Freitag, 19. Februar 2021

Vor Hutnadeln wird gewarnt!

 Vor 145 Jahren: Erste Straßenbahn in Düsseldorf

An einem Sonntag 6. Februar 1876 startete die erste Pferdebahn am Burgplatz. Es gab fünf Wagen und zwei Linien: Nr 1 über Markt-, Flinger-, Mittel-, Kasernenstraße zum damaligen Bahnhof am Graf Adolf Platz. Nr 2 über Markt-, Flingerstraße, Flinger Tor,-Elberfelder-, Schadowstraße zur Tonhalle.

Das Schloss war 1872 bis auf den Turm abgebrannt. Der Schlossturm war nun die einzige Schleife der Bahn, sonst wurden die Pferde am Ende einfach umgespannt. Der Conducteur musste allerdings die Sitzpolster wieder nach hinten bringen, denn hinten war die erste Klasse und nur dort gab es Kissen. Es gab insgesamt 12 Sitzplätze und 18 Stehplätze. Eine Teilstrecke (bis 1200 Meter) kostete zehn Pfennige in der 2. Klasse, in der 1. Klasse fünf Pfennige mehr. Für jede weitere Teilstrecke erhöhte sich der Fahrpreis um fünf Pfennige.

Leisten konnten sich das nur die besseren Kreise, denn die Zeiten waren hart. Ein Tagelöhner verdiente für 12 Stunden Knochenarbeit ca. eine Mark, ein einfacher Lehrer oder Polizeidiener kam auf ein Jahres!einkommen von knapp über 1000 Mark. Ein Ei kostete 5 Pfg, der Liter Milch 20 Pfg, ein Kilo Fleisch 2 Mark.

Es gab nur eine Schiene

Die entgegen kommende Bahn musste in der Linienmitte (Karlsplatz und Flinger Tor) auf einem 2ten Gleis ausweichen. Am Berg (Mittelstraße) wurde ein 2tes Pferd eingespannt.Haltestellen gab es nicht, ein Wink genügte. Das Trittbrett lief um den Wagen herum. Vorne und hinten befand sich ein offener Perron mit Schiebetür zum Inneren. Die Plattform war mit einer Kette gesichert.
An der Außenseite der Wagen hingen bald erste Reklameschilder (meist „Maggi Suppe“). Innen wurde gewarnt vor spitzen Hutnadeln der Damen.

Feste Haltestellen erst seit 1892

Die Sommerwagen waren seitlich offen, die Holzbänke quer, nicht längs und für das schlechte Wetter hatte man eingerollte Segeltuchbahnen, die seitlich herunter gelassen werden konnten.
Weil die Flingerstraße wegen der neuen Festungstechnik seit 1675 zugebaut war, musste man die Mittelstraße oder das Neue Flinger Tor nehmen (heute: Bolker Stern).Das Neue Flinger Tor war ein schmaler Gang (am heutigen McDonald), der 1785 zur etwas breiteren Communikationsstraße erweitert wurde und der erst 1935 zum heutigen Bolker Stern wird. Die Pferde- und Straßenbahnen benutzten also bis 1935 diese Engstelle.

Die Bolkerstraße wurde nie als Bahnstraße genutzt. Immer war es die Flingerstraße, d.h. die uralte Verbindung über die Schadowstr nach Flingern.
Schon die beiden ersten Bahnen von 1876 hatten Farbunterschiede (Nr 1: grün, Nr 2: weiß). Ab 1914 werden für Zielschilder und Signallampen verschiedene Farben eingesetzt: die 18 Urbahnen mit 18 verschiedenen Farben entstehen (die gelbe Sieben, die blaue Eins)

Der Belgier Leopold Boyaert bekam 1876 die Konzession über 25 Jahre eine Pferdebahn zu betreiben. Es war kein reines Zuckerschlecken. Er musste der Stadt einen Kontostand von 100 000 Mark nachweisen, eine Kaution von 120 000 Mark bereitstellen und eine jährliche Konzessionsabgabe an die Stadt zahlen. Die Stadt behielt sich einige Rechte vor, z.B. das vorzeitige Kündigungsrecht und früh morgens die Gleise kostenlos für Müll- und Leichentransporte nutzen zu können. Kostenlos mussten auch städtische Arbeiter und Polizeibeamte im Dienst befördert werden. Am Mittwochnachmittag sollte die Bahn zum Zoo fahren, die Beamten hatten frei. Sonntags bei schönem Wetter war dann die Familie dran.

Natürlich fehlte es nicht an Spott über die „Pädsbahn“

"In Düsseldorf is`it jemütlich, mer han `ne Pferdebahn.
Dat ene Päd dat treckt nit, dat andre, dat is lahm.
Der Kutscher is besoffen, die Deichsel, die is krumm,
und alle paar Minuten da kippt die Kiste um."


Autor: Dieter Jaeger  / Redaktion: Bruno Reble  / © 2021 Geschichtswerkstatt Düsseldorf

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