Samstag, 1. Mai 2021

Joseph Beuys – ein „enfant terrible“ der Kunstakademie Düsseldorf

Wie braun war Beuys? fragte dieser Tage die ZEIT. Rot war er sicher nicht, auch nicht richtig grün, vielleicht schwarz? Oder ein Phantasievogel wie Karl May im "Wilden Kurdistan" mit der Kriegslegende von Krim-Tataren, die ihn nach einem Absturz angeblich mit wärmendem Filz geheilt haben sollen? 

Eher war Beuys ein Wirrkopf, jedenfalls nach Meinung von Nobelpreisträger Günter Grass, Studienkollege an der Kunstakademie nach dem Krieg: „Lief auf Jesuslatschen und war anthroposophisch angehaucht (…) ein umgänglicher Typ. Aber wenn er anfing über Philosophie zu reden – ein Stuss!“

Auf jeden Fall war Beuys ein Natur-Schwärmer, der Bäume umarmte, damals schon. Seine Werke sind Legion, seine Hasser oder Bewunderer ebenfalls. Er passt in keinen Katalog und reiht sich ein in die Reihe der "schrecklichen Kinder".

Die Welt liebte ihn, gabt ihm ihre besten Museen, in Canberra z.B. ein ganzes Haus. In Düsseldorf erinnern an ihn eher skurrile kleine Objekte: das Ofenrohr, der Eichenbaum, die Fettecke, das blaue Fenster(seien Sie nett zu der Dame in der Andreasstraße, dann macht sie das Licht an). "Dritter Saal rechts, Kopf nach rechts und wieder raus", der Cerberus gibt nur ungern den Schlüssel. Beuys war zur Touristenattraktion geworden. Der Kutschenfranz erzählte gern Geschichten über die Kneipen, in denen er verkehrte: "Bobbys Schnapsbude" z.B. oder den "Ohme Jupp".

Wir sind in der Kunstakademie angelangt, jenem stolzen Renaissancebau der falschen Renaissance auf dem Eiskellerberg, in dem es kein Eis mehr gibt, auf dem Hafenufer ohne Hafen, im prächtigen Haus ohne Haupteingang. Es ist ein Gebäude der "alten Männer", eine "Kunstrumpelkammer" der "Wolfsschluchtromantik", eine "Versorgungsanstalt für Professoren". Man malte neckische Genrebilder und Tiere: Kunstakademie ohne Kunst. Gewerbe kommt auf. Das Kaiserreich verlangte Schlachtenbilder. "Abschaffen!" hieß es 1919 nach sinnlosem Gemetzel und verlorenen Schlachten.

„50 Pfennig Eintritt“ stand im Baedeker als Abgesang, um die Reste der Sammlung von 1805 zu sehen. Die "Reste", das war allerdings Gewaltiges. Es waren die Reste der nach München 1805 abtransportierten Gemäldegalerie Jan Wellems.

Kunst kommt aus Düsseldorf

hieß es schon 1709. Die Sammlung von Kurfürst Jan Wellem war eines der ersten Museen Europas überhaupt. Hinter den hohen Fenstern des Ostflügels der Galerie, dem letzten noch heute existierenden Rest, sind sie alle gewesen, die berühmtesten Geister im 18.Jht: Goethe brauchte nur über die Straße zu gehen, wenn er im "Prinz von Oranien" vom Frühstückstisch aufstand. Wir Nachgeborenen landen bei diesem Unternehmen allerdings im "Pissoir", vielleicht um dort über die Vergänglichkeit der Kunst zu reflektieren.

Der erste kritische Katalog eines Museums stammt von Pigage: 500 Gemälde, darunter Raffael, Michelangelo, da Vinci, Dyck, Brueghel und vor allem 40mal Rubens, dessen Bilder ihm sein Großvater Wolfgang Wilhelm, der mit dem Meister befreundet war, vererbt hatte.

Akademien waren "in". Alle eiferten der Pariser "Ecole des Beaux Arts" nach und natürlich der ersten Akademie überhaupt: der Medici Akademie in Florenz 1563. Krahe hatte dies verstanden. Goltstein, feindlich gesinnt, wirft ihn aus dem Grupellohaus (1766-69). Krahe bekommt für seine 15 Schüler ein Zimmer im Marstall von Waffenschmied Bongard auf der Mühlenstraße, dann ein Gebäude Ecke Hafen / Akademiestr, dann ein elendes Zimmer im Franziskanerkloster, zuletzt das Schloss (1819-1875), also endlich dort, wo der Ruhm angefangen hatte. Erst 1830 heißt es wieder: "Kunst kommt aus Düsseldorf"

"Wir waren Weltklasse"

heißt es in der Ausstellung "Düsseldorfer Malerschule" von 2011 und das waren sie auch. 4000 Maler und Malerinnen in vier Generationen aus aller Welt. Und in alle Welt ging auch ihre Kunst. "Washington überquert den Delaware" hängt im Kapitol, ein Heiligtum. Die Statisten stammen aus der „Retematäng“.

Die Hippies aus Rom, die ersten "schrecklichen Kinder" Cornelius und Schadow, langhaarig wie Jesus, "Nazarener" oder "Insassen Jerusalems", aber keusch waren sie nicht: "Nie sah ich einen göttlicheren Oberleib“ (ein Zeitgenosse über die italienische Ehefrau von Cornelius). Düsseldorf war die "Aula Italiens", der romantische Vorhof zum Paradies.

Die Rivalen Dresden, München, später Berlin (alles Residenzen) werden überflügelt, vor allem auch, weil sich Genies aus Literatur und Musik anschlossen (Grabbe, Mendelssohn Bartholdy) Party am laufenden Band. "Wenn ich davonschleichen wollte, fasste mich Gräfin Haak und ließ mich nicht mehr los" (Uechtritz).

Schadow wurden im "Goldenen Helm" Ständchen gebracht, Wilhelm Busch und Anselm Feuerbach vielleicht dabei. Thoma, Böcklin, Friedrich, Modersohn waren alle Düsseldorf Schüler. Dem Wunderkind Mintrop, der die meisten Heiligenbilder malte, gab man später die unheiligste Straße. Das andere Wunderkind Rethel, der den Tod malte, bekam später die Straße des bezahlten Lebens, den Puff.
Revolution - 1848 / 49 ! 

Vorbei mit der Kirchen- und Bibelgeschichte, vorbei auch mit Germanien. Die Maler sind vorne dabei: Hübner, auch Lessing, Hasenclever, Heine, Schroedter, Leutze. Von den 66 Offizieren der "Bürgerwehr" waren 11 Maler. Einer von ihnen, der Polnische Adlige Ludwig von Milewski wird bei Barrikadenkämpfen auf der Hunsrückstraße von Preußischem Militär erschossen.
Aus "Hansens Penn" Ratingerstr.3 wird der "Malkasten", eine Art "Apo" der außerakademischen Malerei. Die letzte Phase der Malerschule, die Landschaftsmalerei (Schirmer, Achenbach) wird zunehmend kritisch, sozial, engagiert.

Der rebellierende Malkasten wird schnell satt, aus den harmlosen Sommer- und Winterfesten wird 1877 das preußische "Kaiserfest". Auf dem Höhepunkt des Ruhms 1875, als die Akademie gebaut wurde, war eigentlich schon alles vorbei. "Akademisch" war jetzt ein Schimpfwort: erstarrt, verzopft, verregelt.
In den letzten Jahren der "Schule" bis 1819 entstehen aber auch die Brotgeber, die Vereine (1829 als Pionier der "Kunstverein"), die Ausstellungen, die Museen. Die später verachteten Direktoren der Akademie (Janssen, Gebhardt, Roeber) waren die Organisatoren. (1874 Kunsthalle, 1913 Kunstpalast, 1928 Kunstmuseum). Sie haben auch unsere Kirchen geschmückt und große Denkmäler gebaut.
Die verschlafene Akademie wacht auf. In Dresden hatte man schon 1905 "Die Brücke", in München 1908 den "Blauen Reiter", in Köln 1912 den"Sonderbund". Aber dann eine Explosion der vergessenen Generation.

1919 Junges Rheinland

und wieder wird Düsseldorf die Nummer eins mit dem Ruf "Kunst kommt aus Düsseldorf".
Angefangen hatte es mit einer Bäckersfrau und Kaffee und Kuchen in der Ratingerstr.45, wo einst Immermann in Liebeslust mit der so viel jüngeren Marianne starb. Ihr Name: „Mutter Ey“, wie sie in Künstlerkreisen genannt wird. Sie schart Genies um sich: 1910 zuerst Pankok und Wollheim. Johanna Ey ließ anschreiben und nahm Gemälde an. Im Krieg verkaufte sie ihre Sammlung für 500 Mark und zog 1916 um die Ecke zum Hindenburgwall 11 in ein Zimmer für 35 Mark Miete im Monat. Zunächst ein Bilderladen der üblichen Art. 1919 räumte sie ihr Schaufenster und war von nun an "Neue Kunst, Frau Ey". Besucher: Ringelnatz, van der Velde, Brigitte Helm, Lilian Harvey. Sie wurde der Mittelpunkt der "schrecklichen Kinder" Adler, Kaufmann, Lauterbach, Eulenberg, Clarenbach, Uzarski, Pudlich, Schwesig, die Weltstars Otto Dix und Max Ernst.

"Am nächsten Tag Johlen, Schreien, als ob jemand ermordet worden war"(Ey). Rechte Kreise protestieren unter dem Vorwand des "gesunden Volksempfindens". 1933 wird man Rübsams "Infanterie 39" zerstören. "Entartete Kunst", die Nazis ermorden später Monjau und Ludwigs.

Nach dem Krieg geht es hier weiter. Wilhelm startet1957 die "Gallerie 22" in der Kaiserstr 22 im 3. Stock eines Kaufhauses. Mit dem genialen Hoehme (Gruppe 53) entdeckt die "übersprungene Generation", "Informel" und "Tachismus". Schon 1948 hatte Doede England, Niederlande, Frankreich näher gebracht, 1950 lädt er Henry Moore ein, 1953 kommt Amerika mit Pollock.

1957 das entscheidende Jahr

Alfred Schmela wird Nachfolger der "Mutter Ey". Gut, dass sie zusammen sind in der winzigen Straße. die ihren Namen trägt. In einem gesichtslosen Viertel laden Piene und Mack zu ihren "Abendveranstaltungen" ein. Uecker stößt dazu.

ZERO war geboren. Uriger wird es 1967 im alten Malerviertel, im "Cream Cheese". Hinter der Theke Moora, so schön, wie das "Ey" immer sein wollte .Man brauchte nicht in die Portobello Road nach London zu fahren, nicht zu den Existenzialisten am Boulevard Saint Germain in Paris oder ins Studio 54 nach Manhattan. Sie waren alle hier: in der Neubrückstr.12.

Tinguely aus der Schweiz, Fontana aus Italien, Yves Klein aus Frankreich und der berühmteste: Andy Warhol.  "Cream cheese", hatte Zappa gerufen und die blauen Laserstrahlen riefen weiße Fusel auf unseren Anzügen hervor und falsche Zähne. Das Lokal war so berühmt. dass es Stück für Stück ins Kunstmuseum wanderte, eine "Kneipe ohne Bier".

Beuys ist nicht vom Himmel gefallen." Fluxus" war schon da. Die Zero Künstler schwärmten von der Bewegung, von den Griechen: "Alles fließt". Auch der Schabernack: 1963 bildete Gerhard Richter mit Freund Lueg "Lebendige Skulpturen" im Möbelhaus "Berges" in der Flingerstraße.

"Fluxus" ein medizinischer Ausdruck für "Dünnschiss"

Es fließt schnell durch die Kunstwelt: "a pain in the ass" von dem Litauer Maciunas in Manhattan gegründet, "Dada" ein Schock, dann im Februar 1963 ein 2 Tage "Festum" in der Aula der Akademie. Beuys als Organisator. Wilhelm hält die Rede, Musiker Nam June Paik, Wolf Vostell, Spörri, Schmela (fehlte nur Ono und Lennon). Hier entsteht der Hase, weil Beuys keinen Hirsch auftreiben konnte, statt Hut eine richtige Melone, und jetzt unappetitlich: die Unterhosen der Alison Knowles im Publikum, der Pinkelwettbewerb. Nun ja, als später Beuys die Geige Paiks zertrümmerte, fand dieser das nicht mehr so lustig.

Beuys fiel in die 68er, eine verrückte Zeit, der Sex explodierte in alle Richtungen, die Popmusik auch, Kamele fand man im Lift der Akademie. 1972 wurde Beuys als Professor fristlos entlassen. Dies geschah nach einer Serie von Konfrontationen und Provokationen auf Anordnung des damaligen NRW-Wissenschaftsminister Johannes Rau". 1973 wurde er in einer spektakulären Aktion heimgeholt" (genau 200 Jahre nach Entstehung der Akademie1773) und zwar im Einbaum von seinem Meisterschüler Anatol über den Rhein. Auf dem Bild steht er vorne, wie einst George Washington am Delaware, der Kämpfer für Unabhängigkeit und Freiheit.

Josef Beuys und was nun?

fragte 1980 Helga Meister in ihrer exzellenten Übersicht "Kunst in Düsseldorf". Keine Bange.
Wieder hat Düsseldorf die wohl beste, zumindest berühmteste Akademie: eine Phalanx weltberühmter Namen (einige heute schon tot): Gerhard Richter, June Paik, Siegmar Polke, Klaus Rinke,Tony Cragg, Markus Lüpertz, Jörg Immendorf, Katherina Fritsch, Katherina Sieverding...

Die Einheimischen sind in dieser Erkenntnis ziemlich ungerührt. Die Rheinische Post in ihrer 75 Jahre- Ausgabe vom 19. April 2021 erwähnt die Kunst mit keiner Zeile.
Lore Lorentz (sinngemäß wiedergegeben) "Das Schöne am Düsseldorfer ist, dass er gar nicht weiß, wie berühmt seine Stadt ist (…) und wenn er es wüsste, würde es ihn nicht sonderlich berühren."

Heinrich Heine als großes Vorbild hielt es ähnlich. Er kam immer vom Feierlichen schnell zurück auf die Erde. Nach seinem stolzen Satz "ich bin des freien Rheins noch weit freierer Sohn" folgt ein heiterer Schluss:

"Ich bin geboren am Ufer jenes Stroms, auf dessen Hängen die Torheit wächst."


Autor: Dieter Jaeger  /  Redaktion: Bruno Reble  /  © 2021 Geschichtswerkstatt Düsseldorf