Dienstag, 4. Januar 2022

Arkadien in Düsseldorf

 Gibt es das? Ja, so meinen 6 Künstlerinnen und 4 Künstler und bereichern unseren „locus amoenus“, unseren "lieblichen Ort" Nummer eins, mit der Ausstellung "ARCADIA". Eine Göttin, schaumgeboren wie die berühmte Venus bei Botticelli (oder unsere hier am Teich), wird nackt getragen in einer Badewanne, statt einer Muschel. Dann taucht sie in die Düssel, um Bilder vom "Kussmund" zu fangen, die im Wasser vergehen, wie der Schaum. Nackte Frauenleiber bilden eine Blume oder ein Tiefsee-Ungeheuer, Venusmuscheln auf dem Torso der einstigen Venusfigur sind kleine Wasserfälle, der erotisch vorbelastete Haselnussbaum hält die Nymphe gefangen, fehlt nur noch der Schäfer.

Denn zu Arkadien gehört immer ein Bach, ein Garten, eine Wiese, ein Baum… und ein Schäfer. Auch die Erotik mit dem "Schäferstündchen" gehört immer dazu. Arkadien war das ferne Hirtenland inmitten des Peloponnes, eine Art Paradies. Dieses Wort für Garten haben die Perser geprägt.

Wo findet man das Paradies?

Beginnen wir die Suche in unserem schönsten, dem Malkastenpark.

Wenn man um 1700 von Norden auf der damals einzigen Duisburg-Kölner Straße nach Düsseldorf reiste, sah man über der Furt in Pempelfort das gewaltige, fast 100m lange, nach Norden verzierte Gebäude des Marstalls von Jan Wellem. Der Fürst bewahrte hier sein Jagdzeug.

Etwas weiter wohnte sein Jagdaufseher. Später heißt dessen Haus Schloss Jägerhof. Der Haupthof Pempelhof trug früher den Namen Tempelhof. Nach der Vernichtung des Templerordens 1312 wurde er umbenannt (vermutlich von Hermann Lohausen). Der Marstall wies den Weg zum völlig versteckten, 3km entfernten, Düsseldorf.

Auch die Düssel, die hier widersinniger weise rheinaufwärts floss, wurde durch den Berg "Flinger Geisten" zurechtgewiesen und strebte nun westwärts dem Rhein zu.

Durch diesen merkwürdigen Düssellauf gab es später gleich hinter der Stadtmauer im Osten ideale Gartenanlagen. Das höhere Bürgertum nutzte sie als Sommerresidenzen, als "Lustörter". Aber auch die Vorindustrie nutzte hier das Düsselwasser und die Nähe zur Stadt. So saßen anfangs Industrie und Luststätten noch einträchtig beisammen.

Drei wichtige Namen der industriellen Frühgeschichte Düsseldorfs sind mit dem Gelände am Flinger Geistenberg verbunden: Kirschbaum, Jacobi, Brügelmann.

  1. 1710 kommt der Solinger Protestant Heinrich Kirschbaum in die Residenz Jan Wellems. 1740 gründet er in Pempelfort am Flinger Berg eine Tuchfabrik mit Garten und Orangerie. Der Abenteurer, Bankier, Kaufmann, Bergwerg-Besitzer und "erste Großindustrielle" heiratet die Stieftochter des protestantischen Hoflieferanten Kommerzienrat Georg Christian Fahlmer. 1753 installiert er die allererste Dampfmaschine von Jan Wasseige im Bleiwerk Lintorf. Doch von allem macht er allzuviel. Es folgt Bankrott und herber Sturz vom Rittersitz "Düsselstein" an der Wallstraße ins Gefängnis am "Berger Tor". Er verschwindet spurlos.
  2. Der Göttinger Pfarrerssohn Johann Konrad Jacobi heiratet ebenfalls in die Fahlmer Familie, aber diesmal die Erbin Marie Fahlmer und übernimmt 1765 sehr schnell die Kirschbaum Anfänge in Pempelfort mit einer Zuckerraffinerie. Die Anlage, wie wir sie heute noch in Grundzügen haben, ist sein Werk.
  3. Johann Gottfried Brügelmann, ebenfalls Protestant, gründet bei Ratingen die "erste Fabrik auf dem Kontinent" und nennt sie CROMFORT. 1790 kauft er das Jacobi Anwesen und startet hier eine Türkisch-Rot Färberei.

Von den dreien hat Jacobi dieses Terrain am meisten geprägt. Sein Sohn Friedrich Heinrich, der Philosoph, machte Pempelfort ab 1779 zu einem "kleinen Weimar". Europäische Geistesgrößen waren hier zu Gast (Humboldt, Herder, Diderot, d‘Alembert, Forster, Iffland). Goethe trug in einem goldenen Schmuckdöschen Jacobis Zucker bei sich.

In den Wirren der Franzosenzeit kommen neue Besitzer in den Jacobi Garten. Am Düsselweg (heute Dumontstraße) sitzen der Bleiweißhersteller Deus (ein Pionier mit der ersten Düsseldorfer Dampfmaschine 1836), weiterhin eine Textilfabrik auf der "Düsselburg" und der Direktor der Gaswerke Julius Brewer.

Als dieser 1855 mit Mutungen den gesamten Jacobibesitz angreift, zieht OB Hammers die Notbremse. Dank einer großen Bilderlotterie (Rettet den Jacobigarten) kaufen die Maler Haus und Garten für ihren 1848 gegründeten Verein "Malkasten" und für die Erhaltung der Jacobi Geschichte.

Die Maler, berühmt für ihre Feste und Ausflüge, setzen diese Tradition im Malkasten fort. Am bekanntesten wird das Kaiserfest 1877. Wilhelm I und Gemahlin Auguste bestaunen das Geschehen am Venusteich: Nymphen, Najaden, Nixen und genau wie heute: Arkadien.

Die Venus unter Beschuss

Hanns Heinz Ewers hat es mit der Venus: "Mit Armbrust, Blasrohr, Schleuder schossen wir auf der Liebe Göttin und mit besonderer Begeisterung auf ihr artiges Hinterteil" (1925)
und Johann Georg Jacobi besingt die Düssel:

Bei der stillen Mondeshelle
treiben wir mit frohem Sinn
auf dem Bächlein ohne Welle
hin und her  und her  und hin.

Treues Lieben und Gefallen
sei mit reiner Lust gepaart,
und, wie dieses Schiffleins Wallen,
ruhig einst  die letzte Fahrt.
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Autor: Dieter Jaeger | Redaktion: Bruno Reble | © www.geschichtswerkstatt-duesseldorf.de