Donnerstag, 11. August 2011

"Das Dreischeibenhaus ist leer - Ende einer Epoche" von Dieter Jaeger


Thyssen-Krupp verlässt  Düsseldorf. Essen gewinnt.  Wie kam das Ruhrgebiet nach Düsseldorf? Ein Rückblick.

Die Familie Krupp war schon seit einer der ersten Hütten, der „Gute Hoffnungs Hütte“ dabei. Die Krupps, Weinhändler aus dem Moseltal, waren im 17.Jh nach Essen gekommen und dort als Kaufleute wohlhabend geworden.

Witwe Helene Amalie Krupp schenkt 1805 ihrem Enkel Friedrich Krupp die Hütte, revidiert das Ganze aber, als sie sieht, dass Friedrich nicht mit Geld umgehen konnte. So gibt sie die Hütte ihrem Bergwerkschef Gottlob Jacobi, der sich wiederum mit seiner Verwandtschaft Franz Haniel und dessen Verwandten Heinrich Huyssen zusammentut. Alle waren ursprünglich holländische Protestanten, wie Ur Krupp selbst auch.

Die erste Hütte war ein Possenspiel gewesen.

Im Flickenteppich deutscher Fürstentümer, (hier in Sterkrade waren es das Dreiländereck: Preussen, Köln und Essen) entstanden im Streit um das Wasser des Elpbaches drei Hütten dicht nebeneinander: Antony 1758, Gute Hoffnung 1781 und Neu- Essen 1782. Gefeuert wurde noch mit Holzkohle, das Eisen kam vom Rasenerz der Emscherwiesen und den Blasebalg betrieb der Bach. Der Streit geriet zum kleinen Krieg. Die Fürstäbtissin von Essen nahm mit einer  Hausarmee den Hüttenchef Pfandhöfer von Antony gefangen, Preussen schlug zurück und verhaftete den Hüttenchef Jacobi. Das Possenspiel gewinnt die alte Dame Krupp. Sie kauft schließlich alle drei Hütten.

Friedrich Krupp war doch nicht so ohne. 1811 gründet er die Gussstahlfabrik in Essen und damit den Anfang vom Mythos Krupp. Sein Sohn Alfred erfindet 1852 die nahtlosen Eisenbahnreifen (Krupplogo: drei Ringe), dann die größten Kanonen der Welt und die Villa Hügel. Der Rest ist bekannt

Krupp hat sich ziemlich lange aus Düsseldorf herausgehalten.

August Thyssen Kaufmannsohn aus Eschweiler, hat fast alle großen Namen geschluckt, bis auf Krupp eben. Thyssen ist 20 Jahre jünger als Alfred Krupp. Er wird als erster die vertikale Struktur seiner Fabriken einrichten (alles in einer Hand: vom Bergwerk bis zur Eisenverarbeitung) er wird als erster zu großen Zusammenschlüssen drängen. Thyssen fing in Mülheim an, bei den Ursprüngen an der Ruhr also.

Franz Haniel und Mathias Stinnes sind Kohleschiffer auf der Ruhr (Mülheim), Franz Dinnendahl nebenan aus Essen liefert die ersten Dampfmaschinen, Friedrich Harkort sitzt auf Burg Wetter ebenfalls an der Ruhr

Eifel und Siegerland, zwei alte Bergbaugebiete, sind Geburtshelfer des Ruhrgebiets

Die Eifel liefert die Eisenschmiede der Poensgen in Gemünd und die Kohlemulde Eschweiler Aachen

Poensgen geht 1860 nach Ddorf, er schluckt zwar die Belgier Piedboeuf, Gobiet u.a., geht dann aber in der Phönix und in Thyssen auf

Aus Eschweiler kommen: die „Rote Erde“ von Piedboeuf,  Phönix, Hoesch und Thyssen. Sie sind am nächsten bei den Belgiern aus Lüttich und  Brüssel, die die ersten gelehrigen Schüler der Engländer waren.

Das Siegerland bringt Pfandhöfer und Jacobi: die ersten Hüttenchefs 

Die Phönix war eine belgische Gesellschaft aus Eschweiler, sie hatte die“Rote Erde“ mitgeschaffen, zieht nach Kupferdreh, dann Hörde Dortmund, schluckt bald die Poensgen. Thyssen wird Chef der Phönix.

Hoesch aus Eschweiler macht Dortmund Hörde groß, geht dann in Thyssen und Krupp auf.

Thomas Mulvany aus Irland erfindet Düsseldorf als den „Schreibtisch des Ruhrgebiets“. Trotz vieler eigener  Produktionen im Pott selbst (Gelsenkirchen, Dortmund) residiert er von Anfang an(1852) in Ddorf.

Friedrich Harkort, Maschinenbauer und Eisenbahnpionier auf Burg Wetter an der Ruhr, hatte sich den Engländer Edward Thomas aus Pempelfort geholt. Thomas arbeitete auf dem alten Jacobigut. (seit 1820). Durch Harkort erfährt Mulvany von Düsseldorf- Pempelfort.

Ddorf war die saubere Kunst- Residenzstadt mit großen Sälen (Tonhalle). Mulvany holt fast alle Verbände nach Ddorf.

Thyssen folgt dem Beispiel Mulvanys. Er legt seine Verwaltung nach Ddorf . 1926 entsteht die „Vestag“(Vereinigte Stahlwerke), zuerst auf der Roeberstr (heute Staatsanwaltschaft), dann auf der Kasernenstrasse. Schließlich das Dreischeibenhaus 1960.

Immer noch saß der große Mannesmann in Düsseldorf, weil Düsseldorf durch den ersten Röhrenexperten Poensgen zur europäischen Röhrenhauptstadt geworden war.

1970 teilen Mannesmann und Thyssen den Kuchen auf. Es gab nur noch drei Riesen: Thyssen, Mannesmann und Krupp. Das Mannesmann Desaster mit Vodafone ist jüngste Geschichte. 1997 versucht Krupp eine feindliche Übernahme von Thyssen, dann gehen beide zusammen.

Heute sieht alles danach aus, als ob die alte Dame Helene Amalie Krupp wieder einmal und letztlich die Oberhand behält.

Zum Weiterlesen:

Henning F. Düsseldorf und seine Wirtschaft 2 Bde, Düsseldorf 1981

Mittwoch, 3. August 2011

"Toulouser Allee - Klein Paris hat endlich sein französisches Viertel" von Dieter Jaeger

Jetzt kann man sie (noch etwas holprig) entlang fahren, die Hauptstraße des quartiers central, vom Wehrhahn bis zur Münsterbrücke

Hat lange gedauert, bis „Klein Paris“ eine französische Ecke bekommt Außer ein paar Schlachtfeldern im Militärviertel Derendorf und der Pariser Straße in Heerdt( angeblich fuhr hier die gestohlene Quadriga von Paris nach Hause) gab es nichts. Den Boulevard Napoleon (Heine Allee) gewiss, aber das ist lange her. Dabei waren wir fast eine französische Stadt (mit der Unterbrechung 1801-1805) von 1795 bis 1813, schließlich Hauptstadt sogar eines eher französischen als deutschen Staates „Grand Duche de Berg“.

Ab 2000 sprach man von einem Trödelmarkt im Güterbahnhof Derendorf (eine große Glashalle) als „Les Halles“, was im Düsseldorfer Slang liebevoll zu „Läsalles“ verwandelt wurde. Seit dieser Zeit wollte man hier etwas Französisches haben. Wenig später kam der Begriff „quartier central“ auf  für die neue „Dreibrückenstadt“ auf dem Terrain des ehemaligen Güterbahnhofs. Jetzt ist dort allerhand „Fronkreich“ vertreten: Ravelstr, Chagallstr, Pasteurstr, Toulousestr: seit 2003 gibt es Kooperationsabkommen mit Toulouse.  Stadtviertel heißen Ile, Flair, Quartis Les Halles, wobei neue Fronkreich Schöpfungen entstehen, die in keinem Wörterbuch zu finden sind: quartis z.B. oder flair, was eigentlich nur Hundeschnauze und deren Witterung meint

1845 fuhr durch die versumpfte Fläche zwischen Pempelfort und Düsselthal die Eisenbahn,
noch früher nahm man die Kutsche über Mönchweg(heutige Herder-Wieland) oder Düsselthaler Weg (heutige Rethel), auf einem Horrortrip zu den Trappisten im Kloster Düsselthal. Kein Tourist ließ sich das entgehen.

In ihren braunen Kutten wurden sie ohne Sarg in die feuchtkalte Erde gelegt, kein Kreuz rief ihren Namen, keine Blume durfte blühen, wo ihre Leiber vergingen. „Auf seinem Gesicht war die Leere des Gedächtnisses, die Armut des Ideenvorraths unverkennbar.“,  “Diese finstersten aller Klostermauern“, „Ein Strohsack, ein Totenkopf, ein Grabscheit, eine Hacke“,  so die Reisebeschreibungen berühmter Geister wie Georg Forster, der Weltumsegler(1791), Karl August Varnhagen von Ense, der Schriftsteller(1794), oder Aloys Wilhelm Schreiber, der Literaturprofessor und Vorgänger des Karl Baedeker (1795).

1845 wurde endlich die seit den 30iger Jahren umkämpfte Idee einer Bahnverbindung Rhein- Weser mit der „Cölln Mindener Gesellschaft“ begonnen. Als die beiden Bögen des Kopfbahnhofs vom Graf Adolf Platz 1863 verbunden werden(am Wehrhahn mündete die Verbindungsbahn) wurde es hier intensiv. Als die „Rheinische Bahn“( seit 1841 linksrheinisch tätig) ihren Wehrhahnbhf 1876 an die Rethelstr setzt, ist hier der Teufel los. Sie ging übrigens gleich hinter der Buschermühle wieder zurück zur Strecke am Bergfuß(heute die kerzengerade Franziskusstraße).

1876 wird die erste Brücke gebaut (Wehrhahn), der Düsselthaler Weg geht noch mit Schlagbaum über die Gleise, hier wird dann 1889 die Franklinbrücke und der neue Bahnhof Derendorf entstehen.

Seit 1885 Verstaatlichung der drei Bahnen (Bergisch Märkische, Cölln Mindener , Rheinische) und Umbau der Stadt mit HBf und den beiden Bahnhöfen  Süd(Bilk) und Nord(Derendorf) mit gewaltigem Rangierbahnhof.

Die Toulouser Allee oder „Entlastungsstraße“ (die Gegner schimpfen „Stadtautobahn“) liegt umrahmt von 8m hohen Schallwänden. Statt der alten „Ablaufberge“ der Güterzüge jetzt sanft ansteigende grüne Hänge.

Statt der „Galgengasse“ zum Schillerplatz jetzt „Bar Olio“ und „Cafe Halles“

Aber die Nutten von der Rethelstraße sind geblieben, wie die Urnutten von der Straße Saint Denis neben Les Halles in Paris.

Dienstag, 26. Juli 2011

" Skandal in der Andreasstrasse- nun ist alles wieder gut" - von Dieter Jaeger

Die Kurze Strasse war schon immer kurz und arm. Die Kötter (Kätner), die nur eine Kate hatten, wohnten hier. Aus Kötter wird „Kurze“. Bis vor kurzem gingen die Düsseldorfer ungern hierhin. Es roch zu sehr nach Döner und Mini Pizza, nach Touris, nach Provinz eben. Das änderte sich schlagartig seit ca. drei Jahren. Jetzt ist es die „Megameile“ des Szenevolks. Die hot spots sind hier, wo die events abgehen. Die beautiful people tanzen im „Baby Love“ (jetzt Lülü), „Quhstall“ oder „Anaconda“.

Vor kurzem wollte man den Boom ausweiten auf die ruhige Andreasstrasse. Die vornehmen Tanten wohnen hier (Tante Anna, Tante Laura, Benders Marie) und der ruhigste Vertreter von allen: der Leichenbestatter Salm. Gegenüber sitzt die Kirche: es ist die ruhigste und frömmste Strasse der Altstadt.

Skandal! Ausgerechnet die Wildesten der Wilden: die US-Firma „Coyote Ugly“ zog in die frömmste Straße, in den leeren Csikos ein. Man munkelte von spärlich bekleideten Westerngirls, die auf dem Tresen tanzen.

Auf den lauten Protest hin hatte der Betreiber den Traditionsnamen Csikos beibehalten. Es hieß nun „Csikos Ugly“, aber im Hintergrund, aufgemalt an der Wand, heulte schon ein Coyote.

Es half alles nichts. Die Sittenwächter hatten jede Nacht Spione ausgesandt, um die erste nackte Frau zu sichten. Der Amerikaner warf das Handtuch.

Eine Zeit lang konnte man dort sittlich einwandfrei indisch essen. Jetzt ist wieder Friede eingekehrt. Der Csikos ist zurück.

Dienstag, 12. Juli 2011

"Fischmarkt am Altstadtufer, die Maifische kehren zurück" - von Dieter Jaeger

Nicht nur der Fischmarkt ist zurückgekehrt, auch die Maifische kommen wieder.

Die Backfische sind back, die Lolitas der Fische, die man, weil zu jung, über Back zurückwarf oder in die Hammer Kappesfelder eindüngte. Zu jung, aber zart zum Backen (wie andere Wortforscher meinen): ein Leckerbissen zum Bierchen in Düsseldorf seit über 100 Jahren. Die Heringsart, die im Mai zum Laichen den Rhein hinauf schwamm, wurde hier in großen Mengen gefangen. Dabei gab es viel Beifang: junges Gemüse: die Backfische. Maifischmärkte und Backfischessen waren die große Sause im Düsseldorf des ausgehenden 19. Jh.

Das Wegbaggern der Sandbänke, die modernen Schaufelraddampfer, der durch Industrie verseuchte Fluss ließen die Maifische aussterben. Jetzt kehren sie zurück: ein EU Projekt für die nächsten 4 Jahre, gesponsert mit 500 000 EUR. Der Düsseldorfer Biologe Peter Beek vom Aquazoo betreut das Projekt

Das Fischerdorf an der Düssel kehrt zu den Anfängen zurück. Die Fischereirechte, anfangs in Händen der Obrigkeit, wurden später auch an die Bürgerschaft verkauft. Oft waren sie mit großen Höfen verbunden (Aderhof in Hamm z.B.) Die Hammer machten sich bald einen Namen als Raubfischer, weil sie auch ins kurkölnische linke Ufer vordrangen. Sie behaupteten einfach, der Rhein gehöre bis drei Schritt vom Ufer zu Düsseldorf. An den alten Häusern in Hamm sieht man heute noch oft den Fisch als Hauszeichen. Auch die berühmteste Fischerdynastie Maassen fischte im Hammer Bereich.

Der Lachs (holländisch Salm) war der Brotfisch der Fischer, später wurde es der robustere Aal. Salmwippe und Aalschocker, die Fangschiffe, gehörten zum Düsseldorfer Stadtbild.

Vor dem Zolltor gab es zwei Fischhallen. Im 19. Jh übernimmt der Maifischmarkt dann den „Rheinort“, die „Rheinstraße“ und die „Bergerstraße“. Die Häuser hießen z.B „Drei Häringe“, „Zum goldenen Salm“ oder „Zum Stockfisch“.

Der bekannteste Maifischer war Karl Maassen. Sein Haus Bergerstr 3(1899 erbaut)war und ist das schönste Fischhaus der Stadt. Die Dynastie Maassen währte 200 Jahre. Um 1900 beschäftigte er 30 Fischer und 40 Leute im Handel und Verkauf. Hier bekam man russischen Kaviar und englische Austern. Zur Kochkunstausstellung 1896 in der Tonhalle(heute Karstadt) bugsierte Maassen riesige Wasserbottiche mit lebenden Salmen. Es gab Goldmedaillen weltweit.

Karl, der sechste Maasen, muss wohl zu viel französisches „savoir vivre“ von seinem Ururgroßvater geerbt haben. Jener erste Maassen kam 1820 mit einer hübschen Jaqueline aus Paris nach Düsseldorf und verprasste sein Vermögen. Der letzte Maassen musste alles verkaufen. Sogar seinen Namen am Stammhaus hat man getilgt. Schade, denn für uns bleibt es immer das „Fischhaus Maassen“.
 

Zum Weiterlesen:
Führungshefte des Schiffahrtsmuseums, Alltagsleben am Rhein, Düsseldorf o. Jahr

Dienstag, 5. Juli 2011

Soiree in der Geschichtswerkstatt 14. Juli 2011

Jazz in Düsseldorf hat Tradition! Nicht erst seitdem die Jazzrallye jährlich viele Besucher anzieht, sondern es begeisterten hier Jazzlegenden hier mit ihren Konzerten.
So wird Tobias Wuttke am 14. Juli über "berühmte internationale Jazzmusiker und ihre Konzerte in Düsseldorf" referieren. Im Mittelpunkt seines Vortrages stehen u.a. Lionel Hamptons Auftritt im Apollo, Chet Baker in der Uni-Mensa oder George Lewis' Konzert im Robert Schumann Saal. Sein Vortrag wird er mit Musikbeispieln untermalen.
Der Eintritt ist wie immer kostenlos, eine kleien Spende für den Referenten aber erwünscht.

Wir freuen uns auf ihren Besuch,
Ihre Geschichtswerkstatt Düsseldorf

Montag, 4. Juli 2011

!Whisky oder Killepitsch die neue Plockbrücke über die Völklingerstr." - von Dieter Jaeger

Schnitzler, der  Uerige Baas, will eine Whiskyfabrik im Medienhafen quasi dem Killepitsch gegenüber. Er braucht Platz an der Holzstraße und will im Tausch sein Grundstück abgeben, das der neuen Plockbrücke noch fehlt.

Das Nadelöhr Plockstraße, d.h. der Zugang zum Hafen durch heiliges Hamm Land, war von Anfang an eins der Hauptprobleme des Hafens gewesen. Karl Plock, der erste Mann des Hafens (er war der Architekt), bekam als letzter seine Straße, aber die Probleme waren nicht gelöst.

Im eleganten Bogen werden nun (2011) Plock- und Völklingerstrasse verbunden.

Die Völklingerstrasse hat eine interessante Geschichte Es gibt sie erst seit Gründung des Südfriedhofs 1904, dann mit breiter Platanenallee 1927 seit der Anbindung an die Südbrücke.

Jan Wellem hatte seine „Neustadt“ bis zum heutigen Stadttor(Hafen) geplant. Der gekrümmte „Lahnweg“ mit den einfachen Reihenhäusern gibt bis heute genau die südlichste Bastionsspitze wieder. An der Hauptstrasse, der Neusserstasse, lag seit 1709 die erste Synagoge. Daraus wird 1773 das Hubertusstift,  1800 das erste Krankenhaus (all dies: Neusserstr 25, heute noch zu sehen). Gegenüber plante Jan Wellem sein neues Schloss, es reichte nur für die große Cavalleriekaserne der Husaren von 1820 (heute Polizeipräsidium).

Wo der Knick in der Neusserstr ist (Tellstr), verließ man Jan Wellems Neustadt, entweder links zur Loretokapelle (heute Bilker Dom) oder rechts über die „Dorfstrasse“ nach Hamm („Brückenstr“ seit der Hammer Eisenbahnbrücke 1870). Auf dem Weg nach Hamm baute JW die Schneidemühle (wo heute die Killepitschfabrik steht), ein Sägewerk, später einsame Verbrecherbude und  Viehstall der Jesuiten, die für die Loretokapelle verantwortlich waren. Sie saßen im Jesuitenhof (heute Kneipe „Frida“ gegenüber Bilker Dom). Sie besaßen den großen Mühlenweiher der Düssel mit Forellenzucht (heute Weiherstrasse). Ihnen gehörte auch die jetzt noch bestehende Jan Wellem Kapelle an der Fährstraße( 1668 zum Gedenken an JW Geburt gestiftet). Von hier aus ging man in 7 „Fußfällen“ zur Lambertuskirche (3km: genau die Strecke, die Jesus vom Herodespalast bis Golgatha ging). Zwei der sieben Stationen gibt es heute noch am Kapellweg(neben dem Hochsicherheitsknast). Der Kapellweg verlief bis zur Brückenstr, dann Neusserstr- Berger Allee-Altstdt.

Auf dem Weg nach Hamm kam beim heutigen UCI Kino eine kleine Insel ( Carl Theodorinsel),  dahinter die große Lauswardinsel. Erst hinter dem Inselgewirr konnten die Treidelschiffer vom linken Heerdtufer auf die rechtsrheinische Hammseite rüber.  Die beiden Inseln werden 1836 verkauft.  Freiherr von Diergard aus Haus Roland (Grafenberg) eröffnet 1860 auf der Lausward in englischer Mode eine Pferderennbahn.

Zurück zur Neusserstr: Die Rückseite: Hubertusgasse, heute Moselstr, grenzte direkt an den Rhein. Der Hafen von 1896 ist also mit den ersten drei Becken(Fernsehturm im ersten Becken) direkt in den Rhein hinein gebaut worden, der hier enorm breit war. Buhnen und Wellenbrecher in der gefährlichen Kurve besänftigten die rasante Strömung. An der Ecke Hubertusstr(später Gewerkschaftshaus) gab es eine sittsame „Zellenbadeanstalt“, in der Damen, zugeknöpft bis oben, unbeobachtet, ihre nackten Füße baden konnten. Zwischen Moselstr. und Brückenstr. lag „die wahre Höhle des Jammers“: die Irrenanstalt von 1826, die vom Hubertusstift Neusserstr. 25 hierhin verlegt wurde. Daraus wird sehr viel später das Studiengebäude der VHS und heute das Stadttor.

Die Eisenbahn von 1870 zur Hammer Brücke verlief auf der Haroldstr. bis zum Rhein, dann ein Knick und kerzengerade auf die Brücke zu. Sie schafft neben der alten „Brückenstr“ eine neue „Uferstrasse“, heute Stromstr.  Die „Kampfsche Windmühle“ lag Ecke Fürstenwall/ Neusserstr. Aus ihr entstehen mehrere Dampfmühlen und  eine Reihe von Industrien, am größten die Kammgarnspinnerei Bockmöhl in der Lippestr. hinter der heutigen „Curry“ Kneipe, mit 120 weiblichen Beschäftigten. Um sie wurde in der „Sööße Eck“, Ritterstr, heiß gekämpft.

Die „VÖLKLINGER“ Straße startete zunächst als Hafenzufahrt (Völklingen: berühmter Erzbinnenhafen), dann wird sie 1904 Friedhofstr  und schließlich  1927 als enorm verbreiterte Platanenallee südlicher „Zubringer“ zur Autobahn. Mehrer Straßen verschwanden: Emscherstr. (heute teilweise: Siegstr.), Holterweg am Kohlweg(zwei Höfe stehen noch quer in der Flur), am Haselbusch: jetzt Hochsicherheitstrakt (ein verlassenes Geisterhaus steht noch).

Die Völklingerstr.(Nord) entstand auf der Trasse des „Bilker Damms“, eines damals berühmten Deiches

.Alle Rheinschutzdeiche liegen im Süden, denn von hier kam die Gefahr. Der Stoffeler Damm schloss nahtlos an den Aderdeich an (beide sind noch da). Die Doppelstraße Volmerswerther- und Fleherstr. zog sich auf einer Hügelkette hin (Tetelberg, Schwarze Berge, Gantenberg), bot also  einen natürlichen Schutz. Das ungeschützte  gefährdete Gebiet lag zwischen jetzigem Mr Wash und Stadttor. Also schuf man hier 1850 den Bilker Damm.

Die heutige Völklingerstr (Nord) ist der alte Bilker Damm

Als der Rheinufertunnel gebaut wurde, floß der Verkehr der B1, also der Rheinuferstr,  auf Stelzen am Landtag vorbei zur Völklingerstr. Wir gingen zur Lieblingskneipe „Nana“ (heute „Curry“, Stromstr) unter den Stelzen über wüstes Land, Unkrautwiesen, hässlicher  nur noch durch  das Mannesmann Parkhaus an der Moselstr. Die Sprengung der Stelzenstrasse 1986 war eine kleine Sensation.

Als alles zu Ende war, als der alte Hafen starb, wurde noch einmal richtig auf die Pauke gehaun.

Im verlotterten Ziegelbau des alten Zollhofs gab es sexy Modeschauen, im Aquarium von Maassen zitterten die Fische. Am schönsten war es in der Ruine der Kammgarnspinnerei in der Lippestrasse. Ein französischer Zirkus „Die sieben Sinne „ lud ein.  Wir schlürften Sekt aus wunderschönen Bauchnabeln, wir lauschten Posaunen und Trompeten, wir gingen ins Dunkel und wieder ins Licht, und wir tauchten blind unsere Hände in dunkle Fensterhöhlen, erschauernd, weil wir nicht wussten, waren es kalte Frösche oder weibliche Brustspitzen, die wir berührten. Spätrömische Dekadenz.
 

Zum Weiterlesen:
Stadtwerke Düsseldorf, Düsseldorf und seine Häfen, Verlag Müller 1996

Dienstag, 28. Juni 2011

"Der Köbogen" - von Dieter Jaeger


Der „Köbogen“ war die vornehmste Adresse Düsseldorfs.

In diesen Tagen wird der Grundstein gelegt für die Libeskind-Bauten am Köbogen

Ein Blick zurück:

Im 19. Jh. kristallisierten sich allmählich gute und schlechte Wohnviertel heraus

Als vornehm galt es, in der relativ jungen Karlstadt zu wohnen (besonders Kasernenstraße zwischen Benrather- und Bastionstraße), dann in der neuen Friedrichstadt (Elisabeth - Friedrichstrasse), noch vornehmer um den Jägerhof herum, wo die preußischen Hoheiten Prinz Friedrich, dann Fürst Carl Anton von Hohenzollern residierten (sie waren eine Art neuer Jan Wellem). Die meisten Maler wohnten hier. Aber am vornehmsten galt, wer in der Hofgartenstraße wohnte: also in der Straße, die 1945 völlig verschwand und die demnächst „Köbogen“ heißen wird.

 Die Straße ging von der Königsallee bis zum Hofgärtnerhaus (heute Theatermuseum). Sie hatte zur Hofseite hin Gartenanlagen mit der Freimaurerloge im Hintergrund und der ersten Düsseldorfer Wellnesanlage, dem „Friedrichsbad“, weiter nördlich begann die „Pempelforter Promenade“, d. h. der „Alte Hofgarten“ von 1769 mit dem „Runden Weiher“(Jröne Jong).

Zur Vorderseite gab es  den „Neuen Hofgarten“ von 1804 mit dem Mühlenweiher „Landskrone“.

Die Straße war also von zwei Parkanlagen und zwei Seen umrahmt. Schöner ging  es nicht.

In dieser Straße wohnten: der Hofmarschall des Prinzen Friedrich: Carl von Pritzelwitz, der sein Haus an den Bankier Christian Gottfried Trinkaus verkaufte, der Malerfürst Wilhelm von Schadow, der hier auch starb, der Fabrikant Franz Haniel, der mit seinem genialen Ingenieur Heinrich Lueg ganz Oberkassel aus dem Boden stampfte, Friedrich Wilhelm Brewer, der Bergwerkbesitzer, der auch das Gut der Jacobis gekauft hatte und damit die Lotterie der darob empörten Maler auslöste, die mit dem Lotteriegewinn den Jacobibesitz zurückkauften und so den Malkasten schufen.
 
Verfolgen wir noch einige Biographien genauer:

Trinkaus war als Sohn eines Haushofmeisters Ende des 18.Jh durch Heirat an das Erbe der damals wichtigsten Kaufleute Jaeger/ Pfeifer gekommen. Er schuf damit die erste wichtige Düsseldorfer Bank. Er war Vizepräsident der Handelskammer, die die Dampfschiffahrt und die erste Eisenbahn  ermöglichte. Als Besitzer von Schloss Elbroich gründete die Familie mit den eingeheirateten Heyes später im angrenzenden Gelände die „Industriegesellschaft Reisholz“ IDR und damit den größten Düsseldorfer Industriekomplex.

Der Kohlenhändler Haniel aus Ruhrort und sein Ingenieur Lueg haben nicht nur das Ruhrgebiet mit den ersten Tiefschächten revolutioniert. Die Haniel-Lueg Dynastie hat auch Düsseldorf entscheidend geprägt. Ihre  Lokomotivfabrik Hohenzollern entwickelte den Standort Grafenberg bis in unsere Tage. Die erste Brücke (Oberkasseler Brücke) geht auf sie zurück und damit der ganze Stadtteil Oberkassel. Sie haben die beiden großen Ausstellungen von 1880 und 1902 organisiert und damit die Stadtteile Zoo und Golzheim geschaffen.

Alle diese Leute wohnten in der Hofgartenstrasse.

Sie wird nur noch ein Fußweg im Hofgarten sein. Schade, die alte Hofgartenstrasse ist für immer dahin.
 

Zum Weiterlesen.
Else Rümmler, Erinnerungen von Düsseldorf und der Umgebung (Album von Caspar Scheuren), Berlin 1975.