf 2020

Mittwoch, 28. Oktober 2020

Harte Zeiten für „Gaukler, Lotterbuben und Rauchtrinker“ - die Obrigkeit greift durch

Gleich zu Beginn eine Anmerkung gegen alle Missverständnisse: Der Verfasser mag sie nicht, diese uneinsichtigen Ignoranten, die sich - in Zeiten wie diesen - um keine Regeln scheren und mit ihrem Leichtsinn die Krise verschärfen. Diese Abneigung gilt auch für die Fraktion der Raucher.

Es gibt gleichwohl einige Kuriositäten bei den Corona-Vorschriften, wo man meint, Prinz Karneval oder der Hoppeditz hätten den Text verfasst.

So liest man in der Rheinischen Post vom 19.10.2020, dass laut Presseamt „strenggenommen die Maske auch beim Radfahren getragen werden muss … beim Essen zum Abbeißen die Maske kurzzeitig heruntergezogen und beim Kauen wieder aufgezogen werden muss". Und wenig ersprießlich für die Raucher heißt es dann: "Die Maske darf beim Rauchen nicht abgesetzt werden".

Da denken wir zurück an alte Zeiten

Jan Wellem hielt Leute, "die spielen, saufen, tabaccieren … für Plackscheißer und Packesel". Für andere waren Leute, die rauchten "Indianer", "Kannibalen" oder "Rauchtrinker". Die Feuerwehr rückte an, weil man glaubte, dass sie innerlich verbrannten. 1815 verurteilte man jemand, der in der Straße ohne Pfeifendeckel geraucht hatte, zu hoher Geldstrafe.

Doch die „gute alte Zeit“ war nicht gut. Nehmen wir als Beispiel die Jugend, die Wirte, die Polizisten und die Priester.

Die Jugend

Sie geriet ins Visier der Obrigkeit, weil sie Kutschpferde derart traktierte, dass Kutschen zu Fall kamen. Die Übertäter wurden arrestiert, vor dem Rathaus mit Prügel bestraft, bei Wasser und Brot gesetzt und (interessant) "nicht weniger die Eltern derselben, das erste Mal mit Geld und Gefängnis, das zweite Mal ebenermaßen mit Prügel belegt".(2)

Ein Vorbild sollten sein die Schüler des Monheim‘schen Gymnasiums, die nicht nur dem "Vortrag der Lehrer mit gespanntem Ohr folgen sollten", sondern auch "keine musikalischen Instrumente berühren durften, keiner Jagd, Vogelfang, Fischerei nachgehen und (um Gottes Willen) nicht im Fluss oder Weiher baden durften … sie sollten Gärten, Äcker, Wiesen nicht betreten, Mauern und Türme nicht besteigen, keinem Spiel frönen, nicht herumschweifen, sondern zu Hause bleiben". Um 5 Uhr wurde aufgestanden, "das Haar sollen sie morgens außerhalb des Schlafzimmers kämmen, Hände, Augen, Zähne mit kaltem Wasser vom Schmutz waschen“ und sie sollen „nicht unziemlich laufen, sondern ehrbar einherschreiten".(1)

Die Wirte

Auch sie hatten es schwer beim Kontrollieren der Lustbarkeiten: Tanzmusik ja, "aber bei der Polizei Tanzmusikscheine lösen … alle Besucher aufschreiben … Tumulte auflösen … keine gesunden Bettler reinlassen, auch keine Landsknechte, Müßiggänger, Düppenträger, Krämer, Schornsteinfeger, Gaukler, Lotterbuben, Possenmacher … am Ende der Predigt in der Nähe der Kirche kein Gelage zulassen".(1)

Die Polizei

Sie allein war zu schwach. Der erste der Sergeanten war ein "gemächlicher träger Mann", der zweite "eben nicht gewandt und rege", der dritte "alt und verschlissen", der vierte "weil er weder lesen noch schreiben konnte, ein unbrauchbares Subjekt".(3)
Ein besonderes Problem für die Polizei war die Straßenreinigung: "Ferkelställe und heimliche Gemächer sollen versteckt sein, damit der Nachbar nit verstänke". Es galt "kein Nachtgeschirr auf die Gassen auszuschütten, wodurch der Kot dann leicht durch passierende Gefährt oder sonstiger Umstände auseinander getreten wird und damit die Gasse in größte Unsauberung versetzt wird".(2)

Die Priester und das "schändliche Laster des Konkubinats"

Jedoch beim Laster wird nicht an die Priester gedacht, sondern nur an die verdächtigen Konkubinen, "die an den Leibern angehalten … an den Pranger zu stellen sind … eine Stunde dort stehen sollen, anderen zur Abscheu … auf 3 Meilen vom Priesterort verwiesen".(1)

Am schlimmsten geahndet wurde die Liebe

Am 27 Oktober 1714 liest man: "Am verwichenen Freitag wurden allhier Mann und Frau, jener weil er zwei Weiber, diese aber zwei Männer, zugleich gehabt, ausgegeißelt, gebrandmarkt und des Landes verwiesen."(1)

Aber immerhin hatte man ein Einsehen mit Hunden, denn 1782 erging ein

Verbot des "Totschlagens von Hunden an Hundstagen"

Damit sind wir wieder beim Hoppeditz und bei der Rheinischen Post.
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Autor: Dieter Jaeger  Redaktion: Bruno Reble  © Geschichtswerkstatt Düsseldorf 2020
Quellen:
(1) Pädagogisches Institut der Stadt Düsseldorf, 9 Bände
(2) Polizeiordnung Jan Wellem
(3) Lau/Most - Stadtgeschichte

Mittwoch, 26. August 2020

Wer wird Oberbürgermeister?

 Napoleon schaffte 1806 den "Brezelmagistrat" ab, denn der Magnus Magister, der Große Meister, war in den 500 Jahren seiner Existenz zum Brezelmeister geworden. Sein "Magistrat" bestand aus Schöffen und Räten, auch "Gesellen" genannt. Das Schönste nach wenigen Sitzungen war immer das "Gelage" in einem Wirtshaus.
Graf Adolf von Berg würdigt ihn in seiner Erhebungsurkunde1288 mit keinem Wort. Er hat auch kein eigenes Haus,  300 Jahre lang. Die Sitzungen fanden in der Lambertuskirche statt, dann im Zollhaus (jetzt: Josefkapelle), dann im "Schwarzen Horn" in der Ratinger Straße, dann in einem Behelfshaus am Markt, dass endlich 1573 zu unserem jetzigen Rathaus wird.
Immer wieder wurde der Bürgermeister mit einem vom Fürsten ernannten "Stadtdirektor" gemaßregelt. Der Fürst mischt sich dauernd ein. Er ernennt die Schöffen, sein Schultheiß und darüber sein Amtmann kontrollieren den Meister. Auch bei den Räten mischt er mit. Jan Wellem schlägt als" geeignetes Subjekt" für den Bürgermeister seinen "Leib-Balbier" vor, seinen Frisör also. Die Barbershops von heute haben eine vornehmere Geschichte.
Die "Gesellen" des Bürgermeisters waren zum Schluss zur Vetternwirtschaft verkommen, immer wieder dieselben Familienclans

Apotheker, Wirte und Weinhändler

Auch die Bezahlung des Bürgermeisters war nicht verlockend. Zu Ostern gab es das "Osterei" (10 Taler), das Gehalt war das Doppelte eines Stadtrats. Immerhin halfen die vielen Nebeneinkünfte, wie Hebegelder, Diäten und Prüfungsgelder.
In der Franzosenzeit (ab 1806) heißt der Bürgermeister "Maire" und erhält einen Gehilfen: den Beigeordneten. Ansonsten, so die Franzosen, müsse der Magistrat "im steten Zustand der Minderjährigkeit" gehalten werden.

Die Preußen, an sich ordentlich, übernehmen 1815 die französische Ordnung bis 1845. Sie suchen lange ein "qualifiziertes Subjekt“ zu dem gerade gegenwärtig höchst lästigen Geschäft eines Bürgermeisters von Düsseldorf.
Es fehle an Männern, denn "sie sind dazu weder geeignet noch geneigt".
Hätte man sich denken können. Da half auch nicht der neue Titel "Ober-Bürgermeister". Gruner, der preußische Verwaltungs-Chef, fügte noch hinzu, dass alle Obs nur provisorisch zu sehen seien, sie verwalten das Amt nur kommissarisch.

Als die Preußen schließlich den Kandidaten im Beigeordneten Heinrich Schnabel fanden, gab es bald darauf 1818 eine fürchterliche Schlammschlacht zwischen Protestanten und Katholiken. Die "Kirche sei verloren" sagten die einen, die Messe sei eine "grässliche Abgötterei", antworteten die anderen.
Die Wahl war einmalig, weil man dem Volk zuhören wollte, also viele Wähler zugelassen waren. "Mögen die Bürger sich zufrieden dieser Wahl erinnern", hieß es. Nichts da, diese Art zu wählen wurde sofort wieder abgeschafft.
Die in der "Minderjährigkeit gehaltenen" und "provisorischen" Obs mochten das Amt nicht sonderlich. In schneller Folge, manchmal nur wenige Monate, wechselten 11 Ober-Bürgermeister: Schnabel, Degreck, Schramm, Josten, Molitor, Custodis, Klüber, Schöller, Fuchsius, Dietze, Villers.
Die Rheinische Gemeindeordnung und die Preußische Städteordnung (1845 bis 1856) brachten die Wende: hin zu mehr kommunaler Selbständigkeit, weg von staatlicher Bevormundung.
Allerdings herrschte bis 1919 das Dreiklassenwahlrecht. Nur die "Meistbeerbten" (die Grenze lag bei 300 Talern) durften wählen, das waren 4% der Bevölkerung . Diese 4% teilten sich nochmals in drei Klassen auf, wobei die erste Klasse so viel Macht besaß, wie die beiden anderen zusammen.

Eine neue Zeit: der Ober-Bürgermeister

Die großen vier (Hammers, Becker, Lindemann, Marx), dann mit Krieg, Weimar und Nazizeit (Oehler, Köttgen, Lehr, Wagenführ, Liederley, Otto, Haidn) schließlich unsere Zeit (Füllenbach, Kolb, Arnold, Gockeln, Glock, Becker, Vomfelde, Müller, Bungert, Kürten, Smeets „die einzige Frau“, Erwin, Elbers, Geisel).

Im Tumult der merkwürdigen Wahl von 1818 entstand eine Skala von Qualitäten, die ein Bewerber vorzuweisen habe (lt. Aufzeichnung von Appellations-Gerichtsrat Lenzen)
1. gesetztes Alter
2. wissenschaftliche Bildung
3. Kenntnisse in Recht und Ökonomie
4. Familienvater
5. hier begütert
6. 10 Jahre hier ansässig
7. in öffentlicher Verwaltung tätig
8. guter Haushalter im eigenen Haus
9. redlich, klug, mutig, bescheiden, sanftmütig, wohltätig
10. beliebt bei Bürgern und Liebe zu Bürgern
11. religiös, doch duldsam

Nun dann, wir werden sehen!
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Autor: Dieter Jaeger  Redaktion: Bruno Reble  © Geschichtswerkstatt Düsseldorf 2020

Mittwoch, 29. Juli 2020

KIKADU macht zu und ROBERTS auch: Ein Paukenschlag!

Eine Epoche geht zu Ende. Die Alten danken ab. „Kikaku“ prägte das Japanviertel, „Roberts“ war der Höhepunkt im Hafen.
Die Japaner kamen 1950 mit „Mitsubishi“. Der "Schreibtisch des Ruhrgebiets" zog sie an, in der Mitte Europas. Alles begann mit Säbelgerassel im "Daitokai" auf der Hunsrückenstraße. Wir saßen am Boden, einge¬quetscht, Stäbchen in der Hand. Über uns gefährliche Messerspiele der japanischen Köche.
Als Stadtplaner Tamms 1960 die winzige Immermannstraße zu einer vierspurigen Baumallee machte, vereinnahmten die Japaner diese Straße am Hauptbahnhof, so wie sie später Straßen in der Nähe des Flughafens suchten. Ihr Hotel Nikko mit "Benkai" war das Hauptquartier. Berühmt wurde es, als der Bösewicht Schimanski im Film "die Katze" hier vom Dach stürzt. In der kleinen parallelen Klosterstraße saßen ihre Restaurants.

Und immer war KIKADU der älteste und beste

Wo die Eleven der Urschulen Humboldt und Scholl schwitzten und der Gashersteller Sinzig Teere und Öle verbrannte, stank es so sehr, dass die Lehrer um 8 Uhr früh die Straßenmitte bevorzugten, um nicht auch noch den Gestank der Bettenlüftung einatmen zu müssen. Aber genau hier sitzt 100 Jahre später Kikaku und seine Nachbarn: „Naniwa, Yabase, Hyuga!. Es wird ihn gekränkt haben, als der Nachbar „Nagaya“ 2011 den Stern bekam und damit Deutschlands einziger sterngekrönter Japaner wurde. "Yoshi" daneben auf der Kreuzstraße, ebenfalls von Nagaya, bekam den zweiten. Die Klosterstraße wurde neben Kikaku mit den Falkenhorsts und Nenio zu einem kleinen Wunderland der Gourmets.
Langsam gewöhnten wir uns, neben Sushi und Tempura an neue wundersame Namen: „Nigiri, Dashi, Sashimi“. Wir übten so lange, bis sie uns wie „latte machiato“ über die Zunge gingen.

Fressen oder gefressen werden

Es war ein langer Weg von den Fresswellen nach dem Krieg bis heute. Im"Fischl" an der Blumenstraße wurden wir zum ersten Mal satt. „Nasigoreng“ hieß das erste fremde Wort beim Chinesen in der Tonhallen- oder Grabenstraße. Die Italiener entdeckten wir bei „Sansone“ auf der Schlossstraße. Jedes neue Ferienland brachte eine neue Welle mit: die Jugos, die Griechen, die Türken, die Spanier (als sie die Tapas einsetzten). Bis Japan kamen wir nicht.

Adieu Roberts!

Man muss das wie Robäär aussprechen, dann ist es richtig traurig und französisch. Robäär war für uns der Höhepunkt schlechthin. Er pfiff auf die Sterne des Reifenhändlers, so wie wir es auch taten. Er war der einzige richtige Franzose: urgemütlich eng, Spiegel an der Wand, Papier-Tischdecken mit der Rechnung drauf. Die Küche, auf kleinen Schreibmaschine Seiten präsentiert, war genial.
Der Gastronom Hülsmann nahm das plumpe Hafenviertel, wie seinerzeit die Japaner das hässliche Bahnhofsviertel, als es noch keinen Medienhype gab.
Die Brückenstraße führte seit 1870 zur Brücke, sonst gab es da nichts, außer einen kleinen Weg am Ufer: die Ufer- später Stromstraße. Dort war seit 1890 die fauchende Eisenbahn am Verbrecherhaus "Schneidmühl" vorbeigefahren.
Wir wohnten in den 70igern in der Stromstr mit weitem Vorgarten, aber in Wirklichkeit war der Vorgarten nur der Hinterhof der alten Brückenstraße, nur dort gab es Häuser.
Nebenan servierte 1978 die busige Nana in der "Nana" den besten Kaffee. Sie hatte als erste die Palme im Zimmer. Man musste sich entscheiden: Palme hieß bester französischer Kaffee, aber kein Kuchen. Zum Kuchen musste man zu den Pelztanten auf der Kö, dafür gab es dort nur elenden deutschen säuerlichen Kaffee im Kännchen.

1997 kommen die Medien…

… und alles wurde hip oder shabby chic. Die Düsseldorfer lieben so etwas: Direkt neben dem Sozialbau und der abgewrackten Tankstelle (in der Lippestraße) das Highlight „Ogehry“, die ungesunden fetten Pommes im "Curry", gerne mit Gold umrahmt, und besonders toll: mitten in der Mülldeponie das schwarz angestrichene "Minol" mit den schwarzen Manga Mädchen.
Jetzt war es vorbei mit dem Zirkus "Pomp and Ducks" in der Speditionsstraße, mit den Jazztumulten sonntags bei Maaßen; vorbei mit dem alten Zollhaus und seinen Ausstellungen, vorbei auch die Show der "Sieben Sinne" im Ruinenbau der Spinnerei Bockmöhl, wo wir zum Schluss den Berührsinn erforschten: „blindfolded“ die Arme in einen tiefen Schlauch: waren es feuchte Frösche oder zarte Brustspitzen?
Hülsmann liebte das alles, die alte und die neue Hafenzeit. Ich liebte ein paar Häuser weiter die "Hafenbar" mit der Roten Laterne und dachte an die Kinderzeit zurück, als ich Seemann werden wollte. Ich sang all die Schnulzen der 50iger vom alten Seemann, der nachts nicht schlafen kann bis "nimm mich mit Kapitän auf die Reise". Ich war Seemann, ich war Kapitän, vor mir zwar nur ein erbärmlicher, nach Öl stinkender Hafen, aber für mich war dieser kleine Hafen das große Meer.

Autor: Dieter Jaeger  Redaktion: Bruno Reble  © Geschichtswerkstatt Düsseldorf 2020