Montag, 20. Februar 2023

Caramba Caracho Calatrava

 Die Kö erhält eine neue Krone zwischen Steinstraße und Königsstraße. Als Macher wurde ein König der Architektur auserkoren: Santiago Calatrava. Den Namen muss man sich auf der Zunge zergehen lassen, auch die Kosten im Milliarden-Bereich. Nach Köbogen, Ingenhoven Tal und Le Coeur gilt der Calatrava Boulevard als das größte Projekt auf dem Düsseldorfer Pracht Boulevard.

Cafe KÖNIG hieß einstmals ein Café auf der Kö neben der Königsstraße: Marmor, Glas, Spiegel und schöne Frauen. Jeder wollte König sein im König. Die Jungs spielten mit der Rolex. Sie hatten noch kein Handy. Die Frauen spielten mit ihrer Schönheit.

Der Brauerei Leo König gehörte das Edel-Restaurant VICTORIAN, in dem 1984 Scherrer vom Hilton gleich im ersten Jahr einen Stern erkochte. Hier saßen sie im 1. Stock; Tisch 9 reserviert für Promis: „Für Gabi tun wir alles" mit Gegenüber Udo Lindenberg und Fritz Raddatz.

Der Krupp Bevollmächtigte Berthold Beitz kam jeden Tag zum Frühstück, Peter Ustinov zum Schlemmen. Die Politiker Wehner, Scheel, Rau, sie alle kamen – bis der Gerichtsvollzieher dem Spuk ein Ende setzte und einen Kuckuck an die Tür klebte.

Im Keller: die FEETWARMERS mit Klaus Doldinger; wir machten Jazz, denn Jazz war in, z.B. bei DA BRUNO auf der Graf Adolf-Straße. Die Beatles verachteten wir als englische Schlagermusik. Der Autor spielte Posaune bei den "OLDIES BOLDIES".

Als die Kö noch Kastanienallee hieß

Auch ein richtiger König war mal auf Besuch. Friedrich Wilhelm IV von Preußen soll hier im Revolutionsjahr 1848 mit Pferdeäpfeln beworfen worden sein, als er vom südlich gelegenen Bahnhof kommend mit der Kutsche zum Schloss Jägerhof fahren wollte. Später wollte man das Königshaus wieder gnädig stimmen und hat die Kastanienallee 1851 in Königsallee umbenannt; mehr bei koenigsallee-duesseldorf.de/die-koe/geschichte/

1854 kam die Königsstraße hinzu als "Querstraße" zum neu angelegten Königsplatz. Gleichzeitig plante man mit großer Sichtachse von der Kö die damals im Westen größte preußisch protestantische Kirche (88m).Der preußische Stararchitekt Carl Adolf Krüger baute 1866 gegenüber das immer noch bestehende neue Landgericht. Die "Ostländer" aus Berlin dominierten in Düsseldorf.

Für CALATRAVA müssen in der Königsstraße alle Häuser abgerissen werden, denn hier ist der Haupteingang. Der andere Eingang liegt am "Manufactum brot&butter" auf der Steinstraße.

CALATRAVA: ein Boulevard in der Luft

Das hatten wir noch nicht. Bäume, offener Himmel, "Haute Cuisine", also die "hohe Küche" ganz wörtlich genommen, wie einst im VICTORIAN. Genial ist die Idee, die Häuser an der Kö zu erhalten und das Gebäude in den unattraktiven Hinterhof zu verlegen.

An der Kö Nr.34 bis 54 entfallen zunächst die großen Namen, um später am Boulevard wieder zu kommen. Vergessen wir also vorrübergehend den Kommunikations-Jungstar Guido Boehler, die Kölner Görgens-Gruppe: die Modekette KULT – OLYMP & HADES, den Hamburger Leysiefer, den amerikanischen Kaffeeröster STARBUCKS, den schottischen Seifensieder DOUGLAS (seit 1821), den Clothing-Store CAMPUS, den italienischen Goldschmied POMMELATO und GUCCIO GUCCI aus Florenz (wer so heißt, kommt bestimmt wieder).

Es bleiben zunächst (ohne Zugang zum Boulevard) der schottische Schneider Burberry, der 1856 den Gabardine Stoff erfand (spanisch Mantel) und damit auch den Trenchcoat (trench = Schützengraben); ferner Prada (großer Name aus der Galeria Milano) und Prange-Juppen, der Schuhpalast aus Wuppertal.

Bleiben werden auch einige Fassaden aus der Kaiserzeit

Dem Denkmalschutz sei Dank! Der Block Kö Nr.34 bis 54 ist gewissermaßen das Herzstück der Allee, sozusagen der "Lustgarten". Die Familien Schumann, Bittner, Franzen, Paffrath, Hemesath und die Lichtburg: alle waren in diesem Block.

  • In der heutigen Nr.52 oder 54 wohnten 1851 für kurze Zeit die Schumanns. Hier amüsierte sich Clara über ihren Kollegen Franz Liszt, der mit großem Tam Tam auftrat. Der bescheidene Robert war ihr lieber.
  • 1867 zimmerte der Schreiner Johann Paffrath Transportkisten für die berühmte "Malerschule", sein Sohn zieht 1914 in die Kö 46: gebaut vom Meister Herrmann vom Endt.
  • Seit 1911 verkauft in der Nr.42 Hermann Franzen seine berühmten Porzellanwaren.
  • Am 29.12 2004 trauerte Düsseldorf um die Lichtburg (Nr.38 -40), eines der ältesten (seit 1910), bestimmt aber das berühmteste Kino der Stadt. Fast daneben (Nr.44) lag Otto Bittner, der 1990 an der Kö aufhörte.
  • In der Kö 48 saß Carl Hemesath, der auch die Nr.66 besaß (Tanzpalast Tabaris).

Blutsteine, Galgen und arme Sünder

Der Mörder Peter Kürten ging 1929 hier zu seiner Frau, der Serviererin, die blutige Schere noch in der Westentasche. Er ahnte nicht, dass unter seinen Füßen so viele Leichen lagen. Genau an dieser Stelle legten die Düsseldorfer 1776 ihren ersten Friedhof an (extra muros). Carl Theodor hatte die Begräbnisse im Kirchhof verboten. Das Arme-Sünder-Kreuz am Eingang des Friedhofs von 1776 kam vom Wehrhahn, wo die Verurteilten seit 1716 dreimal um den Blutstein herumgeführt wurden und ihre Sünden bereuten, bevor es am Galgen zum finalen Ende kam (mehr darüber bei Wolfgang Funken, Düsseldorfs Galgenplätze, 2022).

Der Friedhof wird zum Lustgarten

Lust ist eine schöne Metapher, auch wenn sie damals eine andere Bedeutung hatte. Zum Thema „Lust und Tod“ noch eine alte Geschichte von Heinrich Heine über seine erste große Liebe zur Tochter des Scharfrichters, das Rote Sefchen.

"Ihr Haar war rot, ganz blutrot und hing in langen Locken bis über die Schulter hinab, so dass sie es unter dem Kinn binden konnte. Das gab ihr aber das Aussehen, als habe man ihr den Hals durchschnitten, und in roten Strömen flösse daraus hervor das Blut".

Aber Heinrich Heine wäre nicht der gefeierte und scharfsinnige Schriftsteller, wenn er an dieser Stelle nicht noch einen draufgesetzt hätte. Denn er küsste sie "nicht bloß aus zärtlicher Neigung, sondern auch aus Hohn gegen die alte Gesellschaft und alle ihre Vorurteile"… mehr bei projekt-gutenberg.org/jess/heinebio/chap001.html.


Autor: Dieter Jaeger / Redaktion: Bruno Reble / © Geschichtswerkstatt Düsseldorf 2023

Mittwoch, 16. November 2022

Grafental – zwischen Grafenberg und Düsseltal

oder zwischen Rübezahl und Mercedes Benz

1.   Flingern war geteilt

Früher gab es eine Grenze: Die "Höheren Töchter" und andere "Höhere Leute" wohnten nördlich der Grafenberger Allee in Straßen, die es mit Höherem zu tun hatten (Schiller, Goethe, Brahms und Schumann).

Die Arbeiter wohnten südlich der Allee in Straßen, die die Natur priesen (Linden, Birken und Platanen).

Noch früher war es genau umgekehrt: Im nördlichen "Flinger Busch" hausten Räuber, die nicht mal der Galgen am "Flinger Geisten" abschreckte. Im südlichen Flingern wohnte der Adel, der mit seinen Höfen den Ort Flingern gründete.

2.   Wohnungsplanung in Flingern Nordost

Grafental ist ein schwieriges Gebilde. Es liegt in der Nähe von Grafenberg und Düsseltal und bildet zusammen mit "Metro Campus" das Areal für die größte Wohnungsplanung in Düsseldorf.

3.   „Lost in Grafental“

so titelte neulich eine Zeitung, um auf die verlorenen Areale (lost places) hinzuweisen (Anmerkungen s.u.). Versuchen wir es mal. Wie kommen wir rein, wie wieder heraus?

Nehmen wir die Grafenberger Allee. Sie wurde im 18. Jht. als eine der wenigen chaussierten Straßen kerzengerade bis zum Ende von Flingern gezogen (á la "Chaussee de Berlin"). Der Hof "Am End" wurde zur Engerstraße. Danach kam die "Zoppenbrück", die Straßenbrücke über Düssel-und Kittelbach, die sich hier trennen.

Hinter dem Knick und der berühmten Haniel Garage von Paul Schneider Esleben (1954) ist links mit der Firma Schloemann auch der Straßenname nach Norden verrutscht. Von nun an heißt es: Ivo-Beucker-Straße.

Rechts verschwindet die frühere Sohlstraße, einst benannt nach Hans-Günther Sohl, dem berüchtigten Thyssen Boss, jetzt nach Luise Rainer, einer Düsseldorfer Schauspielerin der 30iger mit Oscarehren (Anmerkungen s. u.)

Man fährt durch eine Schlucht von Glas und Stahl und übersieht fast die Schlüterstraße, einstmals die große Kreuzung von Straße und Schiene (Linie 12).

Die Kreuzung ist immer noch da, wird aber nicht mehr als solche wahrgenommen. Die nächste riesige Einfahrt ist nach Walter Eucken benannt, ein Ökonom, wie Röpke von der Röpkestr.

Recht Seite: der Metro Campus steht noch unberührt, mehrere Kreisverkehre, dann Sackgasse, Ende der Fahnenstange und zurück in die Hohenzollernstraße. Wir sind "lost in Grafental" und fahren geradeaus bis zum alten Bahnhof. Er ist nicht mehr da, dafür die berühmte Einfahrt Neumannstraße; links ein roter Backsteinbau, letzter Rest der Industrie. Bis vor kurzem sah man hier noch die Schienen der Eisenbahn.

Zweiter Versuch: hinein und heraus, diesmal von Süden: Brücke an der Cranachstraße; die Brücke ist das einzige Denkmal der Ruhrtal-Eisenbahn. Sie führte über die Gleise, heute über nichts: kein Tal, kein Fluss, keine Bahn, keine Straße.

Eigentlich müssten die Leute neugierig sein, was ist das für eine Brücke? Sind sie aber nicht.
Links kommt man nicht mehr in die Schlüterstr hinein, geht nur über den Edison-Platz; hinaus: wieder zurück über Edison-Platz.

Fazit: Ganz schön verworren, eben "lost in Grafental".

4.   Das Terrain ist vernässt

Das Terrain von Grafental und Metro Campus war immer schon "lost". Der ganze Osten Düsseldorfs war kaum besiedelt. Die Namen sagen es: Kuhbruch, Torfbruch, Mörsenbroich, Vennhausen: Sumpfland, vernässter unbrauchbarer Boden. "Bruchstraße" sagte man zur einzigen Straße oder "Flinger Broich".

Am Bergfuß zum Grafenberger Wald staute sich das Regenwasser, denn der Rhein als Empfänger für den Abfluss war zu weit entfernt. Das Grundwasser, das die Kastenform der Terrassen nicht mitmachte, trat zusätzlich hier zu Tage.

Der gefährliche Sumpfwald (Bilker-/Flinger Busch) konnte nur durch gerade "Kikwege" betreten werden (der erste sah den letzten einer Gruppe). Der "Flinger Richtweg"oder der "Kikweg" sind Reste davon. Die Unterbacher Sandträger gingen kerzengerade über die Königsberger Straße durch den Wald bis Icklack. Ihr Scheuersand war gefragt.

Ein winziger Weg zwischen den vielen "Entwässerungsgräben" und "Richtwegen" im Sumpfwald hieß "Hellweg" (= höherer trockener Weg). Der Name wird heute eher gemieden.

Auch die Gruselgeschichten tragen zum Unguten bei: Der Mörder Peter Kürten kam von der Hohenzollernfabrik, ging die leeren Wege an der Bahn entlang bis zur Bertastraße, wo er seine Opfer fand.

5. Schöne Namen in unschönem Gebiet

Für den Komplex Metro Campus wird noch ein Name gesucht. Das südliche Areal hat den wohlklingenden Namen Grafental, entstanden aus den Namen Düsselthal und Grafenberg.

Düsselthal war ein Trappistenkloster auf den "Specker Höfen", die "Specker" (große Baumstämme) halfen, im Sumpfland zurecht zu kommen. Das schweigende Kloster war die Touristenattraktion im 18. Jht. Von Pempelfort aus führten 2 Wege dahin: der Mönchweg und der Düsselthaler Weg. Aus dem Kloster wird 1822 die "Rettungsanstalt Düsselthal".

Grafenberg (oder "Godesberg") hieß der bewaldete Hügel hinter dem Staufenplatz, der Edle Haic von Flingern war als "Waldgraf" zuständig. Der Graf vom Grafenberg ist also kein richtiger Graf, sondern ein Forstbeamter.

6. Die Eisenbahn als Initiator

1838: die erste Bahn von Düsseldorf nach Elberfeld. Die „Bergisch-Märkische“ durchfährt den gefährlichen Wald, schafft mit dem Bahnhof das neue Gerresheim (heute: "Glasmacherviertel") und bringt nebenbei die Kiefernstraße hervor. Sie entsteht auf dem "Aufgelassenen Gleiskörper".

1845: die zweite Bahn, die „Cölln –Mindener“ schafft das Oberbilker Gleisdreieck, den neuen Hauptbahnhof, heute die Dreibrückenstadt in Derendorf.

1866: die dritte Bahn, die „Ruhrtalbahn“ schafft den Komplex Grafental / Metro Campus.

Die Bergisch-Märkische war ins Ruhrgebiet über Elberfeld gefahren. Jetzt 1866 nimmt man den kürzeren Weg über Mülheim.

7. Die Ruhrtalbahn

Die neue Bahn zweigte 1866 von der alten 1838 Strecke an der "Ruhrtalstraße" ab. Sie ging anfangs als Weg bis zum Oberbilker Markt und weiter in die Bogenstraße. An dem alten Feldweg (Ruhrtalstraße) liegen die Piedboeuf- und Dawan- Werke aus den 1850iger Jahren, aber auch die großen Drahtwerke Peter Klöckner aus Koblenz, die zur Kiefernstraße werden.

An die Ruhrtalbahn von 1866 und den Höher Weg kommen die Gaswerke aus der Luisenstraße, später die Stadtwerke. Die Ruhrtalstraße, weiter nach Norden gedacht, immer an der Eisenbahn entlang, wird zur Schlüterstraße und damit zum Zentrum von Grafental / Metro Campus.

Zwischendurch entsteht an der Ruhrtalstrecke der Komplex Flinger Broich mit der rätselhaften Behrensstraße (man kann den Namen nicht erklären). Die Ruhrtalbahn führt nördlich weiter nach Rath. An ihr entsteht Rheinmetall Rath. Die erste Düsseldorfer Elektrische benutzt ab 1898 später die Gleisstrecke, zunächst neben der Eisenbahn. Die Ruhrtalbahn steht somit auch für den Ursprung unserer "Elektrischen".

8. Industrien entstehen an der Bahn

Am Bahnhof Grafenberg der Ruhrtalbahn entstehen dann die großen Industriekomplexe von Nord nach Süd: die Farbwerke Schmincke, Jorissen Transportmittel, Gussstahlfabrik Grafenberg, Metallgesellschaft Dick, Armaturen Losenhausen, vor allem aber die Lokomotivfabrik Hohenzollern (Haniel).

Franz Haniel, Nachfahre des berühmten Haniel, der die ersten Tiefschächte bis zur wichtigen Fettkohle im Emschertal stieß, gründete 1872 mit zwei anderen die Lokomotivfabrik Hohenzollern. Bis zur Schließung 1929 wurden hier 1600 Loks gebaut. Rheinmetall übernahm die Gebäude und errichtete hier von 1942 bis 1945 das Außen-Lager "Berta" vom KZ Buchenwald / Weimar.

Haniel saß gleichzeitig mit Heinrich Lueg an der Grafenberger Allee (Maschinenfabrik Haniel-Lueg, Haniel Park, Haniel Garage). Sie übernehmen 1929 die Gute-Hoffnungs-Hütte: die älteste Hütte im Ruhrgebiet. Lueg wird später die Rheinbahn gründen und aus der Wiese heraus Oberkassel entstehen lassen.

9. Die Industrie schmückt sich mit großen Namen

Die Großunternehmer hatten sich mit Namen der Baukunst geschmückt. Aus "Grenzstraße" wurde Schlüterstraße, die Neumannstraße kommt noch dazu: zwei Riesen der Baukultur. Schlüterstr war die große Verkehrsachse und Neumannstr war der Haupteingang zu den Hohenzollern Werken. Die Schienenspuren waren bis in die jüngste Zeit hinein zu sehen. Im BAHNHOF gab es in den 1980 / 1990igern lange einen Geheimtipp der Gastro-Szene. Zwei Parallelstraßen zur Hohenzollernstr waren die Dinnendahlstraße: eine Hommage an den Gründer der Dampfmaschinenindustrie und Daelenstraße, ein anderer Held aus den Anfängen.

Als die Ruhrtalbahn geschlossen wird, verkümmern die Industrien am Bahnhof Grafenberg allmählich. Es entsteht die große Brache Flingern Nord Ost, ein Geisterland.

10. Die Planungen

Wohnsiedlungen sehen heute fast überall gleich aus: große weiße Bauklötze mit Balkonen, die schwarz geländert sind.

Das nördliche Areal Flingern Nord-Ost gehört bis Metrostraße der Metro und liegt auf dem Terrain der alten Industrien: Schmincke, Losenhausen, usw. Die Metro AG ist ein börsennotierter Konzern des Großhandels, 1963 in Essen von den Brüdern Schmidt gegründet (ähnlich Aldi). 1964 öffnet in Mülheim der erste Selbstbedienungsladen (die „cash and carry“ Idee kam in den 60igern aus USA). Otto Beisheim war ein anderer wichtiger Gründername.

Am 2. Okt 1967 kam die Metro an die Schlüterstraße. Die Metro wuchs rasant, beherbergte Namen wie Real, Saturn, Media Markt, Kaufhof, expandierte weltweit, darunter nach Russland und China und betrieb Sport Sponsoring (Marathon, Eishockey). Seit einiger Zeit wird die Übersiedlung nach Unterrath geplant (ins Großmarkt Gelände).

Ab 2026 soll das Gelände Schlüterstr umgebaut werden. Nur die Hauptverwaltung bleibt, das Büro London ACME gestaltet den "Campus". Metro hat mit dem Namen hoch gegriffen. Campus ist normalerweise das Gelände einer Universität.

Green Lane, Park Quartier, Garten Quartier, es soll alles grüner werden als in anderen Wohnquartieren. Mit der Mischung aus Wohnen, Arbeiten, sich Versorgen, sich Erholen ist eine kleine City geplant.

11. Happy End in Flingern

Wir heirateten in Flingern Ost, Höher Weg, weit hinter der Ronsdorfer Straße. Meine australische Frau liebte diese kleine grüne Insel im Betonmeer der Stadt. Sie schreckte nicht die Gaswerke, E-Werke, Verbrennungswerke, nicht die vielen hässlichen Unterführungen der Eisenbahn noch die nahen Wege des Vampirs von Düsseldorf. Die „Ronsdorfer“ ist heute (2022) noch immer das reinste Chaos, ein Abenteuer.

Das Entsetzen meiner Familie machte sie traurig. Ich verstand sie erst später. Für sie war diese gottverlassene Ecke ein "Little Australia", ein bisschen Freiheit, eine kleine Heimat.


Anmerkungen:

1. zur Umbenennung von Hans-Günther-Sohl-Straße in Luise-Rainer-Straße
Sohl war zur Nazizeit Wehrwirtschaftsführer, Vorstandsmitglied der Vereinigten Stahlwerke und NSDAP-Mitglied. Nach Entlassung aus der Internierung als Kriegsverbrecher wurde er 1953 Vorstandsvorsitzender der Thyssen AG und von 1972 bis 1976 Vorsitzender des Bundesverbandes der Deutschen Industrie (BDI).

Wegen seiner Verstrickung in das NS-Regime wurde die ursprünglich nach ihm benannte Straße in Flingern umbenannt in „Luise-Rainer-Straße“. Die Düsseldorferin Luise Rainer stammte aus einer jüdischen Familie und wurde nach ihrer Auswanderung in die USA als bislang einzige deutsche Schauspielerin in Hollywood mit einem Oscar ausgezeichnet und half verfolgten NS-Opfern.
mehr bei Wikipedia de.wikipedia.org/wiki/Hans-Günther_Sohl und de.wikipedia.org/wiki/Luise_Rainer

2. Die Villa Sohl und der dazugehörige Park verfallen seit dem Tod der Inhaber. Mittlerweile wird der Ort zu den „Lost Places“ gezählt. Zurzeit verhandeln die "Bezirksvertretung 7" und die „Untere Naturschutzbehörde“ mit einem Investor über die weitere Verwendung von Park und Villa.
s. RP-online 1.4.2020 „Park der Villa Sohl droht zu zerfallen“
rp-online.de/nrw/staedte/duesseldorf/stadtteile/ludenberg/duesseldorf-park-der-villa-sohl-droht-zu-zerfallen


Autor: Dieter Jaeger mit Ergänzungen von Jochen Grundmann
Redaktion: Bruno Reble  © Geschichtswerkstatt Düsseldorf 2022
 

Samstag, 29. Oktober 2022

Lichter, Lampen und Laternen - zur Geschichte der Beleuchtung

"Die wirkliche Entdeckungsreise besteht nicht darin, neue Landschaften zu entdecken, sondern darin, altes mit neuen Augen zu sehen." Marcel Proust

Oktober 2022: das teure Gas! Pustet Putin die Laternen aus?

Es dauerte lange bis die Menschen das Feuer beherrschten. Erst in der letzten Sekunde des Erdalters beschäftigten sie sich mit dem Erdfeuer, das an einigen Stellen austrat und das sie Bitumen nannten von lateinisch "pix tumens" (= ausschwitzendes Pech).

Das Beleuchten der ersten englischen Werkshallen stand im Vordergrund. Dann sagte jemand "Gas" von griechisch chaos (wirre Luft) für Straßenbeleuchtung und damit war das Wort (ähnlich wie Taxi) schlagartig in allen Sprachen der Erde.

Erdgas verändert die Beleuchtung

Das 19. Jahrhundert wurde das "Gas-Jahrhundert". Riesige hässliche Gaswerke entstanden, der Gasbehälter, der Gasometer wird zum neuen Symbol der Stadt.

Unheilvoll empfanden die Menschen die Fremdsteuerung. Fremde konnten über das Licht in der Wohnung bestimmen. Sie wehrten sich: das Wohnzimmer (die "gute Stube") blieb außen vor, Korridore, Keller, Küchen schon eher.

Das vertraute Beisammensein am heimischen Herd wurde vermisst. Der Hausherr steckte den in Öl getränkten Kienspan an. Man erzählte sich Geschichten vor dem Schlaf.

Hunderte von Jahren ging das so. Tag und Nacht bestimmten das Leben. Wer nicht rechtzeitig durch das Stadttor kam, musste draußen kampieren in stockdunkler Nacht. Nachtwächter wurden nur engagiert, um vor Funkenflug zu warnen.

Mehr Laternen als in Paris

Jan Wellem rühmte sich, in seiner Stadt mehr Laternen zu haben als die Franzosen in Paris. Das war natürlich Prahlerei, in Paris gab es um 1700 etwa 5000, um 1800 etwa 8ooo Laternen.

In Düsseldorf waren es 380. Eins allerdings war einmalig. Jan Wellem ließ die Laternen ganzjährig brennen, Paris nur von November bis März. In Düsseldorf stand alle 20 Meter eine Laterne. Der Chef, Herr Sebus, befehligte fünf "Füller" und um das Schloss herum waren die Laternen vergoldet. Wie so vieles verschwanden nach Jan Wellem auch die Laternen.

Stockdunkel in der Stadt

Der Schriftsteller Theophile Gautier bei einer Hotelsuche bei Nacht (im frühen 19. Jahrhundert) "neben der Statue konnten wir einen fünf Fuß hohen Gegenstand ausmachen, im unteren Teil viereckig mit spitzer Kuppe, der sich wie der undeutliche Umriss eines Schilderhauses abzeichnete. Aber als wir uns näherten, sahen wir, dass das Schilderhaus ein preußischer Soldat in seinem Umhang war, den der blitzableitende Helm überragte".

Lavoisier hatte 1770 auf die Bedeutung des Sauerstoffs bei der Verbrennung hingewiesen. Seitdem verbesserten sich die Laternen. Francois Argand erfand 1783 den hohlen Docht zur besseren Luftzufuhr. Man konnte durch Heben oder Senken des Dochtes die Leuchtkraft verändern. 1773 wurde die Straßenlaterne erfunden, der Réverbère [ʀevɛʀbɛʀ], der das Ganze durch raffinierte Spiegelung noch einmal verstärkte. Jetzt genügten Laternen alle 60 m statt 20 vorher. Der Docht musste dauernd geputzt werden. Eine Kerze überdauerte 50mal "schneuzen". Goethe fand das alles scheußlich.

Das Volk hasste die Laternen, zerstörte sie. Die Laternen mussten immer höher gehängt werden, denn Dunkelheit hieß Schutz.

Der finstere Wald - ein Ort der Sicherheit

Louis XIV (Ludwig der 14te) hatte zur besseren Überwachung seiner Untertanen schnurgerade Boulevards, Neun-Zoll Pflastersteine und Laternen befohlen.

"Les aristocrates á la lanterne" sang das Volk 1789. Einen besseren Galgen für die Aristokraten gab es nicht.

Carl Theodor in Düsseldorf

1749 besuchte der pfalz-bayrische Kurfürst Carl Theodor seine Außenresidenz. Über den Straßen hingen Laternen und Sinnsprüche... "das Warten und das große Leid hat ein beglücktes End genommen, der Theodor ist angekommen."

Aber er blieb nicht, trotz extra errichtetem Balkon am Rathaus und Theater neben der Kanzlei. Vor Immermann war das Theater eher Belustigung als Erbauung. Die Moucheure (Kerzenanzünder) hatten ihren großen Auftritt. Es gab 1500 Einzelflammen.

Das gemeine Volk wurde im "parchetto", einer Art Park, von den erleuchteten Logen abgesondert. Jeder Schauspieler wollte vorne ins Licht ("Rampensau"). Nur dort gab es die meisten Leuchten, die die Akteure allerdings von unten bestrahlten und mit Schminke und Schweiß zu schrecklichen Fratzen führten. Im Olymp, hoch oben, fielen die Zuschauer bei 40° in Ohnmacht. Erst allmählich entstand durch zunehmende Verdunklung des Parketts der Zuschauerraum.

Anders als mit der Eisenbahn dauerte die Umstellung auf Gas in Düsseldorf sehr lange. London war 1815 großflächig mit Gas versorgt, 1820 ganz England. Hier hatte ja alles angefangen. 
 
Die Engländer destillierten Gas aus Holz und Kohle seit Beginn des 18. Jahrhunderts. Darby erfand mit Gasentzug den Koks, William Murdoch beleuchtete Werkshallen. Frankreich folgte in den 30iger Jahren. 

Die "Erleuchtung" folgt 100 Jahre nach der "Aufklärung"

Bei uns versuchte der Privatunternehmer Middendorf in kleinem Maß Gas herzustellen, zum Vergnügen der Jugend. Sie liefen hinter seinem leckenden Möbelwagen her: "Middendorf, Schittendorf". Er musste sein stinkendes Gewerbe "außerhalb der Stadt" betreiben, an der Canalstraße (Kö), das war damals "draußen". Schimmelbusch mit seiner Eisengießerei saß auch hier. Man konnte bei Middendorf Gas in kleinen Behältern aus Tierblasen oder Leder kaufen. Das ergab dann eine kleine Flamme wie bei einer Kerze. 1841 etablierte dann Sinzig in der Pfannenschoppenstraße schon eine kleine Fabrik. Er verbrannte Öle, Teere, Fette. Es stank zum Himmel. Nur den Mönchen und den Gymnasiasten zweiter Klasse, der Ober-Realschule (später Humboldt- und Scholl Gymnasium) war ein solcher Gestank zuzumuten. "Auch in der Schmiede wohnen Götter!" hatte der erste Direktor der neuen Schulart vergeblich gerufen.

Lehrer Czech benutzte morgens um 8 immer die Straßenmitte, weil er in der ohnehin verpesteten Straße nicht auch noch das Lüften der Betten ertragen wollte, das die Ehefrauen aus dem Fenster hinaus gerade um diese Uhrzeit veranstalteten.

Die erste Gasanstalt

1866 bekam Düsseldorf die erste städtische Gasanstalt genau an der Stelle, wo 1851 die Brüder Richard aus Brüssel mit ihrer Puddelfabrik das Zeitalter der Schwerindustrie eingeläutet hatten. Hier gab es nur die Ellerstraße, die früher zur Alexanderstraße führte, die man am späteren Mintropplatz zur Friedrichstadt umgeleitet hatte und die nun Luisenstraße hieß.

Hier wurde es sehr voll und bald schon musste man nach Flingern ausweichen. Flingern Süd hatte viele Eisenbahnen, aber keine Straßen.

Neben dem Weg durch den Wald nach Erkrath (Königsbergerstraße) gab es noch einen durchgehenden, halbwegs begehbaren Weg zum Höher Hof.

Licht und Wärme kommen aus Flingern

So hieß es später schmeichelhaft, aber der Mörder Peter Kürten kam auch daher. Die Flingeraner profitierten anfangs am wenigsten von ihrem Gaswerk.

Zurück in der Stadt war es immer ein großer Spaß, den betrunkenen Latänepitsch in die "Sööße Eck" zu schieben (Ritterstr 10). Die Kinder übernahmen dann das Regiment. Sie steckten Hunde und Katzen in den Glasbehälter und erfreuten sich am jaulenden Höllenlärm danach. 

1879 erfand Edison die Glühbirne. Damit begann eine neue Zeit. Aber noch bevor es richtig losging, machte die Bogenlampe 1870 von sich reden: ein Zwitter zwischen Gas und Elektrizität, eine Gasentladung zwischen zwei Dioden, die ein solch grelles Licht produzierte, das sie als Waffe in den Kolonialkriegen angewandt wurde.

Lichtschirme kamen auf, Gardinen schützten das Auge, gedimmte Tiffany Lampen wurden modern. Man wollte mit "Sonnentürmen" ganze Städte beleuchten, der Eifelturm hat hier seinen Ursprung.

"Allumeur des lanternes" hieß der Laternenanzünder im "Kleinen Prinz" von Saint Exupery. Er geht zugrunde, weil er sich nicht anpassen kann. Die Gaslaternen passten sich an (z.B. Glühstrumpf von Mannesmann) und überlebten bis heute. Die Gasbeleuchtung, die erste große künstliche Beleuchtung, änderte das Leben, machte die Nacht zum Tage, nicht nur günstig für Industriearbeit.

Die Elektrizität war die zweite Welle

Das Gas hatte den Docht abgeschafft. Die Elektrizität schaffte die Flamme ab.
New York bekam 1883 die erste Zentrale. Lenin sagte "Kommunismus ist Bolschewismus und Elektrizität".

Gewohnheiten und ihre Bezeichnungen änderten sich: dîner war eigentlich das Mittagessen, jetzt ersetzt durch déjeuner, das ja anfangs nur das nächtliche Fasten beendete. Begünstigt durch das Licht, aßen die Menschen immer später, je vornehmer umso später. 

Wolfgang Schievelbusch (von dessen Erkundschaften dieser Text mehrfach profitiert) hat das herausgefunden: dîner wird das Abendessen, dem ein zweites (souper) nach dem Theaterbesuch folgt. Die Arbeiter aßen um 12, die Handwerker um 2, die Kaufleute um 3, die Angestellten um 4, die Unternehmer um 5, die Minister um 6.

Die Straße wurde neu gesehen: eigentlich war sie, besonders nachts, wie ein Zimmer. Große Schaufenster entstanden erst jetzt. Heute 2022 redet man wieder von der Möblierung der Straße, stellt z.B. gelbe Sofas mitten auf die Schadowstraße.

Die Düsseldorfer haben ein besonderes Verhältnis zur Laterne. Schließlich waren sie die "Röhrenstadt" schlechthin und Röhren brauchte man beim Gas wie beim Wasser. Pönsgen war der erste Röhrenbauer Deutschlands, Mannesmann mit sensationellen Erfindungen der Wichtigste. Sein Name ist gleichbedeutend mit Düsseldorf.

Altes Brauchtum für Groß und Klein

Wir waren alle Kinder. Das nächtliche Laternenmeer an Sankt Martin war ein einschneidendes Erlebnis.

"Ich geh mit meiner Laterne und meine Laterne mit mir,
dort oben da leuchten die Sterne, hier unten da leuchten wir.

Mein Licht ist aus, wir gehn nach Haus,
rabimmel rabammel rabumm.
Mein Licht ist aus, wir gehn nach Haus,
rabimmel rabammel rabumm".


Autor: Dieter Jaeger  |  Redaktion: Bruno Reble  |  (c) Geschichtswerkstatt Düsseldorf 2022

Sonntag, 28. August 2022

Spekulation im Glasmacherviertel und kein Ende?

 Das Erbe der größten Flaschenfabrik der Welt

Ein einsamer Glasturm, zwei Bauruinen, Wasserlachen, Wüste. So stellt sich heute das Gelände dar: ein Symbol verkorkster Bodenpolitik und gieriger Wohnungsspekulation. Das ist jetzt über 10 Jahre her.

2005 schloss die Gerresheimer Glashütte. Ein Karussell verschiedener Investoren folgte: Patrizia, Brack, Adler, LEG. Die Devise hieß:

„Kaufen, verkaufen, gewinnen“

Enorme Summen liefen über den Tisch: 30 Millionen, 120 Millionen, 375 Millionen. Der Wohnungsbau trat in den Hintergrund. Mittlerweile gibt es Krieg zwischen den Baulöwen: Perring contra Adler. Der letzte Coup brachte einen Verkaufserlös von 195 Millionen und schaukelte den Wert der Immobilie auf 375 Millionen. Die Grunderwerbssteuer von 20 Millionen für das Land wurde perfide umgangen. "Share Deal" heißt das Konstrukt. Dabei wird das Grundstück selbst nicht verkauft, sondern nur die Firma, der das Grundstück gehört.

Der Multi Adler rudert jetzt zurück und bringt die Adler Tochter LEG ins Spiel. Das Grundstück soll zweigeteilt werden, mit dem ersten Teil, dem "Heyhe-Quartier", soll es losgehen.

Bleibt es bei "preisgedämpften" Wohnungen? 1700 insgesamt? Was ist mit Kitas? Werden die versprochenen Grünflächen umgesetzt? Behält man die drei Industriedenkmäler: Turm, Zentrale, Maschinenhaus?

Die Stadt wurde betrogen, sie sollte eingreifen!

Werfen wir einen Blick in die Geschichte: Napoleon förderte 1795 das Konservieren von Lebensmitteln durch Einkochen. Johann Carl Weck, ein Unternehmer aus Süddeutschland, kaufte 1895 das Patent zum Einmachen mit dem Gummiring und entwickelte das nach ihm benannte Weck Glas.

Aber produziert wurden die Weckgläser meistens in Gerresheim mit dem Gerrix-Logo: ein G mit einer Krone. Als Ferdinand Heyhe 1864 als 25jähriger das Gelände bereiste, sah er nur das Düsselflüsschen, das hier den Berg herunter plätscherte, den Pillebach mit einem Fußweg, der zu einer kleinen Stadt hinaufführte, einen Steinbruch mit feinem Sand, aber vor allem sah er die Eisenbahn, die hier seit 1845 den Berg raufkraxelte und in die Welt fuhr. Das war es!

Mit 12 Glasmachern gründete er direkt neben dem wackeligen Bahnhof an der Westseite des Fußweges eine Glashütte. Er hatte sich von seinem Vater, dem Glasmacher Caspar Hermann Heyhe aus Bremen, sein Erbteil von 30 000 Taler auszahlen lassen.

Die uralte Kunst, Glas herzustellen und Hohlformen zu blasen, beherrschten besonders Handwerker in den Waldgebieten Ostdeutschlands und des Baltikums. Wie die Nomaden zogen sie umher, nicht ihrer Herde folgend, sondern dem neuen Wald, wenn der alte wegen des großen Bedarfs an Feuerung abgebrannt war.

Es war schwierig, diese Wanderer an einem Ort festzuhalten. Einmal da, blieben sie unter sich. Ihr "Hötter Platt" stammte aus dem Osten und hatte nichts mit rheinischen Dialekten zu tun. Heyhe gab ihnen direkt neben der Fabrik Wohnung, Garten, Stall, Räucherkammer und Backhaus. Die alte Methode des Schmelzens in "Hafenöfen" zwang zu Fabriknähe bei durchgehender Arbeitszeit von Tag und Nacht. Ein "Wecker" ging von Haus zu Haus, um den eingeteilten Bläser und nicht die ganze Straße zu wecken. Dunkelkammern ohne Fenster dienten zum Schlafen. Diese "Altstadt" wurde 1979 für einen Parkplatz abgerissen, die gegenüberliegende "Neustadt" von 1879 blieb erhalten. Die Siedlungen lagen im Sumpf der Düssel, im Torfbruch Bereich. Wegen des hohen Grundwasserstands mussten alle Eingänge hoch gelegt werden.

1881 entwickelte Siemens die "Wannenschmelze". Damit war das Ausgangsmaterial, die honigfarbene Schmelze, immer verfügbar. Heyhe teilte jetzt in drei Schichten ein: 4-12, 12-20, 20-4 Uhr und erfand als erster in Deutschland den 8 Stundentag. Die Hauptmahlzeiten (12 und 20 Uhr) konnten so im Kreis der Familie stattfinden.

Die Hütte nahm einen rasanten Aufstieg. 1902 pusteten (zusammen mit anderen Heyhe Werken) 5000 "Püster" 150 Millionen Flaschen.

Die größte Flaschenfabrik der Welt

1888 wurde eine sensationelle Innovation vorgestellt: statt Laternen eine riesige Bogenlampe: der "Lange Hermann".

1890 entstand die Siedlung "Nachtigall", auf der anderen Seite der Bahn die „Alte Insel", der „Höherhof" und 1900 die "Meistersiedlung“.

Die größte Herausforderung brachte 1901 die von Michael Josef Owens erfundene voll automatische Flaschenblasmaschine. Der Sohn Hermann Heyhe handelte sofort, kaufte das Patent, gründete eine AG. So konnte er das Unternehmen stufenmäßig auf Automatik umstellen und die drohende Arbeitslosigkeit abwenden.

Zwischen den Kriegen: die Hochsaison mit den "Gerrix-Gläsern", aber zwei Kriege. Die Umstellungen von Kohle auf Öl und Gas und die Plastikflaschen blieb nicht ohne Folgen. Gastarbeiter ließen in den 60 bis 70igern "Little Italy" entstehen. Die Firma ist ab 1985 abwechselnd in verschiedenen Händen, darunter die West LB; dann wieder zurück zu Owens / Illinois; 2005 ist endgültig Schluss.

Ob Heyhe ein „Wohltäter“ war, kann mit heutigen Maßstäben nicht gemessen, sondern muss aus der damaligen Zeit verstanden werden. Denn Heyhe war ein Patriarch. Sein Wille war Befehl. Wer nicht gehorchte, musste gehen.

Er hat viel für die evangelische Gemeinde im katholischen Gerresheim getan. Die Bläser aus dem Osten waren oft Protestanten. Er fördert Schule und Kirche. Das Ferdinandheim für Alte wird von Ehefrau Pauline gegründet. Heyhe stiftet den "Volkspark" mit Heyhebad und Musikpavillon. Ein zweiter Bahnhof, der Rheinische, wird gekauft und bildet später für die Italiener ein Kino.

In der Nazizeit wird das rote kommunistische Gerresheim brutal verfolgt. Der Bunker mit der Endzeit 1945 ist heute ein Wohnhaus - mit Sonnendach und energie-autark für 7 Etagen.

Triumphiert der Spekulationsteufel in Gerresheim?

Noch besteht Hoffnung, denn schon einmal war der Teufel im frommen Gerresheim besiegt worden.

Er schließt mit Gerricus, dem Gründer des Stifts und der Stadt eine Wette ab: Wer am weitesten vom Kirchendach springt, ist der Sieger. Ihm soll die Kirche gehören.

Der pechgetränkte Pferdefuß bleibt hängen und der „Schwarze“ platscht nur 10 Meter weit zu Boden.
Gerricus aber springt bis zum "Pütt" am Waldesrand. Der ist noch immer da.

Der Teufel hat verloren. Ob die Geschichte auch heute so ausgeht?

Das wünschen wir uns alle. Aber allein durch Wunschdenken ist noch nie etwas Brauchbares heraus gekommen und vor allem nicht für die „Kleinen Leute“.


Autor: Dieter Jaeger  Redaktion: Bruno Reble  © Geschichtswerkstatt Düsseldorf 2022