Dienstag, 20. Juni 2017

Mit Heine nach Paris

Auf der Spur der Tour: Vom Grand Depart zum Grande Finale


Als der Schriftsteller Heinrich Heine am 19 Mai 1831 an der Porte St Denis in Paris ankommt, ist er 33 Jahre alt. Ein junger Mann, in Deutschland schon sehr berühmt, aber auch verhasst bei der preußischen Obrigkeit und ständig von Zensur bedroht.
Er zieht ein durch die Triumpf-Pforte des Boulevard St.Denis, die – so berichtet er selbstbewusst - „ursprünglich zu Ehren Ludwigs XIV. errichtet worden, jetzt aber zur Verherrlichung meines Einzugs in Paris diente."
Die Stadt steht noch im Zeichen der Julirevolution von 1830, als rebellische Bürger dem König zeigen, dass man Barrique Fässer auch zu etwas anderem benutzen kann. Daher der Name Barrikade. An der Spitze der Revolution: liberale Bürger, denen man das Recht auf Publikation verwehrte, im Bündnis mit Druckern, die um ihre Arbeitsplätze fürchteten. Das imponiert Heinrich Heine.
Und feinsinnig beobachtet er: „An den Straßenecken waren freilich hie und da die liberté, égalité, fraternité schon wieder abgewischt.“

Auch sein Französisch war rostig geworden…

und so probiert er es gleich bei einem hübschen Blumenmädchen aus, ob sie ihn versteht. Das klappt noch nicht so richtig, denn er doziert über Lennes Pflanzeneinteilung und sie sagt ihm, dass es doch nur 2 Sorten Blumen gibt: die schönen wohl­riechenden und solche, die stinken. Da haben wir ihn Heinrich Heine, der in beiden Welten lebt.
Er zieht in das Hotel „Des Ambassadeurs“ und wählt so das Viertel, das ihn die nächsten 24 Jahre nicht mehr loslassen wird. Mit sicherem Bauchgefühl hat er das pulsierende Herz von Paris im Jahr 1831 gefunden. Seine wichtigsten Wohnungen liegen hier: Rue de l'Échiquier, Rue Bergère, Boulevard Poissonnière.
Der Sonnenkönig Ludwig der 14te hatte 1673 übermütig die Stadtmauer von Karl V. abgerissen. An seine Stelle ließ er die erste riesig große Straße von Paris bauen und mit Bäumen bepflanzen. Diese Straße wird vom deutschen Wort "Bollwerk" abgeleitet, bald "Boulevard" genannt.

Draußen vor der großen Stadt

Heine lag mit dem Wohnsitz auf dem Boulevard an der Nahtstelle zwischen dem mittelalterlichen Paris südlich zur Seine und dem Neubaugebiet nördlich in Richtung Montmartre
Dieses Neubaugebiet nennen die Pariser "Faubourg" (Vorstadt). Der Faubourg Montmartre (das spätere 9.Arrondissement) wird seine Heimat. Hier waren die Wohnungen geräumiger, zum Teil noch mit Gärten oder Weingärten durchsetzt. Am langsam aufsteigenden, der Süd Sonne zugewandten Hang von Montmartre hing sein Herz. Auf dem jungen Friedhof Montmartre wollte er auch begraben werden. Auf Grund des langsamen Aufstiegs zum Berg Montmartre war dieses Viertel bevorzugt und von allen Faubourgs am weitesten besiedelt.
Hinzu kommt, dass in gerader Linie zur Seine das Palais Royal lag, der Mittelpunkt des „Ancien Regime“ mit seiner Opern und Theaterwelt. Später wird auf dieser geraden Linie „Montmartre-Palais Royal“ das Einkaufzentrum LAFAYETTE entstehen und die neue Oper: das Zentrum der "Belle Epoque".
War früher die Rue de Richelieu die Prachtstraße, so wird noch vor dem Baron Haussmann die Avenue d´Opera das neuste Prunkstück. Zwischen den Bergen Montmartre und Belleville liegen die Täler, die von der Eisenbahn besetzt werden (Gare de Lazare, Gare de l‘Est, Gare du Nord).
Heine lebt drei Jahre als Junggeselle in immer wechselnden Hotels oder Wohnungen. Die unzähligen Liebesabenteuer seiner Gedichte sind gewiss übertrieben. "Samstag küsste mich Jette und Sonntag die Julia und Montag die Kunigunde, die hat mich zerküsst beinah".

Heine und die Frauen: Oh, la la Mathilde !

Im September 1834 sieht er in seiner Lieblingspassage (Passage des Panoramas) eine siebzehnjährige Schuhverkäuferin und es ist um ihn geschehen. Er nennt sie nach einer seiner Romanfiguren "Mathilde".
Nach 7jähriger wilder Ehe (vor einem vielleicht tödlichen Duell) heiratet er sie1841 in der größten Kirche St Sulpice. Mit Mathilde wird er sesshafter, aber die Wohnungen bleiben immer im 9. Arrondissement.
Das Sonnenviertel Montmartre zieht natürlich auch andere an .Die meisten seiner Kollegen wohnen hier. Hier gibt es die „folies“, die Sommerresidenzen und heimlichen Liebeslauben des Adels und Großbürgertums. Hier gibt es die weinseligen Guinguettes-Feste. Hier ist der Carnaval neben der berühmten "Descente de Courtille" am ausgelassensten. Hier winken die leichten Mädchen, die Lorettes oder auch die stilleren Grisettes, die schönsten Mädchen von Paris, sie sind alle hier.
Mit den Schauspielerinnen und Sängerinnen von der „Commedie Francaise“ und den drei Opern fängt es an. Sie siedeln an der herausragenden Chaussee d‘Antin und in der Rue de la Tour des Dames (mit den „Damen“ waren allerdings die keuschen Nonnen von Montmartre gemeint).
Heines Freundin, das Mannweib mit Zigarre George Sand wohnt hier mit ihrem Geliebten Chopin im Square d’Órleans. Delacroix, der sie malte, wohnt daneben. Toulouse Lautrec später in der Rue St George, selbst der große Victor Hugo in der Rue Laroche-Foucauld. Im Salon der Delphine Grey treffen sich Balzac, Dumas, Hugo, die Brüder Goncourt, später Andre Breton und Richard Wagner. Wenn Heine von der Weltspitze Paris sprach, dann war es hier im 9. Arrondissement.

PALAIS ROYAL, die Herzkammer der Stadt

Mit Börne ging er zum dîner ins „Palais Royal“. Hier stand der Rechtsanwalt Camille Desmoulins am 13.Juli 1789 auf einem Tisch des Café de Foy und rief zum Aufstand, zu den Waffen. Am nächsten Tag begann die Revolution mit dem Sturm auf die Bastille.
Hier gab es die besten Cafes und nebenan die Comedie Francaise. Alle Opern lagen hier, aber auch die Versammlungsräume der St.Simonisten (=sozial-religiöse Schwärmer). Heine geht gleich am zweiten Tag dorthin.
Heine war Journalist der Allgemeinen Zeitung des Herrn Cotta aus München. Also berichtet er todesmutig vom Ausbruch der Cholera 1832, von den Leichenbergen im neuen Ostfriedhof Père Lachaise, vom Aufstand der Chiffoniers der Lumpensammler.
Er sah die Schattenseite der großen Stadt: die Cours des Miracles, die Hugo besang, die Halles mit dem Friedhof gleich daneben, den schrecklichen Richtplatz Grèves, wo das Rathaus stand, das in allen Revolutionen eine Hauptrolle spielte.
Das Trinkwasser kam von der Seine, die aber auch Abort aller Exkremente war, die größte Kloake der Stadt. Man glaubte an das gesunde Wasser der Seine, das so wild daher floss mit Luft durchmischt, das musste ja gesund sein.

Alles auf die Straße!

… war die Parole im Paris mit mittelalterlichen Zügen: der Nachttopf, der Besen, ganz allmählich Jauchegruben. Das "heimliche Zimmer" verlegte man wegen des Gestanks unter das Dach. In den engen Gassen hüpften skurrile Gestalten im Schmutz über die Straßenrinne von einer Seite zur anderen.
Heine lebte am Anfang der Industriellen Revolution. 1840 entsteht im Niemandsland der erste Bahnhof St.Lazare, die ersten Kioske, zum ersten Mal gehen die Cafés auf die Straße, überall entstehen Bistros, die Kneipen der kleinen Leute. All dies geschieht in seiner Gegend im 9. Arrondissement.
Als er krank wird, zieht er mit Mathilde etwas weiter rauf zum Montmartre in ein ganz neues Neubauviertel, das man "Europe" nennt. Er kann nicht mehr so mitmischen.
Zum Sterben geht er in die Rue de Matignon 3, am Rond Point neben der Champs Elysees. Sicherlich hat er das bewusst gewählt. 300m daneben liegt der Elysee-Palast, der der ganzen Gegend den Namen gibt. Hier hatte die Pompadour gewohnt, dann Murat, den er aus der Düsseldorf Zeit als Chef des „Grand Duché de Berg“ kannte. Er hatte als Knabe die Pempelforter Promenade geliebt, die man damals schon die "Champs Elysees von Düsseldorf" nannte.
Jetzt ist er - am Ende - auf der richtigen Champs Elysees angekommen. Man schiebt den totkranken Mann auf den Balkon und er lauscht dem Getöse der langsam zur Spitze der Stadt wachsenden großartigen Straße.
Hier wird er sterben um 6 Uhr früh am 17 Februar 1856. Er war auf den heiligen Feldern der Champs Elysees. Er hatte es nicht weit bis zum Paradies.

Autor: Dieter Jaeger    Redaktion: Bruno Reble    © 2017 geschichtswerkstatt-duesseldorf.de
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