Montag, 9. Mai 2011

Glossendienstag: Copacabana am Stresemannplatz (Dieter Jaeger)

Es war einmal eine sehr schöne Straße, die Visitenkarte von Düsseldorf, das billet d'éntree in die Stadt: die Rede ist von der Graf Adolf Straße, die 1890 eröffnet wurde. Sie führte vom neuen Hauptbahnhof zur Königsallee: eine Zierde der aufstrebenden Industriestadt, die verrücktesten Cafes, die aufwendigsten Restaurants, die aufregendsten Nachtclubs, die Strasse der neun Kinematographen, aber auch die Strasse der modernsten Geschäfte, die stolz die Produkte der Stadt (z. B. Werkzeugmaschinen) ausstellten.

Das ist nun alles Geschichte. Peep shows, Beate Uhse, Billigketten, lärmender Verkehr. Sechs Straßen münden in den Stresemannplatz, unter anderen die Ackerstraße vom alten Flingern her (Ackerhecke), jetzt Karlstraße genannt: alle schrecklich, am schrecklichsten die Straße, die den Namen des frömmsten aller Düsseldorfer Maler trägt: Mintropstraße. Theodor Mintrop malte immer Heilige und Madonnen. Unheilig geht es in seiner Straße zu. Der Babystrich ist nicht weit.

Nun versucht man, die Zeit zurückzudrehen. Ein Anfang war schon gemacht worden: neue Verkehrsführung, neue Fahradwege, neue Haltestellen. Dann folgte der große Coup: Copacabana am Stresemannplatz, latin feeling, 67 Yuccapalmen, nachts in goldenes Licht getaucht.

Geben wir dem Platz eine Chance! Wenn man die Augen halb schließt, die kaputten Autoreifen vergisst: Verheißung zwischen Mintrop- und Charlottenstraße mitten im Sündenbabel von Düsseldorf.

1860 hieß es hier: „am Tunnel“. Die Eisenbahn fuhr auf der jetzigen Graf Adolf Straße auf vier Gleisen nach Wuppertal oder nach Berlin. Der Bahnhof lag am Graf Adolf Platz. Der Tunnel unter den Gleisen führte von der Bahn- zur Ellerstraße. Unten: hastende Arbeiter auf dem Weg zur Maloche in Oberbilk,  oben: fauchende Lokomotiven. Nebenan: rauchende Schlote von acht großen Fabriken zwischen Oststrasse und jetzigem Stresemannplatz.

Es kann nur besser werden.


Zum Weiterlesen:

Hans Seeling, Die belgischen Anfänge der Eisen-und Stahlindustrie in Düsseldorf zwischen 1850 und 1860,   DüsseldorfJb 49,1959.

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