Montag, 31. Mai 2021

"Übrigens gefall ich mir prächtig hier"

Felix Mendelssohn über seine Zeit in Düsseldorf

Sein Denkmal stürzte zweimal: von den Nazis wurde es aus anti-semitischen Gründen demontiert und 1940 für Kriegszwecke eingeschmolzen. Dann 2012 eine Rekonstruktion, die aus statischen Gründen wieder abgebaut werden musste, wegen der ungesicherten Aufstellung im Sumpfboden des ehemaligen Mühlenteichs LANDSCRON. Heute wird es zum dritten Mal (gesicherter) aufgestellt.

Da schaut er nun auf die Mühlenstraße, die Urstraße Düsseldorfer Musik… de.wikipedia.org/wiki/Datei:D%C3%BCsseldorf,_Felix_Mendelssohn_Bartholdy_Denkmal_(2012)_(1).jpg

Jan Wellem nutzte das alte Komödienhaus aus Zeiten von Wilhelm dem Reichen. Dieser ließ 1585 für die Hochzeit  von Jacobe von Baden ein weiteres Theater im Freien in Pempelfort bauen, das war die gedachte Verlängerung der Mühlenstraße.

Schon die Griechen kannten Drama, Lyrik und Epik

Beim Drama unterschieden sie zwischen Tragödie für den Adel und Komödie für das Volk. Tanz, Musik und Gesang gab es bei beiden, eine Art Umzug mit Gesang. Die Komödie mit „happy end“ war populärer. Das Wort steht schließlich für Theater schlechthin. Das erste Theater in der Mühlenstraße hieß "Komödienhaus", ebenso das zweite am Markt. Theaterhäuser sind oft Komödienhäuser wie die „Comedia dell‘ arte“, die italienische Berufsschauspielkunst in Venedig und Neapel oder dieComédie Française“ in Paris, das berühmteste Theater überhaupt.

Komödie kommt von "Komos" = Singende Prozession für Dionysos, den Gott der Liebe, das lieben die Leute. Theater vor und auf der Bühne, vor der Bühne oft lustiger als das jeweilige Stück. Die Moucheurs traten in Aktion. Dies war ein alter Theaterberuf (vor Erfindung des Gaslichts); ihre Aufgabe, die Kerzen zu schnäuzen und Faxen zu machten. Die Rampensäue versuchten, dagegen zu halten. Das Licht kam von unten an die Rampe und verzerrte ihre Gesichter zu Fratzen. Das Parkett der Zuschauer musste eingezäunt werden (wie ein parc), sonst wären die Unterschiede verwischt worden.

Theater war Volksbelustigung

Erst die Oper macht es wieder salonfähig. "opera in musica" nannten die Italiener ihre "Musikwerke". Italien kehrt zu den Griechen zurück. Theater, Musik, Tanz, Tragödie und Komödie vereint, wie bei Shakespeare.

"Hofoper" nannte der Kurfürst Jan Wellem jetzt sein Haus, das alte Komödienhaus in der Mühlenstraße. Damit wird es von der Volksbelustigung abgegrenzt. Händel kauft hier seine Kastraten. „Lully“ wird für Deutschland uraufgeführt. Philipp Wilhelm, der Vater von Jan Wellem hatte für Theaterfeste den Hofgarten dazu genommen und zehn Pferde zwei Jahre lang trainiert, "damit sie artig tanzten".

Immermann nimmt das verlachte Haus am Markt und macht daraus seine "Musterbühne", der Oper ebenbürtig. Die Oper brauchte er nicht mehr, auch Felix Mendelssohn mag sie nicht. Allerdings verdankt er ihr seinen Weltruhm mit der "Ouvertüre zum Mitternachtstraum", ein Jugendstreich geschrieben als Siebzehnjähriger. Im Komödienhaus am Markt spielen beide natürlich auch 'Opern`.

Wenn die Ratinger die Straße der Kunst ist, so ist die Mühlenstraße die der Musik. 150 Jahre lang wurde hier musiziert: von 1559 bis 1720. Die Musiker Jan Wellems bilden den Grundstock der berühmten Mannheimer Schule. Das Haus (heute Säulen-Eingang zum alten Amtsgericht) wird später die Residenz.

Wegen der Düssel nennt man den Weg auch Straße des Pferde-Marstalls und des Tummelhauses (Reitschule), Militär also und Regierung, eine Sackgasse, geschützt durch eine Bastion. Der vorletzte Kurfürst Carl Theodor macht dann aus der Straße, gestützt durch die Jesuiten, eine Universitätsstraße (Theologie, Juristische Akademie, Collegium Chirurgicum).

Sie diente immer höheren Zwecken, daher kann hier keine Kneipenszene entstehen. Der Altstadtherbst 2004 ließ noch einmal im großartigen Foyer des Gerichts die alte Herrlichkeit erstehen. Im Keller, wenn man Glück hat, steht noch das Tor zur Residenz.

Felix sieht von seinem Denkmal auf eine große Tradition

Im September 1833 nimmt Schadow ihn in seine Wohnung "Goldener Helm", Flingerstr.1, nur ein Katzensprung bis zum Theater. Dort stand Jan Wellem hoch zu Ross und ein hässliches Gebäude, das man 1749 zu hohem Besuch aus dem großen Gießereihaus des Grupello gebaut hatte. Überall Jubelsprüche:

"Steh auf, steh auf, betrübtes Herz / das Seufzen und der lange Schmerz /
hat ein beglücktes End genommen / der Theodor ist angekommen"

Aber er ging gleich wieder, der Carl Theodor. Auch das Theater ging dahin. Überschwemmungen hatten es mürbe gemacht, "ein nichtswürdiges Lokal, man wusste nicht, was man unter den Füßen hatte, alter Boden oder reiner Müll, einmal bricht ein dicker Mann mit seinem Bein durch den Boden der Loge, eine Dame darunter fällt in Ohnmacht vor Schreck über den dunklen Körper, der so plötzlich über ihrem Kopf hängt..." (Immermann)

Immermann und Mendelssohn, zwei Genies, das geht nicht gut. Der 24 jährige Felix war schon ein Weltstar, der 37 jährige "Intendant" fing gerade erst an. Für die Oper brauchten sie einander.

Düsseldorf um 1830

selten sah man in einer unbedeutenden Provinzstadt so viele Stars aus Malerei, Musik und Dichtung. Personen in hohen Stellungen unterstützten das Ganze, bildeten den "Düsseldorfer Musikverein".

"Neulich kam ich nach Hause, auf dem Schreibtisch zwei Stühle, der Ofenschirm lag unter dem Klavier, im Bett lagen ein paar Stiefel, Kamm und Bürste: Bendemann und Jordan hatten mir das als Visitenkarte hinterlassen, so sieht es im Düsseldorfer Musikwesen aus"
Häuser und Zimmer lagen ebenfalls dicht nebeneinander: "meine Nachbarin, die ihr Klavier an die Wand neben der meinigen gestellt hat (…) immer dieselben Fehler macht, auch wenn ihr Lehrer die richtige Note 17mal nacheinander anschlägt"

Quelle: musikverein-duesseldorf.de/felix-mendelssohn-bartholdy-43/

Lustiges Treiben am Rhein

Mendelssohn war kein Freund von Traurigkeit und empfand seinen Aufenthalt in Düsseldorf als ungemein angenehm.
"Hier geht es jetzt lustig her, und neben jedem Mummelack am Himmel hängt eine Geige, d.h. er hängt ganz voll".
"Die Königin von Bayern habe ich gesehen, aber nicht in Galla, sondern ich saß im Kahn, und wollte nebst zwei anderen eben in den Rhein springen, da kam sie auf ihrem Dampfboot an; - da wir nun alle keine Schwimmhosen hatten (…) so sprangen wir à tempo ins Wasser (…) und besahen von da alle Zeremonien…"
"Aber heut ist Kirmeß, das heißt, ganz Düsseldorf trinkt Wein, nicht als ob‘s das nicht jeden anderen Tag auch thäte, aber es geht spazieren dabei (…) es wird getanzt (in der gräßlichen Hitze) und gejubelt und sich betrunken, und wilde Tiere gezeigt (..) und Waffeln auf offener Straße gebacken. Als neugieriger Zuschauer muss ich noch spät abends hin, jetzt aber erst mich etwas in den Rhein stürzen mit vielen Malern…"

Quelle: Felix Mendelssohn Bartholdy, Briefe aus den Jahren 1833 bis 1847, bei books.google.de

Die riesigen Chöre und Orchester (oft mehrere hundert Teilnehmer) bestanden hauptsächlich aus Laien. Militärmusiker wurden hinzugezogen. Disziplin war neu.

"Herr George stört durch auffälliges Niesen in der gestrigen Vorstellung". Herr George wehrt sich.
"Ich erlaube mir zu fragen, wem es nicht widerfahren ist, durch Schnupfen zu niesen, ob das deshalb strafbar ist?"
"Beim <Glücklich allein ist die Seele, die liebt> hab ich eine Partitur entzweigeschlagen, vor Ärger über die dummen Musici, sie prügeln sich gern im Orchester" musikverein-duesseldorf.de/felix-mendelssohn-bartholdy-33/  Schumann wird später an dieser Disziplinlosigkeit zerbrechen.

Zwei Bäcker kämpften in der ersten Zeit der Preußenherrschaft um die Backhoheit in Düsseldorf, der eine erträumt aus seinem Garten die spätere "Tonhalle", der andere (viel später) aus seinem Park das "Schauspielhaus". Der Flinger Steinweg (heute Schadowstraße, damals „janz weit draußen“) war der bevorzugte Bereich der Düsseldorfer Gartenwirtschaften.

Die Niederrheinischen Musikfeste entstehen

Das erste Fest dieser Art unter Burgmüller fand 1818 noch im Schloss statt, später dann in Beckers Garten, eine Art Bretterbude mit Zeltdach am Flinger Steinweg. 1851 singt hier Jenny Lind, die "schwedische Nachtigall". Es war August und heiß, nur mit Mühe überredet sie die Freundin Clara Schumann. Dann wurde gezaubert. Um ihr Podest, unter Blumen versteckt, ein Haufen Eisblöcke, über ihr im Zelt ein Loch mit Windfang, so dass noch der kleinste Hauch ihr Haupt umspielte.

Die großen Pfingsttage der "Niederrheinischen Musikfeste" finden hier statt, eine Idee des Organisten Schornstein aus Elberfeld, im Wechsel mit Köln, Elberfeld, später auch Aachen. 1833 dirigiert Mendelssohn so bravourös, dass er sofort als Musikdirektor engagiert wird. 1835 verlässt er vorzeitig Düsseldorf, um Chef des weltberühmten Leipziger Gewandhausorchesters zu werden. Die Musikfeste dirigiert er weiter, auch in Düsseldorf.

1863 kauft die Stadt die Bruchbude und macht daraus die spätere "Tonhalle" mit Kaiser- und Rittersaal.

Die "Musikfeste" machen Düsseldorf zum kleinen Leipzig. Bis 1957 wirken hier berühmte Leute: Schumann als Chef, Lortzing singt mit, der Komponist von Zar und Zimmermann. Mendelssohn hat Händel und Bach und eigentlich auch Shakespeare neu entdeckt. Er gründet 1842 das allererste Konservatorium. Er war der "Mozart des 19. Jahrhunderts". (Schumann)

Mendelssohn wie auch Heine wurden jüdisch geboren und später protestantisch getauft. Das war ihr "billet d´entrée" in die Gesellschaft, so hat es Heine formuliert. Der christlich preußische Name Bartholdy wurde einfach angehängt.

Dem „tumben Germanen“ Richard Wagner gefällt das nicht. Er schreibt 1850 ein erbärmliches Pamphlet: "Das Judentum und die Musik" und prägt damit bestimmte intellektuelle Kreise (bis heute).

Ich mag Wagner nicht, ich mag Mendelssohn!

Autor: Dieter Jaeger  |  Redaktion: Bruno Reble  |  © Geschichtswerkstatt Düsseldorf 2021
Weitere Infos bei de.wikipedia.org/wiki/Felix_Mendelssohn_Bartholdy

1 Kommentar:

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