Freitag, 20. Mai 2022

Geschütze, Panzer, Waffen – Rheinmetall !

Die Tauben sind zu Falken geworden. In einem Monat, wie schnell.

Ein in Düsseldorf ungern genannter Name war Rheinmetall. Am ehemaligen Hauptgebäude Ulmenstraße wurde der Name übertüncht: ein glitzernder Stahl- und Glasmix aus Büros, Hotels, Restaurants, inmitten der "Unternehmerstadt".

Noch am 11. Februar 2022 wird das Sponsering von Rheinmetall für den Handball Verein „Bergischer HC“ von den Grünen abgelehnt. Ein paar Tage später kommt der Krieg in der Ukraine. SPD Scholz reagiert noch zögerlich, aber die Grünen rufen energisch zu den Waffen. Eine „Zeitenwende“ kündigt sich an. Der Aktienkurs von Rheinmetall geht durch die Decke.

Kommt jetzt eine Wiedergeburt?

Der Firmengründer Heinrich Ehrhardt war zunächst Fabrikant von Eisenrohren. Düsseldorf war damals die Röhrenmetropole Europas. Alle bauten Röhren: Piedboeuf, Bahlke, Tellering und Hahn bauten schmiedeeiserne Röhren, Poensgen baute Bleiröhren, Haniel und Lueg bauten guss-eiserne Röhren, aber Ehrhardt war anders.

Er konzentriert sich auf nahtlose Röhren in Anlehnung an die Mannesmann Sensation, Röhren ohne Naht herzustellen. 1889 bringt er ein patentiertes Pressverfahren heraus. 128 Patente, hat man später gezählt. Er war ein genialer Erfinder, der in der Bastelstube des Thüringer Waldes ein Ding nach dem anderen hervor zauberte: Kaltsägen, Panzerplatten, Drehbänke, Pressen, Fahrräder, Elektrofahrzeuge, Gewehre, Zünder. LKWs und Autos (Wartburg).

Anders als die genialen Mannesmann Brüder, die vorzugsweise erfinden konnten, muss Ehrhardt auch das Kaufmännische gelernt haben, denn sein Unternehmen Rheinmetall besteht noch heute 2022.
Das Schrägwalzverfahren von Mannesmann war durch Beobachtungen bei der Feilenherstellung in der väterlichen Remscheider Fabrik entstanden: schräge Walzen zermürbten das Innere eines Blocks. Die spätere Ergänzung des Pilgerschritts (drei vor, zwei zurück) erlaubte lange Röhren. Der Name kam durch das Vor und Rückwärtsfahren der Stücke. Es erinnerte an die Prozessionen in Echternach zum heiligen Wilbrord, zuständig für Veitstänze, also Wahnsinn oder an den Hexensprung in der Villinger Fasnet.

Ehrhardts Pressverfahren bohrte und presste einen Dorn in das glühende Eisen. Das war einfacher. Dadurch wurde Ehrhardt zum "Kanonenkönig". Man arbeitete in Derendorf "Bei der Patrone", weil Ehrhardt sich 1901 auch eine Gewehrfabrik eingegliedert hatte, wo das Zündnadelgewehr hergestellt wurde (1840 von Dreyse erfunden) Hinzu kommt 1895 der Unternehmer Konrad Haußner, der für Krupp das Rohrrücklaufgeschütz erfunden hatte.

Heinrich Ehrhardt, Vollwaise aus Zella (1840-1928), aus einer Büchsenmacherfamilie stammend, bringt es zum freiberuflichen Ingenieur, der 1873 mit 33 Jahren in die Röhrenstadt Düsseldorf zieht. Ein Auftrag des Kriegsministeriums, Mantelgeschosse herzustellen, wird vom Hörder Hüttenverein an Ehrhardt weiter gegeben, der hierfür eine neue Firma gründet.

1889 Gründung von Rheinmetall

Mit 300 Arbeitern und 1100 Arbeiterinnen erledigt er den Auftrag in angemieteten Räumen zwischen der Reichsgasse und Talstraße. Gleichzeitig kauft er der Witwe Scheuten einen Acker in Derendorf ab, der dann die Hauptproduktionsstätte werden soll.

1891 gründet er in Rath ein Hammerwerk und 1899 in Reisholz ein Press- und Walzwerk. Vor seinem Konkurrenten Mannesmann hat er die Nase im Wind, denn er kennt sich besser aus in Düsseldorf. 1889 erwirbt er ein Filetstück an der Eisenbahn und 1899 das beste Stück zwischen zwei Bahnen: die IDR Reisholz.

Derendorf Ulmenstraße war billiges Land im Umkreis des tabuisierten Galgengebiets am Spichernplatz. Der "Weg zur Richtstätte" an der Collenbachstraße trifft in einer Gabelung den anderen Feldweg Ulmenstraße (s. Wolfgang Funken 2022, buchtipp-duesseldorfs-galgenplaetze)

Hier stand der Galgen

Auf dieses Tabuland wurde 1893 die Arrestanstalt Ulmer Höh und 1896 der Schlachthof gelegt. Das Militär bekam Scheibenbahnen und später Kasernen (Tannenstraße). Ehrhardt war 1889 der erste Unternehmer in dieser berüchtigten Zone.

Rheinmetall besaß jetzt ein riesiges Gebiet zwischen Eisenbahn, Ulmenstr, Großmarkt und Arrest, einschließlich nördliche Seite der Erhardtstraße, wo der israelitische Friedhof respektiert wurde.
Die Ruhrtalbahn (1866) und die Rheinische Eisenbahn (1874) hatten mit ihren Bahnhöfen den Ort Oberrath wichtig gemacht. Ehrhardt ist hier seit 1891. Die IDR liegt zwischen Cölln-Mindener und Rheinischer Bahn, plus Rheinschiffahrt, plus wichtige Kölner Straße. Besser geht es nicht.

1896 kommt das erste Schnellfeuergeschütz auf den Weltmarkt, hergestellt von Rheinmetall; auch Franzosen und Engländer kaufen dort ein. Das Deutsche Kaiserreich hielt zunächst zu Krupp. Doch bereits 1914 ist Rheinmetall der größte Rüstungshersteller in Deutschland.

Im Krieg schießt Rheinmetall auf Rheinmetall

Die Zahl der Beschäftigten steigt schließlich auf 48 000, weit mehr als alle anderen Düsseldorfer Unternehmen zusammen, die im Schnitt nur ca. 1500 Beschäftigte aufweisen. Auch Mannesmann kommt nur auf 3300.

Der Arzt Paul Boskamp, der eigentlich Leben retten sollte, besingt 1916 das schändliche Geschehen mit den Worten: "Das Werk der Wunder mich umfasste, ich hört ein tausend tönig Lied.
Ich war in Düsseldorf zu Gaste, beim großen deutschen Waffenschmied."

In der NS-Zeit wächst das Unternehmen mit Borsig Lokomotiven zur "Rheinmetall – Borsig AG“, schließlich im Krieg ganz auf Rüstung ausgerichtet mit den "Reichswerken Herrmann Göring" bis auf 80.000 Beschäftigte. Ein Großteil, fast die Hälfte, waren "Zwangsarbeiter", die unter erbärmlichen Bedingungen in Lagern an der Ratherstraße interniert waren.

Nach dem Krieg wurde die Waffenproduktion zunächst gestoppt, also Autobau, aber bald wieder Rüstung und "Wehrtechnik".
- 1956 erstes Produkt: das MG 42
- 1990 größtes Testzentrum Europas in der Außenstelle Unterlüß (Lüneburger Heide)
- Rheinmetall ist heute ein Technologiekonzern mit 25 000 Mitarbeitern an 132 Standorten.

Jede Zeit ist nur aus der eigenen Zeit zu verstehen, sagt man.
Deutschland als traditionelles „Kriegsland“ hat sich nach der letzten Katastrophe geschworen:

„Nie wieder Krieg!“

Jetzt tut man sich schwer mit der "Zeitenwende".

2004 spielten wir Theater im Knast auf der Ulmer Höh. Auf dem Spielplan stand „Die Karawane" unter der Leitung von Rudi Rölleke. Schlimme Erinnerungen wurden wach: Welches Leid hatte dieses Haus gesehen. Es war ja die Nachfolgestätte der Düsseldorfer Richtplätze (Kreuzberg, Golzheim, Flingern, Derendorf, Altstadt) 1936 wurde hier zuletzt hingerichtet.

Aber bei aller Beklemmung gab es auch ein befreiendes Lachen. Ein Mitspieler hatte pathetisch mit ausgebreiteten Armen den Jandl-Text gesprochen:

"Die Sonne scheint"

Prompt kam vom Zuschauerraum die Frage: "Wo denn, es regnet doch?"


Autor: Dieter Jaeger  /  Redaktion: Bruno Reble  /  © Geschichtswerkstatt Düsseldorf 2022

Anmerkung aus der Redaktion: "Im Krieg schießt Rheinmetall auf Rheinmetall". Das heißt konkret,
mit Waffen von Rheinmetall zerschießen sich die Soldaten auf beiden Seiten der Front die Knochen, während gleichzeitig in der Konzernzentrale die Gewinne explodieren und die Sektkorken knallen.

Dienstag, 22. Februar 2022

Himmelgeist: Deichen oder Weichen?

 Deichbau in Düsseldorf

Die Bienen wären gerettet, aber es geht um mehr: die Himmelgeister und Itterer fürchten die Bau-Gelüste in ihrem Naturschutzgebiet : keine Bebauung auf der Jücht !!

Das Deichland in Himmelgeist und Itter ist unser größtes Naturgebiet am Rhein. Nirgendwo sonst kann man Kilometer lange Deichtouren machen.

Der Deich allerdings ist hier alt und marode (zum Teil nach 1945 mit Kriegsschutt gebaut). Die Stadt will ihn einfach ausbessern. Die Einwohner wollen einen neuen Deich, weiter im Hinterland. Dafür haben sie eine Petition eingereicht.

Die Luftlinie Hellerhof- Wittlaer ist nur 22km lang. Das Rheinufer dagegen zieht sich über 40 km dahin, vom Km-Stein 721 Urdenbach bis 759 Wittlaer. Gezählt wird ab Konstanz Rheinbrücke.

Was ist das für ein Fluss, unser Rhein ?

6 Milliarden Jahre, so alt ist unser Planet. Davon lassen sich geologische Spuren ca. 500 Millionen Jahre zurück verfolgen.

Von diesen 500 Mill sind für uns die letzten 65 interessant: die Geologen nennen sie Tertiär, also die dritte Zeit. Interessant, weil hier nach der großen Dinosaurier-Katastrophe die Säugetiere ihre höchste Zeit haben. Die Alpen entstehen als letzte große Gebirgsbildung und die Niederrheinische Bucht als Senke, die der Urrhein nutzt und nie mehr verlässt.
Geologische Details s. https://de.wikipedia.org/wiki/Rhein#Geographie

Das Quartär (die vierte Zeit) vor ca. 2,5 Mio. Jahren wird schließlich den Menschen hervorbringen. Das meiste davon ist Eiszeit (Pleistozän), der Rest seit 12000 Jahren (Holozän) ist das Jetzt.

Flüsse muss man, wie Küsten, eindeichen. Deiche in Düsseldorf können wir bis ins Mittelalter verfolgen (Kaiserswerth oder Hamm). Spannend sind immer die ältesten Verläufe und was aus ihnen geworden ist. Zunächst denkt jeder an den eigenen Schutz, und so werden zB.im 18.Jht. Deiche in Heerdt zerstört, weil sie die volle Wasserkraft auf Düsseldorf lenkten. Die völlige Eindeichung gelingt erst zu Anfang des 20. Jhts.

Einige gut bekannte Deich Beispiele

a. Hammer Flügeldeich

Er bildete vom Hammer Deichtor am Ende der Fährstraße gesehen zwei Flügel nach Nord und nach Süd.

Der Nordflügel ist der noch heute bestehende Weg "Am Sandacker", der in Richtung Lausward zunächst nur Haus Hamm schützte, dann aber die gesamte Lausinsel umgibt und 1895 mit dem schon1866 gebauten "Parallelwerk" verbunden wird. Dieser Nordflügel mit dem Parallelwerk wird dann die Rheingrenze des Hafens werden.

Der Südflügel zielt von der Fährstraße durch einen heute noch vorhandenen Weg zur Straße "Auf der Böck" und verbindet sich am Aderhof (heute Tunnel Brücken Auffahrt) mit dem Aderdamm, der bis ins 14. Jht. zurückgeht. Der heutige Aderdamm schützte die Urhöfe von Hamm (Holter, Borres: existiert noch) und verband sich, ergänzt durch das natürliche Zwischenstück: "Schwarze Berge" mit dem Stoffeler Damm. Dieser zerstörte das Dorf Stoffeln. Er geht als Hauptstraße heute durch die Städtischen Krankenanstalten und endete damals an der Scheidlingsmühle.

Durch Rückstau werden auch die Bachläufe (Brückerbach) in diesem Tiefgebiet zur Gefahr. Auch sie werden eingedeicht. Wersten West bietet so den Anblick einer Nordseesiedlung.

b. Heerdter Deichschau

Der Heerdter Deichbruch ließ die Hälfte unserer linksrheinischen "Halbinsel" versanden. Ober- und Niederkassel entstanden mit ihrem Deich, respektvoll 600 m vom Rhein entfernt. Ein genialer Trick ließ 1896 das heutige Ober- und Niederkassel entstehen. Der Deich wurde bis zum Fluss vorgezogen. Siedelland wurde gewonnen. Das Gleithangufer von Oberkassel wurde abgegraben und mit dem Material wurde die 30 m Verschiebung der Düsseldorfer Rheinuferstraße gebaut. Der Rhein konnte sich in einem sehr viel tieferen Bett austoben.

"Vossen links und rechts" waren damals die rettenden Lokale hinter dem Deich. Die Eisenbahn, die bis zum Ufer vorgedrungen war, stand oft im Hochwasser: ein abenteuerlicher Bereich mit entsprechenden Kneipen, der zur Attraktion junger bierseliger Leute wurde (fast ohne Aufsicht), denn die Polizei von Heerdt lag weit weg.

c. die Altstadt

Sie brauchte keinen Deich. Unsere Vorfahren wählten einen hohen Sporn der älteren Niederterrasse, der bis zum Fluss reichte. Auf Bildern sieht man Düsseldorf wie eine Festung hoch oben über dem Rhein. Die "Altestadt- Ratingerstraße" ist mit 40m über Normal die höchste Straße der Stadt in alter Zeit. Noch heute gehen wir auf der Neubrückstraße den Berg hinauf.

d. Himmelgeister Rheinbogen

Eine kleine Wanderung: Wir folgen "Am Broichgraben" dem verschwundenen Itterlauf, vorbei an der uralten Hubertuskirche = Ursprung des Ortes Itter,in die Ackerflächen hinein bis zum "Kölner Weg". Links an der verlorenen Itter liegt "Schloss Meierhof" gebaut auf den Resten des 1836 abgebrannten Hofes Mickeln (seit1210 beurkundet). Herzog Arenberg hatte Mickeln ein Jahr zuvor gekauft und nach dem Brand an anderer Stelle 1839 als neues "Schloss Mickeln" bauen lassen. Für dieses neue Schloss Mickeln entwirft Weyhe den Park Mickeln mit den berühmten Libanonzedern. Wir gehen den Kölner Weg, immer rechts vom maroden Deich begleitet, 2 Km bis zum Rhein, dann rechts am Fluss entlang bis Himmelgeist zurück.

An der Mündung vom alten Itterbach steht St. Nikolaus, eine unserer ältesten Kirchen (904 urkundlich erwähnt).

Nikolaus von Myra (geboren um 350 n.Chr. im türkischen Antalia) ist der Schokoladen Nikolaus unserer Kinder und der Patron der Seefahrer. Die Hanse bringt ihn entlang der Küste nach Osten (Nicolai Berlin, überall Nicolai-Kirchen). Auch der Autor wurde in Ostpreußen mit dem Weichselwasser einer Nikolai Kirche getauft.

Bei einem starken Hochwasser in den 90iger Jahren sahen wir von Uedesheim über den Rhein hinüber nach Himmelgeist. "Ja, das ist es", dachten wir. So muss Düsseldorf 1288 ausgesehen haben: ein Kirchturm, einige Häuser. "Der Rhein war jetzt ein riesiges Meer. Die Deiche hatten nicht gehalten, nur der Kirchturm ragte hervor: Nikolaus, Schutzherr der Seefahrer, auch hier am Rhein.

Die Mäander verlagerten sich früher jedes Jahr um 5 m nordwärts. Bei Hochwasser-Katastrophen wurden Dörfer, wie Niel oder Steinen, einfach fortgerissen.

Das gräuliche Eishochwasser im Februar 1784

Vom stärksten Hochwasser am Rhein seit Menschengedenken gibt es Berichte, die der fleißige Appellationsrat Th.Lenzen um 1800 gesammelt hat.

"Gegen 5 Uhr morgens weckte uns das Lärmen der Nachbarn ... in einer Stunde war das Wasser so hoch, dass wir uns nur über ein eilends gefertigtes Gestell im zweiten Stock in einem uns zugeführten Nachen retten konnten. Der Rhein hatte die Dämme bei Himmelgeist überstiegen … der Strom fiel wütend auf die Zitadelle und die neue Halle bei unserm Haus (Ecke Schulstraße). Mit Not erreichten wir die Ecke der Bergerstraße".

Nach einer Not Nacht im fremden Haus suchen sie die zerstörte Halle auf.

"Kaum erreichten wir den vor der Franziskanerkirche herlaufenden Strom, als wir von demselben in den offenen Rhein zugetrieben wurden ... an einem über dem Düsselbach gebauten Hause lief die Spitze unseres Kahns ins Seitenfenster des ersten Stockes ein ... Guter Gott, welchen Jammer sahen wir jetzt: ein in der Eismasse verwickeltes Schiff, an dessen Bord die Schiffer knieend um Hilfe schrien, hier eine Hütte, dort ein Stall, Leichen, totes Vieh, Hausgeräte, Stroh, Früchte, Holz..."

Der nasse Tod

In Theodor Storms "Schimmelreiter" reitet der Deichgraf Hauke Haien in den Tod. Der Ton mutet uns heute pathetisch an. Er zeigt die Ohnmacht des Menschen, die Gleichgültigkeit der Natur. Wir haben es erlebt, noch vor kurzer Zeit.

"Aber Sturm und Meer waren nicht barmherzig, ihr Toben verwehte seine Worte, nur seinen Mantel hatte der Sturm erfasst, es hätte ihn bald vom Pferd gerissen. Das Fuhrwerk flog ohne Aufenthalt der Stürzenden Flut entgegen. Da sah er, dass das Weib, wie gegen ihn hinauf, die Arme streckte. Hatte sie ihn erkannt? Hatte die Sehnsucht, die Todesangst um ihn sie aus dem sicheren Haus getrieben und jetzt rief sie ein letztes Wort ihm zu?

"Elke", schrie Hauke in den Sturm hinaus. Da sank aufs neu ein großes Stück des Deiches vor ihm in die Tiefe. Noch einmal sah er den Kopf des Pferdes, die Räder des Gefährts aus dem wüsten Greuel emportauchen.

"Das Ende", sprach er leise vor sich hin. Dann ritt er an den Abgrund. Er richtete sich hoch auf und stieß dem Schimmel die Sporen in die Weichen. "Vorwärts", rief er noch einmal, wie er es so oft zum festen Ritt gerufen hatte.

"Herr Gott, nimm mich, verschon die anderen!"


Autor: Dieter Jaeger | Redaktion: Bruno Reble | © 2022 www.geschichtswerkstatt-duesseldorf.de

Freitag, 28. Januar 2022

Hafen Rundgang 2022 mit Dieter Jaeger

Zuletzt hatte ich die Tour 2013 gemacht. Jetzt nach fast Jahren wollte ich sehen, wer geblieben ist nach Corona. Dabei muss die Zahl der Köche ein wenig reduziert werden. "Ich liebe Euch und Eure Kunst, aber es gibt zurzeit sehr, sehr viele von Euch, und sie sind überall.“ Die Köche sind die Meister unserer Zeit, sie erklären uns die Welt. Ihnen nahe kommen nur noch die "VIP Experten" und die "Influencer".

Verschwunden aus der Gastronomie sind: Portone,China Royal,Savini, Trockendock,Porters,Strom, Amanti, Amano, Minol, Shabby Chic, Gehrys, Il Molo, Patrick,Room, Bug,Pebbles, Kantinery, Havanna, Harpune, MK3,3001,Mojito, Tucan, Hafenbar, Breuers, Op de Eck.

Erster Eindruck: der Hafen ist ärmer, reduzierter geworden. Der Zauber des Anfangs ist dahin. Es gibt drei Hotspots: Gehry, Eigelstein, Kino. Wobei das Kino nicht fürs Essen taugt.
Vor allem (auch geschichtlich) zwei interessante Ecken: Gehry und Eigelstein.

A. Gehry

Der Zollhof stand hier, damals 1896 ein Hauptgrund, den Hafen zu bauen. Der alte Zollhof im Sicherheitshafen und die Distanz zum Urhafen Schulstraße, dazu die allgemeine Enge, die Unsicherheit am offenen Fluss, all dies forderte einen Neuanfang.

Der Zollhof war lange Zeit das einzige Gebäude im Hafen. In der Ruine Zollhof / Stromstr feierten wir 1985 Modeschauen und Popkonzerte. Die Brückenstraße hieß "Dorfstraße" und wies auf das Dorf Hamm hin, 1871 dann "Brückenstraße", weil sie zur Eisenbahnbrücke führte. Die Eisenbahn fuhr ziemlich gerade vom Bergisch-Märkischen Bahnhof GAP zur Brücke, direkt am Ufer vorbei. Aus den Gleisen wird 1896 die enge Zollhofstraße, die Eisenbahn fuhr jetzt über Bilk zur Brücke.

Der Rhein war hier sehr breit. Um die Wasserkraft der Prallhangkurve zu brechen, hatte man hier schon 1864  ("Rheinregulierung") zwei lange Buhnen angelegt, die zu einer Art Mauer im Fluss führten: dem "Parallelwerk". Dieses Parallelwerk wird man 1896 mit dem Hammer "Flügeldeich" verbinden, genau sind es zwei Flügel vom Deichtor Fährstraße aus gesehen. Es wird dann die Rheingrenze des Hafens von 1896.

Der Zollhof stand am Eingang des Hafens. Den Eingang hatte man hier gewählt, weil ein alter Eingang bestand: der Rheinarm der Carl Theodor Insel. Etwas weiter südlich stand am Rheinarm die wichtige Treidelstation "Schneidtmühl".

Die Brückenstraße ist heute eine Sackgasse. Ihre Hinterhöfe wurden die aufgeputzten Vorgärten der Stromstraße. Perverser weise hat man die Brückenhäuser zu Stromhäusern gemacht, die alten Eingänge Brückenstraße wurden zugemauert. Noch heute gibt es drei Häuser ohne Eingangstür.

Die Lippestraße hatte ein Eisenbahngleis zur Kammgarn-Spinnerei Bockmöhl. In den Ruinen der Fabrik erfreute uns 1985 der "Circus der Sieben Sinne": Nase, Mund, Ohr und noch andere Sinne wurden traktiert. Am schönsten der Tastsinn: unsere Arme und Hände in dunkle Höhlen und wir wussten nicht, was wir berührten: kalte Frösche oder zarte Frauenbrüste.

Das "China Royal" in der Brückenstraße heißt jetzt "Kirti´s", ein hoch gelobter Inder. Von den vielen Namen am Ende der Brückenstraße: Frickhöfer, Savini, Sampi, Miles smiles, Strom hat nur SATTGRÜN überlebt. Im Komplex, Gehry gegenüber "Curry": Robert Hüllsmanns Schnapsidee, nur Pommes, allerdings mit 20 "dressings", anzubieten. "Chidonkey": ein mexikanischer Imbiss. "Zollhof": der geschichtsträchtige Name steht auch für das beste Essen an dieser Ecke. Sagenhafter Kaffee nach wie vor und der wunderschöne Wintergarten.

Im Gehry links, ein Ziegelbau, der den alten Zollhof nachahmt: immer noch die "Meerbar", im weißen Gehry rechts, der eine Verbeugung vor Pfaus Schauspielhaus macht: jetzt "La Rocca".
Die Architekten simulierten Schiffe mit ihren Bauten: Parade´s "WDR Haus" (schon 1991), mit dem Bug gegen den Strom, wie es sich gehört, Dörings" Kaicenter" mit dem Heck gegen den Strom, dafür sieht der gläserne Bug prächtig aus. Im grünen Haus zwischen Kai- und Zollhofstraße residierte "Patrick", der Heilige von der grünen Insel, damals die Krone der Fischgastronomie. Heute: wieder Fisch, statt französisch, jetzt italienisch: "Da Cla", "Bei Clara".

Beim Straßenknick der Hammerstr fängt die Hammer Gemarkung an, der Name, der Düsseldorf berühmt machte: "Robert" (ausgesprochen <robäär>). Der Nachfolger Klaus Meister nennt das jetzt "Hafenmeisterei". Den maschinengedruckten kleinen Speisezettel suchen wir vergebens. Aber die meisten alten Köstlichkeiten sind erhalten.

B. Eigelstein

Nicht, weil hier die Leute das falsche Bier trinken (man hat mich hier wegen der Bemerkung fast verprügelt), sondern, weil hier die Verbrecherbude "Schneidmühl" stand. Sie war groß und ging, langgestreckt mit ihren Gärten von der Neckarstraße über den Eigelstein bis zur Spitze der Speditionsstraße. Die Carl Theodor Insel hatte hier die entscheidende Treidelstation hervorgebracht.

Im Norden Düsseldorfs ging man von rechts nach links, etwa bei der "Annebel" (Golzheim), im Süden ging man von links nach rechts bei der Schneidtmühl. Immer von Gleithang zu Gleithang, denn nur hier, bei geringer Strömung, war Treideln möglich. Die Station wird zur Sägemühle, gehört bald den Jesuiten und geht mit ihnen Ende 18.Jht. zugrunde.

Rechts sehen wir die Titanic, wie sie untergeht, ein Bau des Claude Vasconi (Grand Bateau), der schon die Hallen von Paris mit seinem "Forum des Halles" zugrunde gerichtet hatte. Wir kommen vom Erftplatz mit dem neuen Op de Eck "Hans im Glück". In der Ferne noch "La Donna Canone": ein Urtier.  Neben dem Eigelstein, in der verlorenen Kranstr: "Mongo", "auf Steinen gebraten", die Glashalle ist die Fortsetzung der Pink Petzinka nach ihrem Coup "Stadttor" 1998. "Böser Chinese", wo "Bug" war.  "Riva", vorher "Gatz" und "Room".

Der Ueckerplatz kann tolle Geschichten von einem Kunstwerk erzählen, am besten die mit den lockeren Kieselsteinen. Führte leider zu kaputten Schuhen bei der Damenwelt. Wurde daher von der Stadtverwaltung platt asphaltiert und musste aber nach heftigen Protesten des Künstlers wieder in den Urzustand zurück versetzt werden.

Die Schneidtmühl markiert die Stelle, wo 2005 die "Living Bridge" Zoll- und Handelshafen trennte. Man träumte von einem "Ponte Vecchio Florenz", einer lebenden, mit Häusern besetzten, Brücke. Ein Haus steht da: "Lido" für Verliebte. Am Rand: "Berens am Kai" hatte in der "Annebell"(an der Bell) einen Stern erkocht. Jetzt will er was anderes machen. Der windige Ingenhofen macht dauernd was anderes. Er will die Brücke bis zur Weizenmühle verlängern: "Pier One".

Die Speditionsstraße hat endlich ihre zwei "Königskinder". 1993 hatte Holger Rübsamen einen Wettbewerb gewonnen. Er betonte mit einer Häuserwand auf der Westseite der Halbinsel: bis hierher und nicht weiter. Petzinka plante Einzelbauten mit begehrlichem Blick zur Kesselstraße: es wird weitergehen. Wegen der Emissionsgesetze war hier Wohnen verboten. Das Hotel Marriott mit Restaurant "Julian" hatte sich eingeschlichen.

Hyatt kam viel später und nahm sich das Filet Stück: die Inselspitze. Das hatte auch der Kunstmakler Helge Achenbach gesehen und 2003 hier "Monkey Island" gegründet. "Doxx" im silbernen Alien Look erinnert ein bisschen wehmütig an silberne einmalige Zeiten. Im "Vieuw" <vijö> in der 16. Etage hat man die schönste Sicht über den Hafen.

Der Haupteingang zum Hafen hat Kino, Türme und Architektur, ist aber etwas monoton, essen kann man hier kaum. Hier lag das Hafenamt und die Siemens Zentrale (1896 erster deutscher elektrisch bedienter Hafen) Die Fachwerk-Fassade ist noch da.
Der Riesenplatz ist nun mit den fließenden Glashäusern (Float) von Renzo Piano zugebaut.

Wo wollen wir enden?

Im italienischen "Bocconcino" lässt sich schön träumen von den Jazzfesten hier zwischen den Aquarien im damaligen Maassen Haus.Im UCI "Bogarts" vielleicht? Ich wollte immer Humphry Bogart sein, kaufte mir einen Trenchcoat, steckte mir Zigaretten schief in den Mund, setzte den Hut auf und wartete auf Ingrid Bergmann "Schau mir in die Augen Kleines".

Oder lieber ganz weit weg, am Golfplatz: "Ratatouille" am Ende der Welt. Das habe ich, der Nicht Koch, mal gekocht, mit einer Französisch Klasse im Helene Lange Gymnasium. Weil es so unglaublich französisch klingt.

Und den weißen Bällen schauen wir zu, wie sie in den blauen Himmel fliegen.


Autor: Dieter Jaeger | Redaktion: Bruno Reble | © 2022 www.geschichtswerkstatt-duesseldorf.de


Dienstag, 4. Januar 2022

Arkadien in Düsseldorf

 Gibt es das? Ja, so meinen 6 Künstlerinnen und 4 Künstler und bereichern unseren „locus amoenus“, unseren "lieblichen Ort" Nummer eins, mit der Ausstellung "ARCADIA". Eine Göttin, schaumgeboren wie die berühmte Venus bei Botticelli (oder unsere hier am Teich), wird nackt getragen in einer Badewanne, statt einer Muschel. Dann taucht sie in die Düssel, um Bilder vom "Kussmund" zu fangen, die im Wasser vergehen, wie der Schaum. Nackte Frauenleiber bilden eine Blume oder ein Tiefsee-Ungeheuer, Venusmuscheln auf dem Torso der einstigen Venusfigur sind kleine Wasserfälle, der erotisch vorbelastete Haselnussbaum hält die Nymphe gefangen, fehlt nur noch der Schäfer.

Denn zu Arkadien gehört immer ein Bach, ein Garten, eine Wiese, ein Baum… und ein Schäfer. Auch die Erotik mit dem "Schäferstündchen" gehört immer dazu. Arkadien war das ferne Hirtenland inmitten des Peloponnes, eine Art Paradies. Dieses Wort für Garten haben die Perser geprägt.

Wo findet man das Paradies?

Beginnen wir die Suche in unserem schönsten, dem Malkastenpark.

Wenn man um 1700 von Norden auf der damals einzigen Duisburg-Kölner Straße nach Düsseldorf reiste, sah man über der Furt in Pempelfort das gewaltige, fast 100m lange, nach Norden verzierte Gebäude des Marstalls von Jan Wellem. Der Fürst bewahrte hier sein Jagdzeug.

Etwas weiter wohnte sein Jagdaufseher. Später heißt dessen Haus Schloss Jägerhof. Der Haupthof Pempelhof trug früher den Namen Tempelhof. Nach der Vernichtung des Templerordens 1312 wurde er umbenannt (vermutlich von Hermann Lohausen). Der Marstall wies den Weg zum völlig versteckten, 3km entfernten, Düsseldorf.

Auch die Düssel, die hier widersinniger weise rheinaufwärts floss, wurde durch den Berg "Flinger Geisten" zurechtgewiesen und strebte nun westwärts dem Rhein zu.

Durch diesen merkwürdigen Düssellauf gab es später gleich hinter der Stadtmauer im Osten ideale Gartenanlagen. Das höhere Bürgertum nutzte sie als Sommerresidenzen, als "Lustörter". Aber auch die Vorindustrie nutzte hier das Düsselwasser und die Nähe zur Stadt. So saßen anfangs Industrie und Luststätten noch einträchtig beisammen.

Drei wichtige Namen der industriellen Frühgeschichte Düsseldorfs sind mit dem Gelände am Flinger Geistenberg verbunden: Kirschbaum, Jacobi, Brügelmann.

  1. 1710 kommt der Solinger Protestant Heinrich Kirschbaum in die Residenz Jan Wellems. 1740 gründet er in Pempelfort am Flinger Berg eine Tuchfabrik mit Garten und Orangerie. Der Abenteurer, Bankier, Kaufmann, Bergwerg-Besitzer und "erste Großindustrielle" heiratet die Stieftochter des protestantischen Hoflieferanten Kommerzienrat Georg Christian Fahlmer. 1753 installiert er die allererste Dampfmaschine von Jan Wasseige im Bleiwerk Lintorf. Doch von allem macht er allzuviel. Es folgt Bankrott und herber Sturz vom Rittersitz "Düsselstein" an der Wallstraße ins Gefängnis am "Berger Tor". Er verschwindet spurlos.
  2. Der Göttinger Pfarrerssohn Johann Konrad Jacobi heiratet ebenfalls in die Fahlmer Familie, aber diesmal die Erbin Marie Fahlmer und übernimmt 1765 sehr schnell die Kirschbaum Anfänge in Pempelfort mit einer Zuckerraffinerie. Die Anlage, wie wir sie heute noch in Grundzügen haben, ist sein Werk.
  3. Johann Gottfried Brügelmann, ebenfalls Protestant, gründet bei Ratingen die "erste Fabrik auf dem Kontinent" und nennt sie CROMFORT. 1790 kauft er das Jacobi Anwesen und startet hier eine Türkisch-Rot Färberei.

Von den dreien hat Jacobi dieses Terrain am meisten geprägt. Sein Sohn Friedrich Heinrich, der Philosoph, machte Pempelfort ab 1779 zu einem "kleinen Weimar". Europäische Geistesgrößen waren hier zu Gast (Humboldt, Herder, Diderot, d‘Alembert, Forster, Iffland). Goethe trug in einem goldenen Schmuckdöschen Jacobis Zucker bei sich.

In den Wirren der Franzosenzeit kommen neue Besitzer in den Jacobi Garten. Am Düsselweg (heute Dumontstraße) sitzen der Bleiweißhersteller Deus (ein Pionier mit der ersten Düsseldorfer Dampfmaschine 1836), weiterhin eine Textilfabrik auf der "Düsselburg" und der Direktor der Gaswerke Julius Brewer.

Als dieser 1855 mit Mutungen den gesamten Jacobibesitz angreift, zieht OB Hammers die Notbremse. Dank einer großen Bilderlotterie (Rettet den Jacobigarten) kaufen die Maler Haus und Garten für ihren 1848 gegründeten Verein "Malkasten" und für die Erhaltung der Jacobi Geschichte.

Die Maler, berühmt für ihre Feste und Ausflüge, setzen diese Tradition im Malkasten fort. Am bekanntesten wird das Kaiserfest 1877. Wilhelm I und Gemahlin Auguste bestaunen das Geschehen am Venusteich: Nymphen, Najaden, Nixen und genau wie heute: Arkadien.

Die Venus unter Beschuss

Hanns Heinz Ewers hat es mit der Venus: "Mit Armbrust, Blasrohr, Schleuder schossen wir auf der Liebe Göttin und mit besonderer Begeisterung auf ihr artiges Hinterteil" (1925)
und Johann Georg Jacobi besingt die Düssel:

Bei der stillen Mondeshelle
treiben wir mit frohem Sinn
auf dem Bächlein ohne Welle
hin und her  und her  und hin.

Treues Lieben und Gefallen
sei mit reiner Lust gepaart,
und, wie dieses Schiffleins Wallen,
ruhig einst  die letzte Fahrt.
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Autor: Dieter Jaeger | Redaktion: Bruno Reble | © www.geschichtswerkstatt-duesseldorf.de