Montag, 16. Oktober 2017

Aus Thyssen-Krupp wird TATA Steel "Tatü Tata!"


Immer wieder dieselben Bilder: Das Ruhrgebiet stirbt, die Industrie stirbt, die Riesen schwanken, wir sind am Ende einer Epoche. 200 Jahre Eisengeschichte, die unser Land groß machte. Das ist vorbei.
Düsseldorf ist stark mit der deutschen Eisenindustrie verbunden. Sie hat entscheidend den Wohlstand der Stadt mitbegründet. Ein kurzer Blick zurück:

Die erste Hütte

Die Krupps, holländische Protestanten, Weinhändler aus dem Moseltal, waren im 17. Jht. nach Essen gekommen und dort als Kaufleute wohlhabend geworden. 1805 schenkt die Witwe Helene Amalie ihrem Enkel Friedrich die Gute-Hoffnungs-Hütte, revidiert das Ganze schnell, weil Friedrich nicht mit Geld umgehen kann.
Es war neben "Antony" die erste Hütte im Ruhrgebiet, entstanden 1782 im Streit des Drei-Länder-Ecks (Preußen, Kur-Köln, Bistum Essen) um das Wasser des Elpbaches. Gefeuert wurde mit Holzkohle, das Eisen kam vom Rasenerz der Emscherwiesen, den Blasebalg betrieb der Bach.

Das erste Stahlwerk

Der entlassene Friedrich gründet immerhin 1811 die "Gußstahlfabrik Krupp" in Essen und damit den Mythos KRUPP. Gußstahl war, wie alles, in England erfunden und zwar 1740 vom Uhrmacher Huntsman (Tiegelofen). Krupp führt das Verfahren 70 Jahre später als erster in Deutschland ein.
Sohn Alfred, der berühmteste in der Kruppdynastie, baut 1852 die nahtlosen Eisenbahnreifen, die das Logo der Firma werden, er baut die größten Kanonen der Welt und die "Villa Hügel". Sohn Fritz hat beste Beziehungen zu Kaiser Wilhelm II. Schwiegersohn Gustav und dessen Sohn Alfried setzen die Kanonenschmiede fort. Einer landet im alliierten Gefängnis.
Erst Berthold Beitz setzt andere Akzente. Der "Wilde" Gerhard Cromme macht die erste "Feindliche Übernahme" 1992 (Hösch Dortmund), aber die Übernahme von Thyssen war 5 Jahre später ein zu harter Brocken. 1999 wird dann daraus eine freundliche Fusion "Thyssen Krupp"

Die Krupps halten sich bis 1999 aus Düsseldorf heraus

Bei Thyssen ist das anders. August Thyssen aus dem Kohleort Eschweiler/Eifel schluckt nach und nach alle Konkurrenten: die Piedboeufs, die Poensgen, zum Teil auch Mannesmann und Rheinmetall. Sohn Fritz wird schließlich Chef der VESTAG (Vereinigte Stahlwerke) mit Sitz in Düsseldorf.
Alle großen Namen der westdeutschen Eisenindustrie kommen aus drei Regionen: Siegerland, Eifel, Ruhrgebiet. Das Rheinische Schiefergebirge, in 300 Mill Jahren abgetragen bis auf den Rumpf, gibt das Eisen frei (Siegerland, Eifel/Schleiden). Absinkende Flachmeere lassen in Jahrmillionen die Steinkohle entstehen (Ruhrgebiet / Aachener Kessel / Eschweiler). Der PHÖNIX, eine belgisch deutsche Industriegruppe wird 1852 in Eschweiler gegründet. Hösch und Thyssen kommen aus Eschweiler. Beide orientieren sich später an Phönix (vertikale Struktur = alle Sparten in einer Hand).
Hösch geht nach Hörde Dortmund, Thyssen nach Mülheim, beides die besten Standorte: Ruhrmündung: Duisburg-Ruhrort, Oberhausen, Mülheim und Emskanal Dortmund. Der Phönix plant auch die einzige Hütte in Düsseldorf (Eintracht- / Kölnerstr.) an der Bergisch-Märkischen Eisenbahn.
Sitz für Thyssen: Düsseldorf, die Residenzstadt, die schon Mulvany begeistert hatte. Die Thyssenhäuser wurden zuerst noch als Phönix-Rheinrohr Häuser gebaut: Stummhaus von Bonatz 1925, Haus an der Roeberstr von Wach 1926 (später Arbeitsamt) und Dreischeibenhaus 1960 von Tamms: es wird das neue Wahrzeichen von Düsseldorf.
Die Piedboeufs aus der belgischen Eisenstadt Lüttich starten ebenfalls von Eschweiler aus, sie kannten Oberbilk von den Ziegelwallonen her, die schon im 18.Jht. die Ziegel für Düsseldorf gebrannt hatten.

Fressen oder gefressen werden

Albert Poensgen kommt aus der Eifeler Eisenstadt Schleiden. 1860 zieht er an die Bergisch-Märkischen Eisenbahn in Oberbilk (heute Suttnerplatz). Er schluckt Piedboeuf, wird aber selber von Rheinmetall und Mannesmann geschluckt, die langsam aus Düsseldorf Mitte nach Reisholz ziehen. Thyssen hat sie alle geschluckt, Sohn Fritz wird 1926 Chef der VESTAG, Europas größtem Montankonzern Sitz Düsseldorf.   Aus Phönix Rheinrohr wird das Thyssen Dreischeibenhaus.
1999 kommen die letzten Riesen zu ThyssenKrupp zusammen. 2000 erleben wir das Drama Vodafone / Mannesmann. 2010 zieht die Firma nach Essen, zurück zum Ursprung Krupp. Zwei sind also übrig geblieben: die gerissene Witwe Helene Amalia Krupp und der noch gerissenere August Thyssen.
Früher schlugen sich die Kontrahenten die Schädel ein, die Essener Fürst-Äbtissin schickte eine kleine Privatarmee gegen die preußische Gute-Hoffnungs-Hütte, die Preußen schlugen zurück.

Heute geht es gesitteter zu

Arbeitsplätze gehen verloren, die Städte Duisburg Bochum auch, der Sitz kommt aus Steuergründen nach Amsterdam.
Aber es geht gesittet zu und man kündigt es vorher an, damit wir uns darauf freuen können: Tatütata!

Autor: Dieter Jäger  |  Redaktion: Bruno Reble  |  © 2017 www.geschichtswerkstatt-duesseldorf.de

Keine Kommentare:

Kommentar posten